Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (3. Kapitel – Teil 3)

„Ich fiel also an einem feuchtkalten Wintertag vom Kopf der Treppe und landete zu ihrem Fuß im rötlichen Staub eines Sommernachmittags, mit schützend nach vorn gestreckten Armen. Wo waren die Handschellen plötzlich hingekommen? Langsam und verwirrt richtete ich mich auf und sah mich zögernd um. Hier war mir alles fremd und bekannt zugleich, als würde ich eine vertraute Umgebung durch einen Zerrspiegel betrachten. Da waren hinter mir die Treppe und die Residenz, hier lag der Hof, standen meine Statuen – aber das Haus und die Treppe hatte jemand vor langer Zeit mit abblätternder, weißer Farbe getüncht und der Hof mit meinen Kunstwerken war in eine Terrasse verwandelt. Alle anderen Häuser, ja, das ganze Viertel waren verschwunden: Ich sah über von heißem Sommerwind bewegte Olivenbäume in ein Tal, das sich in sanftem Bogen zu einem Meer hin öffnete. Dort unten am Ufer lag eine kleine rotbraune Stadt, die mit unserer hier wenig Ähnlichkeit hatte, verschachtelte Häuser, schmale Gassen, barocke Gebäude, ein strahlend weißer Dom. Rechts am Meer thronte eine ausladende, gut erhaltene mittelalterliche Zitadelle. Und über allem glitzerte ein staubig gelber Himmel. Es war eine fremde, südländische Welt irgendwo in Spanien oder Italien, in die ich gefallen war. Mein Verstand weigerte sich lange, zu glauben, was meine Augen sahen. Trotzdem war ich sicher, diese Landschaft zu kennen, vielleicht aus einem nahezu vergessenen Traum heraus, der mich erneut gefangen hielt. Aber ich war mir meiner bewusst, alles war fest und unveränderlich, ich spürte den heißen Wind auf meinem nackten Oberkörper, konnte die scharfen Kanten meiner Kunstwerke unter den Fingern spüren. Es roch nach Salz und Rauch. Das konnte kein Traum oder ein Drogenwahn sein.

Ich setzte mich, so, wie ich war, nackt bis auf die Unterhose, auf den Boden, unfähig, etwas anderes zu tun, als zu starren. Eine unheimliche Macht, vielleicht Gott, hatte mich mitsamt meinem Haus aus meiner Welt ausgeschnitten und auf die Postkarte einer unwirklichen Mittelmeeransicht geklebt. Mit dem Bild einer Postkarte war ich übrigens näher an der Wahrheit, als mir bewusst war. Ich weiß nicht, wie lang ich saß, über den verwilderten Olivenhain hinunter auf die unter der Hitze flimmernde Stadt starrte und mich den brennenden Strahlen einer hinter dem Haus stehenden Sonne aussetzte, aber dann merkte ich: Hier war etwas ganz und gar nicht richtig. Die kleine Stadt dort unten war zu bewegungslos, selbst wenn ich die nachmittägliche Siesta einrechnete. Ich konnte keine Fußgänger oder Fahrzeuge erkennen. Auf dem Wasser dümpelten keine Boote, nirgendwo reflektierte ein sich öffnendes Fenster die Sonne, kein Hundegebell klang herauf, kein Glockengeläut von den Kirchen. Die einzigen Bewegungen machten die sich unter dem heißen Wind beugenden Zweige der Olivenbäume, die ihre Grünspanblätter unendlich langsam vor mir neigten.

Auch der Stand der Sonne änderte sich nicht. Obwohl ich bestimmt schon eine Stunde oder länger im Hof saß, war der Schatten, den mein Körper vor mir auf das Pflaster warf, nicht gewandert. Die Sonne stand wie festgenagelt am Firmament. Wie heißt noch einmal dieser Prophet im alten Testament, der den Lauf der Sonne bremste? Egal. Als ich diese unheimliche Bewegungslosigkeit bemerkte, war ich endlich fähig, wieder etwas zu unternehmen. Ich stand auf. Mein Rücken spannte und juckte bei jeder Bewegung schmerzhaft – ich hatte mir durch meine Entschlusslosigkeit einen ordentlichen Sonnenbrand geholt. Ich traf die Entscheidung, alle großen Fragen hintan zu stellen und mich um den offenbar endlosen Augenblick zu kümmern: Ich musste aus der Sonne und ich hatte Hunger.

