Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (1. Kapitel – Teil 1)

  1. Kapitel
    Katharinas Aufzeichnungen

Ich wollte nicht in dieses Haus, nicht diese Tür öffnen, nicht diese Schwelle überschreiten. Aber mir blieb keine Wahl. Es war die letzte Fluchtmöglichkeit, die mir noch blieb.

Durch einen Blick über die Schulter überzeugte ich mich, feuerte mich selbst zur Entscheidung an. Der Ort, an dem ich mich eben befunden hatte, eine Altstadtgas­se mit eng an eng geschmiegtem, vornübergebeugtem Fachwerk, das ermattet seine Schatten auf die holprigen Pflastersteine kippte, darüber ein vom Tag müder orangefarbener Abendhim­mel, den wenige schimmlige Wolkenflecken verschmutzten: All das war fort, war ver­loren und so fern, als hätte es nur in einem Traum existiert.

Hinter mir dehnte sich eine endlose Ebene aus, eine in der Hitze schwimmende Wüste, über der Staubschlangen verwickelte Tänze aufführten, deren Schritte nur sie selbst kannten. Trügerisches Licht drang durch die Schleierwolken, diffus und doch grell, im Puls eines unbekannten Herzens pochend. Von meiner Welt war mir nur ein Schmerz, ein helles Kreischen in den Ohren verblieben. Dieser Tinnitus allein war übrig von der Stadt, die ich bewohnte, von dem Leben, das ich führte. Aber noch gab es das Haus, vor dessen großen Flügeltüren ich nach meiner hilflosen Flucht um Atem rang. Einsam stand es inmitten der verlorenen Wüste, dieser eben noch so lebendigen, nach einem Augenzwinkern bereits vollkommen toten Welt, die scheinbar seit Äonen geduldig auf ihren Demiurgen wartete, der sie nach einem ersten Entwurf abgelenkt zur Seite geschoben und vergessen hatte.

Ich fürchtete das unheimliche Haus. Mich ängstigte die gierig mir entgegen ragende Türklinke in der Form einer messingfarbenen Eule, die Flügel zum Beuteflug entfaltet, den spitzen Schnabel in einem erstarrten Schrei geöffnet. Ich wollte nicht hinein in den Hort dieses Ungeheuers. Ich wusste, hier würde mich ein Schicksal einholen, dem ich bislang erfolgreich entflohen war.

Ich beschattete die Augen und sah nach oben, versuchte, die Fassade des ausladenden Gebäudes abzuschätzen. Ich wollte durch die Fenster eine Bewegung in den hinter schweren Vorhängen verborgenen Räumen erhaschen. Vergeblich: Diese Villa wirkte so tot wie alles um mich. Sie war auch nicht in der Altstadtgasse gestanden, durch die ich vor Sekunden noch gehetzt gerannt war. Ich war sicher: Sie war gleichzeitig mit mir in jener Wüstenei am Anfang oder am Ende der Welt erschienen.

Er fiel mir wieder ein, mein über dem Schock der Transposition kurz vergessener Verfolger, vor dem ich um Hilfe rufend geflüchtet war – weg von Binderseils Atelierfest, jener Falle für Jonas. Ich hetzte durch ein wirres Labyrinth enger Gassen und Hinterhöfe, über Zäune und Hecken und hinter mir jagte mich ein immer näher kommender, keuchender Schatten! Ich wusste, würde mein Feind mich endlich einholen, er würde mich ohne zu zögern mit dem Steakmesser töten, das er beim Grill mitgenommen hatte. Ich war der einzige Mosaikstein seines Plans, der noch nicht an seinem von ihm vorbestimmten Platz lag. Ein fester Stich in den Rücken und alles erfüllte sich für ihn. Ich konnte die Stelle bereits spüren, an der sein Messer wie ein heißer Blitz in meine Lenden dringen würde.

Gleichzeitig hatte ich eine Erkenntnis, sie übergoss mich wie Eiswasser: Selbst an diesem fremden Ort, undenkbar weit von zuhause entfernt, würde ich ihm nicht entkommen können: So einfach ließ er mich nicht ziehen! Er war weiter hinter mir her, war mir gefolgt. Vielleicht hatte er mich auch bewusst verschleppt, an diesen Ort, an dem ich mich nicht verbergen konnte und an dem es keine Zeugen gab. Dazu war er fähig.

