Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod – Teil 1

[Mit dem ersten Satz dieser kleinen Geschichte bin ich zwanzig Jahre schwanger gegangen, bis ich ihn endlich benutzen konnte. Es gibt solche Sätze. Ich mag den Text. Da er etwas zu lang ist, um ihn auf einmal zu bloggen, folgt der Schluss morgen.]

blatt

Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod

Kurzgeschichte – Teil 1

Ich starb heute früh gegen halb drei in meinem Bett.

Ich musste nicht leiden, denn der Tod fand mich schlafend vor. Daher kann ich dem Leser dieser Aufzeichnungen bedauerlicherweise nichts über meine Nahtod-Erfahrungen berichten. Ich fühlte mich weder von meinem Körper getrennt, noch schwebte ich als Geist-Erscheinung über ihm. Ich sah keinen schwarzen Tunnel mit einem hell strahlenden Licht am anderen Ende. Und falls sich mein Leben vor meinem inneren Auge noch einmal wie ein zu schnell laufender Film abspielte – nun, dann wurde mir das erst ganz am Schluss der Vorführung bewusst, kurz vor dem Abspann sozusagen. Der Vergleich hinkt nicht. Denn als ich nach meinem Tod erwachte, war mir wirklich, als säße ich in einem Kino, ziemlich weit vorne auf den billigen Plätzen. Auf der Leinwand wurden gerade die letzten paar Stunden meiner Existenz wiederholt. Ich hatte übrigens das unerfreuliche Gefühl, den Film nicht allein zu sehen, schaffte es aber für den Moment noch nicht, mich von den Bildern auf der Leinwand abzuwenden und meine Ahnung zu kontrollieren.

Ich muss dem Leser zu meiner Schande gestehen: Es spielte sich nichts Aufregendes, Bedeutendes ab. Es gab keine großen Gesten, keine bemerkenswerte letzte Worte. Ich habe von einem Freitagabend wie vielen zu berichten:

Gegen acht saß ich am Küchentisch und aß mein gutes deutsches Abendbrot. Vor mir lagen Butter, Schinken, Schwarzwurst, Emmentaler, Gewürzgurken, dazu altbackenes Bauernbrot und der Rest des Eiersalats vom Vortag, auf den ich noch zu sprechen kommen muss. Dazu trank ich direkt aus der Bügelflasche dunkles, starkes Bier. Ich las während des Essens im Kierkegaard, den ich aus der Gemeindebücherei ausgeliehen hatte. Das war ein dickes Buch mit einem starken Rücken, der immer wieder zuzuklappen drohte. Auf der Seite 45 hinterließ ich etliche Fettflecken bei dem vergeblichen Versuch, folgende Kapitelüberschrift zu verstehen:

»Die Verzweiflung, die sich bewusst ist, Verzweiflung zu sein, die sich also bewusst ist, ein Selbst zu haben, worin doch etwas Ewiges ist, und nun entweder verzweifelt nicht sie selbst sein oder verzweifelt sie selbst sein will.«

Diese angenehm nach Räucherschinken riechenden Fingerabdrücke auf der Seitenzahl und dem darüber befindlichen Satzteil: »Du bist im Grunde noch viel mehr ver-« werden mich also überdauern; eingeschlossen und versiegelt in einem Buch, das nur alle zehn Jahre einen Leser findet und dazwischen in friedlicher Eintracht neben Schopenhauer und Nietzsche in einem Regal verstaubt. Nun, Fettflecken sind immer noch besser als eingetrocknete Nasenpopel, die mir kürzlich die vom nämlichen Regal entnommene Eckehart-Lektüre vergällten und bewirken, dass ich vor wenigen Augenblicken in Unkenntnis dieses Mystikers verstorben bin.

