Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (3. Kapitel – Teil 4)

Ich kam an mehreren kleinen Läden vorbei, auch sie verschlossen und die Fenstergitter herabgezogen: Ein Zeitschriftenladen, eine Bäckerei, Kurzwaren, ein Lebensmittelgeschäft. Noch immer konnte ich nicht herausfinden, wo ich war. In dem Kiosk waren nur internationale Zeitungen und Zeitschriften in der Auslage, alles Ausgaben vom letzten Sommer. Die Straßennamen und die Namen an den Türschildern, die Plakate, die an den Hausecken klebten – sie waren in einer seltsamen, vokalreichen Sprache verfasst, die ich zwar lesen, aber unmöglich verstehen konnte, einer Sprache, die mir keine Anklänge an etwas Bekanntes bot. Vielleicht war das Kroatien oder – weiß der Teufel – Albanien oder ein Touristenort in Nordwestafrika, vielleicht der Libanon. Dagegen sprach allerdings, dass es hier nur Kirchen und keine Moscheen gab. Wie ich es auch drehte und wendete, von welcher Seite ich auch versuchte, das Rätsel meines Aufenthaltsortes zu lösen, ich kam einfach nicht weiter. Selbstverständlich versuchte ich bei meinem Rundgang einige Türen, klingelte oder klopfte, aber ich hatte nie Erfolg. Keine der Türen ließ sich öffnen. Da entschied ich mich zu einer drastischeren Maßnahme. Vor einem abgeschlossenen Obst- und Gemüsestand, dessen Auslagen hinter den Schaufensterscheiben meinen Appetit erregten, nahm ich einen losen Pflasterstein in die Hand, wog ihn kurz, mich verstohlen umsehend und schleuderte ihn gegen die Glasfront. Der schwere Stein pfiff durch die Luft und schlug mit lautem Klirren gegen das Glas. Doch das war alles, was passierte. Die Scheibe ging nicht zu Bruch. Es war nicht einmal ein Sprung zu sehen.

Gleichzeitig hörte ich aber ein Geräusch. Es war wie das Aufstöhnen eines Menschen und es schien von allen Seiten zu kommen. Es erschreckte mich, aber jetzt musste ich beenden, was ich begonnen hatte. Ich weiß, ich hätte es dabei belassen sollen, aber du kennst mich, ich muss den Dingen auf den Grund gehen. Ich bin da wie Faust – ich will alles wissen. Wenn ich in einer fremden Wohnung bin, würde ich am liebsten jede Schranktür und jede Schublade öffnen. Nun hatte ich mir eben vorgenommen, diese verdammte Scheibe einzuschlagen. Egal, wie die Folgen waren, ich wollte hier meine Marke hinterlassen; auch wenn es durch einen Akt von sinnlosem Vandalismus geschah. Ich klaubte also meinen Pflasterstein wieder auf und legte in meinen zweiten Wurf alle Kraft, die mir zur Verfügung stand. Ich spürte durch die Anspannung ein heftiges Reißen in meiner Schulter, aber diesmal gelang es mir unter einem panischen Schmerzensschrei der ganzen Umgebung, die Schaufensterscheibe einzuwerfen. Es war, als würden die Steine der Häuser, die Straße, selbst der Himmel und die Luft, entsetzliche Qualen leiden.

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Und nun wird es wirklich verrückt: Die Scheibe platzte, lange Sprünge krakelten ein kubistisches Muster ins Glas und dort, wo der Stein, der übrigens wieder von der Scheibe abprallte, getroffen hatte, war ein etwa handtellergroßes Loch. Und dahinter war:

Nichts!

Ich konnte durch die splitternde Scheibe weiterhin die Auslage des Geschäfts sehen, aber dort, wo ich endlich ein Loch ins Glas geschleudert hatte, dort sah ich einfach ‚Nichts‘. Der Blick ins Innere endete an den scharfen Bruchkanten, als wäre das Fenster nur ein Bild, in das ich ein Loch geschnitten hatte. Fassungslos ignorierte ich das zahnschmerzerzeugende Kreischen meiner gequälten Umgebung, ein hohes Gellen, das eher noch anschwoll als nachzulassen. Ich trat näher und spähte durch den Bruch hinein in das ‚Nichts‘, um mich zu überzeugen, dass ich nicht einer optischen Täuschung aufsaß. Es ist schwierig, dir das zu erzählen, Jonas, das ist das Schwierigste überhaupt. Dieses gezackte Loch, das war nicht schwarz oder so, da war buchstäblich ‚Nichts‘. Das hatte keine Farbe, besaß keine Stofflichkeit, es war eher wie ein blinder Fleck auf meiner Iris; eine Obszönität, ein Irrtum im Weltgefüge. Weißt du, wo ‚Alles‘ ist, kann nicht plötzlich ‚Nichts‘ sein. Man sagt so leicht: ‚Ich habe nichts gesehen’, aber das ist eine Lüge, du siehst immer etwas, selbst wenn du deine Augen schließt. Ich glaube, sogar ein Blindgeborener sieht ‚Etwas’, auch wenn ich dir nicht sagen kann, was das ist. Ich jedoch sah wirklich ‚Nichts’.

