Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nutzlose Menschen – Roman (Teil SECHZEHN)

FÜNFTES KAPITEL
Das ungekannte Meisterwerk

Sapher folgte dem zielstrebigen Klammer gehorsam durch die quietschende Gittertür in einen nur spärlich ausgeleuchteten, nahezu quadratischen Innenhof, auf den einige Balkone zeigten und dessen Hauswände bis zum zweiten Stockwerk hinauf mit blühender Clematis, wildem Wein und Geißblatt dick überwuchert waren. Diese Schlingpflanzen gaben der attraktiven Wohnanlage in der Dunkelheit etwas von der magischen Ausstrahlung eines verwunschenen Dornröschenschlosses. In der Mitte des Hofes plätscherte ein niedriger Brunnen, in dessen Wasserspielen Lichtreflexe tanzten. Eine abnehmende, tiefstehende Mondsichel verschüttete milchiges Licht auf den fingerigen Blättern der Pflanzen. Sapher war sofort von der vornehmen, dabei anheimelnden Atmosphäre eingenommen, denn er hatte für Idyllen dieser Art ein romantisches Gefühl parat. Er mochte solche Anlagen, obwohl er weder die Zeit, noch je die Geduld aufbrachte, seinen eigenen Garten, dessen Pflanzen unter seiner mangelhaften Pflege verkümmerten und unter Unkraut erstickten, nach seinen Vorstellungen zu verwandeln.

»Es ist schön hier«, stellte er entschieden fest und blieb am Rand des Brunnens stehen, um sich genauer umzusehen. Es war fast kühl im Schatten der Gebäude und die Luft roch nach Feuchtigkeit und den Blüten.

»Findest du?«, fragte Klammer skeptisch und seiner Stimme war deutlich anzumerken, dass er Saphers empfindsamen Moment nicht zu teilen vermochte. Er warf ebenfalls einen allerdings gleichgültigen Blick ins Rund. »Ich weiß nicht. Ich habe mich noch nie mit der plumpen Ästhetik solcher Verschönerungen an Wohnbauten anfreunden können. Sie sind doch nicht mehr als eines der Alibis für die Höhe der Miete und locken zudem Insekten und Schimmelpilze an. Ein Spielplatz hätte sicher mehr Sinn gemacht als diese Mückenzuchtfarm von Brunnen. Die Anlage war übrigens früher einmal das Verwaltungsgebäude der Eißnerschen Textilfabrik, ein bemerkenswertes Denkmal der hiesigen Industriearchitektur, dessen Räumlichkeiten nun zu Wohnungen ausgebaut worden sind. Das neoklassizistische äußere Erscheinungsbild wurde dabei in geradezu verbrecherischer Weise verändert und zerstört. Das sind hier alles Eigentumswohnungen, die in der Regel weitervermietet wurden. Die Anlage hat 1987 natürlich einen bayerischen Wohnungsbaupreis gewonnen und es haust hier größtenteils ein wirklich übles Gesindel …«, führte er aus. Dann zögerte er kurz, spitzte nachdenklich die Lippen, den Kopf dabei leicht zur Seite neigend. Sich entschließend, nickte er, anschließend fasste er in die Innentasche seines Jacketts und holte mehrere zusammengefaltete Blätter hervor, warf einen bedauernden Blick auf sie, bevor er sie Sapher überreichte, der sie unschlüssig in den Händen hielt. Es waren etwa fünf eng beschriebene Seiten; in einer Handschrift, die, wie er sofort feststellte, nicht die unverwechselbare von Klammer war.

»Das ist mein letzter Wille«, sagte der Dr. lächelnd. »Nein, ernsthaft. Du hast dich sicher schon gefragt, was meine Jacke so ausbeult. Ich kann dir nun zu deiner Erleichterung mitteilen, dass ich keine Waffe trage …« Klammer kicherte. Es klang auf sein Gegenüber kindisch und nervös.