Auch auf die Gefahr hin, den Leser ein wenig zu langweilen, muss ich doch weiter ausholen. Aber da ich nun keine Rücksichten mehr auf ein Publikum nehmen muss, kann ich endlich so schreiben, wie es mir gefällt. Es gibt so wenige Autoren, die das können und ihre Leser mit der selben Verachtung strafen können wie diese die Schriftsteller!

Ich weiß, es ziemt sich nicht, beim Essen, in der Badewanne oder auf dem Klo zu lesen; noch dazu in entliehenen Büchern. Ich mache mir selbst Vorwürfe. Aber ich bin kein Zen-Mönch, der jede seiner Taten in vollem Bewusstsein ihrer Folgen ausführt. Ganz klar – hätte ich nicht über den Kierkegaardschen Verzweiflungsbegriff nachgedacht und mich mehr um die seltsam grünliche Färbung des Eiersalates und seinen stechend scharfen Geschmack gekümmert, könnte ich vielleicht noch leben. Ich kann jetzt leider nicht im Pschyrembel nachblättern, wie letal Salmonellose ist; verstärkt habe ich ihren Effekt sicherlich durch die drei gut gefüllten Gläser 25 Jahre alten »Bruichladdich« in Fass-Stärke, die ich nur wenig verdünnt als Medizin zu mir nahm, denn – wenn ich mich recht erinnere – etwas flau war mir schon. Danach wurde mir schön warm. Ich fühlte mich wohlig lyrisch und hätte ich einen guten Reim auf »Verzweiflung« gefunden: Wer weiß – vielleicht wäre ich der Nachwelt durch ein bedeutendes Gedicht in Erinnerung verblieben.

Ich entsorgte eilig das schmutzige Geschirr in der Spüle. Ich bin nun froh, dass ich meine restliche Lebenszeit nicht mit dem Abwasch verschwendete, sondern mich an meinen Schreibtisch setzte, um ein wenig zu dichten. Als Inspiration ließ ich im Hintergrund die Études d’exécution trancendante laufen, und zwar in der Version von 1851. Das ist ein Klavierwerk, das bekanntlich an den Pianisten die höchsten Anforderungen stellt, aber ich besitze eine hervorragende Aufnahme mit Jenö Jandó, dem es wie keinem zweiten gelingt, das Andantino der Ricordanza zum Singen zu bringen.

Oh, nein, ich habe meinen letzten Abend nicht mit Abwaschen oder Fernsehen verschwendet: Ich hatte Kierkegaard und Liszt. Das ist doch ein schöner Gedanke. Weniger allerdings gefällt mir, dass ich nicht an meinem Roman weiterarbeitete, dessen nächstes Kapitel ich doch schon genau geplant in meinem Kopf habe und nur noch niederzuschreiben brauchte. Stattdessen vergnügte ich mich mit einem blödsinnigen Nonsense-Gedicht. Dessen erste Zeilen waren mir bereits beim Genuss meines zweiten Glases Islay-Malt eingefallen:

»Sie zwitscheln durch dunkle Olentanen,
gradeln gierig ihre Leger in den Sacht.
Ihre Mudenwanten tragen Ultentanen
und das Ruderist, das wird verlacht.
«

Das machte ungefähr so viel Sinn wie der Kierkegaard. Beim ersten, noch flüchtigen Überfliegen meint man, alles zu verstehen, muss aber beim Wiederlesen erkennen, dass es da überhaupt nichts zum Verstehen gibt. Ich entschloss mich daher, meinen Text mit dem Philosophen zu vereinen. Als der unermüdliche Jandó begann, mir zum dritten Mal die Etüden vorzuspielen, hatte ich ein längeres Gedicht auf dem Papier zu stehen, dessen letzte Zeile lautete:

»… der verzweifelt sie selbst sein will
durch den Griff des Grindergrill«

Damit muss ich nun „toten“. Das ist das letzte Wort aus meiner Feder: »Grindergrill«. Damit beende ich also meine Karriere als Autor. Ist das nicht zum Heulen, lieber Leser? Ich war gestern Abend schon damit unzufrieden. Trotz meines Rausches. Ich schob das Blatt unwillig zur Seite und ging mit Magenbeschwerden ins Bett.

