Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nutzlose Menschen – Roman (Teil ZWÖLF)

»War das auch ein Künstler?«, fragte er, als die beiden durch eine Seitengasse zu Klammers Auto gingen.

»Manfred? Nein; er ist Lehrer. Er gibt Mathematik, Physik und Geschichte am Erasmus-Gymnasium. Einen nüchterneren, prosaischeren Menschen als ihn kann ich mir nur schwerlich denken. Die einzige Kunst, die er als eine solche anerkennt, ist die Kochkunst. Allerdings hege ich ernsthaft die Befürchtung, dass er im Sinn hat, sich so schnell wie nur möglich tot zu fressen. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Art, sich von dieser Welt in eine bessere zu befördern – jedenfalls ist sie um einiges besser, als es wie Alfons mit Alkohol zu versuchen. Manfreds Frau Lydia ist übrigens eine Seele von einem Menschen. Die ganze Geschichte ist ein Trauerspiel. Vielleicht erzähle ich sie ihnen einmal« Eine Pause entstand und das ungleiche Gespann ging schweigend nebeneinander her, bis es vor Klammers Auto stehenblieb. Der Dr. fischte lächelnd einen Strafzettel vom Scheibenwischer und steckte ihn ein. Zwei luftig bekleidete Mädchen in Minirock und hohen Pumps stöckelten tapfer an ihnen vorbei. Sapher sah diesem angenehmen Anblick gedankenverloren hinterher, ohne ihn bewusst wahrzunehmen.

Das also ist das Ende dieses Abends, dachte er. Jetzt fährt er mich heim und das war es dann. Das Treffen war völlig nutzlos; nur ein belangloses Gerede über diesen ekelhaften Säufer und es kann gut sein, dass nichts davon wahr ist. Es war ein verlorener Abend. Ich bin genauso schlau wie zuvor und wenn ich jetzt heimkomme, muss ich auch noch Gittas stümperhaftes Klaviergeklimper und die boshafte Ironie ihrer Freundin Clara ertragen. Klammer klopfte ihm auf die Schulter und riss ihn aus seinem düsteren Gedankengang.

»Wollen Sie denn nicht mitkommen? Ich meine, Ihre Frau erwartet Sie jetzt sicher noch nicht zurück. Begleiten Sie mich doch zu Sontheimer. Das ist zu Fuß nur eine Viertelstunde und heute ist eine herrliche Nacht. Dann können wir doch noch reden und das wäre mir wichtig. Ich nehme Sie zu Sontheimer mit. Er hat nichts dagegen, er führt wie Andy Warhol ein offenes Haus. Eine Gelegenheit wie diese können wir nicht ungenutzt verstreichen lassen. Heute ist Ihr Opernball, ich mache Sie mit ihm bekannt. Was ich mit ihm zu besprechen habe, dauert nicht lange. Ich kann Sie noch vor Mitternacht nach Hause fahren, wenn Sie es dann noch wollen«, erläuterte er. Sapher kratzte sich an der Stirn und hätte am liebsten sofort zugesagt. Aus Etikette und auch, damit sein Vorgesetzter nicht bemerkte, wie neugierig er auf Sontheimer war, der ja in einer ihm geheimnisvollen Verbindung zu Eva Rothschädl stand, wehrte er sich ein wenig. Klammer beendete die Diskussion, indem er Sapher fest am Oberarm nahm und ihn einfach mit sich fortzog.

»Also, das ist abgemacht. Sie haben keine Chance zur Gegenwehr, es ist ein dienstlicher Befehl: Sie kommen mit.« Klammer war gewohnt, dass die Leute ihm gehorchten und auch diesmal wurde er nicht enttäuscht. Sapher folgte ihm brav eine Straße hinunter, die aus dem Zentrum führte.

»Wo haben Sie denn eigentlich diesen Andernaj kennengelernt?«, fragte er und dachte: Warum, zum Teufel, fange ich schon wieder von diesem Säufer an? Was interessiert mich an ihm und warum rede ich nicht endlich mit dem Dr. über die Dinge, die wichtig sind? Klammer schien ähnlich zu empfinden, denn er sagte:

»Alfons scheint Ihnen ja mächtig imponiert zu haben. Haben Sie mit ihm auf der Toilette geredet? Ich hoffe, er hat Sie nicht angebettelt, er kann schrecklich lästig sein.« Sapher bekam einen roten Kopf, den er verlegen schüttelte. Hoffentlich hat Klammer nicht mit Andernaj über mich gesprochen, als ich mich noch in der Toilette aufhielt, dachte er.

»Ich habe mit ihm zusammen Germanistik studiert«, sagte Klammer langsam. »Er war zwar selten in den Vorlesungen, aber ab und an ist man sich dann doch in der Mensa über den Weg gelaufen und hat über Kunst und Revolution disputiert. Er hat mich damals beeindruckt, ein Mensch wie er war mir vorher noch nicht begegnet und seine Art und seine Ausstrahlung waren mir unscheinbaren Epheben – bis zur Unterlippe angefüllt von dem Schönen, Wahren und Guten und dem kategorischen Imperativ – ein Vorbild. Etwa zur gleichen Zeit, als er exmatrikuliert wurde, weil er angeblich seine Scheine nicht machte, mehr aber, weil er die Professoren durch aufsässige, leninistische Reden provozierte, wechselte ich den Fachbereich hin zur Jura, weil das Deutsche eine brotlose und äußerst ermüdende Kunst ist. Damals verlor ich ihn für Jahre aus den Augen. Es gab kein erfreuliches Wiedersehen. Es hat etwas Ernüchterndes, Menschen, die man früher bewundert hat, wiederzutreffen und es ist nichts mehr da, das man gemeinsam hat und worüber man reden kann. Da waren nur noch ein paar inzwischen peinliche Erinnerungen an die alten Wunschträume. Proust, denke ich, hat gesagt: Da wir die Dinge nicht nach unseren Wünschen ändern können, ändern sich mit der Zeit die Wünsche. Kann es etwas Traurigeres geben?« Er seufzte und zuckte mit den Schultern. »Aber hören Sie, Herr Sapher, warum reden wir schon wieder von Alfons? Er ist so unwichtig! Ein netter Lückenfüller im Gespräch, ja, mehr aber nicht. Ich gebe ihm nicht mehr viel Zeit, vielleicht ein Jahr oder zwei, dann er hat sich in ein frühes Grab gesoffen. Was bleibt dann von ihm? Ein paar Worte, die schnell verklungen sind und die – falls nicht doch Platon mit seiner Ideenlehre recht hatte und es morphogenetische Felder gibt – überhaupt nichts bewirkt haben:

Was sind wir Menschen doch?
Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.
…Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch vor starken Winden?« 

Klammer hob mit gespielter Theatralik die Arme und Sapher hoffte mit aller Inbrunst, zu der er fähig war, dass dies nun wirklich das letzte Gedicht war, das er heute ertragen musste. Wie konnte sich nur ein einzelner Mensch so viel Unfug merken? Wieder wunderte er sich über die übermenschliche Gedächtnisleistung seines Vorgesetzten. Dieser tat ihm den Gefallen und wechselte das Thema.

»Das war Gryphius, der alte Misanthrop, auch er hatte einen poetischen Namen. Aber wenn ich mich recht entsinne, haben wir uns heute nicht zu Gedichtrezitationen getroffen, so angenehm das auch sein mag. Wir trafen uns, weil Sie glaubten, Grund zu haben, sich über mein Verhalten zu beschweren, von dem Sie annahmen, ich hätte mich mit ihm über Sie lustig gemacht. Wenn es Ihnen recht ist, so lege ich Ihnen jetzt meinen Standpunkt dar, der mich dazu gebracht hat, Ihnen vor unserer hübschen Kollegin den Schriftsteller unterzuschieben. Ich denke, Sie haben Fairness verdient. Ich bin davon überzeugt: Ich werde alle Ihre Einwände beseitigen und vielleicht sogar Ihre Dankbarkeit erringen können.« Klammer machte eine Kunstpause und wartete auf eine Antwort Saphers. Dieser sah ihn wegen dieser umständlichen Einleitung erwartungsvoll von der Seite an und fragte sich, warum er, wenn er ehrlich mit sich war, nicht mit Klammer über den Streit vom Vormittag reden wollte. Warum war ihm die ganze Angelegenheit inzwischen peinlich? Warum hatte er am Nachmittag seine Verabredung mit dem Dr. so vollkommen verdrängt, dass jener ihn, als er ihn abholen kam, beinahe mit den kompromittierenden, gestohlenen Papieren ertappt hatte? Sapher fand keine Antwort. Klammer nahm das Schweigen von Sapher, der wusste, dass eine weitere Ausflucht keinen Sinn mehr hatte, als stumme Zustimmung.

»Ich werde dazu etwas ausschweifen müssen. Ich bitte Sie, gut zuzuhören, denn ich werde mich Ihnen nur ein einziges Mal erklären. Es kann sich, auch wenn es im Moment noch sehr pathetisch klingt, Ihr Leben dadurch ändern. Natürlich bitte ich mir aus, dass meine folgenden Ausführungen unter uns beiden bleiben werden. Wahrscheinlich aber würde Ihnen niemand glauben, wenn Sie versuchten, etwas davon weiterzugeben.« Sapher machte eine spontane, beleidigte Bewegung. Klammer hob den Zeigefinger. »Sie brauchen nicht den Entrüsteten zu spielen. Wir sollten uns gut genug kennen, um nicht beide zu wissen, weshalb ich diese Möglichkeit als nur allzu realistisch einzuschätzen habe. Gerade Sie, Sapher, suchen doch schon lange nach einer Chance, mir meinen Posten abzujagen. Nun, es ist keine Schimäre mehr, denn ich bieten ihn Ihnen an. Sehen Sie, ich bin jetzt dreiundfünfzig Jahre alt und nähere mich meiner Frühpensionierung. Diese fünf Jahre sind schneller vorbei, als man denkt. Weil ich, wie Sie sicher wissen, vor einiger Zeit einen Fehler gemacht habe, der in diesem Zusammenhang nicht von Interesse ist, beende ich meine Laufbahn nicht auf dem Posten, der mir eigentlich nach Erfahrung und Amtszugehörigkeit zustehen würde. Die Nachfolge auf meine Stelle ist noch nicht geklärt. Ich habe kürzlich mit Dr. Hesz darüber gesprochen und selbstverständlich überlässt er mir die Entscheidung, mich nach einer passenden Person umzusehen. Etwas anderes hätte mich bei dem gutmütigen, zudem abgrundtief arbeitsscheuen Direktor auch überrascht. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass ich viel mehr will. Mein Nachfolger soll nach kurzer Zeit auch der seine werden. Wenn Sie wollen, können Sie es Rache nennen, ich heiße es einen Akt der Vernunft. Hesz ist reif wie ein fauler Apfel im Herbst. Ich biete Ihnen, Herr Sapher, an, ihn zu pflücken, bevor er selbst herabfällt und einem anderen in den Schoß fällt. Wenn Sie das wollen, werde ich Ihnen die Leiter halten«, sagte Klammer ruhig. Sapher zuckte bei den letzten Worten zusammen und sein Mund wurde trocken. War das ein Traum? Er kannte die Ansichten des Dr.’s über den Direktor aus dessen Aufzeichnungen, aber es war das erste Mal, dass sich Klammer ihm gegenüber so ausgesucht gehässig über Hesz äußerte. Und dann dieses überraschende, schmeichelhafte Angebot, das die Erfüllung seiner kühnsten Wünsche bedeuten konnte! Es grenzte ans Wunderbare, wie Klammer es immer wieder aufs Neue gelang, ihn mit überraschenden Worten und Meinungen zu überrumpeln.

