Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 13

»Kennst du einen gewissen Arthur Schiller?«, fragte er ruhig. Fallen, nichts als Fallen hatte er heute für Haschek vorbereitet.

»Nein, wer soll denn das sein? Hat der vielleicht etwas mit dem Mord zu tun?«

»Nein, das ist eine andere Sache. Aber sie kann ebenso schlecht für dich enden.«

»Und warum? Wer zum Teufel ist denn dieser Schiller?«

»Du kennst ihn wirklich nicht? Jung, gutaussehend, dunkelhaarig? Überlege.«

»Die Beschreibung passt auf viele.«

»Ja. Du hast recht. Nun, dieser junge Mann läuft in der letzten Zeit – sagen wir mal – seit etwa drei, vier Wochen in der Stadt herum und erzählt den Leuten unter dem Siegel der Verschwiegenheit, er sei dein Freund und leide darunter«, führte Hiller aus. Haschek wusste nicht, was er sagen sollte.

»Mein … Freund? Das ist … was soll ich sagen?«

»Das ist wirklich ekelhaft. Nun ja, du sollst eine intime Beziehung mit ihm haben, du verstehst?«, sagte Hiller zögernd. Offenbar war seinem sittenstrengen Schwiegervater die Sache ein wenig peinlich. Dem Architekten ging ein Licht auf.

»Ja, ich verstehe. Jetzt begreife ich sogar recht gut. Es sind also wieder die Gerüchte da. Und diesmal stammen sie nicht von Judith, nehme ich an. Arthur Schiller? Nie gehört. Wer steckt wirklich dahinter? Vielleicht Herne? Oder Mayer & Co.?«, nannte Haschek ein paar Konkurrenten, obwohl er sich eigentlich nicht vorstellen konnte, dass diese zu solchen seltsamen Mitteln griffen.

»Das habe ich nicht feststellen können. Dieser Schiller ist ein Phantom. Er verkauft seine Geschichte sehr glaubhaft. Er ist sehr gut informiert. Er setzt sich in Cafés zu Leuten, die dich kennen oder stellt sich bei Veranstaltungen neben sie. Dann lenkt er das Gespräch auf dich und eure Beziehung. Er stellt dich als herzlosen Verführer dar. Aber ansonsten ist er ein unbeschriebenes Blatt. Es war mir nicht möglich, herauszufinden, wo er wohnt. Ich glaube auch nicht, dass er seinen richtigen Namen benutzt.«

»Das ist ja … « Haschek wollte nach der Cognacflasche greifen, aber nachdem er einen missbilligenden Blick seines Schwiegervaters aufgefangen hatte, ließ er es lieber bleiben. »Was soll ich denn machen? Zur Polizei gehen? Klagen, gegen unbekannt?«

»Nein, das wäre nicht klug. Das wäre ein Fehler. Eine Klage würde nur noch mehr Staub aufwirbeln. Wenn du dich wehrst, gibst du zu, dass da doch etwas dran sein könnte an dem Gerede. Und die Presse, die bis jetzt noch keine Ahnung hat, würde sich einschalten. Das wäre für Leute wie Arno Löb ein gefundenes Fressen. Die warten doch nur darauf, mal wieder einen von uns schlachten zu können. Nein, das machst du eleganter. Du kennst doch einen zuverlässigen Privatdetektiv?«

»Albert Blücher, ja.«

»Setz ihn auf diesen Schiller an. Er soll herausfinden, wer die Hintermänner von ihm sind. Dann sehen wir weiter. Dann sollte es uns auch nicht schwer fallen, sie zum Schweigen zu bringen. Von Herne zum Beispiel wüsste ich schon ein paar Geschichten. Die würden ihn sehr stumm machen, wenn er fürchten müsste, sie könnten an die Öffentlichkeit geraten.« Hiller sah Haschek scharf an.

»Das gilt natürlich nur für den Fall, wenn du wirklich nichts mit dem Jungen zu tun hast. Andernfalls rate ich dir gut, dem Kerl den Laufpass zu geben und ihn in einen Zug in eine andere Stadt zu setzen. Ich bin dir dabei gerne behilflich.«

»Das ist ja nett von dir und ich weiß es zu schätzen. Aber ich kenne ihn wirklich nicht«, sagte Haschek und versuchte, verzweifelt zu klingen. »Und ich bin auch nicht schwul. Hör nicht auf Judith. Die schwätzt nur. Das macht ihr Spaß. Du musst mir das glauben. Ich würde dich nicht anlügen.«

»Nicht? Mir scheint, du hast das heute mehr als einmal getan.«

Haschek wusste nicht, ob das ein Schuss ins Blaue war. Fast nahm er es an, aber es traf ihn doch. Der alte Mann war einfach zu schlau, um ihm auf längere Zeit etwas vormachen zu können. Der Architekt versuchte, das Thema zu wechseln:

»Möchtest du noch einen Cognac?«

»Nein. Wirklich nicht. Und du hast auch genug. Ich muss jetzt wieder gehen.« Hiller stand auf und Haschek fühlte sich mehr als erleichtert.