Erneut sah ich zurück. In der unendlichen, von Hitzeschlieren durchwaberten Ebene flackerte fern eine schmale, schwarze Flamme, wie ein irrer Derwisch um sich selbst wirbelnd: Das war mein Mörder! Er kam rasch näher, um sein Werk zu vollenden. Ich kannte kein Zögern mehr. Es gab für mich einen Fluchtpunkt, einen Ort allein, an dem ich mich verstecken konnte: Es war das Haus, das ich instinktiv so sehr fürchtete. Ich spürte, dass es der Schauplatz eines unaussprechlichen Verbrechens war; eine blutbesudelte, entweihte Zuflucht, die ihre trügerische Macht verlor, wenn man sich zu lange in ihr aufhielt. Ganz plötzlich, nach ein paar Reim- oder Zauberworten, konnte die Villa auch zur Falle werden. Wenn ich mich jedoch für den Augenblick vor dem heran eilenden Monstrum retten wollte, musste ich mich diesen Ängsten stellen. Es gab keinen anderen Unterschlupf mehr für mich.

Ich packte die Eulenklinke mit beiden Händen, zerrte an ihr, rüttelte verzweifelt: Die Tür blieb von meinem Versuch unbeeindruckt. Sie ließ sich nicht öffnen, nicht einen winzigen Spalt. Wieder ein panischer Blick zurück, er war näher gekommen. Deutlich zeichneten sich die Umrisse des massigen Mannes im grellen Licht. Er rannte, fürchtete wahrscheinlich, ich würde ihm doch noch entkommen. Vielleicht war ihm wie mir der Gedanke gekommen, dass das Haus eine Anomalie im endlosen Nichts war, ein Platz der Zuflucht und des Waffenstillstands, wo man ausruhen und Kräfte sammeln konnte. Die Eulenvilla war ein Ort des Asyls, den wir als Kinder beim Fangenspielen als „Gotto“ bezeichneten. Gotto, das war ein magisches Wort, es gab mir Mut. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, konzentrierte sie an einem Punkt und hängte mein Gewicht an den Griff. Je eine Hand an einem Flügel zerrte ich, erneut vergeblich um Hilfe schreiend. Wer sollte mich in dieser Einöde hören? Jetzt vermeinte ich schon den keuchenden Atem meines finsteren Verfolgers in meinem Nacken zu spüren. Das war nur Einbildung, so schnell konnte er nicht herankommen, selbst wenn er wie der golden glänzende Nachtvogel in meinen Händen über den Teppich aus Hitze fliegen konnte, der über der Wüste lag. Ich traute mich nicht, nachzusehen, doch mein panisch umher irrender Blick fiel auf den Klingelzug neben der Tür.

Konnte es so einfach sein? Nur an dieser Klingel ziehen? „Ober mir, unter mir – links, rechts gült’s nicht! Gotto, Gotto, eins-zwei-drei! Ich bin jetzt frei!“, rufen und eintreten durch das wie von Geisterhand geöffnete Tor in die trockene, staubige Kühle des Hausgangs? Die Zehen entschlusslos in den weich ausgetretenen Orientteppich bohren, mit nackten Füßen vorwärts schleichen in das Dämmerlicht, weil die hohen, unbequemen Schuhe längst hinweggeschleudert waren während der heillosen Flucht durch die Gassen meiner Heimatstadt?

Die Tür jedenfalls fiel lautlos hinter mir ins Schloss. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit Stunden in Sicherheit. Jeder kennt den Eindruck, wenn er an einem hellen Sommertag nach einem längeren Aufenthalt im Freien in einen abgedunkelten Raum tritt. Alle Farben scheinen in die Wände gewichen und lastende, abwartende Stille liegt über den Dingen, als wären sie beleidigt, dass man ihre Abgeschiedenheit mit Sonnenwärme und Gerüchen stört, die man von draußen hereinbringt. Es ist eine Sinnestäuschung. Die Dinge, auch die altmodischen Schränke und Kommoden in diesem langen Korridor, sahen mich nicht an. Sie lebten eine andere Zeit. Und doch fühlte ich mich beobachtet, als wären überall in den hochherrschaftlich holzgetäfelten Wänden verborgene Ritzen und Löcher, durch die mich abschätzig feindselige Augen musterten.

Jemand rumpelte mit einem lauten Krachen gegen die Tür hinter mir, als würde sich ein schwerer Körper mit voller Wucht gegen das Holz werfen. Ich drehte mich zu Tode erschrocken herum. Das kam so plötzlich, dass mein Herz für einen Moment aussetzte. Die Tür ächzte und stöhnte. Staub rieselte aus den Zargen. Aber sie hielt stand, hielt einen weiteren und einen dritten Schlag, der sich schon etwas schwächer, resignierter anhörte.