»Zumindest ist es keine Waffe im herkömmlichen Sinn; es sei denn, man glaubt, die Feder wäre stärker als das Schwert«, ergänzte er. »Habe ich dir schon einmal erzählt, dass ich Wasserpistolen sammle? Mir ist durchaus bewusst, es ist eine seltsame Unart, aber ich habe dieses Steckenpferd seit meiner Jugend und ein manischer Charakter wie der meine benötigt einfach die unterschiedlichsten Ablenkungen, um fähig zu sein, in der Gesellschaft zu existieren. Ich besitze inzwischen über hundert Modelle, von dem Fünfzig-Pfennig-Spielzeug aus rosa Polystyrol, das aus seinen Schweißnähten tropft, bis hin zur perfekten Metallreplik eines Colt Peacemakers von 1862. Wenn du mal zu mir kommst, um den versprochenen Mokka zu genießen, zeige ich dir die Glanzstücke meiner Sammlung.«

»Und was ist das hier nun für ein Manuskript?«

»Ach, das ist nur eine Kurzgeschichte eines Bekannten von mir, der sie mir zur Rezension überlassen hat. Er gab sie mir gestern Abend und ich trage sie seitdem in meinem Jackett spazieren, was sich jetzt allerdings als glücklicher Zufall erweist. Den Autor wirst du nicht kennen, er hat eine begrenzte lokale Bekanntheit und heißt Georg Hauser. Er malt auch, aber er ist insgesamt so unbedeutend, dass ich eigentlich nicht einmal seinen Namen hätte erwähnen sollen. In den letzten Jahren dilettiert häufig in der Literatur, aber er ist leider recht unbegabt. Da wir jedoch seit der unglücklichen Geschichte mit Jakob Nix – du wirst dich daran erinnern – enger miteinander bekannt sind, legt er auf mein Urteil großen Wert und gibt er mir immer wieder seine Prosa zu lesen. Er ist mir nie böse, wenn ich an seinen Texten kein gutes Haar lasse und schreibt unermüdlich weiter. Diese Kurzgeschichte hat übrigens für seine Verhältnisse eine außerordentlich originelle Grundidee und zudem ist sie handwerklich in Ordnung. Trotzdem sind die literarischen Mängel noch immer groß, aber das wird niemand merken oder, falls doch, für Stil halten.«

»Und warum gibst … du sie mir jetzt?«, fragte Sapher und machte sich bei der ungewohnt familiären Anrede fast einen Knoten in die Zunge.

»Das liegt doch auf der Hand. Hör mal, wie soll ich mich ausdrücken, ohne dich zu kränken? Manchmal bist du in deinen Reaktionen schon ein wenig … retardierend.« Klammer lachte kurz auf. »Schau mal: Wenn ich dich bei Sontheimer als einen Schriftsteller einführe, dann kann es doch gut sein, dass jemand eine Talentprobe von dir haben möchte. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar nicht allzu groß, aber möglich ist es. Gerade nach Mitternacht mögen wir es, ein wenig Literatur zu uns zu nehmen. Da es – und hier spreche ich aus Erfahrung – kein aufstrebender Autor je unterlässt, ohne seine Texte aus dem Haus zu gehen, würde es sehr seltsam sein, wenn du nichts vorweisen könntest. Stecke den Text ein. Und denke beim Vorlesen, zu dem es hoffentlich nicht kommt, daran, dass dies dein eigenes Werk ist, das du vorträgst. Ich würde gerne mit dir üben, aber dazu fehlt uns jetzt die Zeit. Versuche einigermaßen flüssig und mit Emotion zu lesen. Zu deinem Glück sind Autoren nur selten gute Vorleser; es sollte ihnen überhaupt verboten werden, aus ihren Werken zu rezitieren.« Sapher wog die Seiten nachdenklich in seiner Hand. Er fand diese Idee von Klammer nicht schlecht, sie gab ihm ein wenig Sicherheit. Eines aber wollte er noch genau wissen:

»Und bei diesem Georg Hauser handelt es sich nicht zufällig wieder um eine Mystifikation von Ihnen … dir?«, sprach er seinen Verdacht aus. Der Zufall, der es wollte, dass Klammer ausgerechnet heute einen passenden Text in der Tasche hatte, schien ihm doch sehr unwahrscheinlich. Der Dr. sah ihm erstaunt in die Augen.

»Mystifikation …«, wiederholte er gedehnt. »Hast du in der letzten Zeit einen Roman aus dem vorigen Jahrhundert gelesen? Wo nimmst denn du dieses Wort her? Du gewöhnst dich aber schnell in deine Rolle als Literat ein. Nein, ich habe dich nicht angelogen. Der Text ist nicht von mir. Das wäre doch ein wenig kompromittierend, denn … Aber jetzt komm mit, Sontheimer wohnt auf 12 b«, unterbrach er sich selbst, nun plötzlich drängend. Er spielte den Reiseführer und ging auf eine durch den Schlagschatten der Gebäude im Dunklen liegende Tür zu.

