Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nutzlose Menschen – Roman (Teil ZEHN)

»Andernaj schrieb damals zwar nur selten Gedichte und auch mehr nebenzu, aber er hat wirkliche Lyrik gemacht; nicht diesen Käse, den er gerade von sich gegeben hat. Damals waren seine Werke auch noch keine erotischen Obsessionen. Sein erster Band mit Gedichten, den er, ich glaube, zweiundsiebzig oder dreiundsiebzig, in einer Auflage von fünfzig Stück bei seinen intimen Freunden in Umlauf brachte, war vielversprechend, zwei oder drei der Gedichte zählen meiner Meinung zum Besten, was die zeitgenössische Literatur an Junger Lyrik erzeugt hat. Der Band hatte einen seltsamen Titel: Die Hände des Pilatus. Ich habe ihn noch und leihe ihn Ihnen vielleicht einmal. Damals war Alfons auf der Höhe. Er studierte Germanistik und lebte von Bafög und with a little help of his friends, war zudem freier Mitarbeiter bei der Zeitung, die seine geschliffenen Kunstkritiken häufig brachte und auch ordentlich bezahlte. Dann wurde alles anders.« Klammer seufzte und nahm einen Schluck Wein. »Wußten Sie, Sapher, dass die Abbruchquote bei Germanistik achtzig Prozent beträgt? Nun, Alfons gehörte dieses eine Mal zur Mehrheit, denn er war faul. Einer seiner dominanten Charakterzüge ist eine lähmende Faulheit, sie war damals seine Sucht und sie ist es neben dem tröstenden Alkohol noch heute. Sie brauchen nicht zu glauben, dass das Gedicht gerade neu war, er kann heute sein Phlegma und den Alkoholdunst nicht einmal mehr dazu überwinden, so etwas billiges zu schreiben. Das Gedicht ist sicher fünf Jahre alt, aber die Leute sind eben vergesslich und so kann er seinen alten Senf immer wieder als neuen verkaufen. Er ging also von der Uni ab und verschwand ohne seinen Willen für zwei Jahre beim Militär. Er war in Norddeutschland stationiert und hat dort sicher gelitten … allerdings nicht allzu sehr, da er sich sehr schnell neuen Begebenheiten unterordnen kann. Als er mit dem festen Ziel, als Poet zu leben, zurückkam, war seine große Zeit vorbei. Das Twentythree war unter mysteriösen Umständen abgebrannt, seine Bekannten mühten sich um eine bürgerliche Karriere und sein bester Freund war durch den Genuß von unreinem LSD in einer geschlossenen Anstalt gelandet. Zudem waren die Einstellungen von Alfons plötzlich veraltet; die neue Jugendkultur hatte mit Sartre, Hermann Hesse und der psychedelischen Ich-Findung der Hippies nichts am Hut, die meisten hatte das Discofieber gepackt, die Anti-Atomkraftbewegung war im Entstehen. Das Schlimmste für ihn jedoch war, dass er damals in kurzem Abstand seine liebevollen Eltern verlor. Sie hatten ihn all die Jahre nicht nur finanziell unterstützt und ihm eine Unterkunft, ein Heim gewährt, sondern auch an ihn geglaubt. In der Zeit danach versumpfte Alfons zum ersten Mal. Er wohnte nun bei Bekannten, so lange sie ihn eben ertrugen, oder bei Frauen, die er Abends in Lokalen kennenlernte; dies kam aber seltener vor, als er uns weismachen will. Er war damals noch, seines Flairs als Marquis de la Bohême, hinter dem er sich versteckt hatte, beraubt, ein schüchterner, ja, scheuer Mensch. Viele Nächte gab es, in denen er kein Asyl fand, dann wanderte er schnorrend von Kneipe zu Kneipe und schlief schon mal auf einer Parkbank. Sein Leben ähnelte in vielem seinem heutigen, aber damals trank er nur mäßig und er besaß vor allem noch seine dichterische Kraft. Man kann sich fragen, warum er nicht versucht hat, eine Arbeit und Wohnung zu finden, aber er betrachtete seine Dichtung als seine Arbeit und war im übrigen viel zu faul, eine Initiative zu ergreifen, die ihn aus seinem Sumpf befreit hätte. Er hoffte immer auf die Hilfe der anderen, die er so oft enttäuschte, bis sie ihm keine mehr anboten. Der Pfahlbürger ist der Auffassung, dass ein Künstler leiden müsse, wenn er Großes schaffen wolle. Ich persönlich erachte diese Regel als eine jener schwachsinnigen und entlarvenden Plattheiten der Bourgeoisie, mit der sie versucht, ihre Künstler zu einer Art von Über-Ich zu stilisieren. Was dem Bürger fehlt und wonach er sich sehnt, ist Größe und gleichzeitig verdammt er sie, weil er sie als sein Gegenbild nicht ertragen will. Wer uns umwirft, der ist stark; wer uns erhebt, der ist göttlich; wer uns ahnen macht, der ist tief. Das sagte ich nur, damit ich in dieser Geschichte auch einmal Nietzsche zitiert habe.«

