Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 15

8.
Sonntag.
Abend

Es hatte auch am Sonntag nicht aufgehört zu regnen. Auch in diesem Jahr war das Frühjahr viel zu kalt und zu nass. Haschek, der Regenschirme verachtete, weichte langsam ein. Er schob mit dem Fuß vorsichtig eine zerdrückte Coladose zur Seite gegen die Bretterwand. Zum wiederholten Male las er die noch lesbaren Wörter auf einem geschmacklos lilafarbenen Plakat der Augsburger City-Initiative, das halb zerfetzt an ihr klebte. Der Architekt war auf Anraten seines Schwiegervaters hin selbst Mitglied dieses Vereins von Augsburger Geschäftsleuten, in dem die Schnüre einiger Seilschaften zusammenliefen und sich viele neue Kontakte knüpfen ließen. Trotzdem: Das Design des Plakats war scheußlich.

Haschek fuhr sich durch sein nasses Haar und ächzte vernehmlich. Weil er seine ganzen Kräfte brauchte, hatte er sich den ganzen Tag dazu gezwungen, keinen Alkohol zu trinken. Deshalb war sein Kater vom Vortag war noch nicht verflogen und quälte ihn mit Kopfschmerz und Übelkeit. Auch sein Magen rebellierte schon seit Stunden, was allerdings eher an seiner Erregung als am Entzug liegen mochte. Er hatte mehrmals am Tag seine Hände kontrolliert. Sie waren ruhig und zitterten nicht, das nahm er als gutes Zeichen, als ein Zeichen. dass er noch nicht körperlich, sondern nur seelisch vom Alkohol abhängig war.

Der Architekt sah auf seine Armbanduhr. Es war nur noch eine Viertelstunde vor acht Uhr abends. In letzter Zeit bestand sein Leben nur noch aus Warten, befand er fand selbstmitleidig. Seit einer guten halben Stunde stand er jetzt schon hier vor dieser verlassenen Baustelle und wartete auf seinen Erpresser. Wie Hohn empfand er den ausgemachten Treffpunkt. Diesen Rohbau an der Bürgermeister-Ackermann-Straße auf einem ehemaligen Gelände der US-Armee, der einmal eine Senioren-Wohnanlage werden sollte. Sein Blick wanderte zu dem Schild über der Bretterwand, auf dem als Architekt sein Name angegeben war. Wusste der Erpresser das? Haschek hatte die schwache Hoffnung, es könnte ihm nutzen, dass er die Baulichkeiten kannte. Er hatte sich mit ihm zwar erst zu Punkt acht Uhr verabredet, aber die Aufregung hatte den Architekten bereits frühzeitig zum Treffpunkt geführt. Es war eine Aufregung. die den ganzen Nachmittag seit dem Anruf gestiegen war und nun langsam ihren Höhepunkt erreichte.

Der Erpresser hatte ihn nach zwei Uhr auf seinem Smartphone angerufen und sich nach einigem vorsichtigen Zögern bereit gefunden, sich mit ihm an diesem verlassenen Ort zu treffen und ihm die gestohlenen Entwürfe zu zeigen – zumindest einen Teil von ihnen. Auch war es Haschek so vorgekommen, als wäre es ihm möglich, die unmäßige Geldforderung neu zu verhandeln. Der Erpresser hatte nicht mehr so hartnäckig auf seinen zwei Millionen bestanden. Vielleicht hatte Hascheks Jammern doch etwas gebracht. Vielleicht wurde dem Mann die ganze Sache auch zu heiß und er wollte so schnell wie möglich aus der Sache heraus. Haschek nahm an, dass es dessen Pläne durcheinander gebracht hatte, dass die Polizei bereits jetzt von dem Einbruch und dem Mord wusste. Wahrscheinlich hatte der Erpesser damit gerechnet, seine Tat würde erst am Montag auffliegen.