»Schon? Willst du nicht mehr auf Judith warten?«

»Nein. Die Arbeit ruft. Sag ihr einen schönen Gruß von mir und meiner Frau. Sie könnte sich mal wieder bei uns sehen lassen.«

An der Tür wandte sich der Politiker noch mal zu seinem Schwiegersohn:

»Sei vorsichtig und mach mir keinen Kummer. Du kannst dir nicht alles erlauben und ich kann mir Situationen vorstellen, in denen ich dich nicht mehr zu beschützen kann. Das sage ich dir nur als wirklich wohlwollende Warnung.«

Haschek wusste außer einem Abschiedswort keine Entgegnung. Eine Weile hatte er keine Ahnung, was er tun sollte.

Dann entschied er sich, Goschad anzurufen.

7.
Samstag.
Abend

Der Anruf kam pünktlich um sechs.

Judith war von ihrer Freundin zurückgekehrt und zog sich für die Abiturfeier von Dr. Weilands Sohn um. Sie wirkte gutgelaunt und heiter, nichts schien darauf hinzudeuten, dass sie den Streit vom Vormittag ernst nahm. Haschek war das ziemlich verdächtig, aber er wusste nicht, in welche Richtung sein Verdacht zielen sollte. Der Erpresser meldete sich wieder mit der Frage. ob Haschek am Apparat sei. Wieder klang die Stimme verzerrt und wieder war der Architekt der Meinung, dass er sie kannte. Er war sich allerdings nicht mehr so sicher, ob es Martin Liebermann war. Er ging zwar weiterhin davon aus, dass er dahinter steckte, aber das Gespräch mit Hiller hatte ihn verunsichert. Er legte den Anruf in sein Arbeitszimmer.

»Haben Sie sich unser Angebot überlegt?«

»Das habe ich und es ist nicht annehmbar. Ich habe keine zwei Millionen, das ist ausgeschlossen. So viel Bargeld kann ich unmöglich besorgen. Ich kann Ihnen … « Er überlegte. Jetzt durfte er nichts Falsches sagen. »… sagen wir mal, zweihunderttausend Euro geben. Mehr ist mir nicht möglich und mehr sind die Zeichnungen auch nicht wert.«

»Da sind wir aber doch etwas anderer Meinung. Ich habe Ihnen schon bei meinem letzten Anruf gesagt, dass wir nicht vorhaben, zu feilschen. Wenn Sie das Geld nicht bezahlen, schicken wir die Zeichnungen an eine Zeitung und veröffentlichen sie im Internet. Und zusätzlich zu diesem Skandal wären Sie ja auch noch in einen äußerst heiklen Einbruch verwickelt. Ich nehme doch nicht an, dass Sie das wünschen. Wir sind der Meinung, die Pläne sind unter diesem Gesichtspunkt ausgesprochen billig. Ein Schnäppchen.«

Haschek lauschte aufmerksam den ironischen Sätzen und wartete auf das Wort, mit dem sich der Erpresser verriet. Dieser Mann schien sich gerne selbst reden zu hören. Auch der süffisante Ton, mit dem er sprach, erinnerte Haschek an etwas, das er noch nicht einordnen konnte. Flüchtig fiel ihm in diesem Zusammenhang Judith ein und er fragte sich, warum.

»Woher kann ich wissen, dass Sie die Zeichnungen überhaupt in ihrem Besitz haben?«

»Wer sonst?«

»Das überzeugt mich nicht. Kein Gerede. Ich kaufe nicht die Katze im Sack.« Am anderen Ende der Leitung wurde geschwiegen, anscheinend war der Erpresser verwirrt. »Gut«, sagte Haschek und spürte Aufwind, »Sie zeigen mir meine Pläne, dann reden wir über das Geld. Einverstanden?«

»Wollen Sie uns reinlegen, Haschek?«

Der Architekt nahm den Hörer etwas vom Ohr, die Stimme war nun laut und zornig.

