Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 16

Goschad zuckte mit den Schultern. »Martin ist seit Freitagnacht wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe nicht viel herausgefunden. Eine Bedienung im Bobs ist nach mir die letzte, die ihn gesehen haben will. Er war übrigens in Begleitung eines jungen Mannes, den sie kennen müssten: Er gibt sich als ein gewisser Arthur Schiller aus.«

»Schiller, schon wieder!«, rief der Architekt aus. »Ich hätte es wissen müssen.« Ihm kam ein Gedanke. »Dieses Lokal, das Bobs, das ist doch in Oberhausen, oder?« Das war die Lösung, sie lag offen auf der Hand: Liebermann steckte hinter sämtlichen Erpressungen gegen ihn, er wollte an das ganz große Geld. Und er hatte einen Partner.

»Und wie kommen dann Sie ausgerechnet an diesen Ort?«, fragte der Architekt weiter.

»Nun, da ich Martin nicht finden konnte, habe ich mich nach Schiller umgesehen. Liegt ja auf der Hand. Doch der verkündet zwar in allen Lokalen großspurig seinen Namen und seine unglückliche Beziehung zu Ihnen, ist aber ansonsten ein unbeschriebenes Blatt; sein ganzes Schwulenleben wohl nur ein Trick. Ich glaube, der heißt nicht einmal Schiller.«

»Das ist mir bekannt«, unterbrach Haschek den Diskothekenbesitzer ungeduldig und erzählte ihm in schnellen Worten von dem Erpresserbrief, den er erhalten hatte. Goschad lachte kurz.

»Ein wirklich nettes Gaunerstück, auch überzeugend aufgezogen. Ich habe mir beinahe schon so etwas gedacht. Ja, um auf Schiller zurückzukommen: Martin habe ich nicht gefunden, aber durch einen wirkliche Zufall ist mir in der Annastraße doch tatsächlich Schiller selbst begegnet. Wissen sie, mein Beruf bringt es mit sich, dass ich ein sehr gutes Personengedächtnis habe, es ist auch ein wenig Veranlagung. Tagsüber sieht dieser Schiller nämlich völlig anders aus, als in der Nacht: Er trägt eine Hornbrille und einen dichten Schnauzbart. Schon ein wenig oldfashioned. Das macht ihn älter. Sein Haar ist länger und gescheitelt, übrigens auch dunkler. Wahrscheinlich hat er eine Perücke auf dem Kopf, wenn er nicht Arthur Schiller spielt.«

Haschek kam ein so absurder Gedanke, dass er ihn gleich wieder verwarf.

»Vielleicht war es sein Bruder«, mutmaßte er stattdessen. Goschad betrachtete den Koffer, der zu Hascheks Füßen stand und schüttelte langsam den Kopf.

»Nein, er war es. Da bin ich ganz sicher. Schiller war zwar auch in einem anderen Stil gekleidet, wesentlich eleganter und geschmackvoller. Er hat es geschafft, sich in diesen Edelklamotten vollkommen natürlich zu bewegen. Das ist gar nicht so einfach, ich habe ihn aber trotzdem erkannt. Dieser Mann ist allerdings ein begnadeter Schauspieler … und Betrüger«, fügte er nicht ohne Neid in der Stimme hinzu. »Das war eine lustige Sache, heute Nachmittag. Sie hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich habe ihn heimlich verfolgt. Obwohl ich darin ziemlich geschickt bin, hat er das recht schnell mitgekriegt und versucht, mich abzuhängen. Die engen Winkelgassen in der Altstadt sind dafür wie gemacht. Es ist ihm auch zweimal fast geglückt, mich zu täuschen. Aber ich bin ja auch kein Anfänger. Das zweite Mal hat er wohl geglaubt, er wäre mich los. Jedenfalls ist er am Königsplatz in ein Taxi gestiegen. Ich habe gehört, wie er dem Fahrer diese Straße hier als Ziel angab. Ich habe also mein Auto geholt und bin hierher gefahren. Ich habe die ganze Zeit befürchtet, dass das sein letzter Trick war, mich loszuwerden. Aber nachdem ich Sie hier stehen sah, Herr Haschek, wusste ich: Hier bin ich richtig.«

Haschek sah auf die Uhr, es war kurz vor Acht Uhr und inzwischen dunkel. Er überlegte fieberhaft. Er durfte Goschad nicht ganz einweihen. Dem Mann war absolut nicht zu trauen. Der Erpresser durfte ihn auch nicht in Begleitung sehen, das konnte den Mann abschrecken. Wenn es allerdings Schiller war, mit dem er hier verabredet war, dann konnte ihm Goschad auch nutzen.