Nein, ich kann das nicht erklären.

Schaudernd wandte ich mich ab von dem Riss in dieser Welt, die sich nun endgültig als Scharade offenbarte, als ein Lügengewebe, das alles um mich herum zum Schreien brachte. Ich wandte mich ab und rannte die Gasse hinab, so weit wie möglich wollte ich fliehen vor dieser klaffenden Wunde, die ich unbeabsichtigt geschlagen hatte. Die Schmerzensschreie waren wie Furien, die mich mit ihrem Hass verfolgten.

Ich gelangte auf einen großen Platz vor dem Dom der Stadt. Die Häuser traten zurück, bildeten ein Rund wie eine etwas in ihrem Zentrum begaffende Menschenmenge. Ausgerechnet ein Renaissancebrunnen stand vor der spätgotischen, den Himmel emporstrebenden Schaufassade, beide aus weißem, reinen Marmor. Alles strahlte und es war nach den dunklen Sträßchen der Altstadt unglaublich hell und heiß. Und jetzt hörten sich die Schreie wie ein Gesang an, ein flehendes Gebet zu dem Einen. Der Brunnen stellte übrigens Herkules und die Hydra dar, aus den bereits geköpften Hälsen sprühten hohe Wasserfontänen, in denen ein Regenbogen flimmerte. Das alles war unglaublich schön und erhaben.

Und ich war nicht mehr allein: Am niedrigen Rand des in den Boden des Platzes eingelassenen Bassins, in dem sich das Wasser aus den Wunden der Hydra sammelte, lag eine eindeutig menschliche Gestalt und wälzte sich in Agonie. Das plötzliche Auftauchen eines anderen, eines weiteren Bewohners dieser Welt, erzeugte in mir gemischte Gefühle: zum einen die Erleichterung, endlich nicht mehr allein zu sein, zum anderen auch ein wenig Enttäuschung, denn diese sich in Schmerzen am Boden windende Gestalt machte mir deutlich, dass dieser endlose Sommertag nicht, wie ich anfänglich in meiner Selbstüberschätzung geglaubt hatte, nur allein wegen mir existierte, eine Schöpfung war, die nur um meiner Selbst willen da war und vielleicht sogar von mir selbst, ohne dass ich mir dessen bewusst war, geschaffen wurde. Eine Weile stand ich zwiespältig und starrte auf den Mann zu meinen Füßen. Es war ein Mann mittleren Alters, nicht gerade dünn, vollbärtig, etwas verwahrlost.

Er trug der gestauten Hitze angemessen eine knielange Frotteehose mit schreiend blauem und rotem Hawaiimuster, dazu, soweit ich das im Brunnenwasser, in dem sein Unterkörper konvulsivisch zuckte, erkennen konnte, beige, lange Socken und feste, derbe Sandalen. Ein weites, helles Leinenhemd und eine Baseballkappe ergänzten den äußeren Eindruck von einem Touristen, der die Sehenswürdigkeiten dieser hübschen alten Stadt besichtigte. Es fehlten eigentlich nur die Fotokamera und ein ‚Baedeker’, um dieses vorurteilsbeladene Bild zu komplettieren. Ich sah mich sogar nach diesen unverzichtbaren Utensilien um.