»Was hat das denn mit diesem Andernaj zu tun?«, warf Sapher verwundert ein.

»Sie haben recht – nichts. Ich muss mich für meine Abschweifungen entschuldigen. Nun ja, vielleicht war Alfons tatsächlich nie besser als gerade in dem Jahr, in dem er Hunger litt. Einmal hat er auch sein Phlegma überwunden und ist in eine andere Stadt gegangen: Er reiste für einen Sommer nach Berlin, um in dieser legendären Stadt endlich berühmt zu werden und kam noch abgerissener zurück, als er losgefahren war. Die sich überschlagende Hektik jener unüberschaubaren, gnadenlosen, damals noch unter Klaustrophobie leidenden Stadt, ihr pestkranker Atem und seine Verlassenheit in diesem Tumult, in dem man nie allein, aber immer einsam ist, haben ihn tief beeindruckt, aber er war doch froh, als er wieder heimkehren konnte, hierher, wo sich die Dinge um so viel langsamer und beschaulicher abwickeln. In Berlin schrieb er allerdings eine Ode auf die Mauer, sie ist der Höhepunkt seines Schaffens; damals war er im Vollbesitz seiner dichterischen Kräfte:

Vögel erheben sich, der Himmel ist ihr Gefängnis,
wohin sie sich auch flatternd wenden,
sie stoßen auf Mauern aus Luft.
Sie beneiden die Menschen, denn sie leiden keine Flügel,
denn sie haben die Erde, sie sind frei …

