Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nutzlose Menschen – Roman (Teil SIEBEN)

»Wie geht es dir?«, fragte Gitta routinemäßig, als sie in das Wohnzimmer gingen.

»Mir geht es gut«, log Clara mit der selben Geläufigkeit, obwohl sie heute wegen der Schmerzen in ihrem Rücken kaum sitzen konnte. Niemand sollte sich durch ihre Krankheit belästigt oder sich gar verpflichtet fühlen, sie zu bemitleiden. Claras große Angst war es, lästig zu fallen.

»Lass uns gleich Musik machen, ich brauche das jetzt.« Sie trat dabei zum Klavier und legte Flöte und Noten auf den Hocker.

»Hast du das zweite Largo der B-dur-Sonate in der letzten Woche geübt?« Gitta nickte, obwohl sie keine Zeit dafür gefunden, seit dem letzten Treffen die Tasten des Klaviers nicht berührt hatte.

»Ich habe in den ersten Takten noch immer erhebliche Schwierigkeiten mit den Tempi«, schränkte sie zögernd ein. Wenn sie ehrlich zu sich war, musste sich sich eingestehen, dass sie das gemeinsame Projekt überforderte. Obgleich die Sonaten von der Flöte getragen wurden und das Klavier nur untergeordnete Begleitung und Akkorduntermalung darstellte, stieß Gitta doch an die Grenzen ihres Könnens, das für den Hausgebrauch am Weihnachtsabend gerade ausreichte. Natürlich übte sie zu wenig, ihr anderen Aktivitäten ließen ihr auch keine Zeit dazu. Sie enttäuschte Clara von Treffen zu Treffen. Diese dachte allerdings nicht daran, zu resignieren, dazu hatte sie zu viel Arbeit investiert. Außerdem bereitete ihr das Projekt trotz der nur langsamen Fortschritte noch immer Vergnügen. Gitta suchte nach einer Ausrede, die die unvermeidliche Blamage, wenn sie eingestehen musste, dass sie das Largo noch immer nicht fehlerfrei spielen konnte, hinauszögerte.

»Wir haben Prosecco, aber er ist noch nicht kalt. Willst du vielleicht einen Kaffee?«, erkundigte sie sich, um das Unvermeidliche hinauszuzögern und und trat wie zufällig an die Anrichte, um einen Blick auf die Papiere ihres Mannes zu werfen. Doch Benjamin hatte die Schublade, an der sie vergebens rüttelte, verschlossen und den Schlüssel abgezogen. Er trug ihn wahrscheinlich bei sich. Sie schüttelte erstaunt den Kopf. Das war eine Verhaltensweise, die sie noch nicht an ihm kannte. Hatte er wirklich so wenig Vertrauen zu ihr? Gleichzeitig schoss ihr das Blut in den Kopf, denn sie wollte ja tatsächlich hinter ihm her spionieren.

»Bei der Hitze? Hast du nicht etwas Kühleres und, wenn möglich, ohne Alkohol?« erwiderte Clara. »Du solltest doch wissen, dass ich keinen Prosecco oder Kaffee vertrage, davon bekomme ich schreckliches Sodbrennen. Das trinken nur meine Romanfiguren, wenn sie den Sonnenuntergang über der Toskana bestaunen.«

Gitta hastete mit schlechtem Gewissen in die Küche, um eine Karaffe Eistee und passende Gläser zu holen. Clara steckte in der Zwischenzeit ihr Instrument zusammen und ordnete die von ihr selbst geschriebenen Notenblätter. Als Gitta das Tablett mit den Getränken auf den niederen Couchtisch stellte, fiel ihr Blick zufällig auf den Sessel, der neben ihm stand. Dort ruhte friedlich Klammers Aktentasche. Sie war aus grauem, abgewetztem Leder und an den Ecken aufgestoßen und auffällig schäbig. Es war ein überaus hässlicher Gebrauchsgegenstand, dessen Griff und die Mitte der Unterseite durch jahrelanges Benutzen fettig und dunkel gefärbt worden waren. Diese scheußliche Tasche wollte Gitta nicht zu dem bis ins winzigste Detail sorgfältig gepflegten Mann passen, der nicht gerade von Armut gezeichnet war. Sie mutmaßte, dass ihn wahrscheinlich sentimentale Gründe veranlassten, dieser alten, abgegriffenen Aktenmappe die Treue zu halten.