Haschek hatte daraufhin seinen Nachmittagstermin abgesagt und war nicht zum Golfspielen nach Burgwalden gefahren. Anschließend war er an seinen Safe im Schlafzimmer gegangen und hatte ihm das gesamte dort aufbewahrte Bargeld entnommen. Weil zufälligerweise in der nächsten Woche auf seinen Baustellen einige Lohnzahlungen an die schwarz arbeitenden Bautrupps aus dem Osten fällig waren, hatte er etwas über zweihundertfünfzigtausend Euro griffbereit im Safe liegen. Diese Geldsumme trug er jetzt in einem unauffälligen Koffer bei sich. Zusätzlich hatte er sich mit seinem Kundenberater bei der Deutschen Bank beraten und gegen dessen Ratschlag eine Liquidation seiner VW-Aktien und einiger seiner Fonds angeordnet. Diese Veräußerungen würde ihm in den nächsten Tagen eine weitere Million Euro bringen. Er hatte auch schon Verbindung mit einem befreundeten Händler aufgenommen, dem er am Montag seine Bildersammlung und die Antiquitäten, darunter den schweren Luis-Quize-Schreibtisch, für den der Mann sich schon länger interessierte, zum Verkauf anbieten wollte. Zusammen mit dem Geld auf seinem Girokonto hoffte er durch diese Maßnhamen, die verlangten zwei Millionen beibringen zu können, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen. Zudem verließ er sich auf seine Überredungskünste. Vielleicht konnte er den Erpresser doch überreden, sich gleich mit dem Inhalt des Koffers zufrieden zu geben.

Auf jeden Fall musste er den Mann überzeugen, dass zwei Millionen einfach zu viel Geld waren. Es ihm als kleinem Architekt unmöglich war, solch eine Summe in bar aufzutreiben. Selbst wenn er auf seine Immobilien einen Kredit aufnahm. Denn Jammern und sich für seine Zwecke kleiner machen, als er tatsächlich war, das konnte Haschek. Denn eines war ihm klar. Würde er die gesamte Summe an den Erpresser übergeben, dann würde er sich doch dabei ruinieren. Seine mittelfristigen Immobilienspekulationen hatten wegen dem Konjunktureinbruch nicht die erwarteten Zinsen gebracht. Er hatte viel Geld verloren. Ohne größere Kreditaufnahmen war die momentane Durststrecke nicht zu überwinden. Zudem waren ein paar Wechsel, für die er bei einem Geschäftspartner gebürgt hatte, in Regress gegangen, was seinem geschäftlichen Ruf schadete. Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, verbreitete dieser Arthur Schiller, er sei homosexuell. Zusätzlich war das Gerücht durchgesickert, er würde trinken. Der Verlust des Rufes war für den Architekten fast gleichbedeutend mit Niedergang und Bankrott. Wenn die äußere Fassade intakt war, dann hatte er Kredit. Bröckelte sie, war alles aus.

Haschek spürte, wie sich die Schlinge um ihn immer enger zog. In den letzten Monaten gingen seine Aufträge zurück, was für ihn Schulden bedeutete, weil er seinen Lebensstandard nicht senken konnte, ohne dass es wiederum seinem Ruf geschadet hätte. Das alles war ein Teufelskreis, eine Spriale, die ihn immer schneller in den Abgrund zog. Und jetzt kamen auch noch diese beiden Erpressungen, von denen er allerdings nur eine ernst nehmen konnte. Alles wirkte wie genau kalkuliert, um ihn endgültig zu ruinieren.

Wie ein Geier, der ein Aas riecht, hatte sich am Morgen noch ein zweiter Erpresser gemeldet. Haschek hatte den Brief noch in der Nacht im Briefkasten entdeckt. Er war ziemlich betrunken gewesen, denn er hatte sich bei den Weilands volllaufen lassen, weil ihm das Architekturbüro Herle die TVA-Tennishalle vor der Nase weggeschnappt hatte. Als Haschek dann schwankend in seinem Zimmer stand und den Brief las, wusste er zuerst nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Er entschied sich dann fürs Lachen. Er lachte so lange, bis ihm übel wurde und er sich übergab. In der Nacht schlief er wie ein Stein. Seine Kopfschmerzen am nächsten Morgen ließen den Brief bereits in einem ernsteren Lichte erscheinen. Inzwischen war er davon überzeugt, dass ihm auch diese Erpressung gefährlich werden konnte. Da er aber vermutete, dass bei diesem perfekten Rufmord Judith ihre Hände im Spiel hatte, hoffte er, relativ ungeschoren aus der Sache herauszukommen. Die Geldforderung war ja auch relativ human gewesen:

Sehr geehrter Herr Haschek,

wir sind uns noch nicht begegnet. Aber ich nehme an, Sie haben bereits von mir gehört. Auf die eine oder andere Weise. Mein Name ist Arthur Schiller und ich bin seit zwei Monaten fleißig damit beschäftigt, Ihrem Ruf zu schaden, indem ich mich als Ihr Geliebter ausgebe. Damit unterstütze ich die Gerüchte, die über Sie im Umlauf sind. Da ich annehme, dass Ihnen das nicht recht ist, bin ich gegen die Zahlung einer geringen Summe bereit, diese Rufschädigung zu unterlassen. Dieser kleine Aderlass, ich möchte ihn mal als Spende bezeichnen, dürfte Ihren Geldbeutel kaum belasten, mir jedoch sehr weiterhelfen. Ich würde selbstverständlich sofort die Stadt verlassen und Sie für immer von meiner Anwesenheit befreien.