»Es wird Sie nicht weiter Wunder nehmen«, fuhr Klammer fort, »wenn ich Ihnen sage, dass es keine leichte Aufgabe war, den geeigneten Mann dafür zu finden. Natürlich musste es jemand aus dem Amt sein, denn einen Außenstehenden in unsere komplexen Materien einzuführen und ihn schrittweise aufzubauen, dauert viel zu lang. Und, seien wir ehrlich, wer Ihrer Kollegen hat denn schon das Zeug dazu, Verantwortung zu übernehmen und an Heszs Stuhl zu rütteln?« Klammer schüttelte den Kopf. »Heutzutage gibt es keine herausragenden Persönlichkeiten mehr – sie gehen zumindest nicht in den Staatsdienst oder gar in die Politik. Seien Sie jetzt bitte nicht beleidigt, aber auch Sie, Sapher, sind im Grunde völlig ungeeignet.  Dennoch habe ich mich nach reiflicher Überlegung für niemanden anderen als gerade Sie entschieden. Denn Sie sind der sprichwörtlich Einäugige unter den Blinden, oder ich sollte besser formulieren, der am wenigsten Blinde.«

Sapher wusste nicht, wie er reagieren sollte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, weil Klammer ausgerechnet ihn für diese Aufgabe erkoren hatte und gleichzeitig hatte er wegen dessen beleidigendem Vergleich Gallebitternis im Mund. Klammer betrachtete ihn lächelnd und schien in seiner angespannten Miene wie in einem offenen Buch zu lesen.

»Zuckerbrot und Peitsche, nicht wahr? So etwas müssen Sie ertragen, ohne ein Gefühl zu zeigen. Jede Rose hat Dornen, in Heszs Kreisen ist in jedem Kompliment ein Tropfen Gift. Vielleicht sollte ich mich näher erklären: Ihre mangelnde Eignung liegt nicht an Ihrer Schulbildung oder Ihrem etwas niedriger zu bewertenden Fachstudium begründet. Der Dr. vor dem Namen spielt hier keine dominante Rolle – er ist ein meist bedeutungsleeres Anhängsel, das in den letzten Jahren immer mehr an Wichtigkeit verloren hat. Diesen Titel kann man sich ohne große Probleme kaufen. Ihre fachliche Eignung steht außer Zweifel und auch Ihr Ehrgeiz hat Kraft genug, irgendwann Dr. Hesz zu ersetzen. Aber leider sind Sie charakterlich nicht so gebaut, dass Sie, wenn Sie so weiter machen wie bisher, einmal ein Chef werden können. Sie leben in einem kleinbürgerlichen, stickigen Ehemief, von dem Sie sich über kurz oder lang befreien müssen und Ihnen fehlt, kurz gesagt, einfach das gewisse Etwas: Eine Überlegenheit im Umgang mit dem Geld und mit Menschen – vor allem mit Frauen. Aber seien Sie deshalb nicht deprimiert, denn alles ist durch Übung erlernbar, wenn man es nur will und den rechten Mentor hat. Ich will der Ihre sein. Ich verbleibe noch fünf Jahre im Amt, in denen ich Sie zu meinem Nachfolger ausbilden kann und Sie dabei so erfolgreich machen werde, dass dieser Posten nur ein Treppenabsatz auf Ihrem Weg nach oben ist. Fünf Jahre sind dafür nicht viel Zeit, aber ich denke, eine Methode entwickelt zu haben, mit der es mir gelingen könnte – vorausgesetzt, Sie machen mit aller Energie mit. Ihre Beteiligung ist das Wichtigste. Vor allem sollten Sie, egal, was für auf den ersten Blick seltsame Dinge ich sage oder tue, zu mir Vertrauen haben. Wenn Sie  zu mir kein Vertrauen finden können, ist es das Beste, wenn wir an diesem Punkt unser Gespräch beenden und ich Sie jetzt doch nach Hause bringe.« Hier machte Klammer eine Pause und sah zu Sapher hinüber, der sich beeilte, die Bedenken kopfschüttelnd zu zerstreuen.

»Herr Dr., es gibt nur wenige Personen, zu denen ich so ein Vertrauen hege wie zu Ihnen.« sagte er und es war, im negativen Sinne verstanden, sogar wahr. Andernajs Warnung kam ihm in den Sinn.

