Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das Zeichen des Lebens (2. Brief)

2. Brief: 12. Mai

Liebe Christine,

habe ich dir schon erzählt, was mir letztens im Café passiert ist? Du weißt ja, einmal in der Woche habe ich ‚Ausgang‘. Der Weißkittel hat dafür ein klangvolles und elegantes Fremdwort mit der Vorsilbe: ‚Re-‚, aber ich habe es wieder einmal vergessen. Es ist seltsam, mein Gedächtnis lässt mich sonst nicht im Stich, aber ausgerechnet bei diesem Wort ist in meinem Kopf eine Sperre, ein Türsteher, der sagt: ‚Du kommst da nicht rein!‘ Ich kann und kann mir das Wort nicht merken. Ich habe es erst kürzlich auf einen Zettel geschrieben – gleich nach einem Gespräch mit dem Weißkittel – und es mir dann selbst einen ganzen Vormittag vorgeflüstert, immer wieder auf’s Neue. Ich habe versucht, seinem Klang nachzuspüren, seine Stimmung zu verstehen, denn auf eine seltsame Weise bedeutet mir dieses Wort etwas, hat es eine dunkelgrüne, nach Salbei riechende Synästhesie. Aber bereits nach dem Mittagessen war es mir wieder entfallen.

Egal. Auf jeden Fall durfte ich raus – mitten unter der Woche und mit einem Zwanzig-Euro-Schein bewaffnet. Mehr wollte mir der Weißkittel nicht zugestehen, obwohl ich ihn darum gebeten habe. Ich wollte doch ein Weihnachtsgeschenk für den Jungen kaufen; es ist doch bald Weihnachten? Ich habe mir in der kleinen Stadt ein Café gesucht. Hier oben gibt es nicht so viele und die meisten sind von den Touristen und Kurgängern überlaufen. Aus einem haben sie mich auch schnell wieder hinaus komplimentiert. Sie müssen mir angesehen haben, wo ich herkomme. Vielleicht liegt es auch nicht an meiner Kleidung, die mich verrät – ich bin als einziger den winterlichen Temperaturen angemessen angezogen –  sondern an meinem Geruch. Denn die Bedienung hat die Nase gerümpft, als sie mich mit großen Gesten zur Tür hinaus drängte. Das muss an der Wäscherei liegen, mein Anzug riecht immer etwas – wie soll ich sagen: säuerlich? – Nein, anders. Aber, nun, durch diesen Geruch kann man uns von den anderen unterscheiden. Manchmal glaube ich, sie mischen uns absichtlich einen Geruchsstoff ins Waschmittel, das „Achtung, Irre!“ bedeutet.

Aber schließlich habe ich dann doch noch ein Café gefunden, in das ich passte. Es war gerade richtig möbliert, dunkel, mit in der Höhe nach oben versetzten Stühlen und Tischen; gerade an der Grenze zwischen Geschmack und Kitsch in der Ausstattung. Die Bilder an der Wand hätte man tatsächlich als Kunst bezeichnen können, ohne ausgelacht zu werden. Ich meine freilich, so weit ich etwas davon verstehe. Mir haben sie allerdings nicht gefallen. Sie waren recht aufdringlich und viel zu bunt und ich habe mich mit dem Rücken zu ihnen gesetzt. Das heißt, das ‚Sitzen‘ ist mir erst nach einer ganzen Weile gelungen. Ich spürte nämlich mal wieder dieses unangenehme, wie soll ich es nennen: ‚Gefühl?‘; eine Unregelmäßigkeit in der Wirbelsäule, einem Ziehen nicht unähnlich und dabei recht schmerzhaft, weshalb ich sehr aufrecht neben dem Stuhl stehen musste. Hast du ‚Die Buddenbrooks‘ gelesen? Selbstverständlich hast du das, schließlich bist du doch die Leserin von uns beiden. Auf jeden Fall ergeht es mir da wie Christian Buddenbrook, wenn du dich erinnerst. Der hat das Gefühl, auf der linken Seite seien seine Nerven zu kurz. Das ist sein sogenanntes ‚Leiden‘. Nur ist mein ‚Leiden‘ handfest und nicht wie beim Buddenbrook psychosomatisch. Erst als mich der Kellner misstrauisch musterte, gelang es mir, mich doch noch zu setzen. Aber das tat mir schon arg weh! Ich bestellte mir mit ruhiger Miene – nur nicht auffallen! – einen Schwarztee mit Zitrone, keinen Earl-Grey, nein, einen ganz normalen Tee mit einer Zitronenscheibe zum Ausdrücken. Du wirst dich jetzt bestimmt wundern, denn du weißt ja, dass ich Zitronen verabscheue. Ich hätte auch lieber etwas anderes getrunken, aber bevor mir das Richtige einfiel, hatte ich meine Bestellung schon abgegeben. Und weil ich mich beobachtet fühlte, drückte ich brav die saure Scheibe in den Tee und klärte ihn mit einem Löffel. Ich überzuckerte mein Getränk, damit es für mich halbwegs genießbar war. Und ich bemerke, wie ich dich und mich mit Nebensächlichkeiten aufhalte. Das ist ein alter Fehler von mir, aber – verstehe mich recht – ich will dich die Stimmung erleben lassen, die ich hatte, als der Mann sich neben mich setzte.

