Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die fürsorgliche Schuld – Erzählung (Leseprobe 2)

[Ach, ich habe einfach Lust, noch einen Ausschnitt aus dem 2. Kapitel der Erzählung zu veröffentlichen.]

… verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will”, beendete Manfred voller Emphase seinen Gedichtvortrag. Obwohl er kein Publikum hatte, zitierte er dennoch so laut und akzentuiert, wie er sich in Anbetracht des Ortes und der Uhrzeit traute, weil er bei seinen Rezitationen den Hall des Treppenhauses zu schätzen wusste. Er nahm dabei gedankenverloren die letzte Kehre und trat die Stufen mit Nachdruck synkopisch. Sein rhythmischer Tanz führte ihn zu jenem Absatz, an dem er trotz der relativen Dunkelheit seiner Umgebung links schon die schwere Holztür erkennen konnte, hinter der sich die 3-Zimmer-Wohnung verbarg, die er seit über zwei Jahrzehnten mit seiner Frau bewohnte.

„Ach, Hölderlin”, setzte er heiser flüsternd hinzu, denn er wollte einem eventuellen Lauscher keine weitere Verrücktheit mehr bieten. „Was machst du es mir so schwer? Verstehe; warum in aller Welt: Verstehe? Der Mensch nutze die Freiheit; oder: Der Mensch hat die Freiheit. Das könnte ich begreifen; aber: Verstehe?” Manfred seufzte, stand still und suchte in seiner Jackentasche nach dem Wohnungsschlüssel. Hoffentlich ist Lydia nicht Zuhause, dachte er, mit einem verwirrten Augenzwinkern von seinem Dichterfürsten zur Banalität seines Alltags zurückfindend, dabei vergessend, wie nahe er eben der Lösung seines Problems gekommen war. Wäre die abgenutzte, vom Bohnerwachs speckig glänzende Treppe nur um wenige Stufen länger gewesen oder wäre er sie ein wenig behutsamer und kreislaufschonender hinaufgegangen, dann würde er jetzt nicht nach Atem schnappen, dann hätte er zudem seine Erkenntnis gewonnen und dieser missglückte Tag hätte sein versöhnliches Ende genommen.

Stattdessen fürchtete er, als er in den Flur der düsteren Wohnung trat, eine Begegnung mit seiner Frau. Er machte Licht und zog dabei, in täglich geübter Routine gefangen, seinen Schlüssel wieder aus dem Schloss, hängte ihn am Türrahmen an einen für diesen Zweck vorgesehenen Haken. Es war der Rechte von zweien, die dort ins Holz geschraubt waren; der andere Haken war für den Bund von Lydia gedacht. Zu seiner sofortigen, am ganzen Körper gespürten Erleichterung sah Manfred, dass der Haken leer war. Er empfand seit geraumer Zeit eine stetig wachsende Genugtuung, wenn er sich allein in der Wohnung befand, auch wenn sich immer ein schlechtes Gewissen mit hineinmischte.

‚Das war nun …‘, sagte er sich, sich nebenbei mit der flachen Hand seines Geldbeutels vergewissernd, während die andere seine von leichtem Kopfschmerz geplagte linke Augenbraue massierte, ‚das war nun …‘; und er wiederholte seinen unfertigen Gedanken, solange er sich – erschöpft – wie er sich nun zu fühlen einredete, gegen die Innenseite der Wohnungstür lehnte, solange eben, bis, ‚das war nun …‘, sie sich widerstrebend dem Druck seines Körpers ergab und sich mit einem scharfen, bedrängten Geräusch schloss. Wenn Lydia da gewesen wäre, wäre sie augenblicklich aus einem der Zimmer gestürzt und hätte ihn mit bitterer und vorwurfsvoller Miene ermahnt, sich wie ein Erwachsener zu benehmen. Das war der bei weitem kräftigste Vorwurf, den sie für ihren Mann im Repertoire hatte und den sie inzwischen in solch auffälliger Häufung verwendete, dass er seine pädagogische Wirkung auf ihn längst verspielt hatte. Folglich lächelte er boshaft und suhlte sich in dem angenehmen Gefühl, ungehorsam zu sein, als er die Tür ins Schloss presste. Der bruchstückhafte Gedanke, der nicht fortgeführte Satz, das fehlende: ‚… dieser Tag‘; eben jene Mitteilung, die er sich selbst machen wollte, blieb deshalb so lange unvollendet, bis er sie sich einige Zeit später erneut in Erinnerung rief, während er sich zum Schlafen entkleidete: Das war nun dieser Tag.

