Aber ein Traum …

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Wolfsmond – Kurzgeschichte

Wolfsmond

Lydia läuft nicht über die beleuchtete und befahrene Hauptstraße. Sie benutzt eine Abkürzung quer durch die Felder am Waldrand entlang. Hier hat sich der Mond aufgeblasen und tränt seine Milch herab.

…auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein…

Noch kann sie die Musik hören, die vom Gartenfest ihres Schwagers herüber schallt. Sie schämt sich wie noch nie in ihrem Leben. Etwas ist zerbrochen, endlich bemerkt sie es: Das besoffene Schwein ist der Irrtum, für den sie sich verschwendet hat. Es ist ihr Mann. Bei Familienfeiern soff er, aber so betrunken war er noch nie. Nach Alkohol und Urin stinkend lag er auf dem Rasen, halb unter dem Biertisch. Ein Partyteller verdeckte sein Gesicht. Er hatte Senf im Haar und schnarchte rasselnd. Lydia weiß, hätte er ein paar Worte gelallt, ihren Namen vielleicht: Sie wäre geblieben. Wenn er sie mit einem trunkenen Hundeblick angesehen, sich etwas bewegt hätte: Sie hätte ausgeharrt.

Jemand bot Lydia an, sie nach Hause zu fahren, doch sie lehnte ab, floh sein hilfloses Mitleid. Inzwischen bereut Lydia diesen Entschluss. Doch sie wird nicht umkehren. Sie schämt sich. Aber neben die Scham ist ein Gefühl getreten, dem sie keinen Namen geben kann. Das Getreide hat die Wärme des Tages eingefangen und verschenkt sie freigiebig an die Nacht. Grillen sägen an gleichgültigen Liedern. Lydia friert trotzdem. Ihr ist, als habe der Mond ein Leichentuch über die Welt gezogen. Sie vergräbt die Schultern tiefer in der dünnen Wolljacke. Auch das Atmen fällt ihr plötzlich schwerer. Mit der Mischung aus erstickender Scham und dem Namenlosen, das immer bedeutender wird, stöckelt sie auf ihren hohen Pumps weiter. Sie stolpert unbeholfen, ihre Füße schmerzen. Trotzdem geht sie ihren Weg. Sie wundert sich, warum sie keine Angst hat. Was sie eben für ein Frieren hielt, ist etwas anderes: Denn ihr ist nicht kalt. Sie durchströmt Hitze. Das bleiche Licht, das sie umhüllt, weckt ein Verlangen. Ja, das ist der Name des Gefühls. Sie hat ihn gefunden: Gier macht Lydia frösteln. Sie giert nach einem eigenen Leben, das ihr nicht von ihrem Mann aufgezwungen wird.

Lydia ist nicht schön, ihr Gesicht flach, das Make-up verschmiert. Dennoch strahlen ihre Augen, sie funkeln. Ihr Haar, offen und fettig, ist samtschwarz, verheißend. Es ist ihr Mond, der ihr das schenkt. Er zieht die Gier aus ihr heraus, stellt sie vor sie hin. Er macht Lydia dadurch nicht schön, aber er verändert sie. Roy Black schweigt. Auch die Grillen lauschen plötzlich. Lydia nähert sich dem Wald. Sie riecht den schweren, drängenden Dampf der Erde, Ausdünstungen nächtlichen Lebens, Verwesungsgeruch, der sie ergreift. Ihre Nasenflügel zittern. Nichts soll ihr entgehen, zu viel hat sie schon versäumt. Eine Mücke steht neben ihrem Ohr. Lydia zuckt erschreckt zusammen, macht eine hilflose Handbewegung, bleibt stehen, lauscht, spürt. Das Insekt ist da, bei ihr. Es wird sie jetzt stechen und sie kann nichts dagegen tun. Sie ist dem Blutdurst hilflos ausgeliefert. Aber sie will sich nicht geschlagen geben, diesmal nicht! Sie duckt sich, schlägt erneut nach der unsichtbaren Qual. Das Sirren bleibt unbeeindruckt bei ihr. Vielleicht kann sie der Mücke einfach davonrennen? Das hat sie als Kind so gemacht. Sie schleudert ihre Schuhe von sich, fühlt sich befreit, lacht.