Ich würde dem Leser nun gerne erzählen, meine letzte Lektüre, mit der ich den Schlaf suchte, sei etwas Bedeutendes, Großes gewesen, Kant oder Goethe oder zumindest Walser (Robert selbstverständlich). Ich blätterte jedoch in einem holprig übersetzten englischen Roman mit dem Titel Der Mörder kam nicht zum Tee. Es war ein »Inspektor-Hatchkins-Krimi« der englischen crime-lady Amy Blackanwhite, der wie immer im Hardyschen »Wessex« spielte und gleich zu Anfang angenehm blutrünstig sein Personal ausdünnte. Dabei war die Konstruktion eine sehr interessante, sie allein hielt mich bei der Stange.

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir endlich weiter kämen. Ich habe heute noch etwas anderes zu tun«, sagte eine gelangweilte Stimme. Sie klang genau so hohl und knöchern, wie ich mir »seine« Stimme immer vorgestellt hatte. Es gelang mir endlich, den Kopf zu drehen. Das ist so einfach hingeschrieben: Ich drehte den Kopf.

Dem Leser muss klar sein: Ich drehte nicht den Kopf, denn ich war ja tot. Ich werde es anders formulieren. Ich wendete meine Aufmerksamkeit ab von dem Film über meine letzten Stunden, der auch nicht mehr allzu interessant war, da er mich nur noch lesend im Bett zeigen würde. Ab und an würde ich noch den Kopf schütteln, von einem verunglückten Satz aus der Konzentration gebracht. Jetzt wäre vielleicht der Moment gewesen, die Namen der Mitwirkenden über die Szene zu blenden, dann hätte ich erfahren, von wem das Drehbuch stammte und wer in meinem Leben Regie geführt hatte. Aber das würde ich wohl sowieso bald wissen.

Ich wand mich also zu der Stimme neben mir in der Erwartung, ein in einen schwarzen Mantel gehülltes Skelett mit Stundenglas und Sichel zu Gesicht zu bekommen. In dem Kinosessel neben mir saß allerdings nur eine ältere, sehr dicke, dabei aber recht attraktive Frau mit einem gewaltigen Busen. Sie sah genau wie meine Nachbarin Clara Valentin-Bercher aus, die zweimal wöchentlich in meinem Augiasstall mistet und meine Hemden bügelt – allerdings nicht mit der Sorgfalt, die ich eigentlich erwarte. Das ist doch typisch, dachte ich, der Tod sieht wie meine Putzfrau aus, da hätte ich schon früher darauf kommen können.

»Wollen wir uns den Rest ersparen?«, fragte die „Tödin“ eilig und deutete auf den Film, auf dem gerade zu sehen war, wie ich mich vom Rücken auf eine Seite legte. Diese Lesehaltung sah sehr unbequem aus. Offensichtlich war ich auch schon fast eingenickt, denn ich starrte sehr lange auf eine Seite. »Da kommt nichts Weltbewegendes mehr. Sie schlafen ein und nach einer Weile hören Sie einfach mit dem Atmen auf, seufzen einmal – und das war es dann. Lassen Sie uns etwas anderes tun.«

»Aber was war die Todesursache? Das würde ich schon gerne wissen… Schließlich stirbt man nur einmal. Ich will das jetzt schon auskosten. Es ist frustrierend genug, nie mehr zu erfahren, wer der Mörder in meinem Krimi war…«

»Das war der Bruder von Elisabeth Carmichel«, warf der Putzfrauentod ein, der offensichtlich die gleiche Petze wie sein menschliches Ebenbild war. Sie lachte aus einem Grund, der mir schleierhaft war. Es klang ein wenig verschämt.

»Elisabeth hat doch überhaupt keinen Bruder!«, zweifelte ich.