Manfred ging langsam in die Küche, wieder bewusst eine Regel von Lydia übertretend, ein ehernes Gesetz, das besagte, dass niemand mit Straßenschuhen in die Zimmer treten durfte. Kurz dachte er daran, jetzt ein paarmal quer durch das Schlafzimmer zu laufen, aber Trotz ohne Zeugen erschien ihm dann doch zu kindisch. Auf dem Küchentisch stand ein schon vor Stunden vorbereitetes, kaltes Abendessen. Daneben, gegen ein Bierglas gelehnt, fand Manfred die Mitteilung seiner Frau, die wahrscheinlich den Grund ihrer so späten Abwesenheit erklärte. Manfred machte sich nicht die Mühe, den Zettel aufzunehmen und ihn im Halbdunkel der Küche, die nur vom Licht, das vom Flur hereindrang, beleuchtet war, zu entziffern. Auf keinen Fall wollte er den Lichtschalter betätigen, denn der hasste das unnachgiebige Licht der großen Neonlampe, das den Raum so bleich und künstlich machte. Stattdessen griff er in sein Schicksal ergeben nach einem der Wurstbrote, die ihm seine Schwester hergerichtet hatte. Die hellen Wursträder waren wegen seiner viel zu langen Abwesenheit und der sommerlichen, stickigen Wärme in der Wohnung, an der auch das kurze Gewitter am Nachmittag nichts hatte ändern können, an ihren Rändern wie ein Suppenteller empor gewölbt und hatten dort eine ungesunde, dunkle Färbung angenommen. Gleichgültig biss er vom Brot, das nicht zuletzt deshalb zäh und trocken schmeckte, weil Lydia aus übertriebener Sparsamkeit mit der Butter sparte. Dabei verdiente Manfred als Studienrat doch wirklich genug!

Erst während des mühsamen Kauens kam ihm wieder in den Sinn, dass er bereits ausgiebig zu Abend gegessen hatte und keinerlei Hunger verspürte. Trotzdem aß der große, schwere Mann gewissenhaft im Stehen die ganze Brotscheibe, dann griff er ergeben nach der zweiten, ganz, als wolle er ein unangenehmes Indiz vernichten. Im Grunde tat er das auch: Würde er seine Abendmahlzeit unberührt stehen lassen, hätte er Lydia, die ihm wie die Inquisition alles aus der Nase ziehen konnte, ausführlich erklären müssen, warum und mit wem er auswärts gegessen hatte. Diese Beichte wollte er auf jeden Fall vermeiden, nachdem ihm nun schon der seltene Glücksfall begegnet war und seine Frau nach elf Uhr abends noch unterwegs war. Mit keinem Gedanken übrigens wunderte er sich über ihre Abwesenheit.

Das zweite Brot machte Manfred mehr Schwierigkeiten als das erste. Als er den letzten Bissen heruntergewürgt hatte, wurde ihm beinahe sofort schlecht. Er holte sich aus dem Gefrierfach des Kühlschranks den selten benötigten Obstler und begann in den Schränken nach einem Schnapsglas zu fahnden. Da er sich gerne von Lydia bedienen ließ und deshalb nur selten etwas aus der Küche holte, zudem weiter vermeiden wollte, das Licht anzumachen, kam er mit der Ordnung seiner Frau nicht zurecht und suchte vergebens. Schließlich gab er die Suche auf und nahm sich ein Limonadeglas, in das er eine Fingerbreit von dem Obstler kippte. Mit angewidert zusammengekniffenen Gesichtszügen trank er. Er spürte den scharfen Alkohol die Speiseröhre hinabrinnen; er erzeugte einen warmen, stechenden Druck im Magen, der ihm momentan half, seine Übelkeit in den Griff zu bekommen. Natürlich wusste er, dass Obstler eine zweifelhafte Medizin war; später in der Nacht würde ihn sicherlich Sodbrennen quälen. Trotzdem schenkte er sich noch einmal nach.

Langsam trat Manfred mit Flasche und Glas in den Händen ans Küchenfenster, das tagsüber einen tristen Blick vom zweiten Stock in den Hinterhof freigab. Er lehnte sich gegen die Fensterbank und sah hinaus. Viel konnte er nicht erkennen. Er war an dem Ausblick auch nicht weiter interessiert: Er wollte sich erinnern. Sofort hatte er ein Bild des frühen Vormittags in seiner Erinnerung, als er an der gleichen Stelle gestanden und das Fenster geöffnet hatte, ein Bild, so greifbar echt und nah, dass er das hohe Pfeifen der Schwalben zu hören vermeinte, das mit der relativen Kühle des Morgens in die Küche gedrungen war.

Auch in diesem Jahr war der Wechsel der Jahreszeiten so überraschend und schnell wie ein Quantensprung gekommen. Von Februar bis Pfingsten hatten Kälte und Regen geherrscht; ein später Frost Mitte Mai ruinierte die Obstblüte. Doch dann folgte übergangslos unter Umgehung des Frühjahres der Sommer. Ein transparent blauer, zum Horizont über den Häuserdächern herab sich ins gräuliche verwaschender Himmel spannte sich schmerzhaft hell und wolkenlos über der Stadt. Schon nach drei Tagen erreichte das Thermometer Mittags die Dreißig-Grad-Marke und bescherte den Schülern und Lehrern zu deren eigenen Überraschung häufig Hitzefrei.
Manfred Sontheimer konnte bei weitem nicht so schnell reagieren wie die meisten anderen in seiner Umgebung, die augenscheinlich schon seit Wochen auf den Tag gewartet hatten, ihre wetterfeste und wollene Kleidung in den hintersten Winkel des Schrankes zu verstauen, um endlich wieder ihre noch bleiche Haut exhibitionieren zu können. Von einem Tag zum anderen war wieder Körperlichkeit gefragt und er stellte erstaunt fest, dass er tief um die Hüften einen neuen Ring Fett zugesetzt hatte. Vom ausbleibenden Frühjahr in Sicherheit gewiegt, hatte er seine alljährliche Fastenkur erfolgreich verdrängt und die Pfunde, die er zuviel auf die Waage brachte, problemlos hinter weiten Sweat-Shirts und Mänteln versteckt.