»Hier rechts geht es lang. Und Vorsicht«, mahnte Klammer, sich zurück zu dem zögernd folgenden Sapher wendend, »da kommt eine Stufe, hier kann man leicht stolpern.«

Seine Warnung kam einen Augenblick zu spät. Sapher, der sich während des Gehens damit beschäftigte, den Text in die Gesäßtasche seiner Hose zu schieben und deshalb unachtsam war, stieß mit seinen leichten Schuhen gegen den Stein der Schwelle und fiel unglücklich seitwärts an Klammer vorbei auf das gekieste Katzenkopfpflaster des Innenhofes. Im Reflex suchte er mit den Händen den Fall abzumildern und schrammte sich den wegen des kurzen Hemds ungeschützten linken Unterarm auf. Für eine Schrecksekunde lag er zu den Füßen seines Vorgesetzten und fühlte sich erniedrigt. Dann brannte Schmerz vom Handgelenk bis zum Ellbogen. Er keuchte erschreckt auf und kaute an einem unterdrückten Fluch. Klammer war sofort bei ihm und half ihm in die Höhe. Dabei bemerkte Sapher, dass er sich zusätzlich auch noch ein Knie angeschlagen hatte. Er humpelte mit schmerzverzerrtem Gesicht einen Schritt vorwärts. Klammer nahm ihn unterstützend am Arm und führte ihn zur Tür. Hier fasste der Doktor zielstrebig an der Seite zu den Klingeln und machte ein Licht an, das schwach den düsteren Türbereich beleuchtete. Er kannte sich in der Anlage wirklich gut aus. Sapher sah mit zusammengekniffenen Lippen verzweifelt auf seinen verletzten Unterarm. Das feuchte Gefühl hatte ihn nicht betrogen: Er hatte sich bei seinem Sturz den Unterarm aufgeschabt und blutete aus mehreren kleineren Aufschürfungen. Schmutz und Kiesel klebten in der Wunde. Klammer nahm ihn an der Hand und drehte den Arm behutsam ins Licht, sah untersuchend auf ihn hinunter.

»Es sieht – glaube ich – schlimmer aus, als es ist; das sind nur Abschürfungen. Bei Sontheimer oben waschen wir die Wunde aus und machen vielleicht ein Pflaster drauf. Da sehen wir uns auch dein Bein an. Das ist weiter kein Problem. Bist du gegen Tetanus geimpft?«, fragte er, auch in dieser Situation wie immer Herr der Lage. Sapher nickte müde, dann schüttelte er den Kopf.

»Ich weiß es nicht«, sagte er.

»Dann gehen wir jetzt hinauf.« Klammer klingelte.

»Mein Feldzug geht gut los«, bemerkte Sapher larmoyant und versuchte, Mitleid zu erregen. Klammer lächelte süffisant:

»Vielleicht ist Cäsar bei der Überquerung des Rubikon auch gestolpert, wer weiß? So etwas hätte er in seinen Erinnerungen mit Sicherheit ausgelassen. Eine Initiation, lass dir das sagen, kostet immer Blut, Schweiß und Tränen. Nimm einfach an, du trittst einer geheime Loge bei und dieser Sturz gehörte zum Einführungsritus. Der Weg zu den Sternen führt durch den Staub. Das war das Motto meines alten Lateinlehrers, wenn er eine hundsgemeine Prüfung hielt. Er ist schon fünfzehn Jahre tot und ich frage mich, ob noch immer Staub auf seinem Sarg lastet oder sich seine Seele schon zu den Sternen erhoben hat, irreguläre Verben deklinierend.«

Sapher verzog säuerlich den Mund. Da war er wieder, jener nach seinem Fall über kurz verschwundene, sonst beständig währende Spott, der jedes echte Empfinden in den Dreck ziehen konnte und den er an dem Dr. so hasste. Aus der Sprechanlage tönte ein undeutliches Gemurmel. Klammer nannte seinen Vornamen und sofort summte das Türschloss. Er drückte die Tür auf und trat ins Innere des Hauses. Sapher folgte ihm humpelnd.