»Bedenken Sie ernsthaft: Ich mache ich nichts ohne Grund«, erwiderte Klammer, offenbar ohne die Doppeldeutigkeit von Saphers Worten zu bemerken. »Heute habe ich mit der ersten und wahrscheinlich wichtigsten Lektion begonnen. Ich bin ein großer Freund des Prinzips des learning by doing, das früher einmal Probieren geht über Studieren hieß. Das strukturierte Lernziel ist es, dass Sie sich geben und äußern können, als wären Sie weit mehr, als Sie tatsächlich sind. In der Welt der Besitzenden und Erfolgreichen gilt nur der Schein, den man wahrt, und nie das Sein, das Sie innerhalb ihrer vier Wände ausüben können, wenn Ihnen danach ist. Sie brauchen nicht intelligent, belesen, reich, gesund oder sexuell potent sein, Sie müssen allerdings den Eindruck erwecken, sie wären das alles. Es genügt nicht, ein Lump zu sein, man muss auch wie einer erscheinen. Das ist erlernbar und ich will Ihnen heute beweisen, wie einfach das ist. Ich habe dafür eine Gruppe von Personen gewählt, bei der es keine Rolle spielt, wenn Sie aus der selben fallen und sich eine Blöße geben. In der Klasse von Hesz, der sogenannten Guten Gesellschaft, ist ein Fehler tödlich, in der Gesellschaft, in die ich Sie nun einzuführen gedenke, spielt er keine Rolle. Allerdings ähnelt sie der großen – und das macht sie geeignet – wie ein Ei dem anderen: Es gibt die gleichen Eitelkeiten, Eifersüchteleien, Kabalen, Heucheleien, Neid, Bevorzugung, Affären und Prostitution Alles ist nur überschaubarer und ein wenig überspitzter, eine Art von Karikatur der Oberen Zehntausend, deren Clown dieser Kreis übrigens ist. Wie ich festgestellt habe, sind auf allen Stufen der Gesellschaft die Gebräuche die gleichen und unterscheiden sich nur durch ihre äußeren Formen, Abarten und Nuancen. Sie werden es gemerkt haben, ich spreche von der Gesellschaft der Künstler dieser Stadt, in der, weil sie nicht sehr groß ist, sich alle kennen und miteinander Verkehr, auch geschlechtlichen, haben. Bei dieser besonderen Spezies Mensch will ich Sie einführen; deshalb habe ich Sie heute ins kalte Wasser gestoßen und über Sie eine literarische Vita verbreitet, die Sie interessant und für Frauen begehrenswert machen wird. Niemand weiß besser als ich, dass Sie nichts von Kunst und insbesondere nichts von Literatur verstehen, aber – glauben Sie mir – das spielt keine Rolle. Das ist nur der Schein, den Sie verkaufen sollen. Sie werden feststellen, es ist leichter, als Sie jetzt glauben. Gibt es doch Probleme, stehe ich Ihnen bei. Vergessen Sie nicht: Die Rothschädl hat Ihnen sofort den Autor abgenommen; ohne mit der Wimper zu zucken. Sie werden sich wundern, wie viele Eklektiker es in Künstlerkreisen gibt, sie plappern wie Papageien nach, was ein anderer Papagei vor ihnen kolportiert hat. Die mögen es selbst alle nicht, wenn man ihnen auf den Zahn fühlt und sind deshalb sehr vorsichtig im Umgang mit anderen. Was einander verstehen soll, muss von gleicher Art sein. Nun gibt es aber nichts, was sich mehr ähnelte als das Nichts und die Unendlichkeit; das Nichts ist die Dummheit, die Unendlichkeit das Genie. Wenn ich Sie richtig einschätze, Benjamin, werden Sie sich unter den Künstlern bald so sicher bewegen wie unter Ihren Kegelbrüdern. Dann kann ich Sie bald in der gute Gesellschaft einführen.«

Klammer blieb unter dem grellen Schein einer Straßenlaterne stehen und packte Sapher plötzlich mit beiden Händen an den Schultern. So nah waren sich die beiden noch nie gekommen und Sapher entdeckte, dass sein Vorgesetzter Puder, das wohl die Fältchen überdecken sollte, im Gesicht trug. Sie sahen sich in die Augen, bis Sapher den Blick verwirrt senkte.

