Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (2. Kapitel – Teil 3)

Ich wurde also mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund im Juni 1953 geboren. Aber das Schicksal verwehrte mir das Glück, ein Einzelkind zu sein. Am Tag meiner Geburt wurde nicht nur ich vom Arzt aus dem sterbenden Leib meiner Mutter geschnitten, sondern auch mein Zwillingsbruder Ruben, eben jener Fluch meiner Existenz. Ja, wir Waldeschers sind alle mit einem Fluch beladen. Je glücklicher unser Händchen bei Geschäften und bei unseren politischen und sozialen Karrieren ist, um so sicherer versagen wir im Privaten – wir haben kein Liebesglück. Es ist kein Wunder, wenn mein Großvater oder Onkel Balder der Liebe völlig abschworen und bösartige, verknöcherte Männer wurden, die nur mit Spott und Zynismus auf diesen Makel reagierten, wie sie die Emotionen im Allgemeinen und die Liebe im Besonderen nannten. Diese Einstellung rächt sich irgendwann, schließlich holt sich die Natur immer die Investition zurück, die sie in einen Menschen gesetzt hat. Das in all seiner Schrecklichkeit auch komische Schicksal meines Onkels mag dafür ein beredtes Paradigma sein, aber es fehlt heute leider die Zeit, seine Geschichte zu erzählen. So vieles würde ich dir gerne berichten und so wenig Zeit haben wir zusammen. Doch ich denke, du kannst dir nun ein Bild machen. Sprechen wir von mir. Auch ich litt von der Stunde meiner Geburt am Waldescherschen Fluch, durch den alle persönlichen Bindungen nur Leid und Kummer erzeugen, auch wenn er sich für mich ganz besonders gestaltete. Meine schulische und später berufliche Karriere, die mich wie von einem Naturgesetz festgelegt in den väterlichen Betrieb führte, war makellos, nie gab es auch nur einen Stillstand oder gar Rückschläge; meine Versuche jedoch, zu Menschen meiner Umgebung engere Beziehungen aufzubauen, endeten immer in einer Katastrophe für mich und die geliebte Person.

Für meinen Vater war ich während meiner Jugend kaum existent, höchstens, dass ich ihn ein paar Mal durch lautstarke Spiele in seiner Arbeit störte; dann nahm er mich kurz wahr, sah mich mit einer seltsamen Mischung aus Trauer und Vorwurf an. Dieser Blick allein genügte, mich zum Schweigen zu bringen. Er starrte mich an, bis ich verstummte, drehte sich um und ging ohne ein Wort aus dem Zimmer. Dort saß er immer allein, arbeitete bis in die Nacht für den Betrieb und hatte überhaupt einen Tagesrhythmus, der sich ganz bewusst von dem meinen unterschied. Bestimmt machte er mich für den Tod seiner Frau verantwortlich, die ja bei meiner Geburt gestorben war. Er hatte danach bis auf eine bemerkenswerte Ausnahme nie mehr eine Beziehung und all seine Damenbekanntschaften blieben auf einer oberflächlichen, der gesellschaftlichen Konvention genügenden Ebene. Die erwähnte Ausnahme war meine Erzieherin Lina Brunswick, in die wir beide verliebt waren; ich zum ersten, er zum letzten Mal. Diese junge hübsche Frau, die unsere Lieben im Stillen erwiderte, konnte unmöglich unseren beiden Ansprüchen genügen und zerbrach an der zur Schau gestellten Kälte meines Vaters, der sich der gesellschaftlichen Barriere zu bewusst war, um sich vor seine Liebe zu stellen. Lina war eine schlanke, zerbrechlich wirkende Person, die aber genau die richtige Portion Festigkeit und Konsequenz mitbrachte, die für ihren Beruf wichtig waren, dazu einen wirklich warmherzigen Charakter. Sie trug ihr schwarz glänzendes Haar kurz als einen etwas verstrubbelten Pagenkopf und dazu immer einfach geschnittene, aber überaus elegante dunkle Kleidung, wie sie heutzutage gar nicht mehr hergestellt wird. Allein in ihrem blassen Gesicht leuchteten drei Farbflecken: Ihre hellgrünen Augen und ihr voller Mund, der sie mit einem brennend roten Lippenstift nachgezogen hatte.

Was sage ich: Lina war für ein paar Jahre in meinem Leben alles, die Mutter, die ich verloren hatte: Sonnenschein, Wärme, Nähe, alles kam von ihr. Sie machte jeden Tag zu einem guten, gab ihm einen Sinn. Sie schenkte unserem großen, leeren Haus, in dem außer meinem Vater und mir noch Onkel Balder und ein paar Angestellte wohnten, Leben und Liebe. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass sie die Sonne war, um die sich wir anderen wie abhängige Gestirne drehten. Lina eröffnete meinen Tag und beschloss ihn.

Doch jetzt muss ich von meinem Bruder Ruben reden. Du hast ihn doch nicht vergessen? Nein, er ist nicht bei der Geburt gestorben, er lebte das gleiche Leben wie ich. Aber ich war der einzige, der ihn bemerkte. Ich sehe es deinem Gesicht an. Nun glaubst du, ich sei verrückt. Das ist es, was es mir so schwer macht, dir meine Geschichte zu erzählen. Deine Zweifel sind eine verschlossene Tür, die wir gemeinsam öffnen müssen. Und wir haben nur wenige Tage Zeit. Also höre einfach zu, nimm diesmal noch an, ich erzählte dir ein Märchen: Mein Bruder wurde wie ich am selben Tag zur selben Stunde der selben Mutter entbunden und war wie ich verantwortlich für ihren Tod. Die Gewalt, mit der wir uns ins Licht der Welt zwangen, war zu viel für das zart gebaute, engelhafte Wesen, das wir dabei innerlich zerrissen. Während wir mit unserem doppelten Schrei unsere Leben einforderten, hauchte sie das ihre seufzend aus. Engel sterben weinend. Ich weiß nicht, wie und weshalb es passierte: Aber mein Bruder und ich wurden in verschiedene Welten hineingeboren. Du bist skeptisch, Abakoum, aber das geschieht häufiger als du glaubst – einzig war vielleicht unser Kunststück, so verbunden zu bleiben, wie wir es im Mutterleib waren. Durch dieses Band gelang es uns auch immer wieder, die Welten zu wechseln. Das war am Anfang kein bewusster Akt, keine Absicht – es geschah einfach. Kinder haben häufig diese Fähigkeit. Sie vertiefen sich in ihr Spiel, sind völlig eins mit ihm. Eben hast du sie gesehen, nimmst vielleicht noch aus den Augenwinkeln ihre Bewegungen wahr. Dann sind sie plötzlich weg. Sie fallen so vollkommen aus dieser Welt, als hätte es sie nie gegeben, hinterlassen dabei höchstens einen Moment der Leere, ach, was sage ich, du hast es ja schon erlebt. Mich und meinen Bruder gab es übrigens nie beide zugleich in einer Welt, einer füllte innerhalb eines Zwinkerns die wirbelnde Lücke, die der andere hinterließ. Wie ich sagte, geschah das niemals absichtlich, zumindest nicht von meiner Seite. Bei Ruben bin ich mir da nicht so sicher. Ich sträubte mich sogar gegen den Austausch, denn seine Welt, so ähnlich sie auch meiner war, verunsicherte mich zutiefst, während ich nach und nach den Eindruck gewann, dass er seine Freude an unseren „Doppeltes-Lottchen“-Spielen hatte. Woher ich das weiß, wo ich ihm doch nie begegnete? Ganz einfach: Er hinterließ mir in seiner Welt Botschaften. Sobald er begriffen hatte, was geschah, suchte er zu seinem unbekannten Zwilling genau den Kontakt, den ich vermeiden wollte. Ich antwortete ihm nie, ich wies diese Verwandtschaft weit von mir und erduldete die Stunden und manchmal Tage in seiner Welt, bis es endlich wieder zum Tausch kam. Meine Zeit „drüben“ war eine Qual, die ich erlitt, immer hoffend, der nächste Austausch würde der letzte sein.

Vorhang

Später begann Ruben, sich nachdrücklicher bemerkbar zu machen. Zuerst waren es Kleinigkeiten – er hinterließ Unordnung in meinem Zimmer, versagte absichtlich bei schulischen Arbeiten, spielte dem Kindermädchen kleine Streiche: schüttete Salz in die Zuckerdose, verstopfte die Toilette – solche Dinge eben. Als ich noch immer nicht reagierte, in mein sonderbares Schicksal ergeben wieder Ordnung schuf und mich für Taten entschuldigte, die ich nicht begangen hatte, wurden seine Streiche gemeiner. Schließlich sah ich mich doch gezwungen, ihm auf eine seiner Botschaften, in der er meinen Hund Kolja bedrohte, zu antworten. Sein Ziel war, mir zu begegnen. Ihm war klar, dass es sich um eine gemeinsame Anstrengung handeln musste und er glaubte, es gäbe einen Platz, zwischen Wachen und Schlafen angesiedelt, an dem wir uns treffen konnten. Hier wie dort, in meiner oder seiner Welt, war das nicht möglich, nicht einmal denkbar, weil wir den selben Ort zur gleichen Zeit einnahmen. Aber im Traum – oder wie immer man die Ebene, auf der wir wechselten, nennen will – dort, meinte er, würden wir uns begegnen können. Es sei nur eine Frage des Willens, der Konzentration. Dazu wollte er mich mit seinen Drohungen zwingen und ich musste wohl auf dieses Spiel eingehen, wenn ich das Leben eines der beiden Wesen, die ich liebte, retten wollte.

Ich möchte mich nur kurz über die Welt meines Bruders auslassen, sie kam der unseren so nah wie die gelungene Kopie eines zwar talentierten, aber geistlosen Fälschers dem Original ist. Ich denke, das trifft es ganz gut – seine Welt war im Großen und Ganzen exakt geklont. Zwar war manche Person in Rubens Welt an einem anderen Ort als in der meinen, andere, wie etwa meine Erzieherin Lina, schien es dort überhaupt nicht zu geben; die Kopie konnte aber einem kritisch prüfenden Blick standhalten. Was fehlte, war die Seele. Die Menschen, denen ich dort begegnete, wirkten auf mich wie Gespenster. Sie machten ihre täglichen Verrichtungen, aber ich hatte immer den Eindruck, sie müssten sich dazu zwingen, so, als spielten sie widerwillig ein Theaterstück, das sie durch einen allzu rigiden Regisseur einschränkte. Wenn sie etwas sagten, klang es ganz normal aus der Situation erwachsen, aber es waren kurze Pausen vor ihren Worten, Momente, in denen die Zeit aussetzte, als müssten sie sich ihren Text in Erinnerung bringen. Und in ihrem Tonfall klang immer ein Ennui mit. Diese kleinen Pausen vor den Antworten machten mir zuerst deutlich, dass ich mal wieder die Welt gewechselt hatte. Mich beschlich das Gefühl, an einer Theateraufführung teilzunehmen, die nur wegen mir aufgeführt wurde. Ich war das einzige handlungstragende Element: Oft dachte ich, wenn eine Person abtrat und das Zimmer verließ, hörte sie auf zu existieren oder schlüpfte aus ihrer Rolle und war jemand ganz anderer. Aber ich ertappte niemanden. Du verstehst, mich graute vor dieser Welt, in die ich zwei-, dreimal im Jahr für Stunden und Tage, manchmal auch für Wochen und, als ich neun oder zehn war, für fast ein ganzes Jahr geworfen wurde. Ich konnte meinen Zwilling durchaus verstehen, wenn er alles unternahm, seine Welt zu verlassen. Auch seine emotionale Kälte und seine Rücksichtslosigkeit wurden dadurch begreifbar. Er glaubte, ich würde das Leben leben, das ihm zustand. Und wenn er es nicht bekommen konnte, dann würde er es eben für uns beide zerstören. Deshalb wollte er mich treffen: Er wollte einen endgültigen Wechsel erzwingen.

Mir war das alles sofort klar, als ich von dort zurückkehrend seine Mitteilung fand und dem knurrenden Misstrauen meines geliebten Hundes begegnete, den er offenbar gequält hatte. Er besaß übrigens kein Haustier in seiner Welt. Kolja beruhigte sich bald und wich in der Folge kaum mehr von meiner Seite. Er mochte spüren, vielleicht riechen, dass wir trotz unserer Ähnlichkeit zwei verschiedene Personen waren. Noch jemand betrachtete mich in der Folgezeit mit anderen Augen – das war meine zweite große Liebe, nämlich meine Erzieherin; Lina wusste: Etwas war anders, auch wenn sie es nicht begreifen konnte und meine zwei so unterschiedlichen Ichs ihr als ein Zeichen früh einsetzender Pubertät galten.

Ruben hatte auf seinen Mitteilungen geschrieben, wir sollten in der Nacht der Sommersonnenwende wechseln und zwar zum ersten Mal bewusst. Er wollte mir im Traum des Erwachens begegnen, jenem unruhigen Schlaf, den nur mehr ein Hymen von der Wirklichkeit trennt. Ich fürchtete mich vor diesem am Anfang der Ferien liegenden Tag und gleichzeitig die Gefahr, die mein dunkler Zwilling für die darstellte, die ich liebte.

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