Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 18

Martin Liebermann seufzte und suchte nach einem Ort, an dem er unauffällig seine besudelte Unterhose verstauen konnte. Draußen hörte er Goschad und Haschek rumoren. Sie unterhielten sich auch flüsternd – über was, das konnte er nicht verstehen. Die Jeans war zu weit, aber das war angenehm, da er ja keine Unterwäsche mehr trug. Auch das Sweat-Shirt war bequem und modisch. Den letzten Geruch, der ihm anhaftete, tötete Martin, indem er sich breitflächig mit einem Eau de Toilette einsprühte. Es stand auf einem Glasregal über dem Waschbecken und wurde wohl von jedem benutzte, der etwas mit Judith zu tun hatte. Erneut hatte Martin das Gefühl, dass ihm etwas einfallen müsse, aber er wusste einfach nicht mehr, was. Die lange Gefangenschaft hatte seinen Verstand leergeräumt. Er wollte jetzt eigentlich nur noch in sein Bett und ganze Sache vergessen. Aber Martin wusste: Das ging nicht. Er steckte zu tief in der Angelegenheit.

Er musterte sich im Badezimmerspiegel: Er fühlte sich wieder einigermaßen menschlich. Für diese Nacht würde es auf jeden Fall genügen. Er spannte seine Arme und Beine und spürte, wie sie wieder in Ordnung kamen, nur noch leise schmerzten. Sein linkes Bein war anscheinend doch nicht so gefährlich abgestorben, wie er geglaubt hatte. Mit einem letzten Blick in den Spiegel stellte er fest, dass ihm der Drei-Tage-Bart recht gut stand. Auf jeden Fall war er bereit für neue Abenteuer. Martin trat aus dem Bad und seine beiden Retter musterten ihn, als sähen sie ihn zum ersten Mal. Sie hatten die Vorhänge vor dem Fenster zugezogen und den Rollladen heruntergelassen, auf diese Weise wollten sie wohl verhindern, dass Licht nach außen drang. Eine Schreibtischlampe brannte und stach einen hellen Kegel in den Raum, konnte ihn aber nicht ganz ausleuchten. Die beiden hatten inzwischen das Büro des toten Detektivs profimäßig in seine Bestandteile zerlegt und blätterten uninteressiert in den Akten. Es sah hier verflixt wie in dem Sonnenheimbüro aus. Nur die die Leiche auf dem Fußboden fehlte. Sie wurde durch einen dicken weißen Läufer ersetzt, den ein zersprungenes Glas Gelee – der Farbe nach Aprikosenmarmelade – besudelte. Als Goschad Liebermanns erstaunten Blick sah, sagte er:

»Das war unser Held hier, ist ihm aus der Hand ge­rutscht.« Haschek sah schuldbewusst zur Seite. Martin wischte ein paar Gegenstände von der Sitzfläche eines Stuhles, darunter einen Beutel Kartoffelchips und einen Plastikbecher mit Pudding. Bcher hatte wohl gern genascht. Er setzte sich sehr vor­sichtig, aber es ging ganz gut.

»Sagt mal, habt ihr keine Angst vor Fingerabdrücken? Nach dem Fund von Blüchers Leiche spätestens morgen früh wird doch die Polizei sofort dieses Büro untersuchen.«

»Ja, das war wahrscheinlich ein Fehler“, sagte Goschad. »Aber ich habe schon eine Idee.«

»Ich höre«, erwiderte Martin ruhig und lehnte sich zurück. Er fühlte sich in diesem Augenblick wie Kommissar Maigret vor der Lösung eines Falles. Goschad öffnete einen kleinen Kühlschrank, der etwas unmotiviert in einer Ecke neben dem Schreibtisch stand, nahm zwei Flaschen Hasenbräubier heraus. Eine warf er Martin zu, die andere behielt er für sich. Hascheks bettelnden Blick ignorierte er. Martin hatte seinen Durst zwar schon halbwegs am Wasserhahn gestillt, aber dieses eisgekühlte Getränk war doch etwas anderes. Obwohl er Hasenbier nicht mochte, brachte es ihn endgültig zurück unter die Lebenden. Das Gefühl des ersten Schlucks war unbeschreiblich.

