Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (3. Kapitel – Teil 2)

Dabei fiel Jonas auf, dass er nun schon eine ganze Weile auf die Rückkehr der Frau und auf den Bildhauer wartete. Was konnte in dem Schlafzimmer so lang dauern? Sollte er nachsehen? Er wandte sich von dem Gemälde ab und sofort überfiel ihn erneut das Gefühl, dies alles schon einmal erlebt zu haben, zumindest die Landschaft auf dem Bild schon einmal gesehen zu haben; ja, er hatte sogar die Ahnung, dass er schon einmal in dieser Wüste gestanden war. Er konnte förmlich die klebrige Hitze spüren. Herrgott – was war nur los mit ihm? Ständig hatte er merkwürdige Träume, aus denen er kaum in die Wirklichkeit fand, Vorahnungen, Déjà vus, geheimnisvolle Telefonanrufe, dunkle Bedrohungen. Und welche unterbewusste Stimme hatte ihm denn eingeflüstert, ausgerechnet Binderseil, den er seit über fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, könne ihm helfen? Jonas sah noch einmal auf das Bild, wollte sich zu einer Erinnerung zwingen, die aber umso weiter vor ihm floh, je hartnäckiger er versuchte, sie zu fassen.

„Ach, Abakoum, schön, dich wiederzusehen“, sagte eine unverwechselbar dunkle Stimme hinter ihm, die er sofort erkannte. Jonas drehte sich lächelnd um, aber sein Lächeln wurde von dem, was er sah, sofort ausradiert. Er fühlte sich, als hätte man ihn mit Eiswasser übergossen und Schmerz stach in sein Herz. Die Schlafzimmertür stand offen. Edaine hatte seinen alten Freund in einem Rollstuhl hereingeschoben, auf dem Binderseil schief, aber vor Wiedersehensfreude lachend saß.

„Das … das habe ich nicht gewusst“, stotterte Jonas, „ich meine … ist es etwas Ernstes?“ Binderseil lachte weiter, wandte seinen Kopf zu der Frau hinter sich.

„Und ob es etwas Ernstes ist. Edaine und ich haben vor vier Jahren tatsächlich geheiratet, nachdem ich mich lange gegen diesen bürgerlichen Mist gewehrt habe. Seltsam, dass du dich heute danach erkundigst. Du machtest gestern den Eindruck, du wüsstest das.“

„Nein, ich meine …“ Jonas war so verwirrt, dass er kaum zugehört hatte. Ihm entging der Sinn von Binderseils letztem Satz. Er starrte auf die bewegungslosen Beine des Künstlers. Binderseils Augen folgten seinem Blick.

„Ach, das meinst du. Das ist eine längere Geschichte. Wenn du willst, erzähle ich sie dir. Aber jetzt setze dich erst mal und sag mir, was dich wieder in meine bescheidene Bude führt. Ist das mit Marion noch was geworden? Euch scheint es ja ganz schön erwischt zu haben.“

Marion? Wer war denn das? Jonas konnte nur verwirrt mit den Schultern zucken.

„Ach je … Erzähl mir nicht, du hättest Sehnsucht nach mir; schließlich haben wir uns erst gestern gesehen.“ Binderseil stockte, legte den Kopf schief und ließ Jonas verwirrten Gesichtsausdruck kurz auf sich wirken. Er sah zu seiner Frau, die langsam ihren Kopf schüttelte.

„Oder auch nicht“, fuhr er dann fort, die Silben in die Länge ziehend, „nimm es einem alten Mann nicht übel, wenn er mal Unsinn redet und ein paar Dinge durcheinander bringt. Verkalkung, Schmerzmittel und Shit, eine gefährliche Mischung. Also, warum bist du heute zu Besuch, nachdem ich dich ja ewig nicht mehr gesehen habe?“ Jonas überlegte, warum Binderseil so viel redete, als würde er eine peinliche Situation überspielen müssen, aber er ging nicht darauf ein.