Ich riss mich vom dem Ausblick hinunter ins Tal los und trat zum Haus. Im Erdgeschoss, wo eigentlich die Stellmeyers wohnen, waren die Türen und die Fensterläden verrammelt und ließen sich nicht öffnen, aber die Tür zu meiner Wohnung im ersten Stock war nur angelehnt. Ich stieg die ungewohnt weiß lackierten Stufen hinauf. Hinter dem Haus, wo weiterhin bewegungslos die Sonne stand, hatte ich nun einen guten Blick auf durch bröckelnde Trockenmauern terrassierte Hügel, aber einen anderen Hinweis auf Bebauung fand ich nicht. Linker Hand erhoben sich auf der anderen Seite des Tals weitere bewaldete Hügel, dort waren in der Ferne auch ein paar Häuser und ein kleines Dorf zu erkennen. Ich zuckte mit den Schultern, gab der Tür einen Stoß und trat vorsichtig in meine Wohnung.

Nach der Grelle draußen wirkte hier die Einrichtung bleich und stumpf, aber kaum anders, als ich erwartete hatte. Die Möbel standen, wie sie sollten, das Buchregal war sauber eingeräumt, die Tür zum Schlafzimmer geschlossen. Unwillkürlich sah ich zur Seite, aber selbstverständlich lag niemand gefesselt am Boden: Überhaupt sah alles so aus, als würde nur ich hier wohnen; das Klavier meiner Freundin, das auffälligste Möbelstück, das sie mit in unsere Beziehung gebracht hatte, fehlte. Ich trat in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Viel war nicht drin, aber ich fand ein paar Scheiben Schinken und Hartkäse, in einem Korb trockenes Weißbrot. Auf dem Tisch stand eine halbleere Flasche Rotwein ohne Etikett. Ich probierte vorsichtig einen Schluck direkt aus der Flasche. Der Wein war schwer und sauer, zu warm und machte die Zähne stumpf, aber er löschte den Durst. Ich entschloss mich zu einem kurzen Imbiss, bevor ich weiter meine Umgebung erforschte, setzte mich mit Brot und Schinken an den Tisch, genoss mein frugales Mahl und machte erst weiter, als ich die Flasche geleert hatte. Mir war schwindlig, als ich mich wieder erhob und ins Schlafzimmer tappte, wo ich etwas zum Anziehen suchte. Nur eine Seite meines Bettes war bezogen, anscheinend wohnte ich schon lange allein. Ich musste bei diesem Gedanken lachen, das weiß ich noch.

Im Schrank fand ich ein weites, ausgeblichenes Hemd, an das ich mich zwar nicht erinnern konnte, das sich aber dennoch so anfühlte, als hätte ich es schon hundertmal getragen. Dazu zog ich eine kurze Jeans an. Unter dem Bett fand ich hellblaue Segeltuchschuhe mit dicker Kreppsohle, die mir ebenfalls fremd waren, aber perfekt passten. Auf diese Weise ausgestattet, forschte ich weiter in meiner kleinen Wohnung und dem anschließenden Atelier, fand überall deutliche Spuren meiner selbst, aber keinerlei Hinweise, warum ich mitsamt meinem Haus auf einem Hügel am Mittelmeer gelandet war.