»Wie ich schon sagte, wohnt unser Maler ganz oben, im dritten Stock, unter dem Dach. Es gibt selbstverständlich keinen Aufzug. Wird es denn gehen?«, fragte Klammer mit besorgtem Blick auf Saphers mühsamen Gang, fing dann allerdings an, munter die steile Treppe hinaufzulaufen, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. »Nun ja, du hast auch keine andere Wahl, wenn du nicht hier im Treppenhaus sitzen bleiben willst«, fügte er noch trocken hinzu, dann verschwand er am nächsten Absatz aus Saphers Augen. Der folgte missmutig und wegen der Schmerzen im Knie langsam und ungeschickt. Wenigstens gab ihm das mühsame Treppensteigen Gelegenheit, sich ein wenig über sein weiteres Verhalten ins Klare zu kommen. Er fragte sich erneut, ob es eine gute Idee war, mit Klammer zu dem Maler zu gehen. Zudem hatte er erhebliche Zweifel, ob er tatsächlich so unvorbereitet den Intellektuellen spielen konnte, wie der Dr. es von ihm forderte. Er war dennoch gewillt, bei dem Maler Eindruck zu hinterlassen und hatte für solche Zwecke eine Rolle parat, die seiner zurückhaltenden, schüchternen Art entgegen kam; es war die Rolle des großen Schweigers, des geheimnisvollen, überlegenen Mannes, der sich selbst genügend in sich ruht. Er spielte sie so oft, dass er als arrogant und schwierig verschrien war. Klammer, der ihn natürlich durchschaute, da ihm nichts Menschliches fremd war, hatte, ihn auf sein im Amt täglich aufgeführtes Schweigetheater ansprechend, einmal gesagt:

»Stille Wasser sind selten tief; je stiller sie sind, umso flacher die darunter verborgenen Gedanken. Für Django spricht und denkt der Colt, weil er selbst nicht dazu fähig ist. Wer etwas weiß, wird es auch sagen wollen.« Sapher hoffte, dass Sontheimer diese Erkenntnis abging, denn er fürchtete, er würde sich, wenn er den Mund zu einer Meinung öffnete, bis auf die Knochen blamieren. Als er endlich vor Sontheimers Wohnung angelangte, wartete Klammer, entspannt gegen das Geländer gelehnt, schon eine ganze Weile auf ihn. Der Beamte war für sein Alter bei ganz erstaunlicher Kondition.

»Jetzt hast du es geschafft«, empfing er den leidenden Sapher gelassen, dann trat er ohne Anzuklopfen in Sontheimers Wohnung. Aufgestaute Hitze schlug ihnen entgegen. Der erste Eindruck von der Wohnung war überwältigend. Sie war riesig und erstreckte sich über zwei Stockwerke bis unter das Dach, in das große Glasfenster eingezogen waren und das von dicken Eisenträgern gestützt wurde. Hier hatte man offensichtlich die vorgefundene Struktur der alten Fabrikhalle belassen und auf Zwischenwände verzichtet. Sapher fragte sich, was der Quadratmeterpreis war und was es kostete, diese Halle zu heizen. Selbst bei einer vorsichtigen Schätzung schwindelte ihn bei dem Betrag, der sich aus der Größe dieses einzigen Zimmers, das er sah, ergab. Fast ehrfürchtig trat er ein, denn der Raum erinnerte fatal an ein Kirchenschiff. Das lag in erster Linie an den schon erwähnten Reihen von dicken Stützträgern, die auf beiden Seiten durch den leeren Raum gingen, und an der Empore direkt über seinem Kopf, die über eine gewundene metallene Treppe erreichbar war und wahrscheinlich zu weiteren Zimmern,  die über dem Treppenhaus lagen, führte. Sonst konnte Sapher bei seiner ersten flüchtigen Erkundung keine keine Tür finden, die von diesem Raum abging. Stattdessen gab sogar eine Art von Altar an der gegenüberliegenden Seite des Saales, ein großes Gemälde, das genau in der Mitte zwischen dem Eisengerüst hing und wie ein Triptychon dreiflüglig war. Auf jedem seiner Teile konnte Sapher auf fleischfarbenem Hintergrund zwei große, nebeneinanderliegende dunkle Kreise zu erkennen. Davor stand ein französisches Bett.