»Das passt nicht zu ihm«, sagte sie halb zu sich und meinte weniger die Tasche, sondern auch die Tatsache, dass Klammer sie hier vergessen hatte. Benjamin stellte ihn in seinen Erzählungen,als einen kleinlichen Perfektionisten dar, der eigentlich nie etwas vergaß. Anderseits hatte er sich gerade als leicht verkalkt präsentiert oder zumindest mit der Senilität des nahenden Alters kokettiert. Clara hob verwundert den Kopf von ihrer Flöte, auf der sie probeweise ein paar Töne geblasen hatte.

»Was hast du gesagt?«

»Ach, es ist nichts weiter. Benjamins Vorgesetzter hat nur seine Aktenmappe hier liegengelassen«, erläuterte Gitta und hob sie zur Demonstration vorsichtig am Griff in die Höhe. Dabei sprang sofort der seitliche Verschluss auf und die zweiteilige Tasche klappte plötzlich weit auseinander. Zwei Ordner, die in ihrer Mitte gesteckt hatten, fielen heraus und es verteilten sich eine große Anzahl loser Blätter auf dem Sessel und dem Boden. Obwohl Gitta mit blindem Instinkt sofort reagierte und zugriff, konnte sie doch nur noch verhindern, dass der Inhalt eines dritten Ordners das Schicksal der anderen teilte. Erschrocken stand sie, die Tasche an sich gezogen und mit beiden Händen an den Oberkörper gepresst, in dieser Flut von Papieren, die sie wie eine Welle umspülten. Clara lachte auf. Der Anblick, den ihre Freundin bot, hatte tatsächlich etwas Komisches.

»Wie die schaumgeborene Venus siehst du aus«, stellte sie fest und legte ihre Flöte vorsichtig auf das Klavier. »Wie konnte denn so etwas passieren?«

Gitta starrte auf die Bescherung und zuckte zur Antwort mit den Schultern. Langsam legte sie die Tasche und die letzte gerettete Mappe zur Seite. Dann bückte sie sich ergeben und begann, die verstreuten Blätter einzusammeln. Sie waren teilweise bis weit unter den Tisch gesegelt.

»Alles durcheinander!«, seufzte sie, war aber tief in ihrem Inneren über den unerwarteten Aufschub vor dem Üben nicht undankbar. Clara begann, ihr beim Aufsammeln zu helfen. Sie verzog wegen der Schmerzen in ihrem Rücken qualvoll das Gesicht, als sie sich zum Boden herunterbeugte.

Die beiden Frauen legten zuerst alle Blätter auf den Tisch, dann begannen sie, sie nach ihren Seitenzahlen zu sortieren. Das ging leichter, als sie zuerst befürchtet hatten, denn obgleich die beiden Akten wild durcheinander gemischt waren, waren sie zum Glück leicht zu unterscheiden, da die eine handschriftlich war und aus verblichenem, kariertem Papier bestand, die andere ein mit vielen Grafiken vermischter Computerausdruck war.

Clara ordnete den mit Tinte handgeschriebenen Text, einen Entwurf, der ein Organisationsproblem im Amt behandelte. Dabei bewunderte sie mit dem Kennerblick einer Autorin die bemerkenswerten, peniblen und gut lesbaren Schriftzüge Klammers, deren Buchstaben wie gedruckt wirkten. Es war eine schöne, dabei jedoch völlig unpersönliche Handschrift. Es hätte sie interessiert, was ein Graphologe aus ihr heraus gedeutet hätte. Plötzlich stutzte sie.

»Was ist denn das? Hör mal!«, rief sie verblüfft und hockte sich im Schneidersitz auf den Boden. Gitta verharrte im Sortieren und setzte sich halb auf den Couchtisch. Sie hatte wieder jene düstere Vorahnung, die sie, wenn sie an Klammer dachte, nicht abschütteln konnte. Sie hob den Kopf wie im Trotz, auf eine schlechte Nachricht gefasst. Clara bemerkte Gittas Stimmung nicht, da sie auf das Blatt in ihren Händen sah. Dann las sie vor:

»… gerade aus dieser Erfahrung heraus sind mir so verabscheuenswerte, weil in ihrer mittelmäßigen Boshaftigkeit langweilige Kreaturen wie Benjamin Sapher, den ich im zoologischen Sinne zur Spezies der Aasfresser rechnen will, zur Klassifizierung und Typisierung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands ideal. Wie mein großes Vorbild will ich Menschen in der Gesellschaft gestalten, die diese Gesellschaft zu Unmenschen verunstaltet hat. Die Natur hat nur die Dummen geschaffen, die Albernen verdanken wir der Gesellschaft. Sie sind das einzige, weil wahre Thema für den zeitgenössischen Autor. Sie allein lohnen den Verbrauch von Papier und Talent. Das Gesetz des Schriftstellers, das ihn zu einem solchen macht – und ich scheue mich nicht, das zu sagen – ihn dem Politiker ebenbürtig und vielleicht sogar überlegen macht, ist eine Entscheidung über die menschlichen Dinge, wie auch immer sie ausfällt, ein absolute Hingabe an Prinzipien. Machiavelli, Hobbes, Leibniz, Kant und Montesquieu sind die Wissenschaft, die die Staatsmänner anwenden. ‚Ein Schriftsteller muss in der Moral und in der Politik feste Meinungen haben, er muss sich als einen Erzieher der Menschen betrachten; denn um zu zweifeln, bedürfen die Menschen keinen Lehrer‘, hat Bonald gesagt…«

Clara machte eine Pause. »Verstehst du das?«, fragte sie, nachdenklich den Kopf schüttelnd.

»Nicht ganz. Aber lies weiter«, erwiderte Gitta leise und hielt eine Hand vor den Mund, nagte an einem Knöchel des Zeigefingers.

»Ja, gut: Wenn er also eine Botschaft hat, die verstanden werden soll, muss er gleich dem Politiker seine Kunst am schwierigsten, weil lebenden Objekt und seinem gesellschaftlichen Sein erproben.
(Hier sei eingeworfen, dass gewisse Leute aus ihrer bourgeoisen Psychologie heraus meine Deklaration hochtrabend und großsprecherisch finden werden. Sie haben dem Romancier unterstellt, dass er Politiker werden wollte. Meine einzige Antwort ist, dass ich einer Verpflichtung gehorchte. Schriftsteller mit einem Ziel müssen stets das Gelände sondieren. Wer nun aber seinen Stein in das Gebiet der Ideen trägt, wer einen Missbrauch anprangert, wer das Schlechte markiert, damit es beseitigt werde, der gilt als unmoralisch. Der Vorwurf der Immoralität, der keinem mutigen Autoren je erspart geblieben ist, wird übrigens immer zuletzt erhoben, wenn man einem Dichter sonst nichts mehr zu sagen weiß. Wenn er in seinen Schilderungen wahr ist, wenn er durch Plackerei bei Tag und Nacht dahin kommt, die schwierigste Sprache der Welt zu schreiben, die des Alltags, dann wird ihm das Wort ‚unmoralisch‘ ins Gesicht geworfen. Wenn man die Gesellschaft ganz kopiert, wenn man sie in ihrer unermesslichen Agitation zu fassen sucht, so kann, so muss eine solche Komposition, ein solches Werk mehr Böses als Gutes haben.)
Ich habe Sapher bewusst für meine Ziele gewählt und erprobe meine Kunst damit an der einzig lohnenden Herausforderung, der Wirklichkeit. Sapher ist unwägbarer als jede erfundene Figur, die ja einen gut überschaubaren, weil niemals zu komplexen Charakter besitzt und den Schriftsteller mit ihren Handlungen trotz gelegentlicher Ausnahmen nur selten überraschen kann. Der Autor kann, auch ohne der allmächtige oder allwissende Erzähler zu sein, die Handlungen der von ihm entworfenen Figur im Großen und Ganzen klar einschätzen und im Voraus bestimmen. Ein lebender Mensch wie Benjamin Sapher hingegen, der ‚Wahrheit‘ besitzt, handelt oft der Logik und dem Rhythmus des Erzählens zuwider, tappt unter Umständen nicht in die Fallen der Inszenierung, übersieht Offensichtliches, hört nur mangelhaft zu, oder, was dem Autor das Schlimmste ist, er tut vielleicht überhaupt nichts, er handelt nicht, weil er müde ist, Hunger hat oder sein Wasser abschlagen muss.
Wenn ich also als höchste Probe meiner Kunst, als ‚Chef-d‘ oevre‘, eine Geschichte aus meinem Sapher mache, Autor der Realität bin, sind tausend Unwägbarkeiten in der Rechnung. In jeder Sekunde verzweigen sich die Wege der Gelegenheiten eines Menschen ins Unendliche. Trotzdem, und dies gibt mir den Mut, es zu versuchen, wird sich Sapher doch meist so verhalten, wie ich es wünsche. Obwohl er immer alle Optionen hat, ist es doch mit beinahe erschreckender Präzision einschätzbar, wie er sich in einer von mir vorgegebenen Situation verhalten wird. Ich muss mir nur die Mühe machen, mich haarklein mit ihm auseinanderzusetzen, so, wie ich es in den letzten Jahren mit vielen Menschen getan habe.
Das hört sich fader und nüchterner an, als es ist. Natürlich muss Interesse für einen Menschen vorhanden sein, der nun in der Tat das Prädikat ‚durchschnittlich‘ verdient hat. Ich werde ihn in Inszenierungen verführen, in denen er zeigen kann, …«

Clara hielt inne und senkte erstaunt das Papier. Klammer hatte einen interessanten Stil, auch wenn er arg gekünstelt und umständlich auf sie wirkte. Er klang in ihren Ohren wie dem 19. Jahrhundert entsprungen.

Gitta, die ihr mit steigendem Unbehagen zugehört hatte – ein Gefühl, das sich langsam in eine nicht in Worte fassbare Unruhe, ja, Furcht, gesteigert hatte – fühlte so etwas wie einen feinen Nadelstich in der Lunge, sonst nichts. Was Klammer geschrieben und ihre Freundin mit einer in vielen Lesungen trainierten Sicherheit vorgelesen hatte, erzeugte in ihr eine merkwürdige Leere, dem Empfinden ähnlich, das man hat, wenn man in einem Traum in eine nur aus einem anderen Traum gekannte Landschaft zurückkehrt. Ihr wurde schwindlig und sie war froh, dass sie bereits saß.

»Warum hörst du auf?«, fragte sie mit gequälter, brüchiger Stimme. »Lies weiter.«

Clara, von Gittas heftiger Reaktion überrascht, zog die Augenbrauen zusammen.

»Das war alles auf dieser Seite. Mehr steht da nicht. Lass uns die nächste suchen, sie müsste die Seitennummer 5 tragen …«, Clara begann in den übrigen Blättern zu kramen und wurde schnell fündig.

»Das ist 5!«, rief sie erfreut und hob ein weiteres Blatt. Sie sah kurz darauf, dann schüttelte sie erstaunt den Kopf.

»Aber das hier ist etwas ganz anderes … irgendein Wirtschaftszeug. Das hat keinen Zusammenhang mit der anderen Seite. Es ist zwar das gleiche Papier, auch die gleiche Handschrift, aber die Texte passen nicht zusammen. Das ist ja seltsam! Und schau …«, sie stutzte und hob noch ein Blatt, »hier ist noch einmal eine Seite 4. Sie gehört eindeutig zu den anderen. Es sieht so aus, als sei Klammer das Blatt mit dem Text über deinen Mann nur zufällig zwischen diesen Bericht gerutscht. Was meinst du?«

Sie sah zu Gitta, die mit halb geöffnetem Mund völlig abwesend zur geöffneten Terrassentür hinaus sah, wo die Abendsonne den Himmel über den Reihenhäusern mit rotem, warmem Licht färbte. Es war wolkenlos und still. Für einen Moment war nur das schrille Kreischen einer Schwalbe, die hoch oben nach Beute segelte, zu hören.

»Gitta?«, wiederholte Clara. Ihre Freundin sah in dieser Versunkenheit nicht gerade intelligent aus. Die Angesprochene senkte den Blick.

»Das glaube ich nicht«, sagte sie langsam und so düster, als ob sie eine sibyllinische Offenbarung ausspräche.

»Bitte?«

»Ich glaube nicht an Klammers Zufälle.« Gitta nickte, sich damit Mut zu ihrer Meinung machend. »Du hast es doch gerade mit seinen eigenen Worten vorgelesen: Bei ihm ist nichts dem Zufall überlassen. Er hat alles um sich herum inszeniert. Ich wette, er wollte, dass wie dieses Blatt finden und lesen«, sagte sie, plötzlich atemlos von diesem Einfall. Verzweifelt versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Clara wechselte ihren Sitzplatz auf dem Boden mit einem bequemeren im Sessel und schenkte sich ein Glas Eistee ein. Kopfschüttelnd sah sie zu ihrer Freundin, die auf der Tischplatte sitzen blieb.

»Denkst du das allen Ernstes?«, munterte sie Gitta zum Weitersprechen auf.

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