Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Ein kleiner Werkstattbericht (9)

Auch in meinem Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ hat Alfons Andernaj, der Protagonist von „Ein kleines Licht“, einen prominenten Auftritt. Der Vollständigkeit halber sei er hier noch einmal in Auszügen zitiert. Den vollständigen Roman um den Maler Jonas Nix kann ein interessierter Leser auf meiner TEXTE-Seite oder direkt hier gratis als Ebook herunterladen und offline auf seinem Reader genießen. (Mein Blog wird mir langsam zum Paradigma für die Vergeblichkeit allen menschlichen Schaffens. Obwohl er kostenlos ist, wurde mein Roman noch kein einziges Mal heruntergeladen. Ich habe zwar Follower, aber keine Leser.)

Wahrheit - TitelDie Wahrheit über Jürgen

Frustriert ließ ich deshalb dieses Geheimnis ein Geheimnis bleiben und widmete mich offensichtlichen und erfreulichen Dingen, bis mich Alfons Andernaj etwa eine Woche später über den Tresen, an dem ich sein Dunkles zapfte, nebenhin ansprach:

»Du, Schorsch, ich hab’ g’hört, dass du dich für den geheimnisvollen Jakob Nix interessierst. Willst du wissen, wer’s is’?« Ich hatte mich gut unter Kontrolle und verschüttete nur wenig Bier. Ich sah ruhig zu Andernaj hin, der jetzt freundlich grinste und dabei seine unappetitlichen Zahnruinen zur Schau stellte.

Alfons Andernaj ist ein öffentlicher Alkoholiker und gehört nicht gerade zu dem engen Kreis meiner Bekannten. Er ist ein immer unrasierter, früh in Unehre ergrauter Mittvierziger, der schmutzige kleine Gedichte und Shortstorys im Stil von Bukowski schreibt und sie bei einem kleinen Verlag veröffentlicht. Da ihm das jedoch nur wenig Geld einbringt und er ein durch und durch arbeitsscheues Subjekt ist, lässt er sich von älteren Frauen aushalten, die er sich mit seinem Holzfällercharme und seiner aufgesetzten Exzentrizität einfängt. Sie liefern ihm ihm ihrerseits wieder ausreichend Stoff für seine unanständigen Gedichte.

Da er es wegen seines Alkoholkonsums nie fertig bringt, den schönen Schein eines genialischen Künstlers längere Zeit aufrecht zu erhalten, setzen ihn seine Damen meist nach einem Vierteljahr angeekelt vor die Tür. So hat er zwischendurch immer wieder Bettelphasen, in denen er bei gutmütigen Freunden oder im Nachtasyl sein Zwischenlager aufschlägt, bis er seinen nächsten Fang macht. Er lebt in diesen Zeiten hauptsächlich von geliehenem Geld, das er selbstverständlich nie zurückzahlt. Seine Gedichtrezitationen besitzen für die, die ihn noch nicht kennen, einen hohen Unterhaltungswert und sind für seine Fans ein absolutes Muss: Er ist pünktlich zu jeder seiner Lesungen betrunken, so betrunken, dass er schon nicht mehr stehen kann. Er liegt dann quer über dem Tisch und schleudert seinen teils entsetzten, teils amüsierten Zuhörern kaum verständliche Wortfetzen und Beschimpfungen und Speichel entgegen. Das macht er so lange, bis auch der Letzte gegangen ist oder er selbst erschöpft auf dem Tisch einschläft. In unserer Stadt locken seine Exzesslesungen kaum mehr einen Hund hinter dem Ofen hervor, aber wenn er mit seinen dünnen Gedichtbänden über die Dörfer geht, ist er immer wieder ein Skandal.

An jenem Abend war er einmal mehr mitten in einer seiner Hungerphasen; er wirkte sehr verwahrlost und war angetrunken.

»Spendier’ mir ‘n Bier, dann verrat’ ich’s dir«, reimte er lachend und ich stellte ihm nickend sein Dunkles auf den Tresen. Während er sofort nach seinem Glas griff, beugte er sich nach vorn und hielt die andere Hand seitlich an den Mund. Sein fataler Atem schlug mir entgegen, er roch, als hätte er sich gerade übergeben.

»Nix is ‘n unversöhnlicher Feind von dir«, flüsterte er mit Verschwörermiene.

»Ein Feind? Du nimmst mich auf den Arm, ich habe keine Feinde. Dazu bin ich zu unbedeutend«, erwiderte ich achselzuckend. Ich wollte mich kopfschüttelnd abwenden, aber er hielt mich flink am Ärmel fest.