»Doch. Aber das stellt sich erst am Ende des Romans heraus. Er hat jahrelang unter einem anderen Namen gelebt.« Die Tödin seufzte. »Elisabeth weiß selbst nicht, dass sie einen Bruder aus der ersten Ehe ihres Vaters mit Lady Gelderspoon hat…«

»Lord Carmichel war mit Cloé Gelderspoon verheiratet? Aber dann hat der Sohn doch seine eigene Mutter ermordet.«

Die Tödin zuckte ungeduldig mit den Achseln.

»Da habe ich schon Schlimmeres gesehen. Wollen wir nicht…« Sie machte Anstalten aufzustehen.

»Nein, das will ich jetzt aber genau wissen: Wer ist denn nun der Bruder von Elisabeth? Sicher der Dekan, genau… Robert Saintpaul! Der war mir von Anfang an verdächtig.«

»Aber nein! Der ist doch der nächste, der das Zeitliche segnet. Er stirbt an dem vergifteten Messwein, der eigentlich für Father Graham gedacht war, der als einziger die Taufpapiere…«

Jemand hustete, besser gesagt, ich hustete: Droben, auf der Leinwand. Dort legte ich gerade mein Buch zur Seite und machte meine Nachttischlampe aus. Durch die nur halb geschlossenen Jalousien war es in dem Zimmer gerade noch hell genug, um erkennen zu können, wie ich mich unter dem Laken im Schritt kratzte und dann noch einmal aufstand und zur Toilette wankte.

»Ich habe zwar nichts gegen Naturalismus. Aber die Szene hätte man schneiden können«, sagte ich und sah wieder zum Platz neben mir, denn ich wollte mir nicht selbst beim Pinkeln zusehen. Warum war dieser Tod eigentlich so ungeduldig?

»Nein«, erwiderte sie, »Sie haben wohl ein Anrecht darauf, alles zu sehen. Es sei denn, Sie wollen eher Schluss machen, was ich verstehen könnte, denn ehrlich gesagt: Sie sind der größte Langweiler, dem ich je begegnet bin. Während des Abendessens Philosophie lesen! Und dann dieses Gedicht, daran haben Sie vorhin über zwei Stunden gearbeitet, das muss man sich mal vorstellen. Das war ja wohl das Fadeste… und das Ergebnis? Grottenschlecht! Lassen Sie uns endlich gehen.« Erneut wollte die Tödin aufstehen. Schau an, ich bin also ein Langweiler. Nun – wenn das so ist…

»Im Gegenteil. Ich möchte noch den Schluss sehen. Das stelle ich mir ganz interessant vor. Wie lange zieht sich das noch hin? Spielfilmlänge, oder? Es war der Eiersalat, nicht wahr? Aber verraten Sie jetzt nichts.« Die Tödin hob die Augenbrauen und rutschte ein wenig in ihrem Sessel hin und her. Eine Antwort gab sie mir nicht. Irgend etwas kam mir komisch vor. War da ein Putzeimer zu ihren Füßen?

In diesem Augenblick war im Film deutlich ein Geräusch zu hören, das ich aber dort oben auf der Leinwand überhörte, da ich über der Toilettenschüssel stand und es möglichst laut plätschern ließ. Ich kannte dieses Geräusch. Es war die Tür zu meiner Wohnung. Sie öffnete sich knarrend. Jemand kam mit schnellen Schritten herein und schloss dann die Tür hinter sich. In einem normalen Film hätte man mir diese Szene sicherlich gezeigt, aber dort oben auf der Leinwand war nur zu sehen, wie ich ein paar letzte Tropfen in die Schüssel schüttelte und dann die Spülung betätigte. Der Leser mag sich mein Erstaunen vorstellen.

»Was war das!«, rief ich verblüfft aus. »Da hat eben jemand meine Wohnung betreten. Mitten in der Nacht.«

 [Morgen folgt der spannende Schluss.]

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