Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nutzlose Menschen – Roman (Teil VIERUNDZWANZIG)

»Nutzen wir dir die Gelegenheit«, sagte Gitta, als ihr Andernaj weit genug entfernt schien, »und lass uns jetzt endlich von hier verschwinden. Das bringt doch alles nichts und jetzt habe ich wirklich Hunger.« Beate winkte ab, während sie ihren Wein austrank und das Glas zurück auf die Theke stellte.

»Nicht doch, ich denke gar nicht daran! Jetzt wird es doch endlich wieder interessant«, protestierte sie; dann sah sie Anderaj nachdenklich hinterher. »Warte mal einen Augenblick. Ich will nur etwas überprüfen, denn ich habe da so einen Verdacht.« Sie ließ die schwach protestierende Gitta stehen und folgte Andernaj aus dem Gastraum. Sie hatte sich nicht getäuscht. Der Alkoholiker stand in einem schmalen Vorraum, der zu den Toiletten und in die Küche führte. Er telefonierte und wie die meisten Handybenutzer in einer Lautstärke, als wäre er allein auf der Welt. Interessant, dachte sie, sein Bier kann er sich nicht leisten, aber er hat ein Telefon. Da ständig Menschen ein- und ausgingen und Andernaj ihr den Rücken zuwandte, bemerkte er sie nicht. Sie pirschte sich vorsichtig an ihn heran und stellte sich so nah hinter ihn, dass sie sein Gespräch belauschen konnte. Dabei hatte sie kein schlechtes Gewissen. Schließlich war sie es, die betrogen werden sollte. Da war sie sich absolut sicher.

»… was heißt zu früh?«, protestierte Alfons gerade und er klang gereizt. »Du hast ja keine Ahnung! Die Mädels sind nich‘ so doof wie dein Sapher! Soll ich ihnen vielleicht Krieg und Frieden vorlesen, um sie noch ein bisschen aufzuhalten? Dein Zeitplan is‘ dein Problem.«Er lauschte nickend. »Es musste doch alles natürlich sein, weißt schon, sich spontan ergeben. Ich hab auf jeden Fall getan, was ich konnte. Ich bin doch nun wirklich kein Schauspieler. Wir kommen jetzt. — Du, weißt du, wieviel ich gesoffen hab‘? Mir rutscht schon wieder dauernd das rechte Auge weg und dann sehe ich alles vierfach. — Ja, hehe. Weh‘ mir, das Alter! Außerdem bin ich kein Taxifahrer, das bemerken sie sofort, die Mädels sind doch nicht auf den Kopf gefallen. — Ha? Eine Stunde? Du hast ja ’n … ich mein, du machst mir Spaß. Ich kann froh sein, wenn sie noch da sind, wenn ich vom Klo komm‘. Die Alte vom Sapher würd‘ sich am Liebsten gleich verdrücken. Nur gut, dass sie auf ihre Freundin hört.  — Ja, die Czesny, du kennst sie ja. — So, da sind Sie sich also sicher, Dr. Mabuse, hehe? — Du musst es ja haben, is‘ ja nich‘ mein Geld. Ne halbe, höchstens. — Ja, gut, ich versuch’s.«