»Wollen Sie das? Ich pflege nur einmal zu fragen und ich möchte eine deutliche Antwort von Ihnen. Wollen Sie Direktor und one of the happy few werden?«, fragte Klammer und verstärkte mit jedem Wort den Druck auf Saphers Schulter. Er starrte den Dr. an und war unfähig, zu antworten. Er war ein Spielball widerstrebender Gefühle und Gedanken. Ihm schwindelte vor dem Bild, das sein Vorgesetzter gemalt hatte und das, natürlich, die Erfüllung seiner geheimen Wunschvorstellungen und einen fast sexuellen Kitzel bedeutete. Er wusste, meinte Klammer dieses Angebot ernst, so wurde ihm hier eine Chance geboten, wie er sie wahrscheinlich nur einmal im Leben bekam. Gleichzeitig fielen ihm aber wieder Andernajs Worte ein, der Klammer als notorischen Lügner bezeichnet und Sapher gewarnt hatte, mit ihm auf seine Spiele einzugehen. Aber hier stand er vor dem Dr., sah erneut in dessen klare, graue, ja, gerührte Augen und war sicher, dass Klammer es ernst meinte. Dieser Mann sah ihn an, wie man einen Sohn betrachtete. Sapher konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sich sein Vorgesetzter erneut über ihn lustig machte, dazu waren seine Worte und sein Griff viel zu eindringlich. Sapher nickte, fast gegen seinen Willen. Dennoch blieb eine Stimme in ihm, die ihn warnte. Da war etwas hinter Klammers Worten, das ihn zur Vorsicht mahnte, etwas – eine Falle vielleicht – die er übersah.

»Ja«, sagte er, »versuchen wir es.« Er fühlte sich ein wenig wie Faust, der seine Seele dem Teufel verschachert und bedauerte seine schnelle Zustimmung ein wenig. Auf Klammers Gesicht erschien ein breites, auf diese Nähe beinahe bedrohliches Lächeln, das ihn in der Tat ein wenig wie Mephisto wirken ließ.

»Und da dachte ich, mich könne nichts mehr überraschen – vor allen Dingen positiv. Ich stelle zu meiner Freude fest, ich habe mich geirrt. Dass Sie so einfach zustimmen, hätte ich nie gedacht; ich erwartete tausend Ausflüchte von Ihnen und kein einfaches Ja. Aber es bestätigt mich in meiner Meinung.  Sie sind für die Ihnen zugedachte Rolle geeignet«, sagte Klammer, ließ Sapher los und deutete mit einer ausladenden, dramatischen Geste auf die gusseiserne Gittertür, vor der sie standen. Sie führte in einen modernen Häuserkomplex, dessen Mieten, wenn man nach seinem Aussehen ging, atemberaubend sein mussten.

»Also gut! Hier wohnt unter dem Dach Siegfried Sontheimer, der berühmte Maler, den aber alle nur mit seinem Nachnamen ansprechen dürfen. Er ist der Bruder von Manfred, dem dicken Mann, mit dem ich eben im Brandwirt geredet habe. Manfred ist der einzige Mensch, der ihn Siegfried nennen darf, ohne befürchten zu müssen, vor die Tür gesetzt zu werden. Es gibt übrigens noch einen Bruder, Klaus, er ist Immobilienmakler, ein harter, arroganter Geschäftsmann, dessen etwas zweifelhafte Bekanntschaft Ihnen in der Zukunft kaum erspart bleiben wird. Wenn Sie mit Klaus Sontheimer reden, dann verwenden Sie nie einen Satz mit einem Fragezeichen am Ende, es würde sie nur Geld kosten. Klaus Sontheimer ist ein enger Freund von Hesz; soweit man eine Beziehung wie die ihre überhaupt als Freundschaft bezeichnen kann.« Er hob einen Arm, machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber nun lassen Sie uns endlich gemeinsam den ersten Akt unserer Menschlichen Komödie spielen. Ich bin Ihr Abbé Herrera und Sie sind Lucien Rubempré, der Abend beginnt erst.« In Klammers Stimme war so viel Begeisterung, dass sie ansteckend wirkte.

»Hat es Sinn, Sie zu fragen, wer diese beiden Franzosen sind?«, fragte Sapher. Klammer lachte schelmisch und ähnelte mehr denn je einem Dämon.