Langsam beruhigte sich der Mann, seine Zuckungen ließen nach, er blieb auf dem Rücken liegen und atmete ruhiger, machte lange, tiefe Atemzüge, die Augen aber weiterhin unter Schmerzen zusammengekniffen. Ich bemerkte, dass sich auch die Umgebung beruhigte, die Stadt kämpfte sich ebenfalls verschwitzt und erschöpft aus ihren Schmerzen, das pulsierende Ächzen, das ich durch meinen blasphemischen Pflastersteinwurf verursacht hatte, ließ nach. Es gab ganz offensichtlich eine enge Bindung zwischen der Umgebung und dem Mann. War er der Erschaffer dieser exakten, aber menschenleeren Illusion? Stand ich vor dem …

War das der Gott dieser Welt? Nichts hätte mich mehr so richtig verblüffen können. Ein gut genährter Gott in Shorts und mit dem meergrünen Cap der ‚Oakland Athletics’, auf dem schütteren Haar – warum eigentlich nicht?

Endlich überwog mein Mitleiden und ich konnte die zwei Schritte auf den Mann zugehen, kniete zu ihm herab und nahm seinen massigen Oberkörper hoch in die Arme, zog ihn aus dem Wasser ganz auf das heiße Pflaster des Domplatzes. Sein Kopf war schweißgebadet und noch immer schien der Mann starke Schmerzen zu haben. Ich untersuchte ihn aufmerksam, aber er hatte keine sichtbare Wunde. Ein Hitzschlag vielleicht? Ein Wunder war das nicht an einem Tag, an dem die Sonne ewig schien. Ich streifte ihm die festsitzende Mütze vom Kopf und versuchte, ihm ein wenig Wasser aus meiner Plastikflasche einzuflößen, was er jedoch mit einer schwachen Handbewegung abwehrte, als er sie an seinem Mund spürte. Nun schlug er endlich die Augen auf. Er hatte einen hellwachen Blick, der mich scharf examinierte.

„Mach das nicht noch einmal“, zischte er wütend, „du könntest mich dabei umbringen.“ Er machte erschöpft ein paar weitere tiefe Atemzüge. „Ich brauche meine ganze Kraft, um diese kümmerlichen Reste zu bewahren, da kann ich keine dummen Experimente brauchen. Klar, wo nicht ich bin, ist nichts. Hast du das nicht gewusst? Wenn ich nicht mehr bin, müssen auch meine Tochter und du gehen.“

Wovon zur Hölle sprach er da? Die wenigen Sätze schienen ihn so erschöpft zu haben, dass er nun schwieg.

„Deine … Tochter? Du hast eine Tochter? Ist sie ebenfalls hier in dieser Traumwelt?“, hakte ich nach. Der Mann verzog den Mund, als hätte er auf eine bittere Mandel gebissen.

„Traumwelt! Was weißt denn du. Diese Welt war mal wie die deine … Aber ihre Struktur löst sich auf. Ich kann sie mit meinem Willen nicht mehr lange stützen. Alles strebt mit Gewalt zurück zu seinem Ursprung, zu anfänglichen Katastrophe …“, versuchte er mir zu erklären, aber ich verstand nicht, was er mir sagen wollte, „… wo werde da ich sein? Und wo du? Höre …“

Er versuchte, sich ein wenig aufzurichten und tastete vorsichtig mit den Fingern in meinem Gesicht.

„Du bist von dort, nicht wahr? Ich weiß nicht, welche glückliche Fügung dich ausgerechnet jetzt hierher gebracht hat, aber ich brauche deine Hilfe!“ Seine Stimme wurde beschwörend. „Ich bin zu schwach. Ich glaube, ich kann nicht mal mehr aufstehen. Du musst mein Mädchen retten. Die Zeit drängt.“

Er deutete über den Platz zu dem Hügel hinter dem hohen Kirchenbau, auf dem sich wie eine gichtige Hand eine mächtige Burganlage über dem Meer klammerte, die ich vorhin schon von meinem Haus aus bemerkt hatte. „Da musst du hinauf, dort hält er sie gefangen. Er wird sie töten, wenn du dich nicht beeilst – so, wie er Lina Brunswick getötet hat.“

*

„Warte mal“, mischte sich Jonas lautstark ein. Er fühlte sich, als würde er durch einen plötzlichen Stromstoß aus einem Halbschlaf geweckt, in den er durch die ausführliche Erzählung von Linus gefallen war. Diesen Namen kannte er – eine Erinnerung kehrte zurück. „Von wem sprichst du da – von einem der Waldescher, von Alban oder von Ruben?“ Sein Blick wanderte vom Erzähler zu seiner Frau, die sich zu dessen Füßen noch nicht bewegt hatte und nun leicht lächelte.