Er fand es, wenn er morgens das Fenster seines Zimmers öffnete und seinen Oberkörper hinausstreckte, noch immer frisch, und trug weiterhin einen Pulli oder doch eine Cordjacke, wenn er aus dem Haus ging. Auch auf Socken und feste Halbschuhe konnte er nicht verzichten. Für eine kurze Hose wollte er sich schon wegen seiner stämmigen Schenkel nicht entscheiden; allein bei dem Gedanken bekam er eine Gänsehaut an genau den Körperstellen, die er mit einer luftigeren Kleidung der morgendlichen Kühle ausgesetzt hätte. Zudem passten kurze Hosen nicht in die Kleiderordnung für Studienräte. Ein Lehrer musste sich von seinen Schülern abheben, schon die Kleidung Respekt einflößen und Abstand erzeugen. Auch wenn ihm die geradezu hysterisch klingende Stimme des Radiosprechers jeden Morgen aufs Neue Hochsommer versprach: Er war skeptisch, er als Einziger blieb klug und würde sich nicht der Gefahr einer Erkältung aussetzen.

Gerade als er das Küchenfenster wieder schließen wollte, sah er die Tochter der Hilberts aus dem 3. Stock über den Hof gehen. Sie blieb bei den Mülltonnen stehen, der einzigen Stelle innerhalb des schmuddeligen, betonierten Vierecks, an der durch eine Lücke zwischen den Häusern ein kühner Streifen Licht und Wärme seinen Weg bis in den Hinterhof fand. Manfred warf einen eher flüchtigen Blick auf das Mädchen, das er schon seit Jahren kannte und das zwar ins Wieland-Gymnasium ging, aber nicht in eine Klasse, die er unterrichtete. In diesem Augenblick grüßte sie ihn nickend, plötzlich zu ihm hinaufsehend, um dann ihren Kopf, die Augen schließend, gierig der Sonne zuzuwenden. Er sah genauer hin und beschloss, obwohl er doch im Moment nur mit einem T-Shirt bekleidet war und fröstelte, sich noch eine Weile scheinbar unbeteiligt und betont beschäftigungslos aus dem Fenster zu lehnen. Ihm kam der dumme Vergleich von der Larve in den Sinn, die sich über Winter verpuppt hatte, um ein Schmetterling zu werden. Dennoch traf er in seinen Augen: Das Mädchen war vor einigen Monaten fünfzehn geworden und dies würde ihr erster Sommer werden, den sie nicht als Kind verbringen würde. Während sie noch im Vorjahr lang, eckig und ungelenk auf ihn gewirkt hatte, hatte sie nun weibliche Formen und eine ästhetische, sichere Eleganz in ihren Bewegungen hervorgebracht, eine Ausstrahlung entwickelt, über die sie sich selbst wohl noch nicht ganz im Klaren war. Diese neue Welt hatte sie bislang noch unter der Winterbekleidung verborgen gehalten. Sie setzte sie nun zum ersten Mal einer interessierten Öffentlichkeit aus; auch wenn diese im Augenblick nur aus dem sich wie ein lüsterner, alter Päderast fühlenden Herrn Sontheimer bestand, der gerade an Humbert Humbert und seine pädagogischen Verpflichtungen dachte. So weit ging jedoch seine Scham vor seinen Gedanken nicht, dass er nicht weiter an das Fensterbrett gelehnt und ins Zimmer zurückgekehrt wäre. In seinem Alter war der ungestörte Anblick dieses Mädchens ein Geschenk.

Sie öffnete bei seiner eingehenden Begutachtung nicht die Augen; nur ihre immer beleidigen breiten Lippen klafften ein wenig auseinander, als sie ihr Kinn nach oben reckte. Ihr brünettes Haar trug sie kurz und streng mit viel Gel nach hinten gekämmt. Sie hatte ausgewaschene Hotpants und ein knappes T-Shirt an, das sich am Oberkörper eng an ihre Formen schmiegte. Manfred war sich sicher, dass das Mädchen sich bewusst war, dass er sie beobachtete. Wie war doch gleich noch einmal ihr Name?

[…]

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Die fürsorgliche Schuld – Erzählung (Leseprobe 2)

  1. Pingback: Ein kleines Licht – Roman (DREI) | Aber ein Traum...

%d Bloggern gefällt das: