Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nutzlose Menschen – Roman (Teil EINS)

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer wieder …“
Saki

*

ERSTES KAPITEL
Die Beamten

»Ironie ist teuer. Sie kann sich nur erlauben, wer sie sich wirklich leisten kann«, erwiderte Klammer lächelnd. Er wischte mit einer strengen, konzentrierten Bewegung einen hellen Fussel vom Revers seines lindgrünen Jacketts. »Das ist, auf einen allzu kurzen und auch durchaus euphemistischen Nenner gebracht, die Essenz der Philosophie des Hippias und etwas, das der nüchterne Platon dem Sophisten endothym nicht verzeihen konnte. Auch dem Chaos kann sich im Übrigen nur der hingeben, der es versteht, eine gewisse Ordnung zu halten.«

Sapher zuckte hilflos mit den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Doktor. Aber wie so oft verstehe ich Sie nicht.« Er drehte mit einer unbewussten Geste der Kapitulation seine Handflächen nach oben und seufzte. »Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben: Ich verstehe Sie eigentlich nie. Sie sind doch jetzt seit zwei Jahren mein Vorgesetzter und fast an jedem Arbeitstag reden wir miteinander, nicht wahr? Und trotzdem habe ich immer den Eindruck, Sie reden nicht mit mir, sondern an mir vorbei, mit, ich weiß nicht, mit jemandem an einem anderen Tisch oder mit der Nachwelt. Ist das Absicht? Was sind denn das für Gedankengänge, die Sie immer wieder vor mir ausbreiten? Wen sollen sie beeindrucken? Mich verwirren Sie nur…«, sagte Sapher unsicher. Nikolaus Klammer erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als habe er ihm zugehört. Sein Vorgesetzter sah mit seinem eingefrorenen Lächeln zum Fenster hinaus, als er antwortete.

»Es gibt nichts Erstaunlicheres als mich selbst«, zitierte er zum wiederholten Male seinen Lieblingsschriftsteller, »Sie und ich sind wie die zwei im Altersverhältnis zueinander umgekehrten Beamten Poiret und Bixiou. Verzeihen Sie mir, ich will Sie nicht verletzen, aber Sie sind ein eingeschränkter, im positiven Wortsinn einfacher Bürger. Nehmen Sie es als Auszeichnung, wenn ich das sage, als eines der seltenen Lobworte aus meinem verbitterten Mund; denn Ihre Rasse, die doch den Staat erhält, ist im Aussterben begriffen. Der Bourgeois stirbt in unserem bourgeoisen Land am Ennui und niemand verfasst seinen Nekrolog. Sie sind einer der Letzten und das zeichnet Sie aus. Deshalb rede ich mit Ihnen auch nicht über Fußball, Autos oder das Internet.« Klammer wand seinen Blick erst jetzt wieder zu Sapher, der ihm zwar aufmerksam, aber nicht minder fassungslos zuhörte.

 »Der letzte Mohikaner, der letzte Kaiser, der letzte Zivilist – Der Letzte Bürger! Ich denke, ich werde Ihnen zu Ehren einen Roman mit diesem Titel schreiben, einen homerischen Epos über die Suche nach einem Mann ohne Eigenschaften in einer verlorenen Zeit. Wissen Sie, Sapher, es ist ebenso leicht, sich ein Buch auszudenken, wie es schwer ist, eines zu schreiben. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach – und jetzt weiß ich auch den ersten Satz, er ist mir gerade eingefallen.« Klammer setzte sich gerade und begann ausgelassen und von der eigenen Eloquenz begeistert zu deklamieren:

»Hören Sie: ‚Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau des heraufdämmernden, jungfräulichen Morgens, der in dieser schmutzigen, erbarmungslosen Verhöhnung all der Gründe, aus denen Menschen Städte bauen, so schnell altert und zahnlos wird, vorverdaut von der sodomitischen Enge in den dampfigen Verkehrsmitteln, in einen Mantel stinkender Abgase gehüllt, schält sich täppisch die gebeugte Silhouette des letzten Beamten…’«