»Passen Sie auf«, sagte er deshalb, » Sie kommen gerade recht. Ich habe da drin in dem Rohbau hinter uns ein Treffen mit Schiller. Hier im Koffer ist das Geld für sein Stillschweigen. Bleiben Sie am Besten hier und behalten die Baustelle im Auge. Wenn der Kerl später raus kommt, dann schnappen Sie ihn sich und machen ihm deutlich, dass er aufhören soll, anständige Leute zu erpressen. Den Koffer können Sie dann behalten, wenn alles klargeht.« Goschad ballte die Rechte zur Faust und drückte die flache andere Hand gegen sie, bis die Knöchel knackten. Er hatte immer mehr Spaß an der Sache. Sollte Haschek nur glauben, er wäre ein brutaler Mensch.

»Darauf können Sie sich verlassen.«

Haschek nickte. »Gut, dann gehe ich jetzt.« Er wischte sich über seine regennasse Stirn, nahm den Koffer, der für seinen wertvollen Inhalt erstaunlich leicht war und ging durch die Einfahrt hinter den Zaun. Sofort trieb ihm der Wind schwere Tropfen ins Gesicht und nach zwei Schritten stand er bis zu den Knöcheln in aufgeweichtem Lehm. Die Tür eines Bauwagens war nur angelehnt und klapperte in einem komplizierten Rhythmus. Außer einem entfernten Dröhnen von der nahen B17 war dies das einzige Geräusch, das zu seinen Ohren drang. Das vierstöckige Gebäude stand im Rohbau, sein skelettierter Schatten lag im der regnerischen Dunkel. Nur wenige Baustellenlampen erleuchten den Vorplatz.

Für das kommende Wochenende war das Richtfest geplant. Haschek dachte kurz daran. Dann würde er wieder hier stehen, vielleicht an der selben Stelle. Mit einem Glas Sekt in der Hand würde er eine humorige Rede halten und zu den anderen Reden rührig klatschen. Vielleicht war auch Weiland vom TVA da und er konnte nochmals mit ihm ohne dessen gegen ihn voreingenommene Frau über die Tennishalle reden. Es war möglich, dass er Herle unterbieten konnte. Er musste nur die richtigen Stellen schmieren und herausfinden, wie hoch sein Angebot war.

Haschek fröstelte: Wie weit war dieses Wochenende von ihm entfernt! Jetzt war er nicht zum Feiern gekommen. Er wollte sich mit einem Mörder treffen. Das wurde ihm jetzt zum ersten Mal bewusst: Das war nicht nur ein frecher Erpresser, dieser Mann hatte einem anderen kaltblütig mit einem Küchenmesser die Kehle durchschnitten. Haschek nahm an, dass man dazu ganz schön Kraft benötigte. Das war dem dürren Liebermann eigentlich kaum zuzutrauen. Unter diesem Aspekt wurden seine Theorien etwas wacklig.

Plötzlich hatte er große Angst vor diesem Erpresser. Er sah hinauf zu den leeren Fensterhöhlen und fühlte sich unbehaglich und beobachtet. Irgendwo hinter einem dieser hohlen Rahmen belauerte ihn bereits sein Gegner. Er konnte es spüren. War es Schiller? Oder Blücher, der Detektiv, den er angeheuert hatte? Denn die Beschreibung, die Goschad von Schiller geliefert hatte, hatte erstaunlicherweise auf den Detektiv gepasst. Aber war der fähig zu einem brutalen Mord?