„Redet er von ihm?“

Binderseil schüttelte unwillig den Kopf. „Warum unterbrichst du mich? Lass mich doch zu Ende erzählen!“ Doch Jonas hatte für den Moment genug gehört.

„Ich brauche jetzt wirklich eine Pause. Das wird mir alles zu viel. Außerdem müsste ich mal ins Badezimmer“, sagte er, glücklich, eine Ausrede gefunden zu haben und erhob sich etwas unsicher aus dem weichen, tiefen Sofa, in dem er fast eingeschlafen wäre. Dabei fiel ihm auf, dass er tatsächlich auf die Toilette musste und ein bohrender Schmerz in seine Lenden stach.

„Ich finde den Weg“, sagte er, jeden Einspruch mit einer Handbewegung abwehrend und wandte sich eilig zur Küche, von der es, wie er wusste, in die hinteren Bereiche der Residenz ging, zu einem kleinen Flur, der zum Bad und zum Atelier führte. Er hatte es eilig, das Wohnzimmer zu verlassen; hätte Linus noch etwas gesagt, hätte er ihn wahrscheinlich angeschrien. Warum kam er ihm mit so einer idiotischen Geschichte? Wollte er sich über seinen alten Freund lustig machen?

Jonas schloss die Badezimmertür hinter sich, machte Licht in dem fensterlosen Raum und lehnte sich dann erst einmal gegen das Holz der Tür. Er hatte wieder heftige Rückenschmerzen. Sie waren zurückgekehrt, als er sich aus dem Sofa erhob. Gleichzeitig kamen mit Macht Erinnerungen zurück, als wären sie ein Teil seines Rückenproblems.

Wie hatte er das alles vergessen können? Es war doch erst gestern geschehen.

Nachdem ihm Alban Waldescher den ersten Teil seiner Geschichte erzählt hatte – fiel ihm wieder ein – hatte er sich nicht von ihm getrennt, sondern gemeinsam einen Spaziergang unternommen – ziellos, wie Jonas dachte. Wie sie vom Fußballplatz auf dem Dorf in die Altstadt gelangt waren, wusste er nicht, zu Fuß waren das über zehn Kilometer – und doch waren sie endlich vor Binderseils Haus angelangt, wo ein Straßenfest stattfand. Es wurde gerade dämmrig und die bunten Laternen, die im ersten Stock quer über der Gasse hingen, beleuchteten eine fröhliche Szenerie mit vielen Menschen. Jonas erinnerte sich: Dort hinten saß auch Katharina, die ihn erstaunt ansah.

Nochmal – wie hatte er das vergessen können? Und warum fiel es ihm jetzt plötzlich wieder ein? Dabei erklärte es auf die einfachste Weise, warum der Bildhauer und seine Frau ihn erwartet hatten. Nun – Linus hatte noch einiges zu erklären, irgendwie war er ein Teil der Sache.

Vorsichtig stieß Jonas sich von der Tür ab. Und richtig, das Messer steckte wieder in seiner Wirbelsäule, tief unten in den Lenden. Aber für den Moment war der Druck in seiner Blase übermächtiger und er sah sich vergeblich nach der Toilette um. Dies war zwar das Badezimmer, an das er sich aus früheren Besuchen erinnern konnte, aber Linus hatte es umbauen lassen. Dort, wo früher die Kloschüssel gestanden war, hatte er eine große, behindertengerechte Duschkabine einbauen lassen. Jonas schüttelte den Kopf – er hätte sich eigentlich denken können, dass der Bildhauer nach seinem Unfall seine Wohnung hatte umgestalten lassen müssen. Wie kam er eigentlich die Außentreppe hoch?

Achselzuckend verließ Jonas das Bad und kehrte zurück in den Flur, sah sich im dem Halbdunkel um, das nur von einer matten Glühbirne erleuchtet wurde. Sollte er zurück ins Wohnzimmer und sich nach dem Weg zur Toilette erkundigen? Nein, das war ihm doch zu peinlich. Binderseils Wohnung war nun wirklich nicht so groß, er würde den Weg schon finden – das aber schnell, denn jetzt musste er dringend pinkeln.

Er öffnete die nächste Tür, rechts von sich. Das war die Küche, von dort war er doch eben gekommen. Auch hier war es dunkel, durch das Fenster konnte Jonas sehen, dass es schon Nacht war. Seltsam, er war doch am frühen Nachmittag bei Binderseil und seiner Frau aufgetaucht. Konnte dessen Erzählung so lang gedauert haben?

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