Sapher zuckte zusammen, als er erkannte, was dort dargestellt war: Es waren fotorealistisch gezeichnete, riesige und steif erregte Brustwarzen, die wie Augen starrten und auf Sapher bedrohlich wirkten. Auf Abbildungen ähnlich auffallender Gemälde war er schon in Zeitungen und beim Blättern in Gittas Kunstzeitschriften gestoßen; Sontheimer hieß also der Maler, von dem sie stammten. Wenn schon Sapher, der zwar nicht zuletzt durch die Kunstbegeisterung seiner Frau gelernt hatte, einen Van Gogh von einem Picasso zu unterscheiden, sich aber nicht weiter für Malerei begeisterte, diese Bilder beim Blättern im Feuilleton ins Auge gefallen waren, dann musste Sontheimer wirklich eine Berühmtheit sein. Klammer, der mit verschränkten Armen neben Sapher stand und ihn eine Weile stumm seinen Eindrücken überlassen hatte, flüsterte ihm vertraulich zu:

»Das ist eindrucksvoll, nicht wahr? Die Ausstrahlung dieser Wohnung hat bis jetzt noch jeden erschlagen, der sie zum ersten Mal gesehen hat. Immer, wenn ich Sontheimer besuche, sehe ich mich unwillkürlich nach einem Weihwasserkessel um und mache ein heimliches Kreuzzeichen. Allerdings verwendet er den Raum meist zu sehr unheiligen Zwecken und auf seinem Altar opfert er in aller Regel Menschen, bevorzugt Jungfrauen – wenn er denn in seinem fortgeschrittenen Alter noch einer habhaft werden kann.«
»Nikolaus, du bleibst eine Spottdrossel mit niedrigen, überaus schmutzigen Gedanken. Hättest du zu Sokrates Zeiten gelebt, wärest du der einzige Sophist gewesen, bei dem er es nicht geschafft hätte, ihn mundtot zu fragen«, sagte jemand über ihnen und kam würdevoll die ächzende Wendeltreppe herab, ein drahtloses Telefon in den Händen.

»Sontheimer, wenn deine Augen so scharf wie deine Ohren wären, dann könnte aus dir einmal ein guter Maler werden«, erwiderte Klammer ruhig. Der Mann lachte mit tiefer Stimme und der Klang erinnerte Sapher an den dicken Mann im Brandwirt, den ihm der Dr. als den Bruder des Malers bezeichnet hatte. Ähnlich sahen sich die beiden jedoch nicht. Sontheimer, der sich vor den beiden aufbaute, war ein großer, aber schmächtiger, ausgezehrter und krank wirkender Mann Anfang fünfzig, der unter seiner straffen, fleckigen Haut nur aus Sehnen und Knochen zu bestehen schien. Aus seinen Armen traten überraschend dicke, verhornte Adern. Sapher, der von solchen Dingen keine Ahnung hatte, vermutete, dass der Maler sich Drogen spritzte. Dieser trug auf dem kahlen Kopf eine Kappe wie Ernst Fuchs, diese war neben einer kurzen, schreiend bunten Hose und Sandalen sein einziges Kleidungsstück, was Sapher wegen der gestauten Hitze in diesem Dachraum nicht weiter verwunderlich schien. Kleine, tief in den Höhlen des Schädels liegende, dunkle und fiebrig glänzende Augen funkelten Klammer amüsiert an. Ein rötlicher, altertümlicher Backenbart täuschte ein wenig über die hohlen, ausgemergelten Wangen hinweg und gab Sontheimer ein matrosenhaftes, seemännisches Aussehen. Sapher, der wegen der vielen Eindrücke für den Moment seine Verletzung völlig vergessen hatte, fühlte sich in einem Vorurteil bestätigt, denn der von Klammer als exzentrisch beschriebene Maler sah exakt so aus, wie er sich einen vorgestellt hatte. Obwohl er sich der Warnung Klammers erinnerte, den Maler auf keinen Fall anzustarren, tat er es doch. Zu seinem Glück schien dieser es aber nicht zu bemerken, da er die Hand des Dr.’s schüttelte. Gegen die Wucht von Sontheimers Persönlichkeit, die er mit sicheren, bestimmten Bewegungen ausstrahlte und mit der er seine ganze Umgebung wie einen Fleck Sonne, der durch die Wolken bricht, beschien, wirkte sogar der zynische Klammer etwas farblos.

»Sontheimer«, sagte er und zeigte auf Sapher, »ich habe dir einen Freund mitgebracht, er …«

»Sag nichts!«

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