Lydia wendet sich vom Weg ab. Sie rennt hinein in das staubende, duftende Feld, stolpert über den Rain. Lydia rollt ungeschickt auf eine ungemähte Wiese. Erwartungsvoll dreht sie sich noch ein paar Mal in dem juckenden, würzigen Gras. Schließlich liegt sie auf dem Rücken. Sie keucht, schnappt nach Luft. Der Mond fällt auf sie herab.

Sie hört einen Schrei.

Erwin flucht unterdrückt und zieht seinen Fuß aus der matschigen Pfütze. Kaum hat er den Fluch zwischen den Zähnen hervor gepresst, sieht er sich schon erschrocken um. Hoffentlich hat ihn keiner gehört oder gar erkannt. Natürlich ist niemand in der Nähe, wer geht schon um diese Uhrzeit im Wald spazieren? Trotzdem fühlt er sich bei etwas Verbotenem ertappt. Er ist schuldig, wie immer ist er schuld. Fehler macht nur Erwin.

Er zerrt den hässlichen Pinscher vom Baum weg, den das Tier interessiert beschnüffelt. Der Hund jault beleidigt, lässt sich nur unter Protest weiterziehen. Erwin hasst diesen Köter. Während er seine ruinierten Sandalen und seine schmutzigen Tennissocken bedauert, durchzuckt ihn der ketzerische Gedanke, das Vieh totzuschlagen. Im Mondlicht sieht er in verlockender Nähe einen griffigen Ast liegen. Die Gelegenheit wäre günstig, jetzt, in diesem Augenblick, während der Hund mit erhobenem Stummelschwanz und zitternden Hinterläufen angestrengt in den niederen Farn kackt. Was wohl Mutter sagen würde, wenn er den toten Köter auf die Spitzendecke ihres Tisches schleudern würde? Mein Gott, was sie wohl sagen würde? Sie hatte Erwin den Pinscher zu seinem vierzigsten Geburtstag geschenkt, damit er nicht mehr so allein sei, wie sie gesagt hatte. Dabei weiß er, sie hat es nur getan, um ihn zu ärgern. Er mag überhaupt keine Hunde, er verabscheut ihre hechelnde, sabbernde Liebe. Hunde stinken. Hunde machen Dreck. Und das dreckigste, stinkendste und ekelerregendste Vieh von allen hatte sie ihm geschenkt. Aber Erwin schluckte die Bosheit, heuchelte Freude.

Erwin wohnt bei seiner Mutter. Er versucht trotz allem Frieden mit der tollwütigen alten Frau zu halten, die ihn mit ausdauernder Energie quält, als wäre dies ihr Lebenselixier. Jedes Mädchen, das er früher mit nach Hause gebracht hat, vergraulte sie wieder. Er bringt schon lange keine Mädchen mehr mit. Erwin arbeitet im Archiv einer Zeitung und das Erfreulichste an seinem Beruf ist es, acht Stunden seiner Mutter fern bleiben zu können. Aus diesem Grund nimmt er auch zu jeder Zeit bereitwillig den Hund an die Leine und führt ihn Gassi, den elenden Drecksköter, den er so hasst. Deshalb ist Erwin im Wald unterwegs: Der Hund erspart ihm den Anblick der Mutter, die nur mit einem Morgenmantel bekleidet stinkend und aufgedunsen auf ihrem Sessel hockt. Sie sieht Karl Moik, unentwegt über das Niveau der Sendung meckernd. So sitzt sie jeden Abend, irgendwo senden sie immer volkstümliche Musik. Sie erinnert Erwin an eine Kröte, ihr Gesicht ist ein Quarkkrater wie der dieses Pinschers. Erwin hat eine Gänsehaut, die sein Hass erzeugt.