Es ist manchmal ganz seltsam. Es gibt Leute, die kannst du dein Leben lang betrachten, ohne sie wirklich zu sehen; ich meine, sie bewusst aufzunehmen. Zum Beispiel ist es mir unmöglich, mich des Aussehens oder nur der Haarfarbe der Pflegerin, die mir morgens mein Bett macht, zu erinnern. Da ist einfach ein leeres Loch in meinem Gedächtnis, wo eigentlich ihr Kopf sein sollte. Der Weißkittel hat auch dafür ein Fremdwort, das habe ich mir interessanterweise gemerkt, obwohl es viel schwieriger ist als das andere – ein richtiger Zungenbrecher: ‚Prosopagnosie‚. Sag das mal ohne zu Lachen fünfmal hintereinander! Aber das Gesicht des Mannes, der sich neben mich setzte, vergesse ich nie. Es hat sich in mir – wie soll ich sagen: ‚eingebrannt?‘. Egal, es ist da, hier im Zimmer. Es ist bei mir, während ich den Brief an dich schreibe. Ich kann es sehen und dir beschreiben, während ich auf die weiße Wand blicke. Er war jung, aber noch – nein, ich darf nicht die Vergangenheitsform benutzen. Ich rede ja nicht von einem Toten. Nein. Die Beschreibung von ihm muss anders sein – ungewöhnlich, wortreich, geschwätzig. Sie muss wie er selbst sein.

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Was mir zuerst auffällt, sind seine Hände. Sie zittern. Nicht so, dass es offensichtlich ist, man muss schon genau hinsehen. Vielleicht liegt das an der Länge und an der Grazie seiner Finger, jenes Zittern, weißt du, wie besonders hohe Pappeln in einem Wind schwanken, den außer ihnen niemand zu spüren scheint. Meine eigenen Stummelfinger zittern nie. Ich weiß das, weil ich sie lange beobachtet habe; du glaubst gar nicht, zu was man hier oben im Winter alles Zeit findet. Vielleicht ist der Grund für sein Zittern aber auch, dass er ein starker Raucher ist: Die Fingerspitzen sind gelb vom Nikotin und er leidet unter Entzug, weil hier das Rauchen verboten ist. Dann sehe ich, sein rechter Zeigefinger ist angeknabbert und zwar nur dieser. Eine dünne, dunkelrot entzündete Schorfschicht zeigt, dass ihm nicht zufällig dieser Nagel abgebrochen ist, sondern er sich erst kürzlich betätigt hat. Die anderen Fingernägel sind normal lang, fein zugeschliffen und schön. Keiner der Nägel besitzt allerdings ein Bett, sie schieben sich aus einer klaffenden Lücke unter der Haut. Dieser eine, wie lepröse Nagel ist aber interessant: Auf der einen Seite kaut er nervös an den Fingern, zum anderen hat er die Konzentration und die Willensstärke, es ausschließlich am Zeigefinger zu tun. Er hat ein Buch hervorgezogen, kaum dass er neben mir saß, noch bevor er bestellte. Robert Musil: ‚Zögling Törleß‘. Er sollte lieber den ‚Mann ohne Eigenschaften‘ lesen. Der Kellner spricht ihn an, zweimal, bis er reagiert. Dann haucht eine Gottheit Leben in sein unfertiges Tongesicht, Augen sehen auf, ein Lächeln, das so zögernd kommt, als müsse er erst noch überlegen, wie das geht: zu lächeln, erscheint. Er ist in der Realität angekommen, hat sich die Maske ‚Mensch‘ aufgesetzt.

Er sagt: „Ich möchte, ich will … wissen Sie, jetzt bin ich ehrlich überrascht. Einen Augenblick.“ Unverbindliches, aber bereits leicht angesäuertes, mit den Augen rollendes Lächeln des Kellners. „Etwas besonders vielleicht, ja, einen Saft.“

Kellner: „Einen Orangensaft? Wir haben auch Apfel, Johannisbeere, Maracuja und Birnensaft.“

Er: „Einen Kirschsaft, bitte.“

Kellner: „Wir haben keinen Kirschsaft. Einen Johannisbeersaft vielleicht?“

Er: „Wie? Einen Kirschsaft bitte.“ Hört er schlecht oder – wie ich vermute – grundsätzlich nicht zu, wenn jemand mit ihm spricht?

Kellner (ungeduldig): „Sehen Sie selbst, hier auf der Karte: Orange, Apfel, Johannisbeere, Maracuja und Birne. Gerne auch als Schorle.“

Er: „So, ja. Dann … dann will ich bitte einen Kaffee.“

Kellner: „Eine Tasse oder …?

