Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Freitagsaufreger (36) – Grundsätzliches

… was ich schon immer einmal sagen wollte.

Nicht funktionierende Wecker, kaputte Türen, Überreste von Katzenmahlzeiten auf dem Teppich. Seltsame Gewächse in meinem Hochbeet, klavierspielende Nachbarn, Mücken, Radiosender, Genderwissenschaften und Rasenmäher, Weihnachtslieder, Neologismen* … Fast beängstigend, über was ich mich schon alles aufgeregt habe – und die Links oben sind nur eine kleine Auswahl.

Mir ist bewusst, dass jedes einzelne meiner Problemchen im dunklen Schlagschatten der oft existentiellen Nöte von anderen Menschen steht und wie ein Hundehäufchen neben einem Alpengipfel ist. Die Widrigkeiten in meinem Leben wirken in der Summe von Milliarden oft grausamen Einzelschicksalen lächerlich nichtig und unbedeutend. Es ist beinahe schon eine Beleidigung für die wirklich Leidenden, wenn ich mich hier in meinem Blog und speziell in meinen Freitagsaufregern über die unerquicklichen und unerfreulichen Dinge in meinem Alltag echauffiere oder darüber, dass wirklich niemand meine Romane liest. In der Regel sind es wirklich nur Kleinigkeiten und Erst-Welt-Wehwehchen, die mich plagen, aber sie sind eben Teil meiner bürgerlichen Existenz in einem der wohlhabendsten Länder der Welt. Da ich mir selbst an nächsten bin, stehen mir meine Sorgen und Nöte im Mittelpunkt, so gering man sie auch einschätzen mag. Es sind meine Rückenschmerzen, die mich plagen, es sind meine Freunde, zu denen ich den Kontakt verliere. Es ist meine Lebenszeit, die ein unerfreulicher Alltag und eine belastende Arbeit in Windeseile auffressen. Es ist mein verregnetes Wochenende. Mir deswegen ein Jammern auf hohem Niveau vorzuwerfen, ist ungerecht.

Seien wir an dieser Stelle einmal ehrlich: Jedes Leben – auch meines – ist in letzter Konsequenz tragisch. Egal, wie bequem dieses Leben ist und wie lang es noch dauern mag – es verläuft für jeden auf die gleiche Weise: Es bringt für den einen früher, für den anderen später – aber unvermeidbar – den Verlust von allem mit sich, an dem einem gelegen ist. Am Ende des Weges verliert man sich selbst, Stück für Stück. Manchen geschieht dies schon lange vor ihrem körperlichen Tod. Krankheiten quälen, Träume platzen, Lebensentwürfe scheitern: „Was sind wir Menschen doch? Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen, […] Ein Schauplatz herber Angst und abgebrannte Kerzen.“**

Fischkopf

Ein Leidensgenosse vom Fischmarkt

Oje, hier muss ich unbedingt einen Absatz machen. Ich habe mich verlaufen! Wie bin ich nur in diesen Sumpf gelangt? Und wie ziehe ich mich wieder aus ihm heraus? Mein Haar ist nicht wie das vom Baron Münchhausen zum Zopf gebunden …

Ich erzähle nicht Woche für Woche von meinen Alltagsnöten, weil ich bedauert werden will. Schließlich mache ich mich doch auch oft genug über meine Missgeschicke und Peinlichkeiten lustig und belache mich selbst, sehe die Komik in den Ereignissen, die ich zuerst tragisch nahm. Ich erzähle von meinen alltäglichen Fehlschlägen, weil ich glaube, dass es ein Vergnügen ist, von den Problemen der anderen zu lesen und sich über ihre kleinen Sorgen zu amüsieren. Das lenkt wunderbar von den eigenen ab. Heißt es nicht: Wer den Schaden hat, hat die reinste Freude – oder so ähnlich? Ich exhibitioniere meine Sorgen und Missgeschicke nur, weil ich meine Leser unterhalten will. Meine kleinen Klagen sollen etwa 700 Wörter lang unterhalten, goutiert und dann vergessen werden – die Glosse als Schokoriegel, als Teil der täglichen Hygiene. Was ich hier gratis oftmals täglich zu bieten habe, erfordert vielleicht zehn Minuten Lebenszeit und das kleine Risiko, enttäuscht zu werden. Sollte diese von mir angebotene Leckerei bei einem Leser einen schlechten Geschmack im Mund erzeugen, dann bitte ich um Verzeihung. Aber ich glaube, das Preis-Leistungs-Verhältnis meines Angebots ist sensationell. Und nein: Es ist nicht alles schlecht, was gratis ist!

Obwohl ich weiß, dass es ein verlogenes Bild ist, sehe ich es noch immer gerne gemeinsam mit der Maus Frederik auf die folgende Weise: Mit meinem Talent, Geschichten zu erfinden und sie zu erzählen, wurden mir eine Farbtopf und ein Pinsel in die Hand gedrückt, mit deren Hilfe ich diese graue, grausame Welt ein wenig bunter tupfen und dem Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann.

Auch deswegen führe ich diesen Blog. Er ist mein Beitrag dazu, die Welt besser zu machen.

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* Welcher Journalist hat eigentlich dieses blödsinnige Wort „Grexit“ erfunden? Und seine „humorigen“ Abarten wie „Greferendum“, die alle mit einem knurrenden, zwischen den Zähnen herausgequetschen „Gr…“ beginnen? Ich schlage zusätzlich noch Gredite, Grapitulation, Bankengrise, Grapitalmarkt, Greuro, Gritalien und Grommunismus vor. Grausam, grausig, wenig greativ.

** Andreas Gryphius, Menschliches Elende. Ich rate sehr dazu, barocke Lyrik zu lesen. Deren Autoren sind uns um so vieles näher als die Minnedichter vor und die Klassiker nach ihnen. Erst Barock, dann die Moderne, erst Gryphius und Fleming, dann Jandl und Celan. Lyrisch betrachtet, kann man große Teile des 18. und fast das gesamte 19. Jahrhundert man getrost vergessen.

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