Im Badezimmer entdeckte ich eine Flasche mit Sonnenmilch, mit der ich mich wohl etwas zu spät eincremte. Alles war, wie es sein sollte: Ich hatte Wasser, Strom, nur die Heizung funktionierte nicht. Allein zwei Dinge waren seltsam, wenn ich mal die ganze surreale Situation ausklammerte: Im Radio, das ich probeweise einschaltete, konnte ich auf allen Wellen nur ein von Knistern unterbrochenes Brummen empfangen und zum Zweiten waren die Putzmittel unter der Spüle in einer romanischen Sprache beschriftet, die ich nicht verstand, ich konnte aber Italienisch und Spanisch ausschließen. Vielleicht war es Portugiesisch und das Meer da draußen der Atlantik? Vergeblich forschte ich nach Aufzeichnungen, Kassenzetteln, Zeitungen oder anderen Hinweisen auf meinen Aufenthaltsort. Mir wurde klar – ich würde schon hinunter in den Ort wandern müssen, wenn ich Antworten wollte.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer und sah kurz zur Uhr. Ich erstarrte. Sie stand still, der Sekundenzeiger verharrte regungslos über der Fünf und doch hätte ich wetten können, dass er sich eben, als ich nur flüchtig hinsah, bewegt hatte. Angestrengt fixierte ich den Zeiger, zwinkerte nicht, bis mir die Augen tränten und brannten. Und dann – nach einer gefühlten Ewigkeit -, in der ich den Zeiger wie eine Katze eine Maus belauerte, bewegte er sich doch einen einzigen, zitternden Sekundensprung weiter. Jetzt war ich sicher: An diesem Ort verging die Zeit, aber nur unglaublich langsam. Und ich begann zu begreifen: Durch meinen Sturz waren alle meine Wünsche erfüllt. Ich lebte plötzlich in meiner eigenen, südlichen Welt, an einen endlosen Sommernachmittag umgeben von meiner Kunst und von Schönheit. Wie oft hatte ich mir gewünscht, ein Abend würde ewig währen, ich könnte diesen einen Augenblick festhalten und ihn nie mehr herzugeben, ihn nach meinem Gutdünken verwahren und immer wieder verwenden. Und hier gab es nicht einmal Insekten, die stören konnten. Ich glaubte mich im Paradies. Vielleicht hatte ich mir bei meinem Sturz den Hals gebrochen und war in einem nach meinen Vorstellungen gestalteten Leben nach dem Tod gelandet. Allerdings fühlte ich mich sehr lebendig und nichts, nicht einmal dieses Erlebnis konnte mich davon überzeugen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Du lachst, aber meine Überzeugung ist doch das Einzige, das zählt. Unsterblichkeit und Seelenwanderung gibt es nur für die, die daran glauben. Gott kann mich nicht erhöhen und der Teufel nicht verdammen, ich bin immun. Ich glaube nicht und wer nicht glaubt, ist von den Göttern sicher. Sie können mich nicht berühren, ihre Worte höre ich nicht. Wenn ich sterbe, endet alles, dann macht mein Privatuniversum die Lichter aus. Das ist die Freiheit, die ich verstanden habe.

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Aber lass mich weitererzählen: Zufrieden packte ich mir etwas Wegzehrung und eine kleine Plastikflasche mit rostigem Leitungswasser in eine Umhängetasche und machte mich auf den Weg hinab in die Stadt. Von der Terrasse der Residenz führte ein grob gekiester Weg in kühnen Serpentinen durch den Olivenhain den Hang hinab. Ich musste diesen Weg wohl oder übel zu Fuß gehen, denn außer einer rostigen Vespa, zu der sich keine Schlüssel finden ließen, hatte ich keinen fahrbaren Untersatz entdeckt. Mein Weg war anfangs recht beschwerlich, denn die Olivenbäumchen boten nur unzureichend Schatten gegen die weiterhin in meinem Rücken herabstechende Sonne, die trotz der Schutzcreme auf meiner den deutschen Winter gewöhnten Haut brannte. Sehr schnell war mein Hemd durchschwitzt und das mitgenommene Wasser getrunken.