, fing sie an. Diese lange, jedoch außerordentlich konzentrierte Dichtung in etwas freien Alexandrinern gelangte sogar durch die Unterstützung von ein paar freundschaftlichen Förderern von Alfons in einen Gedichtband des Fischerverlags und wurde anlässlich einer Rezension dieser Anthologie in der ZEIT mit ein paar Worten lobend erwähnt. Damit begann leider auch schon sein Abstieg als Künstler und das merkwürdigerweise gerade zu dem Zeitpunkt, an dem er eine bescheidene Anerkennung fand und sein Name ins Gespräch der Intellektuellen kam. Achtundsiebzig heiratete Alfons und lebte anschließend beinahe zehn Jahre in der Obhut dessen, was man ein bürgerliches Zuhause nennt. Er hat auch einen bald volljährigen Sohn, der natürlich bei seiner Mutter lebt und den er seit seiner Scheidung vor acht Jahren nicht mehr gesehen hat. Seine Frau hat ihren dichtenden Mann in den ersten Jahren vergöttert und auch noch, als das Kind da war, für den Lebensunterhalt gesorgt. Sie ist Altenpflegerin. Eine Person wie der heruntergekommene, auf seine Art faszinierende und dabei unterhaltende Alfons kam wohl ihrer sozialen Ader entgegen. Sie lernte ihn bei einer Lesung kennen, die er in der Volkshochschule hielt. Bis das Kind kam, war Alfons der beste Ehemann, den man sich denken kann. Es schien, als hätte seine Frau es tatsächlich geschafft, ihn von seiner Faulheit zu heilen. Er ging nur selten aus, traf sich wieder häufiger mit seinen Freunden, schrieb an einem langen Roman und – allein schon erstaunlich genug – er arbeitete im Sommer als Kellner in einem Café. Es war übrigens das erste Mal, dass er das tat und er bezeichnete es später als eine ungewöhnlich lehrsame Erfahrung, weil er sich dadurch endgültig bewusst werden konnte, dass er für konventionelle Arbeit nicht geschaffen war. Über den Roman wollen wir hier besser schweigen. Es sollte Lyrikern grundsätzlich verboten werden, sich als Romanciers zu versuchen. Dies gilt auch umgekehrt. Er hat das Buch nie fertiggestellt, das Manuskript aber trägt er noch heute mit sich herum und zeigt es gern als Beweis seines Genies. Als seine Frau schwanger wurde und beide noch mehr als vorher auf seine seine Arbeit angewiesen waren, endete sein Fleiß so plötzlich, wie er begonnen hatte und sein Phlegma kehrte wie ein alter, lang vermisster Freund zu ihm zurück. Ich nehme an, er hat den Druck der Verantwortung nicht ertragen. Er wurde sich mit einem Mal der Konsequenzen seiner Ehe bewusst, den Pflichten und Erwartungen, die sein Umfeld an ihn richtete. Weil er wahrscheinlich dem allen nicht standhalten konnte oder wollte, flüchtete Alfons zuerst in kleine, schmutzige Seitensprünge, dann immer häufiger in den Alkohol. Seine Person und auch seine Gedichte wurden zunehmend schlampiger und unanständiger. Die alten Freunde zogen sich, der nutzlosen Vorwürfe, die sie ihm machten, leid, wieder von ihm zurück und er bemerkte es nicht, weil er täglich begeistert neue, oberflächliche Bekanntschaften schloss, die die Haltbarkeit einer geöffneten Flasche Milch hatten.

Um es kurz zu machen: Seine Frau war der letzte Mensch, der zu ihm hielt. Sie versuchte über mehrere Jahre hinweg Verständnis für ihn und seine Träumereien aufzubringen – auch für seine nun fast pathologische Untreue. Sie hielt sich damit aufrecht, indem sie an eine vorübergehende Phase glauben wollte. Die tränenreichen Versöhnungen und seine beschwörenden Versprechungen, sich zu bessern, sind ungezählt. Aber der bequeme Weg zur Hölle ist nun einmal mit guten Vorsätzen gepflastert, nur wenige Sprichworte sind so wahr wie dieses. Selbst ein Engel wie Alfons Frau kam eines Tages an den Punkt, an dem sie erkannte, dass sie auf diese Weise nicht weiterleben konnte, wenn sie sich einen Rest Selbstachtung bewahren wollte. Die Scheidung ging dann recht schnell und der Herr Dichter saß wieder auf der Straße. Obwohl er viel über seinen Verlust lamentierte, war er wahrscheinlich doch erleichtert, denn er konnte nun sein Leben wieder so unverbindlich weiterführen wie vor seiner Ehe. Ich weiß nicht, ob er noch einmal versucht hat, seine Familie wiederzusehen, aber ich bezweifle es. Er hakte das ganze Kapitel seiner bürgerlichen Ehe ab und kehrte eilig und zufrieden zu seinen alten, schlechten Gewohnheiten zurück. Damals hatte er noch zu viele enge Frauenbekanntschaften, bei denen er sich einnisten und als Held fühlen konnte, um zu erkennen, wie nah er am Abgrund tanzte. Zuerst hatte Alfons erneut Erfolg als Modedichter. Ein kleiner Augsburger Verlag, der auf Untergrundliteratur spezialisiert ist, veröffentlichte einen dünnen Band mit seinen schlüpfrigen Versen im Stile Bukowskis und er verkaufte sich so gut, dass dem Herrn Dichter trotz der Alimente nie das nötige Geld für ein Bier fehlte. Er war auf Atelierfesten, Lesungen und Vernissagen eine gern gesehene Bereicherung und wurde eine Institution im Kulturbetrieb, eines jener öffentlichen Gesichter, denen man überall begegnet und die jeden kennen. Dass man ihn hinter seinem Rücken belächelte und über ihn zu spotten begann, bemerkte Alfons nicht. Er sonnte sich in seiner wiedergewonnenen Stellung, die er als die einzige für ihn passende empfand. Er bemerkte nicht, dass er längst nicht mehr Fürst, sondern Hofnarr war. Um ihn herum bildete sich schnell eine Gruppe von gescheiterten Existenzen und Speichelleckern, Epigonen und Möchtegernkünstlern wie zum Beispiel der etwas paranoide Wichtigtuer Horst Favelka, aber auch immer häufiger heruntergekommene Schmarotzer und Alkohol- oder Drogensüchtige, die die Freigebigkeit von Alfons zu schätzen wussten. Er war wieder voller guter Vorsätze auf dem sicheren Weg in die Hölle und verwahrloste dabei immer mehr, sein Bierkonsum stieg gewaltig an. Ohne sich dessen bewusst zu werden, war er schließlich am Ende seines Weges angelangt. Keine der Frauen, die ihm noch die Stange gehalten hatten, wollte mehr etwas von dem stinkenden, unappetitlichen Säufer, der er geworden war, wissen und als er pleite war, verlor er schnell seinen Anhang, der sich nach anderen Mentoren umsah.

Ein spätes Dokument seiner literarischen Fähigkeiten ist ein langer Brief an eine Frau, mit der er einen Monat zusammengelebt hat und in dem er ausführt, er würde ihr verzeihen, dass sie ihn vor die Tür gesetzt und zu lieben aufgehört habe, wenn sie ihm nur seine abgelutschte Zahnbürste zurück gäbe, da er sich keine neue leisten könne und im Laufe der Jahre ein sentimentales Verhältnis zu ihr – der Zahnbürste! – entwickelt habe. Der klägliche Rest seiner Zähne und seine Freunde, die unter seinem augenblicklichen Atem litten, wären ihr für diese Großzügigkeit mit ihm zusammen dankbar. Jene Eloge auf die Zahnhygiene war das letzte Aufflackern seiner dichterischen Kraft. Elvira hat den Brief der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, sondern ihn ihrem jetzigen Freund, dem Herausgeber eines der lokalen Szeneblätter, zum Abdruck überlassen. Er hat den Brief zwar nicht gedruckt, aber Kopien von ihm in seinem großen Bekanntenkreis herumgereicht. Aus diesem Grund ist mir dieses viel belachte, späte Zeugnis einer aussterbenden Kunst – nämlich der, Briefe zu schreiben – bekannt geworden. Schriftsteller haben früher einmal ganze Romane dem Brief gewidmet, aber die Hektik unserer Zeit kennt nur mehr das hirn- und sinnlose Geschwätz am Handy, das niemandem die Chance gibt, über die Dinge nachzudenken, die er sagt. In der folgenden Zeit versoff Alfons den Rest seines Verstandes und das war auch der letzte Vorhang für das allzu bürgerliche Trauerspiel vom großen Dichterfürsten Andernaj. Und heute? Was soll ich sagen: Sehen Sie ihn sich doch an. Er ist der jammernde und erbärmliche Rest eines bemerkenswerten Menschen und Poeten, der, ich kann es selbst kaum glauben, einmal Zeilen geschrieben hat wie diese:

Da wir geboren wurden in den Stunden des Leidens,
quält Schmerz, was dunkel wir berühren,
steht Trauer in den Augen, die wir lieben,
und sterben nachts die Träume dieser Zeit.
Nebel tränen uns zur Ruh.

Wie spät ist es?«

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