»Doch, das behauptet er allen Ernstes! Ehrlich, Schorsch, interessiert dich das denn nich’? Du kennst ihn und er hasst dich.« Widerwillig drehte ich mich wieder zu ihm. Andernaj konstatierte erfreut meine Aufmerksamkeit. Befriedigt ließ er mich noch ein wenig zappeln und trank zuerst genüsslich von seinem Bier.

»Jetzt? Was ist?«, fragte ich ungeduldig. Er genoss offensichtlich diese kleine Macht. Obwohl ich mich eigentlich über ihn ärgerte, tat er mir ein wenig leid, weil er so etwas nötig hatte.

»Du kennst ihn«, sagte er nach seiner Kunstpause. »Du warst mit ihm auf der Schule, hat er mir erzählt. Jakob Nix ist kein anderer als – jetzt halt dich fest, als – Jürgen Niedermayer.« Für einen Moment hatte mich Andernaj tatsächlich sprachlos gemacht. Aber meine Reaktion war nicht die, die er erwartet hatte, das war ihm anzumerken. Denn ich überlegte und versuchte eine Weile vergeblich, den Namen einzuordnen, dann fielen mir Jürgen und das kleine Erlebnis während der Schulausstellung wieder ein. Wegen meiner damaligen kurzen und flapsigen Bemerkung, die ich längst wieder vergessen und auch nicht sehr böse gemeint hatte, hasste er mich? Konnte ein so gefestigt wirkender Mensch auf diese Weise empfindlich und nachtragend sein? Oder war ich ihm später noch einmal unbeabsichtigt auf die Füße getreten? Wenn ja, dann konnte ich mich nicht mehr entsinnen.

»Ich erinnere mich dunkel an den Niedermayer: Er ist ziemlich fett, hat aber ein auffallend mageres Gesicht, richtig? Aber das ist doch mindestens drei, was sage ich, vier, eher fünf Jahre her, dass ich ihn zum letzten Mal gesehen habe; ich wusste gar nicht, dass er noch in der Stadt ist. Woher kennst du ihn denn?«, fragte ich. Andernaj strich sich durch seine Schmalzlocke. Es war ein Fehler von mir, ihn das zu fragen, denn eine von seinen Unarten ist seine egomanische Geschwätzigkeit, die er auch sofort mit einer Wortflut unter Beweis stellte:

»Nun, vor, lass’ mich sagen, vier Wochen, krieg’ ich ‘n Brief. Die Post hat ‘ne Weile gebraucht, bis sie ihn zu mir in meine jetzige Bleibe nachsandte; ich bin nich’ mehr so einfach zu finden, weil ich ja nich’ mehr unter der Adresse wohn’, die auf der ersten Seite meines letzten Gedichtbandes steht. Er hieß Aus meiner Gesäßtasche; toller Titel, nich’ wahr? Leider hab’ ich ihn geklaut. Kennst du ihn? Das is‘ mein bisher bester! Verstehst du, da war ich ganz nah dran.« Er stellte sich in Position. Dann rezitierte er, von seiner eigenen Wortgewalt ergriffen.

» Wo Beginne
ihr Ende schon in sich tragen,
Sein nur Wille ist,
da will ich sein,
will Anfang und Wehe,
Schmerz und Dich

begann er recht verheißungsvoll, landete jedoch bei der nächsten Strophe wieder bei seiner üblichen Pornografie. Als er bemerkte, dass ich peinlich berührt war und ungeduldig wurde, brach er sofort ab und nahm seine Erzählung wieder auf.

»Weißt du, da war ich noch mit Elli zusammen, das war ‘ne Frau! Ich sag’s dir: Elvira Böckelmann, Scheiße, Mann, ich sag’s dir … Aber, naja, du weißt ja, wie das bei mir is’, hehe. Die fühlte sich plötzlich ausgenutzt. Kannst du das verstehen, ich soll … dabei bin ich doch ‘n Künstler.« Andernaj geriet auf Abwege. Ich seufzte deshalb hörbar. Er richtete sich sofort in die Höhe. »Wo war ich eben stehen geblieben?«

»Bei dem Brief, den du gekriegt hast«, erwiderte ich geduldig, aber auch etwas abgelenkt, weil ich nebenzu weiter meine Arbeit machte. Andernaj schien ich dabei nicht weiter stören.

»Ja, genau. Also, stell’ dir mal vor, dieser Brief war die erste Fanpost, die ich je erhalten hab’. Ich hab’ zwar schon mal ‘nen Schrieb von Günter Grass …«

»Von Niedermayer?«, warf ich eilig ein, denn ich wollte die abendfüllende Geschichte von ihm und seinen Erfahrungen mit dem PEN-Club und der Gruppe 47 nicht noch einmal hören.

»Was? Ja, natürlich, von wem denn sonst? Wovon, glaubst du, red’ ich hier? Er hat meine Gedichte gelesen und fand sie sehr gut. Die seien genau das, was er wolle. Die würden sein eigenes Empfinden formulieren, und so … Weißt du, er bat mich in dem Brief höflich drum, ob er nich ‘n paar Zeilen von ihnen in seinen Bildern benutzen kann … Der macht so Collagen und so. Ich war natürlich begeistert, aber bevor ich ihm mein Jawort geb’, denk’ ich mir, schau ich mir erst mal an, was er so macht. Bevor ich meinen guten Namen opfer’, verstehst schon. Sogar ich hab ’nen Ruf zu verlieren. Ich hab’n angerufen und wir ham’ uns in seinem Atelier getroffen. Na, ich hab’ nich’ schlecht gestaunt, mein Lieber! Sein Atelier hat er in ‘ner Dachwohnung in der Diltheygasse, erste Adresse, pikfein, in ’ner …, genau, in ’ner Mansarde. Ich geh’ da unten zur Haustür rein, so wie immer, diesen hier. Das musst du dir geben, da kommen mir ‘n paar verwichste Omas entgegen, Pelzmantel, Schmuck und die ganze Kacke. Schauen mich an, als würd’ mir was aus der Hose hängen. Hab’ sogar nachgeschaut, ich Depp. Ich hab’ erst geglaubt, ich wär’ im falschen Haus, dass der Kerl mich mit der Adresse verarscht hat. Aber oben, an der Tür zur Appartementwohnung, klebt so’n Messingschild: Jürgen Niedermayer, Kunstmaler. Boah, denk’ ich. Ich steh’ da wie ’ne Jungfrau vor’m ersten Mal und trau mich kaum, zu klingeln. Aber dann öffnet mir dieser Jüngling, du kennst ‘n ja: Keine sehr beeindruckende Gestalt, wenn man mal von seinem Dichterschädel absieht. Aber ‘n Haufen Knete steht hinter ihm, so ‘ne Wohnung hast du noch nich’ gesehen, die is’ perfekt eingerichtet, wie aus ‘nem Ambiente-Heft rausgeschnitten. Ich hab’ mich gefühlt wie bei Hempels unterm Sofa. Er hat mir natürlich nich’ alles gezeigt, hatte wohl Angst, dass ich ihm seine Perser schmutzig mach’, hehe. Wir sin’ auch gleich in sein großes Atelier gegangen, unglaublich, sag’ ich dir, unglaublich, es sah wie in ‘nem Film aus: Kennst du Ein Amerikaner in Paris? Diese endlos hohen, blütenweißen Ateliers, in denen noch nie einer gepennt oder gemalt hat? In denen man höchstens tanzen kann? Weißt du, so große, schräge Dachfenster mit Blick aufs Münster, ‘n heller, weißgetünchter, bis auf’s Malerwerkzeug und ‘n paar Leinwände leerer Raum, so ‘n Scheiß Parkettboden drin, rutschig vom Wachs. In der Mitte steht protzig die Staffelei mit dem Bild, an dem er malt; großes Format, natürlich. Er hat mir ‘n paar seiner Arbeiten gezeigt. Du weißt, ich kann nich’ viel damit anfangen, die ganze Klexerei ist nich’ meine Welt, aber das, was der macht, ist schon beeindruckend, irgendwie morbide, aber beeindruckend. Naja, und dann erzählt er mir, dass er bald im Rathaus ausstellen wird; es sei seine erste Ausstellung mit seinen Bildern, bisher hat er sich nich’ getraut, war sich unsicher wegen der Qualität oder so, aber jetzt macht er’s. Fishing for compliments, kennst du ja. Ich frag’ ihn natürlich, wie er denn zu so ‘nem Ausstellungsraum käme, die findet man ja nich’ im Müll. Hehe, war ihm gar nich’ recht, hab’ ich ihm angemerkt. Er druckst ‘n bisschen ‘rum, dann kommt es: Er is’ der Neffe von dem alten Arschloch Pauli, weißt schon, und der is’ so überzeugt von dem, was er macht, dass er ihn kräftig unterstützt. Na, jetzt war klar, wie der zu so ‘ner Wohnung kommt: Der is’ mit ‘nem goldenen Pinsel im Mund geboren worden.«

Andernaj lachte und leerte nach seiner langen Ansprache erst einmal gierig sein Glas. Er konstatierte erfreut, dass ich ihm aufmerksam zugehört hatte. Es kann sein, dass er doch so etwas wie ein Schriftsteller ist, denn er war trotz seiner Ausdrucksweise ein guter, bildhafter Erzähler. Ich schreibe seine Geschichte wörtlich nieder, wie sie mir in der Erinnerung geblieben ist. Ich habe nur die meisten der Kraftausdrücke weggelassen, die zwangsläufig jeden Satz begleiten, der aus seinem Mund kommt.