Beate bemerkte, dass Andernaj dabei war, sein Gespräch zu beenden.  Sie wollte nicht beim Lauschen ertappt werden und flüchtete eilig in die vornehme Damentoilette, bevor er sich umdrehte. Sie sah in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing, nickte sich zu und begann zufrieden zu lachen. Ihr war klar, dass Andernaj nur mit Klammer telefoniert haben konnte. Alfons war also ein Teil der Intrige. Er sollte es eingefädeln, dass er sie und Gitta zu dem Maler Sontheimer lockte. Beate fühlte sich bestätigt. Sie hatte von Anfang an recht gehabt. Klammer hatte wie mit Brotkrumen eine Spur für die Frauen gelegt, er wollte von ihnen verfolgt werden. Sie waren ihm allerdings näher auf den Fersen, als ihm lieb war, denn er hatte Andernaj eindeutig den Befehl gegeben, sie noch ein wenig aufzuhalten. Nun, das würde ihm jetzt, da Beater alles wusste, ziemlich schwerfallen. Sie war gespannt, was dem versoffenen Dichter alles einfallen würde, um sie abzulenken. Dann fragte sie sich erneut, was Klammer wirklich wollte und warum Andernaj bei dieser Intrige mitmachte. Wurde er von dem Dr. bezahlt? Das Handygespräch schien darauf hinzuweisen. Auch dass die beiden Sontheimerbrüder darin verwickelt waren, schien ihr nun sicher. Konnten in Klammers historischer Novelle, die ja die Geschichte einer Intrige beschrieb, Hinweise auf seine Ziele versteckt sein? Sie musste sie unbedingt zu Ende lesen; noch bevor Alfons sie zu Klammer brachte. Nun, sie nickte sich selbst über den Spiegel aufmunternd zu, in jedem Fall wird Klammer in mir eine würdige Gegenspielerin finden. Was nötig war, war dafür zu sorgen, dass Gitta weiter mitspielte – keine leichte Aufgabe, denn als Saphers Ehefrau nahm alles natürlich viel ernster als Beate, die nun endgültig den Spielcharakter der Verwicklungen zu erkennen glaubte. Das Vorhaben, das Klammer in seinen Aufzeichnungen notiert hatte, nämlich Sapher zum Ehebruch verleiten zu wollen, hielt sie für einen seiner vielen falschen Fährten und Schwindeleien. Sie glaubte inzwischen, dass es nur ein Vorwand war, um der entschlusslosen Gitta den nötigen Antrieb zu geben, be seinem Spiel mitzumachen. Als sie in ihren Überlegungen an dieser Stelle angelangt war, kam Gitta herein.

Sie schüttelte den Kopf und lehnte sich gegen die Tür.  »Was denkst du dir, mich so lange allein zu lassen? Ich habe es da draußen mit dem Säufer keine Sekunde länger ausgehalten«, sagte sie angewidert. »Er wollte mich die ganze Zeit dazu überreden, als Erstes in seine Wohnung zu gehen, um ein Buch zu holen, das er von Sontheimer geliehen habe und ihm bei dieser Gelegenheit mitbringen wolle. Dabei tatschte er mich die ganze Zeit an. Ich würde jetzt gerne duschen.«

Beate musste schmunzeln. Andernaj, der, wie er vorhin erzählt hatte, überhaupt keine Wohnung besaß, sondern wahrscheinlich schräg gegenüber im Nachtasyl schlief, war nicht sehr einfallsreich. Gitta missdeutete die Vergnügtheit ihrer Freundin. Sie wurde wütend.

»Es mag ja sein, dass das alles für dich sehr lustig ist, aber ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Mir steht es bis zum Hals. Ich war eben, als ihr mich allein gelassen habt, schon so weit, zu fliehen und dich alleine zurückzulassen. Aber du hast meine Autoschlüssel eingesteckt. Aber jetzt fahre mich bitte endlich heim. Du kannst dich ja dann anschließend noch mit deinem Alfons vergnügen.« Sie zögerte. »Vielleicht ist ja Benjamin inzwischen wieder zu Hause.«

»Das glaubst du doch selbst nicht«, erwiderte Beate und wurde wegen der zögernden Haltung ihrer Freundin zornig. »Ich bin absolut sicher, dass wir deinen Mann bei diesem Sontheimer finden. Denk doch mal an die Überraschung von Benjamin, wenn wir dort aufkreuzen. Und dieser Maler würde dich auch interessieren, nicht wahr? Du interessierst dich doch so für Kunst. Das wäre doch eine tolle Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen.«

»Ich habe einiges über ihn gelesen«, gab Gitta zögernd zu. »Er muss eine sehr interessante Persönlichkeit sein. Aber ich glaube nicht, dass ich heute in der Stimmung bin, Gepräche über Malerei zu führen.«  Gitte wartete auf eine Antwort von ihrer Freundin. Sie sollte für sie beide entscheiden. Beate spürte das.