Die beiden anderen suchten sich ebenfalls eine Sitzgelegenheit, Goschad nahm hinter dem Schreibtisch in Bchers Sessel Platz. Haschek neben mir auf einem zweiten Stuhl. Es war, als wären wir beide gekommen, um Goschad zu konsultieren. Nur die Bierflasche, die er in der Hand hielt und an einer Ecke des Tisches zischend öffnete, störte diesen Eindruck. Goschad senkte die Schreibtischlampe etwas herab und es wurde dunkler in dem Raum.

Martin erzählte als erster. Das tat er ausführlich und er ließ nichts aus. Schließlich war er unschuldig und hatte nichts zu verschweigen. Es war klar, dass Bcher an jenem Abend, als er Martin zu seinem Einbruch bei den Maklern verfolgt hatte, den Mörder erkannt und das irgendwie hatte ausnutzen wollen. Anschließend berichtete Haschek, wiederholte eigentlich nur genauer, was er bereits schon im Lager und auf der Treppe gesagt hatte. Martin wusste nicht, ob er wirklich alles erzählte. Aber es schien ihm so und es passte gut zu seinen Erlebnissen. Goschad hatte dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Er klärte Martin nur darüber auf, warum er plötzlich mit dem Architekten in Verbindung stand. Einen Augenblick wusste Martin nicht, ob er ihm böse sein sollte, dass er sich hergegeben hatte, ihn gegen Geld auszuspionieren, aber dann wurde ihm bewusst, wie gleichgültig das eigentlich war. Als einen ausgesprochen seltsamen Zufall empfand er nur, dass Goschad Bcher in der Stadt begegnet war und ihn ohne weitere Schwierigkeiten bis zu diesem Rohbau verfolgt hatte, das war Martin ein wenig zu glatt. Aber er behielt seine Gedanken für sich.

Die drei rätselten eine Weile, wer der geheimnisvolle Mörder und Erpresser war, der bereits die ersten zweihundertfünfzigtausend Euro sein Eigen nennen konnte. Sie kamen alle drei auf die gleiche Person, die dahinter stecken musste, oder zumindest darin verwickelt war. Auch wenn Haschek und auch Martin es nicht so gerne zugeben wollten: Es musste Judith sein. Sie war der Schlüssel zu der Lösung. Wer allerdings ihr Helfer war, war ihnen weiterhin schleierhaft. Einmal sah Martin, wie Haschek Goschad scheel von der Seite betrachtete, aber diesen Verdacht empfand er als absurd. Zwar war Goschad kräftig und durchtrainiert, aber er hatte seinen nächtlichen Angreifer als kleiner in Erinnerung. Außerdem würde Goschad für eine Frau nie zwei Morde begehen, dazu verachtete er das weibliche Geschlecht viel zu sehr. Wenn er überhaupt ein Motiv hatte, dann war es das Geld. Ihm war durchaus zuzutrauen, dass er Haschek in den Rohbau verfolgt und die Gelegenheit und den Koffer ergriffen und ihn beiseite geschafft hatte, um sich später das Geld abzuholen. Die unschuldige Miene, mit der er über den Verbleib des Koffers und darüber rätselte, wie der Mörder es geschafft hatte, vor Haschek in der Eingangshalle zu sein, konnte eine Maske sein. Und Haschek selbst – hatte er so viele Scheine in seinem Koffer gehabt oder die Summe etwas aufgestockt, damit sich einer verriet? Schließlich kamen sie auf ihre aktuelle Situation zu sprechen.