„Sei verdammt, Lina! Sei verdammt!“, brüllte da draußen eine sich überschlagende Stimme. Ich wich vorsichtig rückwärts und stieß gegen eine Gestalt, die von hinten an mich herangetreten war. Eine junge Frau mit burschikos kurzem Pagenschnitt stand da in einem altmodisch geschnittenen schwarzen Kleid und musterte mich mit neugierigen, hellen Augen. Ich hatte sie nicht an mich herantreten hören, was bei dem Lärm, den mein Verfolger vor der Tür veranstaltete, auch nicht weiter verwunderlich war. Sie trug wie ich keine Schuhe, aber ihre nackten Füße steckten in seidig glänzenden Nylons. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas so gespenstisch durchscheinendes, dass ich mich fürchtete, sie anzusprechen, damit sie sich nicht in einer Nebelschwade auflöste.

Jetzt schlug der Mann draußen vor der Tür mit der flachen Hand gegen das Holz:

„Herrgott, Lina! Ich bring dich um!“ Seine brechende Stimme klang, als würden ihm gleich die Tränen kommen. Aber die Frau zog ironisch ihren knallrot geschminkten Mund nach oben.

„Das würde ich gerne erleben.“ Ihr Lächeln verstärkte sich. Erleichtert stellte ich fest, dass ich es trotz der bleichen Hautfarbe durchaus nicht mit einem Gespenst oder einer anderen übernatürlichen Erscheinung, sondern mit einer jungen Frau in meinem Alter aus Fleisch und Blut zu tun hatte.

„Was ist hier los, Lina?“, fragte ich. „Du bist doch Lina?“ Sie senkte bestätigend den Kopf.

„Komm, wir suchen uns ein ruhiges Zimmer. Leider haben wir nicht viel Zeit.“ Entschlossen hakte sie sich bei mir unter, führte mich aus dem Flur durch eine hohe Flügeltür in einen Wohnraum, dessen barock angehauchte Möbel mich an die frühen Sechziger Jahre erinnerten. Hierher passte sie mit ihrem Kleid, das hochgeschlossen spitz die Büste ausformte und eine Handbreit unter dem Knie endete. Hinter uns entdeckte der Verfolger offenbar den Klingelzug, den er hartnäckig betätigte. Lina ließ die Türflügel hinter sich ins Schloss fallen und sperrte den Lärm aus. Sie trat einen Schritt näher an mich heran.

„Ich würde dich so gerne kennenlernen“, stellte sie fest und berührte mich wieder am Arm, als müsse sie sich von meiner Existenz überzeugen. Ich nickte abgelenkt. Mein umherirrender und noch immer gehetzter, ein sicheres Versteck suchender Blick war auf einen großen, schrankartigen Fernseher gefallen. Dessen spiegelnde und nach vorn gewölbte, stumpfgraue Bildschirmscheibe kennzeichnete ihn als ein uraltes Schwarzweißgerät. Wenn der Fernseher, auf dem eine goldene Zimmerantenne und ein Azaleenstock ruhten, noch funktionierte, musste er ein Vermögen wert sein. Ich kicherte, weil mir das Absurde meiner Situation bewusst wurde: Ich stand mit bloßen Füßen auf einem dicken Teppich aus Schafwolle in einem von einem Mörder belagerten Haus inmitten einer unwirklichen Marslandschaft vor einer attraktiven Frau, die aus ihrer Zeit gefallen war und schätzte den Wert einer ihrer Antiquitäten ab. Lina fiel in mein Lachen ein, auch wenn ihr der Grund nicht klar sein konnte. Eine dritte hohe Stimme ließ sich glucksend lachend hören: Sie stammte von einem sehr fetten Mann, der im Hintergrund des Raumes neben einer hohen, laut tickenden Standuhr auf einem geblümten Sofa saß. Er schaffte es gerade so, seine Finger über seinem gewaltigen Bauch zu verschränken.

„Das ist Onkel Balder“, flüsterte mir Lina zu, „das Beste ist, du beachtest ihn nicht.“ Sie senkte ihre Stimme noch weiter. Ich musste meinen Kopf ganz nah zu ihrem bewegen, um sie noch zu verstehen: „Er ist ein wenig seltsam, aber vollkommen harmlos. Darf ich, Katharina?“ Ohne auf meine Antwort zu warten, hob sie die Hand vom Arm an meine Wange. Sie streichelte sie mit dem Rücken ihrer schmalen Finger, deren sauber und spitz gefeilte Nägel exakt im Farbton des Lippenstifts leuchteten. Ich wich vor der plötzlichen, mir viel zu intimen Nähe zurück.

„Woher kennst du meinen Namen?“, staunte ich. Onkel Balder in der Ecke steigerte sein Lachen in einen besorgniserregenden Erstickungsanfall, den er allerdings so abrupt beendete, wie er ihn begonnen hatte. Es war, als besäße er einen verborgenen Schalter, mit dem er sein Gelächter ein- und ausknipsen konnte. Lina wartete geduldig, bis er verstummte.