Später mündete der Weg in einen lichten Edelkastanienwald und wurde insgesamt begehbarer. Nachdem ein paar weitere Feldwege in den meinen mündeten, verwandelte er sich in einen grob geschotterten, dann betonierten Fahrweg. Menschen begegnete ich nicht, auch keinen Tieren. Einmal vermeinte ich von der Ferne das Jaulen eines verwilderten Hundes zu hören, aber heute weiß ich, dass mir meine Ohren einen Streich gespielt hatten. Ich war schätzungsweise eineinhalb Stunden gelaufen – eine grobe Schätzung, bei der ich auch völlig daneben liegen konnte, denn an diesem endlosen Nachmittag hatte ich längst jedes Zeitgefühl verloren – da gelangte ich endlich zu den ersten Ansiedlungen, Landhäusern und Bauernhöfen, die rechts und links des nun breiten Fahrweges lagen. Der neue Platz, an dem mein Haus stand, war sehr weit von den Menschen entfernt, ich hatte mir einen wirklich einsamen Ort ausgesucht. Wie ich schon befürchtet hatte, war jedes Haus, an dem ich vorbeikam, leer, sie waren eindeutig bewohnt, es standen Autos in den Einfahrten, die Blumen in den Kübeln und die Vorgärten waren gegossen, die Klingeln, die ich ausprobierte, funktionierten. Sie durchbrachen die Stille mit ihrem schrillen Scharren, aber da waren keine Männer, keine Frauen, keine Kinder, keine Hofhunde, kein Vieh in den Ställen, deren Futterkrippen allerdings mit duftendem Heu gefüllt waren. Es gab auch nichts Totes – außer der üppigen Vegetation war einfach nichts da.

‚Als wäre dem Erbauer dieser Welt das Geld ausgegangen’, ging mir durch den Kopf, ‚und er konnte sich keine Statisten mehr leisten.’ Doch ich war schon zu voll des Unfassbaren, als dass ich noch mehr als kopfschüttelnde Verwunderung empfinden konnte. Ob bei mir der Schock über das Erlebte wirkte oder ich mir einen leichten Sonnenstich geholt hatte, weiß ich nicht – aber mir war plötzlich kalt und ich bekam Kopfschmerzen.

Meine Straße führte schließlich an einem ausgetrockneten Flusslauf entlang ins Tal und vor die Tore der Stadt, die mit einer kompletten mittelalterlichen Ringmauer umgeben war. Vor dem größten Tor, einem mächtigen Turm, durch den ich später in die Altstadt trat, lag ein großer Parkplatz, auf dem viele Autos aus allen möglichen Ländern standen. Auf der Rasenfläche, in die man den ehemaligen Stadtgraben verwandelt hatte, drehte ein Rasensprenger seine Kreise. Erneut hatte ich das Gefühl, an einer Inszenierung nur für mich teilzuhaben; als hätte mich ein Wächter, mit dem ich auf freundschaftlichem Fuß stand, kurz vor der Eröffnung heimlich in einen Freizeitpark gelassen, in dem die Anlagen bereits probeliefen. Trotzdem füllte ich meine Wasserflasche wieder, dann zog ich mein Hemd aus und wusch mich mit dem herrlich kalten Wasser, das der Rasensprenger ausspuckte, denn ich wollte nicht verschwitzt in diese Stadt. Jetzt erst, so spät, wurde mir auch unheimlich zumute und ein Gefühl wühlte in meinem Magen, das vielleicht Hunger, das aber doch eher Angst war.

Ich trat durch das Tor in ein unübersichtliches Gewirr von holprigen Altstadtgassen, da waren kühle, feuchte Schatten, eng aneinandergerückte Barockfassaden in schmutziggelben und orangen Farben, mit schweren grünen Holztüren und geschlossenen Fensterläden, die in der gleichen, abblätternden Farbe gestrichen waren. Hier spürte ich meine Unruhe nicht mehr so stark, ich war geborgener, heimischer – wie ihn Italien oder Griechenland während der Mittagshitze zwischen zwölf und drei Uhr. Es fehlten höchstens ein paar Touristen, die auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten der allgemeinen Schläfrigkeit trotzten oder eine Katze, die mir mit erhobenem Schwanz um die Beine ging.

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