»Sie wollen uns eine Falle stellen.«

»Unsinn. Seien Sie nicht hysterisch! Ich möchte die Pläne sehen, das ist alles. Ein Teil reicht mir ja schon. Sie sind doch am Drücker …« Innerlich triumphierte er. Sein Gegenspieler schien schlechte Nerven zu haben. Vielleicht machte er einen Fehler, wenn nicht jetzt am Telefon, dann später bei dem Treffen, zu dem er den Erpresser überreden wollte.

»Hören Sie, Haschek, wir überlegen uns das. Sie hören morgen wieder von uns. Beschaffen Sie sich inzwischen das Geld.«

Diesmal legte Haschek nicht als erster auf, zufrieden spielte er mit dem Telefon. Auf jeden Fall hatte er Zeit gewonnen, auch wenn der Kerl vielleicht auf die Idee kam, ihm ein paar Kopien mit der Post zu schicken. Er hoffte, dass der Erpresser und mutmaßliche Mörder es eilig hatte und die Sache möglichst schnell hinter sich bringen wollte. Schließlich musste die Polizei ihm bald auf den Fersen sein. Wahrscheinlich blieb ihm also nur übrig, sich mit Haschek zu treffen.

Der Architekt war sehr zufrieden mit sich: Er hatte es geschafft, den Erpresser unter Zugzwang zu setzen, so gefiel ihm dieses Spiel schon besser. Wenn das tatsächlich Liebermann war und daran zweifelte er immer noch nicht, musste er sich für das Treffen einen Strohmann besorgen, wenn er nicht selbst in Erscheinung treten wollte. Wahrscheinlich hatte er diesen Strohmann schon am Telephon gehört. Er war sich sicher, er kannte auch diesen. Es fragte sich nur, wer das war. Gut, dass Goschad bei ihrem Gespräch am Nachmittag sofort bereit gewesen war, wegen Liebermann Erkundigungen einzuziehen, als er ihm einen entsprechenden Betrag geboten hatte.

Dieser Gedanke ließ Haschek lächeln: Für sein Geld konnte er kaufen, wen er wollte. Judith, Liebermann, dieser Goschad und viele andere: Sie alle tanzten um ihn wie um das Goldene Kalb. Auch bei Goschad, nur eine Randfigur der Liebermann-Akte des Detektivs, hatte Blücher ganze Arbeit geleistet. Der ehemalige Zuhälter hatte hatte hohe Steuerschulden und Geld auf Schweizer Konten. Dazu kamen Verbindlichkeiten bei einer Münchner Mafia-Familie, die die Hälfte der Pizzerias in Augsburg und Teile seines Nachtlebens kontrollierte. Auch die Gewinne aus seinen Diskotheken konnten sie nicht tilgen, da Goschad es gewohnt war, auf großem Fuße zu leben. Und da Goschad bei der Polizei bekannt war und sie ihn routinemäßig immer wieder überprüfte, konnte er es sich nicht leisten, das Geld in dunklen Kanälen oder über seine alte Profession zu beschaffen. Also war Hascheks Geldbeutel auch hier äußerst hilfreich.

Judith steckte ihren Kopf zur Tür herein und er sah abgelenkt auf. Sie war fertig angezogen und geschminkt.

»An mir meckerst du herum«, stellte sie fest, »aber du bist noch nicht einmal umgezogen. Wir müssen in einer halben Stunde bei den Weilands sein. Ich muss dir doch wohl nicht sagen, wie wenig sie Unpünktlichkeit mögen.«
»Hast recht.« Der Architekt stand entschlossen auf. Es war Zeit, zum Tagesgeschäft überzugehen.

»Ich habe deine Sachen schon ins Badezimmer raus gelegt. Mit welchem Wagen fahren wir?«

»Mit deinem und ich wäre dir dankbar, wenn du dich ans Steuer setzen würdest.«

Ihre Miene wurde wieder spöttisch.

»Du hast schon wieder getrunken, was?«

Er schüttelte den Kopf, als er an ihr vorbei ging.

»Nicht viel, aber es genügt. Ich möchte nicht meinen Führerschein aufs Spiel setzen.«

»Sag mal, hast du große Sorgen?«

Er wand sich schnell herum und sah sie an. Er bemerkte noch, wie ein Lächeln aus ihrem Gesicht verschwand und einem wirklich gut gemachten Sorgenblick wich. Sollte er mit ihr streiten? Nein. Dazu hatten sie jetzt keine Zeit. Er zuckte mit den Schultern und ging in Richtung Badezimmer, während Judith nach unten ging. Das Telephon läutete und Judith rief, dass das für sie wäre.