»Im Moment nicht. Das war ein – lassen Sie mich sagen – Insider-Scherz, wie ich ihn häufig mache. Sie würden ihn nicht komisch finden, wenn ich ihn Ihnen erklärte und wahrscheinlich auch nicht verstehen.« Sapher zuckte beleidigt mit den Schultern und wollte sich entschlossen zur Tür wenden, aber Klammer hielt ihn zurück.

»Zwei Dinge noch, bevor wir da hineingehen: In dem Kreis, in dem wir uns bewegen wollen, benutzt jeder, egal, welcher Alters- oder Autoritätsunterschied herrscht, das freundschaftliche, meist etwas herablassend verwendete Du. Ein Sie ist hier so auffällig und deplaziert wie das Tragen einer Bermudashorts im Amt. Ich bitte dich also, Benjamin«, er sprach den Namen wieder Französisch aus, »mich heute Abend zu duzen. Ich heiße Nikolaus und gute Freunde nennen mich Nikki. Das gilt freilich nur außerhalb der Bürozeiten. Haben wir uns verstanden?«

»Ja, Nikki«, erwiderte Sapher lächelnd und fühlte einen Kitzel der Macht.

»Soweit sind wir noch nicht. Nikolaus, für dich heiße ich Nikolaus«, sagte Klammer und Sapher wurde unter seinem Blick kleiner. »Ich habe noch etwas auf dem Herzen: Sontheimer ist – gelinde gesagt – exzentrisch. Wenn solch eine Einschätzung aus meinem Mund kommt, kannst du dir denken, was sie bedeutet. Er ist der bedeutendsten Maler in Bayern, zumindest ist er der, der die meisten Bilder verkauft. In jedem Amt hängt eines von ihm. Worin dieser Erfolg begründet ist, wird dir aufgehen, wenn wir oben in seiner Wohnung sind. Er ist der ungekrönte König der Künstler dieser Stadt und – nicht zuletzt – er ist wohlhabend, um nicht zu sagen, reich. Was ich sagen will, ist, dass du dich über nichts wundern sollst, was er sagt oder tut. Er hasst es, angestaunt zu werden. Wenn du auf ihn Eindruck machst, dann hast du halb gewonnen, seine Meinung zählt wie keine. Aber mach dir nicht zu viel Angst. Er kocht auch nur mit Wasser. Und lege die Krawatte ab. Bei mir ist sie Stil, denn ich binde sie nur zum Schlafen und zum Sport vom Hals – du allerdings siehst wie von deiner Mutter angezogen aus. Lege dir doch bei Gelegenheit eine leicht exzentrische Brille aus meinetwegen Fensterglas zu; ich werde dich dabei beraten, wenn du willst.« Sapher gehorchte ihm gern, denn er war froh, endlich das unbequeme und beengende Stück Stoff loszuwerden. Er schob es in eine Hosentasche.

»Und? Wie findest du mich?«

Klammer musterte ihn noch einmal aufmerksam. »Nicht perfekt, aber so wird es gehen. Versuche, dein finsteres Gesicht aufzubehalten, es steht dir. Bist du jetzt bereit?«

Sapher nickte und er fühlte sich wie ein schlecht präparierter Student vor einer wichtigen Klausur. Er hatte dieses Gefühl zum ersten Mal, denn in seiner Studienzeit hatte er sich immer perfekt vorbereitet und die Prüfungsangst mittels Tranquilizern auf einem erträglichen Minimum gehalten.

»Ich bin bereit«, sagte er heiser und staunte, als Klammer einen Schlüssel aus der Tasche zog und das Gitter aufsperrte. Er fragte, woher der Dr. einen Schlüssel zu der Anlage habe, aber Klammer war schon in den Innenhof getreten und – absichtlich oder nicht – er überhörte die Frage. Sapher nickte ergeben und wieder hatte er das vage Gefühl, in eine Falle zu tappen.

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[Das 3. Kapitel ist zu Ende und ich werde es in die hier gratis aus meinem Dropbox-Konto downloadbare Leseprobe einbinden. Demnächst beginne ich mit der Veröffentlichung des 4. Kapitels, das ich im Stil eines Balzac-Romans geschrieben habe.]

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