»Ich weiß nie, wann Sie sich über mich lustig machen. Wer ist Bixiou?«

»So unterbrechen Sie mich doch bitte nicht, denn solch ein Augenblick der Inspiration kommt unter Umständen nie wieder! Wenn ein kraftvoller Gedanke auf seinen traumhaften Schwingen einen Dichter entführt und ihn von den Umständen, die ihn hier einschließen, entfernt, indem er ihn durch die grenzenlosesten Regionen schleudert, wo die ungeheuersten Ansammlungen von Tatsachen zu Abstraktionen werden, wo die größten Werke der Natur nur Bilder scheinen – wehe ihm, wenn irgendein Lärm an seine Sinne schlägt und die schweifende Seele in das Gefängnis von Fleisch und Bein zurückruft!«, ereiferte sich Klammer theatralisch, wieder einmal jemanden zitierend. Sein Gedächtnis war wirklich sensationell; alles, was er irgendwann gelesen hatte, konnte er lückenlos und fehlerfrei wiedergeben. Er wirkte jedoch für einen Moment tatsächlich verärgert.

»Sehen Sie, wenn der erste Satz stimmt, ist der Roman schon fast geschrieben, alles weitere ist Fleiß und Zeit. Das sind zwei Dinge, die ich im übrigen nicht besitze, denn Faulheit und Bewegungslosigkeit sind der normale Zustand aller Künstler.« Er faltete die Hände vor dem Mund. »Der erste Satz muss eine Mausefalle sein, er muss den Leser fassen und darf ihn für zweihundert atemlose Seiten nicht mehr loslassen. Was habe ich gesagt? Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau eines beginnenden Morgens, der in unserer dreckigen Stadt so … na, so schnell alter t… und … und … vorverdaut wird?« Klammer runzelte die Stirn und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Egal, es ist weg, eine weitere Perle verschwendet; wir haben den Augenblick verloren. Nun wird Ihr Epos immer unvollendet bleiben, ein Fragment, das aus dem Fragment des ersten Satzes besteht. Das ist nicht viel, aber dieses Fragment schenke ich Ihnen. Dieses bewegungslose, amorphe Grau, ich eigne es Ihnen zu. Ein Satz für Sapher.« Atempause.

»Dabei fällt mir ein: Ihr Name, mein lieber Sapher, mein lieber Benjamin Sapher, das wollte ich Sie schon immer fragen, welcher willkürlichen Gottheit verdanken Sie Ihn? Er ist herrlich, ein Füllhorn des Wohlklangs, wie die Sonatine von Ravel. Entschuldigen Sie bitte die schlechte Alliteration, Herr Sapher, aber eine Metapher der Sappho kann nicht besser klingen: … geschüttelt hat Eros mich wie der Sturm, der vom Berge her sich wild auf die Eichen stürzt. Wissen Sie übrigens, dass es nur ganz wenige Poeten gibt, deren Name bereits ein wohlklingendes Gedicht ist? Ernst Jandl, Detlev von Liliencron, schrecklich nicht wahr? Man will kein Gedicht von Menschen lesen, die so heißen. Aber hören Sie dagegen: Hölderlin, Novalis, Walt Whitman, Sappho, Ovid und Erich Fried. Genießen Sie die Euphonie, das Versmaß, den Distichon. Benjamin Sapher, man muss Ihren Namen laut französisch sprechen, um ihn völlig genießen zu können«, begeisterte sich der Doktor.

»Meine Familie kommt von Großvaters Seite aus dem Elsass«, warf Sapher geschmeichelt ein.

»Sehen Sie! Ihr Name ist strahlende Poesie, aber für ein bürgerliches Trauerspiel wie das unsere ist er denkbar ungeeignet. Bei Schiller würden Sie eher von Kalb oder Wurm heißen; oder wie wäre es mit Schwerdgeburth, ein beredter, wunderbarer Name, nicht wahr? So hieß, wenn ich mich recht entsinne, im vorigen Jahrhundert ein Freund von Johann Gottfried Seume, ein Maler … Haben Sie den ‚Spaziergang nach Syracus‘ gelesen?«

»Wie würde denn Klammer klingen?«, fragte Sapher leichthin und lächelte selbstsicher. In diesem Augenblick glaubte er, er könne seinem Vorgesetzten zum ersten Mal in diesem Gespräch Paroli bieten. Dessen Stimme wurde einen Hauch schärfer und kälter, nur einen ephemeren Strich auf der Maßeinheit seiner Modulationsmöglichkeiten, doch als er fortfuhr, genügte er, Saphers Selbstzufriedenheit über seine Schlagfertigkeit hinwegzuwischen und ihr Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnis gerade zu rücken.