„Das weiß ich eigentlich auch nicht … oder doch, ich bin gekommen, weil ich mir von dir Hilfe erhoffe. Ich weiß, dass wir uns schon Jahre nicht mehr gesehen haben …“ Er zögerte. „Hast du mich heute Morgen angerufen?“

Zu seiner Überraschung reagierte Binderseil wütend:

„Nein, das habe ich nicht. Warum sollte ich das? Bis du wieder aufgetaucht bist, hatte ich unsere Freundschaft längst als eingeschlafen betrachtet. Traurig, aber so läuft es eben manchmal. Wie lang ist das jetzt her – achtzehn Jahre oder eher länger? Du hast mich nicht einmal besucht, als ich deshalb“, er klopfte auf seine bewegungslosen Beine, „im Krankenhaus lag und am Abkratzen war. Da hättest du dich mal melden sollen – wäre gut gewesen.“

Jonas stotterte eine Entschuldigung. Wie hätte er wissen das sollen …? Binderseil wischte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung zur Seite.

„Aber du hast, denke ich, ganz andere Sorgen. Deshalb kommst du zum alten Linus. Du brauchst seine Hilfe. Das Telefon hast du doch nur vorgeschoben, um einen Grund zu haben, mich zu besuchen. Wie nennt das Freud? Das Vorbewusste? Machen wir es kurz: Du hast geträumt und willst nun überprüfen, ob an dem Traum etwas Wahres sein kann. Da verwischt sich bei dir was und das ganz ohne Drogen.“

„Woher weißt du das? Ist dir das auch passiert?“, stotterte Jonas. Binderseil lächelte und machte eine einladende Handbewegung zum tiefen Sofa hin. Jonas setzte sich endlich und sein alter Freund ließ sich von seiner Frau näher zu ihm heranschieben.

„Erzähl mal“, forderte er Jonas auf und der berichtete von Katharinas Anruf und seinem merkwürdigen Erwachen am Morgen. Binderseil hörte ihm aufmerksam zu und unterbrach ihn kein einziges Mal. Als Jonas mit dem Telefonanruf endete, der ihn wegen der Anrede „Abakoum“ an Linus erinnert hatte, nickte er.

„Ich werde dir mal was von einem Traum von mir erzählen. Vielleicht hilft es dir. Nicht nur aus manchen nächtlichen Träumen kann man nur durch Schmerzen erwachen. Das klingt jetzt verdammt dramatisch, ich weiß: Aber es gibt auch Lebensträume, aus denen du erst erwachst, wenn dich ein einschneidender Schmerz dazu zwingt. Und mir wurde es so richtig dreckig gemacht. By the way, ist dir schon mal aufgefallen, dass es für den Schmerz eigentlich keine Synonyme gibt? So vielfältig er sein mag, ich habe nur das eine Wort, ihn adäquat zu beschreiben. ‚Weh’ ist viel zu harmlos, das klingt nach aufgeschlagenem Knie und Pflaster. Was für eine arme Sprache, das Deutsche. Aber wem sage ich das. Du wolltest schließlich mal Schriftsteller werden. Was macht dein großer Roman?“

Jonas verzog den Mund, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Daran erinnerst du dich?“

„Klar. Was wurde draus?“

„Ein Traum, aus dem ich aufgewacht bin. Übrigens schmerzlos.“ Er zuckte mit den Schultern. Binderseil wollte etwas sagen, aber Jonas kam ihm zuvor. „Du wolltest etwas erzählen.“

Binderseil sah sein Gegenüber zweifelnd an, dann nickte er erneut.

Binderseils Geschichte

„Nun, ja. Der Tag, an dem alles anders wurde, hat sich mir nicht angekündigt. Damit etwas werden kann, muss zuerst etwas sterben. Ich wurde mit der Nase auf diese einfache Wahrheit gestoßen; ob von einer Gottheit mit Sinn für Ironie oder einem blinden Zufall vermag ich nicht zu entscheiden. Aber ich bin dankbar dafür, denn ich bekam die Gelegenheit, mein Leben noch einmal zu beginnen. Dieser ‚Punkt Null’ war zwar äußerst schmerzhaft, aber ist nicht jede Geburt ein Tor der Schmerzen und auch der Tod eine solche Geburt?