Hascheks Gedanken verwirrten sich etwas. Er packte den Koffer fester und entschied sich. Er trat auf das wacklige Brett, das die noch nicht gebaute Eingangstreppe ersetzte. Es wippte unter seinem Gewicht so, dass ihm ein wenig übel wurde und er war froh, als er es balancierend hinter sich gebracht hatte und in einer großen Halle stand, deren Boden zur Hälfte bereits mit bunten Fliesen bedeckt war, die als Mosaik später einmal das Emblem der Senionenwohnanlage bilden sollten. Die hohen Betonsäulen, die die geschwungene, mit dunklem Holz verkleidete Decke trugen, waren noch nicht gestrichen und sahen deshalb roh und hässlich aus. Trotzdem fühlte Haschek sich hier sofort wohl, er liebte es, in Häusern zu stehen, die nach seinen Entwürfen entstanden.

Er sah sich um und spähte in die verwaschene Dunkelheit: er war allein. Sollte er warten? Unschlüssig verharrte er und spitzte die Lippen. Da! Hatte er nicht ein Geräusch gehört‘? Er war sich nicht sicher. Er kramte aus seinem Mantel eine Taschenlampe hervor und ging einen Schritt in die Richtung, von der er glaubte, dass sie die richtige war. Dann hörte er eine Stimme:

»Haschek? Sind sie da?«

Die Überraschung lies ihn erschrocken zusammenzucken. Er kannte diese Stimme. ohne Zweifel, aber sie klang furchtsam und gehetzt. Er leuchtete herum, konnte aber mit dem Lichtkegel niemanden einfangen. Schritte wurden laut. Sie drangen von oben herab, aus dem Treppenhaus. Dort liefen ein, nein, zwei Personen. Haschek stellte den Koffer zu Boden, rannte durch einen hohen Rahmen, den einmal Glastüren zieren würden. Dann stand er keuchend im Treppenhaus. Hier wand sich die Stiege um einen breiten Lichthof in die Höhe und das Licht, das von außen hereindrang, machte seine Taschenlampe überflüssig. Dennoch leuchtete er mit ihr angestrengt nach oben.

»Hier. Hier bin ich, unten, im Erdgeschoß«, rief er atemlos. Sein kleiner Spurt hatte ihn ihm genommen. Ein Kopf erschien an dem provisorischen, aus rohen Brettern genagelten Geländer, dann der ganze Oberkörper. Der Mann war noch im dritten Stock. Hornbrille, Schnauzer. Es war unverkennbar Blücher.

»Haschek! Vorsicht! Ich komme runter … « Er stockte, wendete sich nach hinten, verschwand aus dem Blickfeld des Architekten. Blücher rief erschrocken einen Namen, den Haschek allerdings nicht richtig verstehen konnte. Dann erhielt der Detektiv wahrscheinlich einen heftigen Stoß, denn er rumpelte gegen das Geländer, halb darüber. Haschek öffnete fassungslos den Mund, starrte mit aufgerissenen Augen nach oben. Für einen Moment sah es so aus, als würde sich Blücher noch einmal fangen, aber dann zerbrach die Holzkonstruktion. Er schrie einmal, dann kippte er. Seine Hände griffen panisch rudernd ins Leere. Fast geräuschlos fiel er herab, seltsam langsam. Haschek sprang zur Seite, rückte den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Es gab ein Geräusch, wie er es noch nie gehört hatte: Dumpf, klatschend, brechend.

Eine Weile stand Haschek mir abgewandtem Kopf da, bemüht, das hektische Zucken seine Lider unter Kontrolle zu bringen. Er überwand sich und sah hinab, leuchtete mit seiner Taschenlampe. Da war nichts mehr zu machen. Zu seinen Füßen lag der verkrampfte, blutige Leichnam des Detektivs. Die dunkle Perücke war verrutscht. Unter ihr kam kurzes, blondes Haar zum Vorschein. In der Hand hielt der Tote einen Fetzen Papier, den er wohl im Kampf seinem Mörder abgerungen hatte. Haschek identifizierte ihn auf den ersten Blick als eine Ecke von seinen Baupläne für die Firma Sonnenheim.