»Wie oft sollen wir uns deswegen noch streiten? Ich will heim, ich bin müde, ich will das nicht, ich kann nicht. Du kommst wirklich jede Viertelstunde mit der gleichen Klage. Wir werden das jetzt ein für alle mal klären und dann heute nicht mehr darüber reden. Entscheide dich endlich. Was willst du wirklich? Es gibt noch immer die beiden Möglichkeiten von Vorhin: Entweder wir bringen zu Ende, was wir uns vorgenommen haben, nämlich deinen Mann aus den Klauen von diesem Klammer zu befreien -, oder wir vergessen alles und fahren heim. Also, wie siehts aus? Sontheimer oder Diebolz?«

»Du würdest lieber zu dem Maler gehen, oder?«, verzögerte Gitta ihre Antwort.

»Selbstverständlich. Das werde ich vermutlich auch dann machen, wenn du jetzt heimfährst. Ich möchte Klammer auch seine Tasche zurückgeben und ihm dabei in die Augen sehen«, sagte Beate trotzig. Gitta blickte treuherzig auf.

»Also gut. Aber entscheide bitte du«, erwiderte sie. Beate hatte Mühe, ernst zu bleiben.

»Wenn ich nicht vorhin mit eigenen Augen deine Entschlossenheit gesehen hätte, als es dir darum ging, Benjamin vor der Versuchung zu retten, könne ich es nicht glauben! Sag mal, willst du denn meinem guten Bekannten und Erzmacho Emilio Parma recht geben, der in einem philosophischen Seminar Weinigers Meinungen überspitzte und allen Ernstes abstritt, dass Frauen ein Über-Ich besitzen, weil immer die Männer zuerst ins Lokal gehen?«

Gitta hasste es, wenn Beate Parma erwähnte. Mit diesem schmierigen Pseudoitaliener, der inzwischen auf Kabarett umgesattelt hatte, hatte sie vor Jahren, als sie noch nicht mit Benjamin zusammen war, eine kurze Beziehung gehabt, bis sie bemerkte, was für ein ekelhafter Angeber und notorischer Fremdgänger Parma war.

»Dann lass uns eben zu Sontheimer gehen«, entschied sie und verließ mit einem kurzen, prüfenden Blick in den Spiegel die Toilette. Beate war über dieses kurze Aufflackern von Eitelkeit amüsiert und folgte ihrer Freundin lächelnd. Andernaj stand ziemlich verloren in der überfüllten Gaststube und wusste nichts mit sich anzufangen. Die Erleichterung, die beiden Frauen auf sich zukommen zu sehen, war ihm anzumerken. Er hielt die Aktenmappe mit Klammers Textn in den Händen, schien sie aber nicht geöffnet zu haben. Beate sah auf ihre Uhr, es war Viertel nach elf Uhr.

»Da seid ihr ja!« rief Andernaj, als das Paar heran gekommen war. »Warum geht ihr Mädels eigentlich nie allein auf’s Klo? Ich hab schon befürchtet, ihr habt mir ’nen Korb gegeben und es wird nix aus unserer Menage aux trois, hehe. Gehn wir zu euch oder zu mir?« Er kicherte anzüglich.

