Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 14

Judith fand ihn in diesem Zustand, voller Selbstmitleid auf der Kloschüssel sitzend, mit nacktem Oberkörper, die zu enge Hose aufgeknöpft. Sie hatte ihn wütend ermahnen wollen, sich doch zu beeilen, aber ein plötzliches Mitgefühl machte sie stumm. Sie verharrte im Türrahmen und wusste nicht, was sie tun sollte. Nach einer Weile sah ihr Mann auf und sein Blick erinnerte sie an Caligula, wenn er um Tischreste bettelte.

»Na, was ist denn?«, fragte sie vorsichtig und war fast versucht, ihn zu streicheln. Als würden diese Worte in ihm etwas lösen, begann der Architekt zu weinen, sehr leise zuerst und sein Gesicht mit den Händen beschützend. Judith ging einen Schritt in den Raum. Sie konnte sich nicht erinnern, Haschek jemals in solch einem Zustand gesehen zu haben. Deshalb wirkte sein Anblick auch nicht lächerlich auf sie, er machte ihr ein schlechtes Gewissen.

War es wirklich richtig, ihn so zu hintergehen? Da öffnete sich dieser Mann zum ersten Mal vor ihr, zeigte sein zerrissenes Inneres und das, wo sie ihn tagein, tagaus betrog, schon ganz automatisch, ohne sich etwas dabei zu denken. Und gerade eben war sie dabei, ihn endgültig zu zerstören. Jetzt zeigte er sich zum ersten Mal, wie er war, nicht mehr der arrogante, überhebliche Fettsack, an dem jede Emotion abperlte wie ein Tropfen an einer Regenjacke. Er war verwundbar, verletzt. Das machte sie für Augenblicke hilflos, dagegen hatte sie keine Waffe. Was tat sie ihm da nur an?

Als würde Haschek ihre Gedanken lesen, sackte er auf die Knie und rutschte über die Badezimmerfliesen auf seine Frau zu, umklammerte verzweifelt ihre Beine. Sie spürte seine feuchten Hände durch die dunkle Strumpfhose hindurch, die sie trug. Er bettete seinen Kopf in ihren Schoß.

»Du … du bleibst doch bei mir, ja?« Seine Stimme war leise, aber in keiner Weise weinerlich. Es klang auch weniger nach einer Frage, als nach einer Feststellung. »Weißt du, du bist doch alles, was ich habe. Ohne dich wäre alles umsonst und sinnlos, was ich mache – was ich mein Leben lang getan habe. Halte wenigstens du zu mir, meine schöne, dunkle Judith …«

Überrascht blickte Judith auf ihn herab, auf den Mann, den sie für stockschwul hielt und spürte die Hände, die sie zärtlich streichelten. Mit dieser beiläufigen Geste brachte er in ihr ein Weltbild zum Wanken. Solch eine Nähe hatte es zwischen ihnen noch nie gegeben, nicht einmal kurz nach ihrer Hochzeit, die ein reines Geschäft ihres Vaters mit dem Geld und dem Einfluss von Haschek gewesen war. Ludwig Hiller hatte seine Tochter immer nur als ein Mittel für seine Zwecke betrachtet, niemals hatte ihn interessiert, was sie wirklich wollte.

»Ich will für dich tun, was mir möglich ist“, flüsterte ihr Mann, „ich will dir geben, was ich habe, das Geld, die Immobilien, meine Verbindungen, das ist so unwichtig. Davon bleibt nichts. Lass mir wenigstens dieses eine Ziel, für das ich leben kann. Das andere …« Sein Kopf rückte ein wenig zur Seite, krampfhaft, krankhaft, wie ihr schien.

»Du weißt, ich habe mal ein paar Semester Philosophie studiert, als ich das Geld noch nicht kennengelernt hatte. Ich wollte es nicht nur meinem Bruder und meinen elitären Eltern beweisen. Ich habe wirklich nach einem Sinn gesucht … und natürlich war ich damit bei einem Philosophiestudium vollkommen falsch. Heute fühle ich mich leer. Dieses Geld ist wie ein Schwamm, der dir die Persönlichkeit aufsaugt … Bleib bei mir und hilf mir.« Seine letzten Worte waren lauter, drängend, fast wie ein Befehl.

Jetzt erst wurde sie sich der Situation bewusst. Sie gelangte in ihren Verstand, bisher hatte sie sich von einem verunsichernden Gefühl der Zuneigung leiten lassen. Sie bemerkte, dass sie mit der Hand über seine kurzgeschnittenen Haare strich. Angeekelt zog sie sie zurück. Sie machte sich frei, ruckartig und brutal. Haschek fiel nach vorne auf den Boden. Es gab ein klatschendes Geräusch. Jetzt musste sie lachen, ging lachend aus dem Bad.

»Wegen dir kommen wir zu spät«, sagte sie und ließ ihn allein. Mühsam stemmte Haschek sich in die Höhe. So schnell wie seine Tränen gekommen waren, endeten sie. Judiths Lachen würgte sie ab. Obwohl er seine Emotionen nicht gespielt hatte und seine Worte wirklich ehrlich gemeint waren. Dann musste auch er lächeln, es war ein grimmiges, ein böses Zucken der Mundwinkel. Er wusste: Wenn es Judith war, die ihn betrog, wenn sie mit diesem ganzen Kesseltreiben gegen ihn zu tun hatte … würde er sie töten.