Seien Sie auch versichert: Meine Forderung wäre eine einmalige. Sie werden nach der Zahlung nie mehr wieder etwas von mir hören. Was nun die Höhe der Spende angeht, dachte ich an zweihunderttausend Euro. Das ist ein Betrag, den Sie immer bar in Ihrem Safe aufbewahren. Er wird Ihnen kaum fehlen.

Wenn Sie also gewillt sind, mir diese kleine Gefälligkeit zu erweisen, wäre es empfehlenswert, wenn Sie so freundlich wären, mir dieses Geld am Montag zu überreichen. Ich werde mich wieder bei Ihnen melden, um Ihnen die Übergabebedingungen zu übermitteln. Ich bitte Sie deshalb, sich diesen Tag freizuhalten.

Wenn Sie jedoch von einer Zahlung Abstand nehmen würden, wäre ich gezwungen, meine Geschichte an den Meistbietenden zu verkaufen. Auch wenn sie nicht wahr ist, so ist sie doch so gut erfunden, dass es einige Zeitungen und Internetseiten gibt, denen eine gute Schlagzeile wichtiger als die Journalistenehre ist. Selbstverständlich habe ich diese – wie auch die nachfolgende Drohung – nur geschrieben, um dem Stil eines Erpresserbriefs gerecht zu werden. Es ist mir zugegebenermaßen etwas peinlich: Aber es wäre ein fataler Fehler von Ihnen, die Polizei einzuschalten.

Hochachtungsvoll

Arthur Schiller

Der Brief war auf einem Computer geschrieben und fehlerfrei. Der ironische Ton, hinter dem sich eine boshafte Unverschämtheit verbarg, hatte am Haschek am Abend mehr zum Lachen gereizt als der Inhalt. Aber inzwischen war er sich sehr wohl bewusst, dass dieser Erpresser sehr genau wusste, was er wollte. Er war unter Umständen ein ebenso gefährlicher Gegner wie der andere, auf den er hier vor der Baustelle wartete. Das hieß, wenn es überhaupt zwei verschiedene Erpresser waren.

Haschek nickte bedächtig, dann vergaß er fürs Erste den Brief. Das war seine Sorge für morgen, heute gab es etwas anderes. Jeder Tag hatte seine Aufgaben. Er ertappte sich dabei, dass er einem Auto hinterher sah, er beobachtete es, wie es von der Bürgermeister-Ackermann-Straße in die Seitenstraße einbog und langsam an dem Rohbau vorbei fuhr, als würde sein Fahrer Ausschau halten. Er kannte den Lenker des Audi TT, aber er konnte ihn für den Moment nicht einordnen. Haschek runzelte angestrengt die Stirn, aber er hatte gerade nicht die geringste Ahnung, wer das war. War das sein Erpresser?

Der Architekt ging im Geist die Personen durch, die er mit dieser Sache verwickelt glaubte. Er war überzeugt, dass keiner von ihnen am Steuer gesessen war. Liebermann? Nein, sicher nicht. Wie käme der auch zu solch einem Auto? Haschek sah nach oben und grübelnd trat er zurück, drängte sich gegen die Bretterwand, weil es stärker zu regnen begann. Ein Mann kam eilig von der rechten Seite auf ihn zu, den Kragen des eleganten Mantels schützend hochgeschlagen. Es war der Fahrer des Wagens, der weiter hinten in der Straße geparkt hatte. Hascheks Herzschlag wurde heftiger. Das Spiel hatte begonnen. Das Warten war zu Ende.

Siggi Goschad trat an ihn heran.

»Sie sind hier, Herr Haschek? Was für ein seltsamer Zufall. Haben Sie eine Verabredung?«

»Das Gleiche könnte ich Sie fragen.«

Goschad sah sich um.

»Ich war in Ihrem Auftrag unterwegs, haben Sie das vergessen. Sie wissen doch, ich soll Martin für sie aufstöbern.«

Hascheks Miene hellte sich auf.

»Liebermann? Ist er hier? Sie haben ihn bis hierher verfolgt?«

 

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