»Wenn ich das richtig sehe, sind wir alle drei in zwei Morde verwickelt«, stellte Martin fest. »Wobei wir bei dem ersten kaum in Verdacht geraten werden. Ich hatte Handschuhe an. Die Polizei wird nicht auf mich kommen. Ihr Schwiegervater hatte allerdings auch recht, Haschek. Die Polizei wird routinemäßig bei Ihnen vorbei sehen.«

Goschad nickte und ergänzte: »Aber jetzt bei Blücher ist das etwas anderes. Unser Einbruch war wirklich ein Fehler. Wir haben Fingerabdrücke in Massen hinterlassen und du deine dreckigen Hosen. Wenn morgen Blüchers Leiche gefunden wird, haben die uns spätestens am Nachmittag im Bau

»Ich bin euch ja dankbar, aber warum seid ihr eigentlich hierher gekommen?«

»Das ist doch sonnenklar. Wir hofften, hier einen Hinweis auf den Mörder zu finden. Irgendeine Notiz, ich weiß nicht, was. Vielleicht einen Hinweis, wo Blücher wohnt. Wir wollten uns den Mörder schnappen, bevor ihn die Bullen kriegen, damit wir Hascheks Pläne in unsere Hände bekommen. Jetzt läuft uns natürlich die Zeit davon. Wir könnten in dieser Nacht freilich noch versuchen, Blüchers Wohnung ausfindig zu machen. aber dort wäre ein Einbruch wahrscheinlich riskanter als hier: Wir hatten schon unverschämtes Glück. dass uns hier niemand bemerkt hat.«

»Bis jetzt. Außerdem glaube ich kaum, dass wir in er Wohnung des Detektivs mehr finden werden. Blücher hat wohl seine Geheimnisse gut verborgen«, stellte Martin fest. »Deshalb bleibt uns nur noch Ihre Frau, Haschek. Wenn überhaupt jemand, dann weiß sie etwas.«

Goschad und Liebermann sahen auf den Architekten, der bis jetzt geschwiegen und uns nur aufmerksam zugehört hatte. Er machte weiterhin einen etwas verwirrten Eindruck. Doch jetzt schien er ruhiger und gefasster; er war zu einem Entschluss gelangt. Als er sprach, sah er hinauf zu einem Punkt an der Decke.

»Sie glauben doch nicht etwas im Ernst, Judith würde uns etwas erzählen, Martin. Nein, selbst wenn sie etwas weiß, von ihr erfahren wir nichts. Aber wenn uns die Zeit knapp wird, dann müssen wir uns eben welche besorgen.« Er machte eine Kunstpause. »Wir müssen die Leiche des Detektivs verschwinden lassen. Dadurch gewinnen wir ein wenig Zeit.«

Goschad nickte etwas spöttisch. »Wie viel? Höchstens ein paar Stunden. wenn überhaupt. Wir können unseren Einbruch dank Ihrer etwas rüden Vorgehensweise nicht vertuschen.« Er sah vorwurfsvoll zur Tür.

»Und dann ist es eine verdammt schwierige Sache, eine Leiche einfach verschwinden zu lassen. Es ist auch wirklich kein schönes Geschäft«, ergänzte Martin. Haschek winkte unge­duldig ab.

»Auf einer Baustelle dürfte das doch wohl nicht so schwierig sein. Und was den Einbruch angeht …« Er deutete auf die Badezimmertür, »… die sieht so aus, als würde sie auch in den Eingang passen.«

»Das könnte sein«, sagte Martin staunend. Er bewunderte Hascheks Geistesgegenwart. Goschad fügte hinzu:

»Sie haben Ihren Beruf verfehlt, Herr Haschek. Sie haben Talent zum Mafioso. Und die Lagertür kann ruhig kaputt bleiben. Das waren ein paar Jugendliche, die ein paar neue Hosen wollten.«

»Es wird trotzdem nicht so glatt gehen. Hatte Blücher Freunde, Verwandte, eine Frau?«, wand Martin ein.

»Das weiß ich nicht. Mir ist nur bekannt, dass er mit Judith liiert war. Kunden nahm er nur gegen telefonische Voranmeldung an.« Der Architekt nickte zum Anrufbeantworter hinüber. »Und bei einem Detektiv wird es wohl niemanden verwundern, wenn er mal ein paar Tage untergetaucht ist.«