Es war im Winter unseres Missvergnügens, im Januar 1990. Du erinnerst dich vielleicht: Das war in dem Jahr, in dem die dritte Generation der RAF ihren bewaffneten Aufstand wagte und die Paranoia erstaunlich schnell zurück zur Staatsgewalt fand; so eilig, als hätte sie sie seit Herbst 77 nicht mehr verlassen. Ich wurde an einem dieser Tage, an denen es einfach nicht hell werden will, durch ein lautstarkes Klopfen an der Haustür geweckt. Im Nebenzimmer rumpelte jemand gegen den Tisch, ein paar aufgeregte Stimmen waren zu hören. Ich sah über den nur halb in eine dicke Decke gewickelten Leib meine damaliger Freundin, die der Lärm nicht geweckt hatte, hinüber zum Fenster. Regen prasselte gegen die gesprungene Scheibe, kratzte mit seinen feuchten Fingern verzweifelt nach Halt suchend herab und bildete auf dem Fensterbrett bereits eine Pfütze, weil mal wieder jemand – wahrscheinlich ich – vergessen hatte, die verzogenen Fensterrahmen ordentlich zu schließen. Weißt du, da war ein Trick dabei, ähnlich wie bei der Haustür. Von der Pfütze tropfte Regenwasser runter auf das Parkett, es sammelte sich erst auf der Unterseite des Fensterbretts, bildete eine immer länger werdende Nase, bis sich endlich ein dicker, schwerer Tropfen löste, zu Boden stürzte und mit einem hörbaren Klatschen aufschlug.

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Trotz des Lärms draußen vor der Tür war ich vollkommen von dem Spiel des Wassers gefangen. Die Zeit verlangsamte sich für mich, dehnte sich absurd. Es existierten nur mehr die Tropfen und ich. Ich kannte ähnliche Sinneseindrücke von meinen Trips, aber ich war schon seit geraumer Zeit bis auf den einen oder anderen gelegentlichen Joint clean und hatte am Abend zuvor nur ein paar Biere getrunken. Es gab eigentlich nichts, was einen Flashback hätte auslösen können. Trotzdem wirkte jeder Tropfen, als würde er mit einem Explosionsknall direkt neben meinem Ohr aufschlagen. Ich wusste in diesem Moment, dass etwas Schreckliches passiert war oder kurz bevor stand und riss deshalb mich von der Faszination los, konzentrierte mich auf meine Freundin, die neben mir lag; eine hübsche Blonde, mit der ich seit ein paar Monaten zusammen war, sie wollte Grafikerin werden und hatte eine tolle Jazzstimme. Ich konnte ihr stundenlang zuhören, wenn sie über ihren informellen Linolschnitten saß und dabei Standards von Nina Simone oder Billy Holiday sang.

Sie lag ruhig neben mir, hatte mir ihren nackten, halb aufgedeckten Rücken zugewendet. ‚Zu ruhig’, dachte ich noch und mir wurde mit einem drängenden Herzschlag bewusst, dass die Katastrophe genau jetzt, in diesem Moment, begann und ich nichts anderes tun konnte, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Noch war ich in der Lage, das Unabwendbare hinauszögern, mich wieder von den hypnotisierenden Tropfen einfangen lassen, aber aufzuhalten war nichts mehr. Daher berührte ich das Mädchen mit der Hand. Ihre Haut war eiskalt und fühlte sich so seltsam klebrig wie eine alte Wachstuchdecke an. Gleichzeitig stieg mir der saure Geruch von halbverdaut Erbrochenem in die Nase. Meine Freundin atmete nicht. Ich wollte sie rütteln, etwas sagen, aber mir wurde die Initiative abgenommen:

Die Schlafzimmertür wurde aufgerissen, sprang buchstäblich aus den Angeln und fiel zur Seite in den Raum. Ein halbes Dutzend mit Maschinenpistolen bewaffnete und mit schussfesten Westen bekleidete Polizisten stürmten herein. Irgendjemand schrie irgendwelche Befehle, die ich nicht verstand. Ich kapierte aber, dass es für mich das Beste war, die Hände zu heben. Zwei packten mich an den Armen und zerrten mich in der Unterhose über den Boden. Ich sah zurück, sah, wie einer grob mit dem Gewehrlauf meine Freundin anstieß und schrie etwas, wahrscheinlich eine Verwünschung. Dann wurde ich aus dem Raum gezogen und draußen – also genau hier an dieser Stelle – auf den Boden geworfen. Dort lagen schon ein paar meiner Gäste auf dem Bauch – mit Handschellen am Rücken gefesselt. Mein Bücherregal war umgeworfen, ein Polizist schob die Bände achtlos mit dem Fuß zur Seite. Dann verfuhr man mit mir genau so wie mit meinen Freunden. Gleich darauf wurde ich allerdings wieder in die Höhe gerissen und zur Tür gedrängt, stand schon halb draußen auf der wackligen Treppe. Aufgeregte Stimmen aus dem Schlafzimmer wurden laut und der Polizist, der mich hielt, wandte sich überrascht herum. Nichts wäre passiert, hätte ich die Hände freigehabt, aber so stolperte ich, mein abgelenkter Bewacher konnte mich nicht mehr halten und ich fiel – buchstäblich ins Bodenlose.“

Binderseil machte eine Pause. Aufmerksam musterte er Jonas. Er überlegte, wie er weitererzählen konnte und wirkte fast dankbar über die Störung seiner Frau, die ihm eine Tasse Tee aus der Küche brachte und sich dann vor seinen Rollstuhl setzte, einen Arm und den Kopf auf seinen Oberschenkel geschmiegt.

„Ich bin nicht die Treppe hinuntergefallen, wenn du das glaubst, nein, ich fiel woanders hin, hinaus in eine neue Welt.“

Jonas sah überrascht auf. Binderseil bemerkte den Blick und lächelte sinnend.

„Ich verlor nicht die Besinnung, schloss nicht einmal die Augen. Ich fiel und erneut dehnte sich die Zeit, genauso wie vorher im Schlafzimmer, als ich dem Fallen der Tropfen zusah. Ich bin mir sicher, ich hatte da schon die Verbindung, das war Tor halb geöffnet, aber der Absprung gelang mir nicht – in den musste ich erst buchstäblich gestoßen werden! Auf jeden Fall dauerte mein Sturz ewig. Ich fiel in Zeitlupe, trudelte wie ein Blatt im Wind und landete schließlich erstaunlich sanft auf dem Boden des Hofs.“ Wieder stockte Binderseil und sah Jonas Stirnrunzeln, der seiner Erzählung immer unwilliger gefolgt war. Er richtete sich in seinem Rollstuhl auf.

„Ich sehe schon, ich quatsche zu viel. In vielen Worten versuche ich das Unfassbare zu ergreifen und mache nichts glaubhafter. Verdammt, da draußen läuft ein Haufen Leute herum, die wirklich überzeugt sind, es wäre eine gottgefällige Tat, wenn sie sich und möglichst viele Unbeteiligte in die Luft sprengen. Verstehst du, die glauben das nicht nur, denn Glaube kennt Zweifel, die wissen das. Aber was meinst du, was ist wahrscheinlicher: Dass Gott diese Massenmörder jubelnd in sein Paradies aufnimmt und jedem siebzig Jungfrauen zum Spielen gibt, oder dass ich in eine andere Welt gestürzt bin? Ist Wahrheit denn ein Mehrheitsentscheid? Ach, Jonas, dann lausche dem Ganzen eben, als wäre es ein Märchen, eine Feengeschichte meinetwegen, höre zu und bilde dir am Ende eine Meinung. Glaubst du, du kriegst das hin?“ Jonas zuckte mit den Achseln, nicht allzu überzeugt. Hatte ihm nicht erst kürzlich ebenfalls jemand ein Märchen erzählt? ‚Das ist völlige Zeitverschwendung’, dachte er, ‚Binderseil hat sich den Rest von seinem Verstand weggekifft. Erstaunlich ist nur, dass er noch relativ zusammenhängend erzählen kann, auch wenn es nur Unfug ist.’

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