»Sieh an, Sie zeigen Witz! Ihr Umgang mit mir erbringt erste Früchte. Also erscheint er doch nicht umsonst. Nun ja, vielleicht Klammer, warum nicht? Aber es lässt sich viel dagegen sagen. Der Name ist zu bedeutungsschwanger, mit Inhalt überfrachtet. Nikolaus Klammer, das klingt wie Willi Loman, Wilhelm Meister, Peter Kien, Stiller, Herr Keuner oder Darth Vader; da ist viel zu viel Symbol. Man darf einen Leser niemals für dumm halten, ihn nie unterschätzen. Deuten Sie nur an, wenn überhaupt. Oder – noch besser – Sie schlagen ein Telefonbuch auf, dort finden Sie viele Namen und Geschichten …«

Sapher, der das Gespräch beenden wollte, sah kurz auf seine Uhr. »Ich unterbreche Sie nur ungern, Herr Doktor, aber die Arbeit ruft.«

»Es ist schon zehn?« fragte Klammer, der nie eine Uhr trug.

»Bereits eine Minute danach.«

Klammer schüttelte den Kopf: »Meine liebe Sappho, Sie werden mir unpünktlich. Aber bleiben Sie doch, heute ist Freitag und ich gebe Ihnen Dispens! Nein, wirklich. Kreative Menschen wie wir brauchen die Muße, ihre Gedanken zu entwickeln. Die Freiheit der Fantasie hat Marasmus zur Folge. Außerdem ist es hier unter dem Ventilator angenehm kühl. Ist es paradox, wenn es mich bei dem Gedanken an unsere überhitzten Zimmerfluchten fröstelt?« Klammer lachte, nahm Sapher an der Schulter und drückte ihn zurück in den Stuhl, aus dem er sich, über den Tisch gebeugt, bereits halb erhoben hatte. Ergeben gehorchte er dem sanften Druck seines Vorgesetzten.

»Ihr Publikumsverkehr muss eben einen Moment warten. Viele werden es jetzt in der Urlaubszeit und bei diesem Wetter nicht sein. Ich will Ihnen etwas verraten, es ist ein offenes Geheimnis und mich wundert, dass Sie es noch nicht kennen: Die Leute, mit denen wir es hier im Amt zu tun haben und die sich jeden Tag in unseren Gängen drängen, die wollen warten. Die kommen nur deswegen hierher. Helfen können wir ihnen nicht, das wissen wir beide nur zu gut. Die Leute ahnen das ebenfalls. Aber durch das Wartenlassen schenken wir ihnen eine kurze Hoffnung, einen versteckten Zugang zu Pandoras Büchse. Die halbe Stunde, vielleicht sogar Stunde, die sie ungeduldig vor unseren Türen verharren müssen, in stummer Eifersucht in die Gesichter derer starrend, die näher bei der Tür sitzen oder stehen, diese Stunde ist weit wichtiger als das kurze, ergebnislose Gespräch mit uns, unser resignierendes Kopfschütteln, unsere Vertröstungen, Formulare und neuen Termine, sogar unser Geld. Warum haben diese Leute so selten etwas zum Lesen dabei oder sonst eine Beschäftigung? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Die Antwort ist: Weil sie sich das Warten nicht durch einen Zeitvertreib verkürzen wollen, denn in jenen endlosen Momenten des Geduldens hegen sie die geheime, ihnen selbst nicht ganz bewusste Hoffnung, es würde diesmal anders werden. Heute seien sie nicht schon wieder umsonst gekommen, sondern sie würden vielleicht wirklich etwas erreichen können. Und gleichzeitig spüren sie: Es gibt noch etwas anderes, wie Estragon  antropromorph auf den Fluren von Behörden auf das Erscheinen von Godot zu harren. Es wird ein Gefühl geweckt, eine Begierde nach der Familie und nach Betätigung. Wir schenken den Menschen etwas Nachdenken, ein Stück Leben, das sie in der modernen Welt verloren haben. Vielleicht ist das unsere eigentliche Aufgabe als Beamte.«