Er: „Ach, wissen Sie was:  Bringen Sie mir ein Pils.“

Er lächelt noch, als der Kellner sich achselzuckend abwendet, dann rutscht alles Prägende wieder von seinem Gesicht ab wie ein Tropfen von einer Öljacke. Er ist wieder ein hastiger Entwurf, den sein überarbeiteter Schöpfer unfertig zur Seite gelegt hat; schlägt sein Buch auf. Mich – auf dem Stuhl direkt neben ihm – hat er anscheinend noch nicht bemerkt, geschweige denn, als er sich zu mir setzte, gefragt, ob denn Platz sei. Ich sehe mich um. Es sind viele der Tische unbesetzt. Dann beobachte ich seine Kleidung. Er trägt ein tief ausgeschnittenes T-Shirt mit dem schreienden Logo einer Metal-Band, ein paar kärgliche Haare und der Hahnenkamm des Brustbeins sind zu sehen. Wen will er beeindrucken? Sonst: obligate Jeans, langweiliges kurzärmliges Hemd (und das im Dezember!), alles wirkt ein wenig schwul. Sein Haar, es ist kurz, fast militärisch, dunkelblond, leicht fettig und sehr dick. Er sieht kurz auf. Vielleicht ist ihm ein Geräusch zu Ohren gekommen. Er bemerkt, dass ich ihn beobachte und es scheint ihm nicht im Geringsten peinlich. Er lächelt wieder sein verlorenes Lächeln. Dann taucht er wieder in sein Buch, das Lächeln versteint. Er ist nicht einmal neugierig genug, noch einmal aufzusehen, um zu kontrollieren, ob ich ihn noch immer beobachte. Es zuckt in meinen Mundwinkeln, ihn jetzt anzusprechen. Wird er mir besser zuhören, als dem Kellner, der sehr umständlich und langsam vorne an der Theke das bestellte Pils ins Glas laufen lässt und damit noch einige Minuten beschäftigt ist. Ich fühle, da ist eine Seelenverwandtschaft mit dem jungen Kerl neben mir. Er trägt das Mal. Wie lange ist es her? Ich weiß es nicht – so lange. Da – mir gegenüber – ich könnte ihn berühren, sitzt ein Freund aus dem Osten von Eden, aus dem Lande Nod … und ich bin feige. ‚Sprich‘, feuere ich mich an, ’sage etwas, rede! Er wird dich beim ersten Wort erkennen, in seine Arme nehmen und es wird schön sein.‘

Jetzt legt sich ein Druck auf meine Augenlider; sie beginnen zu flackern. Ich spüre: Meine Hand ist feucht. Als ich vorsichtig mit den Fingern nachspüre, ist der Schweiß kalt. Er ist kalt und schmierig. Es ist trotzdem warm in dem Café, es ist allein die Stimmung, die sich verändert hat. Alles ist nun verschoben, alles wankt. Oder bin das etwa ich? Der Kellner sieht immer wieder zu uns: Versteh‘ – ich muss hier raus.

„Zahlen“, rufe ich. Der Kellner nickt, druckt meine Rechnung aus und legt den Papierstreifen auf das Tablett mit dem Pils, das er noch immer nicht fertig gezapft hat. Mein Nachbar sieht endlich wieder auf – er hat den Stimmungsumschwung selbstverständlich bemerkt. Er wendet den Kopf, zielt mit zusammen gekniffenen Augen auf mich. „Ich brauche dein Verständnis nicht. Ich kotze drauf. Ich möchte nur allein sein“, sage ich und wieder: „Zahlen!“.  Kain tut einen Moment so, als sei er erstaunt, aber er kann mich nicht mehr täuschen. Ich werfe ein paar nicht abgezählte Münzen auf den Tisch, rufe etwas – ich weiß nicht mehr, was – es ist nicht wichtig. Dann stemme ich mich gewaltsam in die Höhe. Der Schmerz in der Wirbelsäule ist wieder da. Ich habe ihn nicht überlisten können. Mein Rückgrat, Christian Buddenbrook, mein Leiden.

Ich gehe aufrecht nach draußen und verharre vor der Tür. Ich drehe mich um und sehe, wie mich die beiden drinnen durch die große, erblindete Glasscheibe begaffen. Freilich, sie merken, das etwas nicht mit mir stimmt. Vielleicht haben sie sogar Angst vor mir. Es wäre schön, wenn sie jetzt Angst vor mir hätten. Aber Kain ist ein guter Schauspieler. Ich habe Lust, ihnen die Zunge herauszustrecken.

Na ja, ich war also mal wieder in einem Café und es ist nicht ganz so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Vom restlichen Geld habe ich dem Jungen übrigens ein Lego-Auto gekauft. Du weißt schon, für Weihnachten. Glaubst du, ob er sich darüber freuen wird? Ich habe das kleine Modell zusammengebaut, das hat mir viel Spaß gemacht. Es steht vor mir auf dem Tisch, an dem ich diesen Brief geschrieben habe. Ich werde es dir schicken, nachdem ich mir Geschenkpapier besorgt habe.

-N.

PS Wie geht es dir so, Christine? Dein letzter Brief war seltsam. Mach dir doch bitte keine Sorgen. Man kümmert sich um mich. Mir geht es gut.

 

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