Neugierig sah er nach oben. Dort war nichts zu mehr hören. Niemand zeigte sich, um sein Werk zu überprüfen. Der Mörder hatte sich sicher schon längst aus dem Staub gemacht. Haschek hoffte, dass Goschad ihn draußen erwischte oder zumindest erkannte. Aber allzu sehr verließ er sich darauf nicht. Er sah wieder die Leiche an und erst jetzt wurde ihm schlecht. Er würgte und brachte den Leberkäse hervor, den er am Nachmittag in einem Stehimbiss am Bahnhof eilig zu sich genommen hatte. Er lehnte gegen eine nahe Wand und wartete darauf, dass es seinem rebellierenden Magen wieder besser ging, dann untersuchte angeekelt die Taschen des toten Detektivs. Er erwartete nichts und wurde doch fündig.

Er entdeckte in einer Innentasche der Jacke einen zweiten, an ihn adressierten Brief. In ihm standen die Übergabemodalitäten für das erpresste Geld. Es hätte nicht viel gefehlt und Haschek hätte gelacht: Dieses eine Problem war ja nun aus der Welt. Mit Albert Blücher war auch Arthur Schiller gestorben. Seine zweite Entdeckung war interessanter: Er fand diesen Brief noch einmal in der Tasche, es war die Rohfassung und die war handschriftlich aufgesetzt. Diesen Text hatte also nicht Blücher geschrieben. Es war die Schrift von Judith. Hatte ihn dieses Biest doch reinlegen wollen! Das würde sie büßen müssen. Er hatte doch gewusst, dass er den süffisanten Tonfall der Briefe kannte: Es war Judiths Stil.

Aber was hatte Blücher hier gewollt? Warum war er in diesem Rohbau in den Tod gegangen? Haschek hatte keine Antworten auf diese Fragen, nur Mutmaßungen. Blücher hatte wohl seinen Mörder gekannt. Wenn dem so war – und da war sich der Architekt fast sicher – dann kannte ihn wohl auch Judith. Damit war sie in Gefahr, wenn sie nicht auch in dieser Sache ihre Finger hatte. Kurz stellte er sich vor, wie sie Blücher von der Treppe stieß. Aber dass sie jemandem den Hals durchschnitt, war das möglich?

Nein, mit dem Mord an dem Detektiv klärte sich nichts. Er kam der Sache nicht näher, das Spiel lief weiter. Und wo verdammt noch mal war eigentlich Martin Liebermann abgeblieben? Hatte er wirklich kalte Füße bekommen und sich aus der Angelegenheit verabschiedet? Oder mischte er noch fleißig mit, hatte vielleicht eben Blücher getötet?

Haschek schüttelte unwillig den Kopf. Es hatte keinen Sinn, sich mit diesen Fragen das Gehirn zu martern. Das war wohl nicht mehr sein Zug. Jetzt musste er warten, wie sich alles weiter entwickelte. Er steckte die beiden Briefe in seine Manteltasche. holte dem Toten auch das Papier aus den klammen Fingern. Das war seine einzige direkte Verbindung zu dem Ermordeten. Dann entschloss er sich, sich auf die französische Weise zurückzuziehen, wie das wohl der Mörder schon vor ihm getan hatte.

Er trat wieder in die große Eingangshalle. Sie war noch so leer, wie er sie vorhin verlassen hatte. Zu leer, fiel ihm mit plötzlichem Schrecken auf. Zu leer.

Sein Koffer mit dem Geld stand nicht mehr an dem Platz.

Haschek fühlte sich so schwach, dass er sich auf den Boden hocken musste. Er stimmte ein bitteres Lachen an. Er hätte viel darum gegeben, wenn er jetzt einen Flachmann bei sich gehabt hätte.

[Damit endet der 2. Teil meines spannenden Augsburg-Krimis. Der 3. und letzte beginnt nächste Woche. Die Teile 1 und 2 kann ein interessierter Leser (ha,ha) wie gewohnt auf meiner Texteseite als Ebook auf seinen Reader laden.]

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