Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (3. Kapitel – Teil 1)

[Es wird Zeit, weiter zu schreiten. Schließlich heißt der Blog ja wie dieser Roman.]

DREI

Rechts an der Seite des gotischen Rathauses führten vom Platz weg einige Stufen hinunter in die überschaubare Altstadt, die nahezu quadratisch in ihren Ausmaßen von Kanälen und großen Ausfallstraßen begrenzt in Jonas Erinnerung von Tourismus und Bauvorhaben nahezu ungestört von den Zeiten träumte, als man noch eine bedeutende Handelsstadt war. Noch immer zeugten die schmalen, schattigen Gassen, die einander zugeneigten Hausfronten, die vorspringenden Erker und verwinkelten Hinterhöfe vom Versuch, der Enge Raum abzutrotzen und die sprechenden Straßennamen erzählten vom Leben in der mittelalterlichen Stadt. Ein buntes Volk hatte sich in den Achtzigern in den kleinen, niederen Wohnungen eingemietet; die renovierungsbedürftigen Fassaden hinter Efeu und Geißblatt versteckt und bot damals in den Läden Kunsthandwerk, gebrauchte Bücher, Tätowierungen, verschrumpelte Bioäpfel und billige Haarschnitte an. Nirgendwo in der Stadt gab es mehr gemütliche Kneipen, die eine leicht ranzige Wohnzimmeratmosphäre ausstrahlten.

Seit Jonas nicht mehr studierte und aufgehört hatte, mit seinen Freunden nachts um die Häuser zu ziehen – besser gesagt, ihm waren die Freunde ausgegangen, mit denen er Kneipentouren machen konnte, weil alle außer ihm praktisch von einem Tag auf den anderen wie auf ein geheimnisvolles Zeichen hin begannen, Familien und Heime zu gründen – war er immer seltener in die Altstadt gekommen und irgendwann dann überhaupt nicht mehr. Es war nicht so, dass er sie mied, aber er hatte mit einem Mal keinen Grund und keine Zeit gefunden, am Rathaus vorbei hinunter in die Unterstadt zu gehen. Sein Leben spielte sich oben in der Moderne ab, hinter den Stahl- und Betonfassaden und den verspiegelten Fensterfronten der Geschäftshäuser. Doch nun betrat er, nach einer alten Adresse suchend, die Orte seiner Studentenzeit und stellte mit jedem Schritt fest, wie sehr sich Wirklichkeit und Erinnerung unterschieden. Obwohl er nur wenige Jahre nicht mehr hier gewesen war, hatten sich Charakter und Stimmung vollkommen verändert. Der Charme des Verrottens und der heimeligen Bewegungslosigkeit war dahin. Die Stadt hatte den Wert ihres Schatzkästleins für den Tourismus erkannt, Kanäle aufgedeckt und das alte, schadhafte Pflaster gegen leblos terrakottafarbenes Katzenkopfpflaster eingetauscht; findige Bauherren die Altstadthäuser aufgekauft, Fassaden renoviert, das Innere entkernt, Bäder eingebaut und in großflächige Eigentumswohnungen verwandelt. Es saß jetzt auch ein anderes Publikum vor den Lokalen, die nicht mehr einfache Studentenkneipen waren, sondern sich mit viel Echtholz und Chrom in mondäne Straßencafés und Pubs verwandelt hatten, in denen es zwanzig Sorten Kaffee und fünfzig Sorten schottischen Whiskey gab. Auch die liebenswert amateurhaften Läden waren verschwunden, hatten ihren Platz den Filialen großer Parfümerieketten und Boutiquen, Goldschmieden, Blumenläden, Coiffeuren und einem Apple-Store geräumt. Jonas fühlte sich alt, von gestern. Auf seiner Suche fand er nur noch wenige Erinnerungsorte und einmal hätte er sich beinahe verlaufen, ganz, als hätten sich Straßenzüge verschoben, wären Querstraßen gewandert, Plätze verbaut und an anderer Stelle wieder eröffnet worden. Viel trugen auch die nun offenen Kanäle, die die schmalen Straßen noch enger machten, zu diesem Eindruck bei. Insgesamt wirkte die Altstadt nun auf Jonas wie desinfiziert, wie ein steriles, lebloses Museumsdorf.

‚Mir geht es nicht anders’, dachte er, ‚auch ich habe mich verändert, bin zu einer lackierten, oberflächlichen Version meiner selbst geworden. Der Mann, der hier durch die Straßen geht, hat mit dem Jonas von vor fünfzehn, zwanzig Jahren wenig gemein – er ist nur eine flüchtige Erinnerung, der vergängliche Schatten einer platonischen Idee.’

Kurz spielte er mit dem Gedanken, sein Diktaphon aus der Tasche zu nehmen und diesen schönen, wenngleich etwas unausgegorenen Satz für eine seiner Reden aufzubewahren, verwarf ihn dann wie einen ungehörigen Reflex, als habe er sich dabei ertappt, wie er einer Frau in den Ausschnitt starrte. Schließlich hatte er Urlaub und ganz andere Sorgen: Seine geistige Gesundheit stand ernsthaft auf dem Spiel. ‚Habe ich nicht erst kürzlich eine Geschichte gelesen, in der Menschen aus ihrer Welt in eine andere fallen, in eine Parallelwelt, die zwar der realen äußerlich ähnelt, aber doch in ihrem inneren Zusammenhang vollkommen fremd war?’ So fühlte er sich jetzt. ‚Nein, keine Geschichte – wann habe ich schon die Zeit, zu lesen? In den letzten Jahren doch nur mehr Artikel und Broschüren, immer auf der Suche nach der treffenden Formulierung, nach frappanten Neologismen und überraschenden Aphorismen.’ War es in ein Film gewesen? Oder hatte ihm jemand davon erzählt? Und wenn – wer? Eine Erinnerung, ein Déjà vu … ein Traum. Aber genau deshalb war er ja hier in der Altstadt und suchte nach einer vertrauten Adresse in einer engen Gasse, die, als wolle sie Jonas necken, sich vor ihm zu verstecken schien, die er jedoch hartnäckig einkreiste.

Endlich bog er richtig ab. Die gesuchte Straße hatte sich durch einen Bauzaun am anderen Ende in eine Sackgasse verwandelt und sich daher so hartnäckig vor ihm verborgen. Ihm war, als würde er heimkehren: Hier hatten sich wie in einer Zeitkapsel die Achtziger erhalten, als ob nicht nur er, sondern auch der Rest der Welt diesen magischen Ort nicht finden konnten. Und im schäbigsten der verwinkelten Häuser, dessen Fachwerk offenbar nur noch von den Wänden der angrenzenden Gebäude und dem wilden Wein an der Front zusammengehalten wurde, wohnte noch immer Binderseil in einer Mansardenwohnung, die allein durch eine Freitreppe im rückwärts gelegenen Hof erreichbar war. Farbige Wimpel, Girlanden und Lichterketten hingen im ersten Stock quer über die Straße; einige Biergartengarnituren standen in Reih‘ und Glied, vergessene Plastikbecher und überquellende Aschenbecher zierten die Tische. Wahrscheinlich hatten die Bewohner gestern ein Straßenfest gefeiert. Hatte das nicht Kathi erwähnt?

Jonas lächelte: Hier war alles wie früher. Er trat an den Tischen vorbei an das Hoftor, die Eingangstür daneben aus alter Gewohnheit ignorierend und rüttelte an den verzogenen schmutzig grauen Holzflügeln, die fest verschlossen wirkten, sich aber, wie er in Erinnerung hatte, durch einen kleinen Druck weit links oben und einem gleichzeitigen Ziehen am Griff problemlos öffnen ließen. Wie oft hatte er nach einer langen Nacht hier Zuflucht gefunden, war durch diesen kleinen Trick ins Haus und damit in Binderseils immer geöffnete Residenz gelangt. Oft hatte er die Gästematratzen belegt vorgefunden und in der Küche neben dem Kanonenofen geschlafen, denn so abgeschieden Binderseils Wohnung auch lag, war sie doch ein Geheimtipp unter jenen, die ein Versteck benötigten, weil sie selbst keine Unterkunft hatten oder auf die eine oder andere Weise mit der Welt oder der Justiz in Konflikt geraten waren.

Jonas betrat den Hof und war endgültig in der Vergangenheit angelangt. Wenn man von der Farbe und der Anzahl der Mülltonnen absah, hatte sich in dem feuchten Hinterhof nichts verändert. Sogar die muffigen, säuerlichen Ausdünstungen von Rost, Farbe und Babywindeln waren geblieben. Auch ein blinder Jonas hätte diesen Hof sofort an seinem einzigartigen Geruch erkannt. Noch immer gab Binderseil hier zwischen Wäschestangen, Fahrrädern und Kinderwägen seine Skulpturen der Witterung preis. Scharfkantige, mannshohe Schweißarbeiten aus verwegen verformten und grob bearbeiteten Baustahlplatten waren das. Sie schaukelten auf aus dem Boden ragenden dünnen Eisenrohren und wirkten, als würden sie jeden Moment umkippen, waren jedoch genau ausgewogen und trotzen auf abenteuerliche Weise den Gesetzen der Statik. Dabei genügte bereits die Erschütterung von Jonas Schritten, die sich über die Rohre verstärkte, um die rostigen Skulpturen in Bewegung zu setzen. Sie sangen dazu eine merkwürdige Melodie. Jonas sah sich kurz um, dann stieg er vorsichtig über ein paar gelbe Tüten mit Plastikmüll und die quietschende, wacklige Außentreppe hinauf, die zu Binderseils Mansardenwohnung führte. Üppig blühende Geranientöpfe und kleine tönerne Figuren standen auf den Stufen. Das war neu und wies auf eine weibliche Hand hin. Wider Erwarten war die Tür zur Residenz verschlossen. Jonas suchte vergeblich nach einer Klingel und klopfte nach kurzer Entschlusslosigkeit gegen die Milchglasscheibe der Tür. Er musste sein Pochen einige Male wiederholen und wollte schon aufgeben, als die Tür, soweit es eine Kette zuließ, einen Spalt breit geöffnet wurde.

„Linus?“, fragte er, „ ich bin es – Jonas.“ Keine Antwort, aber der Türspalt wurde ein klein wenig breiter. Jonas konnte nun das halbe Antlitz einer hübschen dunkelhaarigen Frau erkennen, die etwas jünger als er sein mochte und ihn stumm und abschätzend mit einem großen Auge musterte. Sie sah irgendwie südländisch aus, vielleicht verstand sie kein Deutsch. „Ist Linus da? Ich bin Jonas – Jonas Habakuk, ein alter Freund.“ Sofort hellte sich die Miene der Frau auf und sie fummelte an dem Türschloss.

„Habakuk“, sagte sie und ihre Stimme klang erfreut: „Abakoum. Ich habe dich nicht gleich erkannt. Linus hat gesagt, dass du heute wiederkommst. Er erwartet dich.“ Sie öffnete und trat zur Seite, um Jonas in den Raum zu lassen.

Er wunderte sich kurz über ihre Worte und trat an ihr vorbei direkt ins Wohnzimmer. Binderseils kleine Wohnung besaß keinen Hausflur. Es hatte sich einiges geändert, seit er zuletzt hier gewesen war. In dem Zimmer war penibel aufgeräumt, nur wenige Möbel standen darin. Es gab kein Matratzenlager mehr, stattdessen war ein Fernseher neben dem Bücherregal, wo, er konnte sich erinnern, bei seinem letzten Besuch ein Klavier gestanden hatte.

Jonas wandte sich zu der Frau, die abwartend neben ihm stand, die Hände am Rücken verschränkt. Obwohl sie an ihren nackten Füßen Holzpantoffeln mit hohen Keilabsätzen trug, reichte ihm die kleine, zierliche Frau kaum an die Schulter. Sie war mit einem halblangen Strickrock und einer eng geschnittenen, schreiend bunten Bluse gekleidet. Die dunkelbraunen, fast ins Violette irisierenden Augen waren fast zu groß für das zwar scharf geschnittene, aber sonst fein proportionierte Gesicht, gegen dessen Marmorblässe der Mund wie eine reife, feuchte Frucht abstach. Jonas konnte diesen halb forschenden, halb fragenden Augen, die ein ihm unbekanntes Wort oder eine erlösende Tat zu fordern schienen, nicht standhalten und senkte, von einer Scham, die ihm nicht begreiflich war, den Blick. Ihm fiel auf, dass die Frau nur auf einem Bein stand, den Fuß des anderen hatte sie von dem Pantoffel befreit und hinter die Wade des Standbeins gelegt. Es erstaunte ihn, wie sie in dieser Haltung überhaupt stehen konnte und dann auch noch so ruhig. Einzig die rot lackierten Zehen des Fußes, auf dem sie ruhte, bewegten sich so, als würden sie im Sand eine Kuhle graben. Unglaublich: Dies war eine Frau, in die sich Jonas sofort hätte verlieben können. Seine Brust war eng und er sehnte sich danach, sie in den Arm zu nehmen und sie vor dieser rauen Welt zu schützen. Die Pause dehnte sich, wurde immer peinlicher. Schließlich räusperte sich Jonas, sich vom Anblick der in der Sohle des Schuhs wühlenden Zehen lösend und sich erneut ihrem Blick aussetzend.