»Träume nur weiter, Alfons. Hebe dir deine Energie lieber für deine Gedichtchen auf, die sind nämlich in der letzten Zeit ein wenig impotent geworden«, erwiderte Beate bissig. Gitta bewunderte ihre Schlagfertigkeit, die bewirkte, dass der Dichter schuldbewusst den Kopf senkte. »Jetzt zeige uns, wo dieser Maler wohnt. Wir fahren dort hin.«

»Woll’n wir nich‘ erst noch was trinken? Ich könnt noch ’n Bier vertragen.« Jetzt kam die mit Klammer besprochene Verzögerungstaktik. Beate hatte nicht vor, ihn damit durchkommen zu lassen.  SIe schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Ich werde jetzt schnell bezahlen. Du bist eingeladen. Dann gehen wir. Ich brauche dringend frische Luft, vielleicht hat es sich ja inzwischen etwas abgekühlt. In dieser Räucherkammer hier ist es wie in einer Sauna.«

»Ich hab‘ unsere Rechnung schon beglichen«, erwiderte Andernaj geschraubt und sehr stolz auf sich.

»Seit wann hast du denn Geld?«, fragte Beate erstaunt. Alfons drückte sein Kreuz durch und sah sie von oben herab an. Er legte seine Stirn in vorwurfsvolle Falten.

»Es ist nicht leicht, mich zu beleidigen, aber du hast es jetzt beinahe geschafft«, sagte er ernst und hatte seinen beiläufigen Gesprächston von einem Satz zum nächsten abgelegt. Er sprach nun Hochdeutsch. »Ich weiß selbst, dass ich nur ein Penner bin und nicht gut rieche. Aber einen Rest von Selbstachtung hab ich noch. So gut kennen wir uns nicht, dass du mich einfach so von oben behandeln kannst. Klar, du verachtest mich, aber ich haeb noch Gefühle, trotz allem. Meinst du denn, ich bin so glücklich in der Gosse? Meinst du, ich juble, wenn du mich mit Scheiße bewirfst?« Er machte eine dramatische Pause, in der Beate lächelnd den Kopf zur Seite legte. »Und wenn dir alles das egal ist und du keinen Anstand hast – wenn du dir so toll und überlegen vorkommst mit deinen Herz-Schmerz-Romanen, die sich so gut verkaufen, dich gemütlich in deiner Sagrotan-Wohnung, deinen wohlgeratenen Kindern und mit deinem kleinen Männchen eingerichtet hast, der dich Samstags und an den Feiertagen mal durchrammelt, dann nimm doch wenigstens Rücksicht auf den Künstler, der ich mal war und dessen Ruine vor dir steht, denk an die Gedichte von mir, die dir gefallen. Blute ich nicht ebenfalls, wenn man mich schneidet?«, jammerte Andernaj und machte das Maß voll. Täuschte sich die von diesen Worten angewiderte Gitta oder glänzten sogar plötzlich seine Augen feucht?

Beate jedenfalls seufzte. Alfons war wirklich mit allen Wassern gewaschen. Jetzt kramte er doch tatsächlich den Schauspieler hervor und hielt den Monolog des in seiner Ehre verletzten alten Sünders. Sie musste ihn sofort stoppen und sich auf keinen Fall in den angebotenen Streit einlassen, sonst standen sie noch in ein paar Stunden in dem Lokal.

»Ich habe tatsächlich kein kein Mitleid mit dir, Shylock. Aber ich entschuldige mich, denn ich wollte dich nicht kränken. Und ich bedanke mich für den Wein, den du mir spendiert hast«, unterbrach sie ihn und nahm ihm entschlossen die Aktenmappe aus der Hand, die er nur widerwillig herausgab. »Aber jetzt gehen wir endlich.«

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[Nach 24 Forsetzungen und etwa 250 veröffentlichen Buchseiten gehe ich mit den Nutzlosen Menschen in die – wie es so schön heißt: – wohlverdiente Sommerpause, denn ich will und muss meine Arbeitskraft in der nächsten Zeit für andere Projekte reservieren. Ich bin auch im Zweifel, ob es überhaupt Sinn macht, meine Romane auf diese Weise ins Netz zu stellen. – Nikolaus.]

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