Martin versuchte Hascheks Miene zu sehen, während er das sagte, aber es war zu dämmrig in dem Raum, Das feiste Gesicht des Architekten hatte sich in eine schwarze, schwammige Masse aufgelöst. Er wusste nicht, ob ihn dessen Kaltblütigkeit entsetzte. Ekelte sie ihn an? Nein, er wunderte sich nur. Was waren sie für Menschen? Sie redeten über Morde und Kapitalverbrechen, als würde sie über das Wetter diskutieren. Jedem von ihnen war in den letzten Tagen der Tod in seiner grausamsten Form begegnet und außer einer anfänglichen Verwirrung hatte er nichts bei ihnen ausgelöst. Martin konnte sich da nicht ausnehmen. Er stand mit Haschek auf einer Stufe. Während er sich in der entstandenen, peinlichen Stille auf diese Weise betrachtete, kam ihm ein Gedanke, den Goschad, noch ehe er sich für ihn schämen konnte, aussprach:

»Wir werden bei dieser Arbeit keine kostenlosen Hilfskräfte sein. Wenn wir uns so tief mit der Sache einlassen, muss auch etwas für uns herausspringen.« Martin ertappte sich dabei, wie er unbewusst und zustimmend nickte. Haschek hatte diesen Einwurf wohl erwartet und weil er sichtbar um seine Existenz besorgt war, machte er einen Vorschlag. der ihm den Atem nahm.

»Ich habe eine Liquidation veranlasst, die mir in den nächsten Tagen – voraussichtlich bereits morgen Vormittag – zusammen mit einem kleinen Kredit zwei Millionen Euro Bargeld bringen wird. Das sollte eigentlich das Geld für den Erpresser sein, aber wenn ihr mir helft, die Sache reibungslos über die Bühne zu bringen, könnt ihr es euch teilen.«

Diesmal antwortete Martin als erster: »Jetzt sprechen Sie unsere Sprache. Erinnern Sie sich an das, was Sie mir bei unserem ersten Treffen vor ein paar Tagen gesagt haben? Dass ich das Abenteuer suchen würde? Da haben Sie zu viel hinein gedeutet in mich: Meine Beweggründe sind viel niedriger Art.«

Er glaubte fast an das, was er sagte. Ob er damit auch für Goschad sprach, wusste er nicht. Dessen Gründe, aus denen er etwas tat oder ließ, waren seine Angelegenheit und er verriet sie nicht einmal dem Mann, den er doch am ehesten als seinen Freund bezeichnen konnte.

»Dann sind wir uns einig?«, fragte Haschek. Goschad und Martin standen gleichzeitig auf und gingen stumm zum Bad, um die Tür aus ihren Angeln zu heben. Haschek grunzte zufrieden und der dicke Mann ging ächzend in die Hocke, um die Scherben der kaputten Eingangstür einzusammeln. Er wirkte auf Martin wie ein Kind, das mit Legosteinen spielt. Goschad grinste zu ihm hinüber. Ihm ging wohl Ähnliches durch den Kopf. Die Badezimmertür war eine Idee zu schmal, um ganz zu schließen, aber sie füllte den Rahmen aus. Als die drei das Büro verließen, ließen sie von innen einen Stuhl dagegen kippen, der die Tür provisorisch geschlossen hielt. Auf diese Weise fiel der Austausch nicht auf, solange niemand die Tür ausprobierten. In dem Jeanslager stellten sie noch ein bisschen mehr Unfug an, damit es nach einem dummen Jungenstreich aussah. Den dreckigen Stuhl, an den Blücher hatte gefesselt hatte, hatten sie vorher in das Büro gestellt.

Sie verließen das Haus durch einen anscheinend stets geöffneten Hintereingang. Der Regen hatte endlich nachgelassen. Es sprühte nur noch feucht und es ging auf Mitternacht. Nachdem er so lange in einem dumpfen Raum eingeschlossen war, war es ein wunderbares Gefühl für Martin, wieder im Freien zu stehen und diese kalte, vom Regen gewaschene Luft zu atmen. Sie stiegen in Goschads Auto, das er in einer Parkbucht auf der Ulmer Straße geparkt hatte. Haschek machte sich auf dem Rücksitz breit. Sie hatten vor, den toten Körper des Detektivs irgendwo auf der Bau­stelle zu verscharren und dann in in Martins Wohnung zu gehen, um dort das weitere Vorgehen zu besprechen.

[Der spannende Augsburg-Krimi macht eine kleine Pause, weil ich Urlaub mache.]


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