»Sie sind wieder zynisch, Herr Doktor.«

Klammer kniff wie verärgert die Augen zusammen und überraschte Sapher mit einem plötzlich ernsten, abschätzenden Blick. Dann lächelte er und sein Gegenüber folgte seinem Beispiel unsicher. »Ich sagte schon, man muss sich Ironie leisten können. Ich hätte auch sagen können, dass ich bei meinem mickrigen Gehalt niemals ironisch, zynisch oder gar sarkastisch bin. Im Ernst, lassen Sie deshalb die Leute ruhigen Gewissens warten, wir unterhalten uns heute so gut.«

Sie unterhalten sich heute so gut, dachte Sapher. Zum ersten Mal während seines Gesprächs mit seinem Vorgesetzten sprach er einen Gedanken nicht aus.

»Wer ist Bixiou?«, fragte er stattdessen erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Er bekam sie auch nicht. Klammer stand auf.

»Ich hole uns noch einen Kaffee. Eine kleine Viertelstunde haben wir sicherlich noch Zeit«, sagte er dabei.

Sapher sah nachdenklich hinter ihm her. Nikolaus Klammer, Doktor der Jurisprudenz und ein verdienter Beamter im höheren nichttechnischen Dienst, der in einem schwer abschätzbaren Alter zwischen fünfundvierzig und fünfundfünfzig stand, hatte eine mittelgroße, unauffällige und schlanke Gestalt. Er kleidete sich aber modisch und teuer, fiel daher überall auf und erregte wegen seiner Eleganz allgemein Bewunderung. In seinen etwas spärlich gewordenen, sorgfältig frisierten und dunklen Haaren zeigte sich keine einzige graue Strähne. Sapher hatte schon Vermutungen darüber angestellt, ob er sie wohl färbte.  Obgleich Klammer Saphers direkter Vorgesetzter war und er sich oft mit ihm unterhielt, war es Sapher während der Zeit, die sie nun in der gleichen Abteilung Tür an Tür saßen, nicht gelungen, einen Einblick in Klammers Charakter, der etwas von der überraschenden Wechselhaftigkeit des Aprilwetters hatte, zu werfen. Nie konnte sich Sapher sicher sein, ob Klammer im Ernst mit ihm sprach, oder sich insgeheim über ihn lustig machte. Obwohl er selbst alles andere als ungebildet war, verstand er viele von dessen intellektuellen, oft hermetischen Spitzen nicht, deren Bedeutung er manchmal am Abend in einem Lexikon nachschlug. Dabei hob sich, von ihm selbst kaum bemerkt, sein Gemeinwissen. Er hatte bei seinen Nachforschungen überrascht festgestellt, dass der belesene Beamte über ein exaktes, geradezu photographisches Gedächtnis verfügte, das ihn in die Lage versetzte, lange Buchpassagen, Gedichte, aber auch Gesetzestexte auswendig und fehlerfrei aufzusagen. Sapher hatte, bevor er dem Doktor begegnete, weder geglaubt, dass es Menschen gab, die zu solchen Erinnerungsleistungen fähig waren, noch jemanden außer Klammer kennengelernt, der auf eine so seltsame, flatterhafte und leichtfertige, dabei durchaus anziehende Weise über nahezu jedes Thema zu raissonieren verstand. Er nahm an, der unverheiratete Doktor hatte Erfolg bei Frauen. Das war allerdings nur eine seiner Vermutungen, da er praktisch nichts über das Privatleben Klammers wusste; er konnte ebensogut auch wie ein Mönch leben oder schwul sein. Was den ungewöhnlichen Beamten umgekehrt gerade an Sapher interessierte, blieb diesem ein unlösbares Rätsel. Zwar ahnte er, dass Klammer irgendetwas mit seiner Person verband oder gar plante, doch er hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sein Vorgesetzter mit diesen häufigen Diskussionen knapp über Saphers intellektuellem Horizont abzielte.