»Aber warum ist er dann mein Feind?«, fragte ich interessiert. »Ich habe doch nichts mit ihm zu tun.«

»Spendierst mir noch ‘n Bier, dann …«

»Ja, ich weiß«, winkte ich ab und zapfte ihm sein zweites Dunkles. Einen Moment betrachtete er mich nickend, dann fuhr er fort:

»Er sagte, das Schlimmste für ihn sei die Ablehnung, der er überall begegne, das Missverstehen und vor allem der Neid seiner Kollegen. Die könnten ihm nich’ einfach die Wahrheit sagen, die würden sich lieber die Zunge abbeißen, als zuzugeben, dass da jemand besser is’ als sie. Er hat ziemlich klug gelabert, ich hab’ nich’ alles verstanden. Aber ich hab’ ihm natürlich nich’ gesagt, dass ich das nich’ konnte. Und als Beweis für die unfaire Ablehnung nennt er deinen Namen. Du kennst mich …« Er schlug sich nachdrücklich auf die Brust. » …ich halt’ zu dir, bist ‘n guter Kumpel. Ich weiß, dass er da ‘n Vorurteil hat. Du bist eine der ehrlichsten Typen in der Szene. Deine Kritiken sind zwar gefürchtet, aber nur selten unfair. Ich kann mich eigentlich nur an einen einzigen Fall erinnern; nämlich bei meiner Lesung mit Horst Favelka im Eiskeller. Es war wirklich nicht nett, was du da geschrieben hast. Gut, seine Texte waren beschissen, aber ich war doch mindestens so gut wie sonst. Weißt du, der Horst und ich, das ist ‘ne ganz seltsame Beziehung. Er hat Geld und Ideen und ich das Genie.«

»Alfons, bitte, komm auf den Teppich. Diese Lesung war vor über einem Jahr. Damals trug ich noch meinen Gips«, unterbrach ich ihn und verfluchte im Stillen Emilio Parma. Das tat ich immer, wenn ich an meinen komplizierten Beinbruch dachte, den ich ihm zu verdanken hatte. »Ich will was über Nix hören. Wenn du redest, erstaunt es mich immer, dass du nur diese kurzen Verse und keine ausufernden Romane schreibst. Du kriegst von mir noch mal die Proustplakette.« Falls ich tatsächlich gehofft hatte, er würde nach diesem Einwurf zu unserem ursprünglichen Gesprächsthema zurückkehren, hatte ich mich geirrt.

»Ich hab auch mal ‘nen Roman angefangen. Mea culpa. Toller Name. Dann hab ich gemerkt: Romane sin’ tot. Verstehst du? Die Kürze is’ die Kunst, Mensch! Das ist radikalste Komprimierung, wie’n Musikvideo, darauf kommt’s doch heute an. Nich’ wahr?«, fuhr er fort.

Warum konnte ich nicht meinen Mund halten? Ich hatte ihn unbeabsichtigt mit der Nase auf sein Lieblingsthema gestoßen. Er begann mir auseinanderzusetzen, dass man heutzutage keine Romane mehr schreiben dürfe, ohne ein Lügner zu sein. Niemand habe mehr die Zeit, so etwas zu lesen. Wer kenne schon Krieg und Frieden, Doktor Schiwago, Moby Dick oder Die Brüder Karamasow? Solche Literatur sei nur noch über zudem missglückte Verfilmungen bekannt. Romanverfilmungen seien wie Seilbahnen. Niemand mache sich mehr die Mühe, zu Fuß auf den Berg zu steigen. In unsere hektische, kurzatmige und reizüberflutete Welt passe eben nur die Art von Verbrauchslyrik, die er zu Papier bringe. Nikki Klammer is’ auch der Meinung. Lesen, einen ‘runterholen und dann ins Klo damit. Runterspülen«, brachte er seine Meinung auf den für ihn typischen, griffigen Nenner. Das Mädchen, das neben ihm an der Bar saß, widersprach energisch und er ließ sich hocherfreut in einen heftigen, polemischen Disput verwickeln, ohne dass einer der beiden ein wenig literarisches Fachwissen zu erkennen gab. Ich fragte mich, ob das Gerücht, dass Alfons einmal Germanistik studiert habe, der Wahrheit entsprach. Andernaj ging es bei dem Streitgespräch allerdings nicht um das Prinzip. Er nutzte die überraschende Gelegenheit, einen Flirt zu beginnen und sich von seiner Widersacherin zu einem Bier einladen zu lassen. Er war wirklich der perfekte Schnorrer.

Morgen geht es mit dem „Kleinen Licht“ weiter. Ich hoffe, zumindest dieser Roman findet noch den einen oder anderen Leser.

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