Als Haschek den Türgriff des Badezimmers in der Hand hatte, kam ihm ein Gedanke. Er lief in sein Arbeitszimmer zurück und nahm dort vorsichtig den Hörer von der Station, drückte eine Taste. Dann hob er den Finger langsam und er konnte Judith reden hören. Sie sprach mit der Freundin, bei der sie am Nachmittag gewesen war. Enttäuscht wollte Haschek schon auflegen, da sagte Judith:

»Ach, weißt du, ich bin im Augenblick sehr beschäftigt. Aber vielleicht können wir uns morgen Vormittag endlich mal wieder sehen, vielleicht um elf im Sommacal? Du musst mir unbedingt erzählen, wie es die letzten Tage am Ammersee war.« Haschek legte auf und ging sich rasieren. Er merkte nicht, dass er die ganze Zeit leicht nickte.

Judith war also am Nachmittag nicht bei dieser Freundin gewesen. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihn angelogen hatte. Schließlich dachte sie nicht im traum daran, ihre Affären vor ihm zuzugeben. Aber diesmal war es doch anders. Sonst störte ihn eine Lüge von ihr nicht weiter, aber im Zusammenhang mit der Erpressung und dem Einbruch machte sie das in seinen Augen verdächtig. Noch dazu, da ihr Liebhaber Martin Liebermann war. War das ein Komplott von den beiden, um ihn um zwei Millionen zu erleichtern? Ihm war deutlich bewusst, dass der Erpresser am Telephon von ‚wir‘ geredet hatte. ‚Wir‘, das waren Judith und Liebermann, natürlich, warum war er nicht früher darauf gekommen. Na bitte, das war des Pudels Kern. Jetzt musste er auf Goschad hoffen, damit er seine Pläne wiederbekam. Goschad war der Meinung, das würde keine Schwierigkeiten machen und er glaubte ihm das fast.

Haschek bemerkte, wie es ihn auf eine seltsame Weise berührte, ja, erschütterte, dass Judith mit der Sache zu tun hatte. Irgendwie hatte er ihr die ganze Zeit über vertraut. Das war zwar lachhaft, aber er hatte es getan. Haschek zog die Hose seines dunklen Anzugs an. Sie spannte am Bauch und wurde faltig, als er sich zur Probe auf den Klodeckel setzte, der unter ihm verdächtig knirschte. Der Bund schnitt in sein Fleisch. Er entschloss sich deshalb, doch lieber einen anderen Anzug anzuziehen. Schließlich musste er bei Dr. Weiland ja etwas essen.

Aber dann konnte er sich nicht entschließen, aufzustehen. Er sah bedauernd auf seinen Bauchwulst, der ihm entgegen quoll. Wie lange hatte er den Anzug nicht mehr getragen, zwei Monate? Das war bei der Einweihung von der Schulturnhalle in Günzburg gewesen. Er erinnerte sich: Vor sechs Wochen erst. Da hatte das Kleidungsstück noch gepasst. Es war zwar bestimmt nicht zu weit gewesen, aber es hatte makellos gepasst! Wie viel hatte Haschek zugenommen? Dabei aß er doch gar nicht mehr als sonst. Auch seinen wöchentlichen Gang ins Fitnessstudio, wo er eine Stunde keuchend gegen die Marterinstrumente kämpfte, hatte er nicht vernachlässigt. Also musste es am Alkohol liegen, der schwemmte ihn jetzt auf. Entsetzt maß er sich im Spiegel an der Tür. Er konnte nichts ungewöhnliches sehen. Der dicke Mann, der da so grotesk auf dem Klo saß und ihn aufmerksam besah, war wie immer, der ganze gewohnte Anblick. Da waren keine neuen Auswucherungen. Selbst die Tränensäcke waren nicht größer geworden.

Dennoch war ihm zum Heulen. Ganz plötzlich wusste er, dass er den Schnaps brauchte, um ruhig zu werden. Dass er abhängig, süchtig war. Nicht mehr lange konnte er seine bisherige Persönlichkeit aufrecht erhalten, den erfolgsverwöhnten, kühlen Architekten, den Geschäfts-, den Weltmann. Viele in seiner Bekanntschaft tranken, anders konnten sie gar nicht mehr leben. Aber sie schafften es, ihre Probleme im Privaten zu belassen. Einmal in der Woche blieben eben sie zu Hause und betranken sich, die anderen Tage waren sie auf der Höhe und es war ihnen nichts anzumerken. Er aber hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Jetzt sah Haschek sich und wenn ihn schon der Körper anlog – in seinen eigenen Augen sah er den Abgrund, in den er haltlos stürzte.

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