Er schüttelt sich und leert seine Gedanken, wartet geduldig, während der Hund sein Geschäft erledigt und sein Schnüffeln wieder aufnimmt, diesmal an seinem eigenen Kot. Erwin hat Zeit. Vor Mitternacht geht die Mutter nicht ins Bett. Die Nacht tut ihm gut. Er liebt diese Nacht, auch wenn ihn der stechende, wie anklagende Mond verunsichert. Er spürt, die bleiche Scheibe weckt etwas, das ruhen sollte. Eine feuchte Hundenase stößt gegen seinen nackten Unterschenkel. Erwin sieht herab. Ein plattes Gesicht hechelt vertrauensvoll zu ihm empor. Erwin riecht die Hundescheiße. Ihm wird schlecht. Er tritt das Tier. Es heult überrascht auf, aber es nicht weicht zurück, kauert sich nur ängstlich vor ihm nieder, den Kopf zur Seite gewendet. Erwin runzelt die Stirn. Er hat etwas Verbotenes getan, aber es ist nichts geschehen. Seine Mutter sieht weiter fern, klatscht im Rhythmus einer Blaskapelle. Erwin bedauert nichts, das überrascht ihn am meisten. Um sich selbst von der Wahrheit zu überzeugen, tritt er noch einmal nach dem hilflosen Tier. Es zuckt schmerzhaft zusammen, schreit fast menschlich auf. Plötzlich hastet es davon. Erwin ist so überrascht, dass er die Leine fahren lässt. Angstvoll kläffend flieht ihn der Hund.

Er will gerade lachen, als er einen lauten und durchdringenden Ruf hört, er schallt von den Feldern zu ihm, lockt ihn. Er hört Seelenverwandtschaft. Beißende Gier tobt plötzlich in seinem Unterleib. Der Brechreiz verstärkt sich. Er übergibt sich. Dann sinkt er in die Knie, hinein in sein Erbrochenes und die Hundekacke. Er brüllt. Er reißt sich das Hemd vom Leib und brüllt. Es bricht aus ihm hervor. Ihm wird geantwortet. Er richtet sich auf, stolpert suchend weiter. Säure auf den Lippen schmeckend tritt er aus dem Wald. Sein bleiches Gesicht ist gläsern und mit zäher Feuchte überzogen.

Auf der Wiese, über der der Mond ruhelos sein Licht herab speit, finden sie sich. Sie stehen sich gegenüber. Sie sind keinen Schritt voneinander entfernt, könnten sich berühren, wenn sie es wollten. Doch sie starren nur. Sie streifen sich achtlos die Reste ihrer Kleidung vom Leib. Zwei gegenüber, Mann und Frau, ihre Blicke fesseln einander. So stehen sie lange, ihnen selbst erscheint ihr Harren länger als ihr bisheriges Leben.

Ganz plötzlich, für beide unerwartet, ist die Ruhe zerrissen. Sie stürzen auf ineinander, fallen in das warme und würzige Gras, umkrallen sich, kämpfen, beißen, kratzen, schlagen. Der Mond sieht ein zuckendes, achtbeiniges Monstrum, das faucht und stöhnt, nach Blut und Fleisch giert. Der Mond zerplatzt. Feuerringe stieben auseinander. Zwei Wölfe zerfleischen einander, zu einem verschmolzen.

Wie jede Nacht endet auch diese. Ein blasser, ausgemergelter Morgen graut herauf, haucht eine feuchte Ahnung über die Wiese, wie heiß sein Tag würde. Er findet zwei verlegene Menschen, sie achten einander nicht, als sie ihre schmutzigen Kleidungsstücke aufsammeln und gehen, jeder in seine Richtung. Sie verlieren sich in der nahen, noch leeren Stadt, in ihren Leben, denen sie nicht entfliehen können.

Mond1

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4 Gedanken zu „Wolfsmond – Kurzgeschichte

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  2. Freut mich, dass die Geschichte dir gefällt. Danke auch für den Hinweis; ich habe den Tippfehler ausgebessert. Grüße zurück von meiner hitzeüberfluteten Terrasse.

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  3. Starke Story, schöne Sprache. Im Absatz nach dem Stachelschein-Schlagerzitat ist während der Überarbeitung wohl fälschlich ein „Frau“ übriggeblieben.
    Gefiel mir. Liebe Grüße in den Sommer hinein!

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