Anderen Beamten gegenüber zeigte sich Klammer zwar freundlich, aber reserviert. In seinen Gesprächen mit ihnen ging er nur selten über die Belange der Behörde hinaus. In den alltäglichen Geschäften des Amtes war der Doktor ein mustergültiger, erfahrener und fleißiger Beamter, der seinen Posten als Oberamtsrat vorzüglich ausfüllte und dessen Wissen der Vorschriften und Rechtsbestimmungen sprichwörtlich war. Von Sapher abgesehen hielt er genau jenen Abstand zu seinen direkten Untergeordneten, der den nötigen Respekt vor der Person und der Fachautorität des Vorgesetzten erweckt. Dennoch war er im Amt eine halbmythologische Gestalt und stand in dem geflüsterten Ruch der Verschrobenheit. In seiner Vergangenheit musste es auch einmal einen Eklat gegeben haben, über den hinter vorgehaltener Hand ungenaue, aber phantastische Mutmaßungen die Runde machten. Der tatsächliche Vorfall, falls es denn je einen gegeben hatte, war ein gut gehütetes Geheimnis, das, so eines der Hauptgerüchte, der Grund war, aus dem Klammer trotz seines Alters und seinen Fähigkeiten nicht befördert wurde und zum Direktor aufstieg.

 »Du arbeitest beim Klammer?«, hieß es häufig und Sapher wurde mit einer bedeutsamen, dabei mitleidigen Miene bedacht. »Oh, je!«

In diesem mitfühlenden Laut schwang meist neben der Erheiterung eine Prise Schadenfreude mit. Wäre Klammer nicht sein direkter Vorgesetzter gewesen, hätte Sapher ihn sicherlich gemieden. Seit geraumer Zeit versuchte er auch, sich hinter Klammers Rücken innerhalb der Behörde zu verändern. Das würde ihm jedoch kaum vor der nächsten Regelbeförderung gelingen und die stand erst in zwei Jahren ins Haus. Sapher selbst war zweiunddreißig Jahre alt, etwas untersetzt, unscheinbar und hell-, fast rotblond. Da er saloppe Alltagsbekleidung bevorzugte, hatte er Mühe, sich der strengen Kleiderordnung des Amtes, die Anzugjacke und Krawatte vorschrieb, unterzuordnen. Seine Frau Gitta kannte er seit seiner Schulzeit und er hatte sie gleich nach seiner Vereidigung geheiratet. Die Ehe war kinderlos. Wenn er gezwungen war, seinen Lebenslauf zu schreiben, wurde der nie länger als eine halbe DIN-A4-Seite: Er hatte ihn auch geradlinig aus dem Gymnasium über die gehobene Laufbahn zu diesem Posten geführt, wo er sich nun täglich mit diesem seltsamen Vorgesetzten und dessen unergründlichen Launen auseinandersetzen musste. Es war ungerecht, wie Klammer dem fleißigen Sapher seinen von Unbilden oder emotionalen Stürmen freien Lebensweg als spießbürgerlich vorzuwerfen. Er erregte im Gegenteil bei einigen seiner Bekannten Neid wegen der bruchlosen Karriere und der scheinbar geglückten Ehe. Sapher, den nicht einmal die Pubertät arg gebeutelt hatte, vermisste keineswegs die Unordnung eines weniger gesicherten Lebens. Er war mit der ruhigen Beziehung zu Gitta und seinem Beruf, der ihn ausfüllte, zufrieden. Jede Veränderung hätte ihn verstört.

Nikolaus Klammer war der einzige seiner Arbeitskollegen, mit dem er sich über Informelles austauschte. Zu den anderen, auch denen, mit denen er täglich zu tun hatte und die ihm von Alter und Einstellung näher waren, war das Verhältnis von seiner Seite zurückhaltend, fast abweisend. Das lag in erster Linie an Saphers Unsicherheit und an seiner Furcht, sich Mitmenschen freundschaftlich zu öffnen. Er stand nicht zuletzt deshalb und wegen seines auffallenden Kontaktes zu Klammer in dem Ruf, eine Radfahrermentalität zu besitzen, arrogant zu Gleichgestellten zu sein und sich bei seinen Vorgesetzten Liebkind zu machen. Dass er Klammers Nähe nun wirklich nicht suchte, sondern dieser sich im Gegenteil immer wieder aufdrängte, änderte an der allgemeinen Beurteilung nichts.

Teller klapperten. Die Kantine hatte sich zwischenzeitlich fast geleert. Die Angestellten hinter der Theke räumten Geschirr in die Spülmaschinen und bereiteten sich auf den Andrang zum Mittagessen vor. Klammer kam zurück und stellte drei Tassen Kaffee auf den Tisch. Sapher erwartete zuerst eine neue Exzentrizität. Aber dann sah er, wie der Doktor einer Person zuwinkte, die sich in seinem Rücken befand. Er wand sich halb herum und sah mit plötzlich einsetzendem Herzklopfen eine junge Frau näherkommen, die er vom Sehen kannte, die aber in einem anderen Flügel des Gebäudes arbeitete. Bislang hatte er noch kein Wort mit ihr gewechselt, da beider Abteilungen nur selten Austausch hatten. Nun würde er vielleicht etwas über das gut abgeschirmte private Leben seines Vorgesetzten erfahren können. Er spitzte, ohne es übrigens zu bemerkten, die Lippen. Die heranschwebende Frau war ungewöhnlich attraktiv und jenen Tic ‚overdressed‘, der alle Blicke, auch neiderfüllte weibliche, auf die Qualitäten ihrer Körperlichkeit zog, die sie, sich deren Vorzüge durchaus bewusst, durch Art und Kleidung unterstrich. Obwohl Sapher sich glücklich verheiratet fühlte und seiner Frau nicht nur aus Mangel an Gelegenheit, sondern auch aus Überzeugung treu war, wurde er doch jedesmal unruhig, wenn diese Schönheit in seine Nähe geriet. Er bestaunte sie mit großen Augen. Sie umgab sich mit einer erotischen Aura, mit der er nicht zurecht kam. Er rutschte unruhig mit dem Stuhl zur Seite. Sie setzte sich neben ihn an den kleinen Tisch und und bedachte ihn mit einem abgelenkten Kopfnicken, ohne dabei Klammer aus den Augen zu lassen.

»Sie habe ich gesucht, Herr Doktor. Ich brauche Ihre Hilfe. Man hat mir in Ihrem Büro gesagt, dass ich Sie hier finden könnte. Bei mir sitzt im Moment ein Herr aus Griechenland, der behauptet, er sei vor etwa zwölf Monaten bereits einmal bei Ihnen registriert worden. Nun, im Computer haben wir ihn nicht, wenn sein Name nicht falsch geschrieben wurde. Könnten Sie deshalb in Ihren Akten nachsehen?«, fragte sie Klammer geschäftig, sich halb zu ihm über die Tischplatte beugend.

Sapher sah die Beamtin von der Seite an und bewunderte den Profilschnitt ihres Gesichts, die Makellosigkeit ihrer Haut, die kein Pickel verunreinigte, und das perfekte Make-up, das sie morgens wahrscheinlich ebenso lang beschäftigte wie der Sitz ihrer schwarzen, glatten Haare, die sie halblang trug. Sie hatte ein enggeschnittenes, graukariertes und sommerlich leichtes Kostüm an, dessen kurzer Rock im Sitzen viel von ihren bemerkenswert langen, haarlos glatten Beinen freigab, die in solch bedrohlicher, augenfälliger Nähe nicht gerade zu Saphers Seelenruhe beitrugen. An jedem Finger ihrer linken Hand steckten Ringe, sogar am Daumen. Sapher, den bereits der eine Ehering beim Tippen behinderte, fragte sich, wie sie auf diese Weise beladen arbeiten konnte. Der unauffällige Geruch ihres Parfüms, der ein wenig an Rasierwasser erinnerte, hing über dem Tisch. Sapher war viel zu sehr Ehemann und sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten bewusst, als dass er diese Schönheit mit dem Aussehen seiner Frau in Vergleich gebracht oder gar an den Versuch eines Flirts gedacht hätte. Sie war ihm ein lebendig gewordenes Model aus einer Modezeitschrift, viel zu perfekt und unnahbar, um in seiner Welt Realität zu nehmen. Klammer schob ihr über den kleinen Tisch einen der Kaffees entgegen. Sapher dachte in diesem Moment, die beiden seien trotz des Altersunterschieds ein schönes Paar. Die Frau ignorierte das angebotene Getränk und holte aus ihrer kleinen Umhängetasche einen Zettel.

»Ich habe hier seine Personalien. Sein Name ist Konstantin Papadopoulos Kata… tasakinthoki… kiakis«, entzifferte sie und stolperte zweimal über den vielsilbigen Nachnamen, »was für ein Name! Können Sie, wenn Sie Ihre Kaffeepause beendet haben, nachsehen, ob Sie eine Akte über ihn haben? Es wäre wichtig.« War da ein Vorwurf über ihren augenblicklichen Aufenthaltsort in ihrer Stimme? Sapher glaubte es fast.

»Konstantin Papadopoulos Katasakinthokiakis, selbstverständlich.« Der Name kam Klammer verblüffend glatt von den Lippen. Er nahm der Beamtin den Zettel ab und reichte ihn Sapher. »Sie werden sich doch darum kümmern? Darf ich Ihnen übrigens meinen Herrn Kollegen, Monsieur Benjamin Sapher, vorstellen? Ich glaube, Sie hatten noch nicht das Vergnügen.« Er sprach den Namen wieder französisch aus.

Sapher warf einen scheuen Blick auf die Frau neben ihm. Er wollte Klammer berichtigen, sagte dann aber nur:

»Angenehm.« Wenn er ehrlich war, klang sein Name frankophon in der Tat besser; es schwangen ein ‚laissez faire‘ und Weltgewandtheit mit.
»Und das ist unsere Frau Rothschädl.«  Sie runzelte die Stirn, sah kurz zu Sapher, nickte erneut, registrierte wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst seine Existenz. Ihr waren herrlich grüne, goldgesprenkelte Augen zu eigen, deren durchdringender Blick Sapher ein plötzliches weiches, wie durchsackendes Gefühl im Unterleib bescherte. Er knitterte unschlüssig den Zettel mit dem Namen des Griechen in seiner Hand.

»Sie trinken doch mit uns einen Kaffee?«, bestand Klammer.

»Aber Herr Katasakinthokiakis wartet auf mich in meinem Büro …« Jetzt kam auch sie mit dem fremdländischen Namen zurecht. Klammer streckte flink den Arm nach vorn und berührte sanft ihren Handrücken.

»Sie bleiben«, sagte er mit Nachdruck und die Beamtin blieb tatsächlich, offenbar war sie von seinem bestimmenden Tonfall überrascht. »Lassen Sie Ihren Herrn Katasakinthokiakis ruhig warten. Ihr Anblick ist in der Tat ein wenig Geduld wert. Odysseus hatte zwanzig Jahre Geduld, bis er endlich seine schöne Penelope in die Arme nehmen konnte und schließlich steckt in jedem Griechen etwas von diesem listenreichen Heroen. Wir führen hier ein interessantes Gespräch, das Sie mit Ihrer Anwesenheit bereichern würden. Bitte, Ihr Kaffee.«

Er schob die Tasse mit zwei Fingern der rechten Hand näher an die Beamtin heran. Sie führte den Kaffee tatsächlich sofort zum Mund, nippte. Dabei sah sie Klammer ins Gesicht, wirkte für einen Augenblick wie hypnotisiert.

»Nicht wahr, Frau Rothschädl, ich habe Sie erst kürzlich im Brandwirt auf der Lesung von Stefan Kappnath gesehen«, fuhr Klammer fort. »Wann war das, am Dienstag vor einer Woche?«

»Sie waren auch dort? Ich habe Sie nicht bemerkt, Herr Doktor.« Klammer öffnete die Arme.

»Ich bin etwas zu spät gekommen und saß dann freilich ganz hinten. Ich bin auch nicht ganz bis zum Schluss geblieben, sondern schon vor der abschließenden Diskussion gegangen. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich mich gelangweilt habe. Dieser Kappnath ist entschieden nicht mein Fall. Ich halte ihn für überbewertet. Er ist mir zu geschwätzig und, ja, wenn ich so sagen darf, pubertär, er kommt nicht auf den Punkt. Seine Erzählungen sind wie ‚Petting‘, er fummelt nur herum und penetriert nicht den Kern der Sache.«

Ein Hauch Rouge wanderte über die Wangen der Frau. Sie richtete sich beteiligt in ihrem Stuhl auf. Sapher bewunderte stumm Klammers Kunst, die Rothschädl in das Gespräch zu binden. Sieh an, dachte er, es gibt also in diesem Amt noch eine zweite Person, bei der der Doktor seine professionelle Zurückhaltung ablegt. Aber warum tut er das ausgerechnet bei uns beiden? Was verbindet uns für ihn?

»Ein Bekannter von mir, auf dessen Meinung ich viel halte«, führte Klammer aus, »hat den Fehler begangen, mir die Lesung ans Herz zu legen.Eer wusste nur Gutes über die neuen Erzählungen von Kappnath zu sagen. Aus eigenem Antrieb wäre ich nicht hingegangen. Wie fanden Sie es denn?«

»Es hat mir gefallen«, sagte die Frau kurz und erregte durch diese knapp gefasste Erwiderung Saphers Bewunderung. Offensichtlich war sie gefestigt genug, sich nicht von Klammers Meinung einschüchtern zu lassen.

»Das ist erstaunlich! Ich habe den Eindruck gewonnen, diese Art von Literatur sei nicht für Frauen geschrieben. Das ist jetzt alles andere als Chauvinismus, aber Kappnaths Texte haben ähnlich denen von Bodo Kirchhoff oder von Henry Miller immer ein wenig Prahlerei, etwas von einem schmuddeligen Männerwitz, den sich die Herren der Schöpfung schenkelklopfend einander zuflüstern.«

»Ich denke, Sie haben die ‚Infanta‘ nicht gelesen, sonst hätten Sie diese Meinung geändert. Ich weiß, dass Kirchhoff lange Zeit die klassische Symbolfigur des frauenfeindlichen Autors für alle ‚Emma‘-hörigen Feministinnen war, aber er hat sich gemausert. Es gibt nur wenige Bücher zeitgenössischer Autoren, die mich so berührt haben wie dieses.«

»Die Kritiker waren nahezu ungeteilt Ihrer Meinung. Da ist es sehr einfach, zu loben …«

»Wenn er seinen augenblicklichen Weg weiter beschreitet«, fuhr sie trotz des lächelnden Einwurfs von Klammer unbeirrt fort, »und danach sieht es aus, dann wird er einmal als einer der bedeutendsten deutschen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts in den Literaturgeschichten stehen. Was Kappnath betrifft, so ist er sicher kein begnadeter, aber doch wohl ein fleißiger und handwerklich geübter Romancier, dessen Themen vielleicht ein wenig zu zeitbezogen sind. Ihm deshalb aber pubertäre Nabelschau vorzuwerfen, ist an den Haaren herbeigezogen«, sagte die Rothschädl mit Nachdruck. Klammer wartete einen Moment, dann klatschte er langsam.

»Wenn wir eine engere Bekanntschaft hegen würden, würde ich Ihnen nun einen Kuss geben. So aber will ich mich damit begnügen, Ihnen und Ihren Meinungen meine uneingeschränkte Hochachtung zu zollen. Aber, Herr Sapher, wir haben über Ihrer Konkurrenz ganz Sie selbst vergessen; was halten Sie denn von Kirchhoff oder Kappnath, unserem Lokalmatador??«

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