Judith ging hinunter ins Wohnzimmer, stellte sich ans Fenster und sah hinaus in den Garten. Graue Wolken machten den Himmel dunkel und schickten den Tag in eine verfrühte Dämmerung. Sie wartete geduldig auf Haschek. Sie wusste, wenn er sich jetzt nicht mit seiner Krawatte im Badezimmer erhängte, dann würde er gleich herunter kommen, vollständig gekleidet, ruhig und normal. Sie glaubte nicht, dass er auch nur mit einem Wort auf den Vorfall zurückkommen würde, wahrscheinlich schämte er sich bereits für ihn.

‚Das ist der Alkohol‘, dachte sie, ‚er beginnt, seine Persönlichkeit zu zerstören. Ich muss mich beeilen, bevor es zu Eklat kommt.‘

Ja, sie hatte recht: Sie musste so schnell wie möglich von ihm wegkommen. Sie konnte sich kein Mitleid leisten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich gesellschaftlich und geschäftlich ruinierte und sie sein Geld nicht mehr abschöpfen konnte. Ob Albert den Brief schon in den Briefkasten vor dem Haus gesteckt hatte? Oder würde er warten, bis sie beide bei den Weilands war? Das war wahrscheinlicher. Am einfachsten wäre es gewesen, wenn sie den Brief mitgebracht hätte, aber es wäre fatal, wenn Haschek sie mit ihm gesehen hätte. Dennoch musste sie auf der Stelle wissen, ob er nicht vielleicht doch schon da war. Sie entschied sich, nachzusehen. Haschek brauchte wohl doch noch länger.

Sie trat hinaus auf die Terrasse, umrundete langsam das Haus. Der Hund kam kläffend hinter ihr her. Seltsam, dachte sie, dass wir diesen Köter haben, wir können es beide nicht ausstehen. Es hatte wieder leicht zu regnen begonnen und eigentlich hätte sie jetzt Angst um ihre Frisur haben müssen, aber ihre Neugierde war stärker. Sie ging nach vorne zum Tor, an der Garage vorbei, spähte durch die Stäbe in den Briefkasten. Ja, der Brief war da, da lag der unscheinbare Umschlag. Albert hatte ihn bereits vorbeigebracht. Es erstaunte sie immer wieder, wie sehr sie sich auf ihn verlassen konnte. War das Liebe bei ihm? Sie konnte es kaum glauben, so sehr war sie es gewohnt, dass ihre Liebhaber nur ihr, also Hascheks Geld wollten.

»Was machst du da?« Sie schrak in die Höhe, ihr Herz machte einen krampfhaften Sprung. Rasch wand sie sich um. Haschek stand mit einem Regenschirm in der Hand da und betrachtete sie.

»Hast du mich erschreckt.« Ihr Verstand arbeitete fieberhaft. Haschek durfte Sie nicht mit dem Brief in Verbindung bringen, auf keinen Fall. Sie beschloss, auf Angriff zu gehen. »Ich wollte nur mit Caligula ein wenig an die frische Luft. Bist du jetzt endlich fertig? Das wurde ja wohl Zeit, findest du nicht? Ist dir klar, was die Weilands sagen werden? Wo doch der Doktor eine lebende Uhr ist.«

»Uns wird schon eine glaubwürdige Ausrede einfallen, darin sind wir doch ganz groß«, erwiderte Haschek ungeduldig. »Zieh dich an. Ich hole schon mal das Auto aus der Garage.«

Judith wand sich wieder zu dem gusseisernen Tor und öffnete einen Flügel.

»Du hast keinen Mantel an, du wirst dich erkälten«, sagte Haschek und half ihr. Erregt beobachtete sie ihn. Aber er sah nicht zum Briefkasten, wie sie erleichtert feststellte. Jetzt konnte sie ihn nicht auf den Brief aufmerksam machen, das war zu verdächtig. Und sie wollte auch nicht dabei sein, wenn er ihn fand und las. In der Nacht, wenn sie von Weilands zurückkamen und er wahrscheinlich vollkommen betrunken war, dann würde sie ihn vielleicht wie zufällig darauf aufmerksam machen, dass der Briefkasten nicht leer war.

Wie würde er reagieren, wenn er wieder ausgenüchtert war? Das war nicht mehr so einfach vorherzusagen wie früher. Schließlich hatte er ihr erst am Morgen gestanden, dass er in geschäftlichen Schwierigkeiten war. Dennoch hatte er mit diesem Grundbesitz, seinen Sparverträgen und Aktiengeschäften insgesamt wohl vier bis fünf Millionen auf der Aktiva-Seite, aber die würde er nicht sofort flüssig machen können. Soviel erwartete sie auch nicht. Trotzdem wollte sie so viel Geld von ihm, wie nur irgend möglich. Wenn ihre beiden Pläne hinhauten und sie war eigentlich davon überzeugt, obwohl es noch eine Hürde gab, vor der ihr schon jetzt graute, dann konnte sie wohl eine Million abschöpfen. Zusammen mit ihrem Ersparten, hauptsächlich Geld von ihrem Vater, würde das eine hübsche Summe sein, die wohl reichen sollte, um ein gutes Leben ohne Haschek zu führen.

Er war ihr Sündenbock, er musste dafür bezahlen, was die Männer ihr angetan hatten.

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