„Willst du nicht in die Küche gehen und uns einen kleinen Imbiss zusammenstellen, Onkelchen? Wir speisen später in der Bibliothek“, wand sie sich an ihn. Der fette Mann erhob sich erstaunlich gewandt aus dem Sofa und entfernte sich ohne eine Antwort durch eine unscheinbare Tapetentür. „Du hast doch ein wenig Hunger, Katharina, oder?“

Ich wollte auf meiner Frage, woher Lina mich kannte, beharren. Sie ließ mich nicht zu Wort kommen: „Dabei können wir auch alles bereden. Du willst dich sicher vorher noch frisch machen, oder? Du bist ja ganz staubig und verschwitzt von dem Dreck und der Hitze da draußen vor der Tür. Wie scheußlich ist die Welt, die die beiden uns übrig gelassen haben! Ein wenig Zeit ist noch, denke ich. Es wäre auch kein Fehler, sich zum Essen etwas Anständiges anzuziehen.“ Sie musterte abschätzend mein durch die Flucht in Mitleidenschaft gezogenes Minikleid. Sie hatte recht: Ich war nicht gesellschaftsfähig. Wenn ich mich fünfzig oder sechzig Jahre in der Vergangenheit befand, dann sollte ich mich besser den Gepflogenheiten dieser Zeit anpassen. Eine Frage wusste ich allerdings noch. Sie war die mich beherrschende:

„Aber ein Traum….“, ich zögerte, „…ein Traum ist das nicht?“

Lina lachte wieder. Es war das freundliche, ansteckende Lachen eines kindlichen, warmherzigen Gemüts. „Nein. Ein Traum ist das nicht. Es sei denn, das Leben wäre ein Traum; ein Traum, gefangen in einem Traum.“ Sie nickte, als hätte sie etwas sehr Wichtiges gesagt. Mit sehnsuchtsvollem Blick sah sie zum Fenster, dessen zugezogene Vorhänge zwar Licht in den Raum ließen, aber die schreckliche Wüste mit ihrer Hitze und ihrem Staub ausschlossen.

Ein Schatten zeichnete sich auf dem Stoff ab. Jemand stand draußen vor dem Fenster. Richtig, die Klingel war seit einer Weile verstummt. Das war mein Verfolger, er gab nicht auf! Wie ich geahnt hatte, war die Sicherheit des Hauses eine brüchige. Lina drückte mir gedankenschnell ihren Zeigefinger auf den Mund. Aber diese Geste war nicht nötig. Ich wagte es ja kaum, Luft zu holen. Zu Statuen unser selbst erstarrt, verharrten wir regungslos und lauschend. Das Gleiche machte wahrscheinlich die Gestalt draußen im Freien. Ich hörte ein leichtes Klirren von Fensterglas. Es folgte ein Geräusch, das sich wie das Schaben eines Werkzeugs auf Holz anhörte.

„Lina, Lina“, war eine Stimme zu vernehmen, ganz nah und kaum gedämpft, als würde sie nicht draußen im Sand, sondern direkt neben uns erklingen. War das Fenster hinter den Vorhängen etwa geöffnet? Wenn er jetzt einfach den Stoff zur Seite schob, dann würde er uns zweifellos entdecken. „Lina, ich krieg dich doch!“ Trotz der hörbar mitschwingenden Wut sang die Stimme die Worte fast. Ich zuckte zusammen, hätte laut aufgeschrien, wenn mir nicht meine Beschützerin weiterhin fest den Finger auf die Lippen gepresst hätte. An meinen Armen stellten sich Haare auf, als würde jemand auf sie hauchen.

„Und morgen“, fuhr der Mann mit seinem Singsang fast fröhlich fort, als sage er einen alten Kinderreim auf, der ihm gerade in den Sinn kam, „hole ich mir mein Kind. Lina, Lina, sieben, acht, neun, du wirst das noch bereu’n.“ Der Schatten bewegte sich, glitt über den Vorhang, verschwand. Die Stimme wurde zugleich schwächer, summte nur noch ihre einfache Melodie, verstummte dann. Es dauerte einige Zeit, bis wir es wagten, uns zu bewegen. Ganz vorsichtig löste Lina ihren Finger von meinem Mund.

„Nein. Dies ist kein Traum“, sagte sie so ruhig, als hätte das Intermezzo sie gerade überhaupt nicht erschreckt, „denn der Traum bringt den Tod.“

Eulenvilla

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2 Gedanken zu „Aber ein Traum – Roman (1. Kapitel – Teil 1)

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