„Und du bist …“, fragte er. Die Frau lachte fröhlich.

„Edaine“, erwiderte sie, flüsterte die zwei Silben, als würde sie ihm ein Geheimnis verraten. ‚Was für ein ungewöhnlicher, seltener Name’, dachte Jonas, ‚ist das irisch?’ Aber er war ja selbst mit einem seltsamen Namen belastet und wollte nicht weiter fragen.

„Hallo, Edaine. Ja, und ist es denn möglich, den Linus zu sprechen? Ich hoffe, ich komme nicht zu früh.“

„Nein, noch haben wir vier Tage Zeit“, erwiderte sie unsinnigerweise, zwinkerte dann und lächelte. Es war ein Strahlen, das den ganzen Raum heller machte. „Wir hatten zwar gestern ein Fest, bei dem es spät wurde – aber das weißt du ja selbst. Linus ist schon lange wach. Er schläft nicht gut, weißt du.“ War sie nicht ganz klar im Kopf? Sie wirkte nicht, als hätte sie irgendwelche Drogen genommen. Jonas runzelte die Stirn. Sie schien seinen prüfenden Blick nicht zu bemerken, denn sie fuhr ruhig fort:

„Wir sind schon lange wach. Ich werde mal meinen Binderseil holen.“ Statt zurück in ihren Schuh zu schlüpfen, schleuderte Edaine den zweiten in einer eleganten Bewegung zur Seite und machte ein paar tänzerische Schritte auf eine Tür zu, hinter der Jonas das Schlafzimmer wusste. Dann wandte sie sich noch einmal herum. Obwohl er ihr Alter vorhin sicher richtig auf Mitte dreißig geschätzt hatte, wirkte sie nun wie ein zwölfjähriges Mädchen, das harmlos mit einem Besucher der Familie flirtet und im Spiel die Hausfrau ersetzt.

„Wenn du hier warten willst – im Kühlschrank stehen noch ein paar Getränke von gestern. Es wird etwas dauern, fühle dich wie zu Hause.“ Sie deutete fast so etwas wie einen Knicks an und dabei fuhr ihre Hand zum Mund, als wolle sie ein Lachen verbergen, das dann wirklich aus ihr hervorbrach. Es war ein lautes, ansteckendes Gelächter voller unbeschwerter Kinderfröhlichkeit. Dann verschwand Edaine eilig hinter der Schlafzimmertür, ließ Jonas erstaunt, aber auch gutgelaunt zurück.

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Er nutzte neugierig die Gelegenheit, seine Umgebung aufmerksamer zu untersuchen. Wie bei Räumen üblich, in denen man früher einmal viel Zeit verbracht hat – Jonas erinnerte sich an durchdiskutierte Nächte, Partys und den einen oder anderen Exzess auf dem nun nicht mehr vorhandenen Matratzenlager – wirkte ihm das Zimmer viel kleiner, als er es in der Erinnerung bewahrt hatte. Ihm fiel neben der Tür zur Küche ein Gemälde über dem Fernseher auf, das er bislang übersehen hatte. Es stellte eine ferne exotische Stadt oder auch eine Ruine dar, so genau war das nicht zu entscheiden, da die Konturen in einer von Hitzeschwaden halb aufgelösten Wüstenlandschaft schwammen. Das Ganze wirkte auf eine Weise sehr realistisch, lief aber ständig Gefahr, vor dem irritierten Blick des Betrachters in einen kubistischen Farb- und Formenwirbel zu zerbrechen. Jonas hatte zwischenzeitlich das unangenehme Gefühl, durch ein Fenster auf eine tatsächlich existierende Landschaft zu sehen, der Effekt wurde durch die Größe und die Form des Rahmens noch verstärkt. Das war eine handwerklich außerordentliche Leistung; ob es Kunst war, wollte Jonas nicht entscheiden. Eine Signatur suchte er vergeblich. Er musste sich bei Linus nach dem Maler erkunden, denn dass dieser auf seine alten Tage plötzlich die Malerei entdeckt hatte und statt seinen filigranen Schweißarbeiten Landschaften schuf, bezweifelte er. Zudem war dies das einzige Bild im Zimmer.

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