Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 11

[Mein spannender Augsburg-Krimi. Der Anfang ist im Textarchiv als PDF und als E-BOOK zum Download zu finden.

Und dann wiederhole ich zum dritten Mal eine kleine, unverschämte Frage: Hallo, Welt da draußen! Liest diesen Kriminalroman oder einen meiner anderen Texte eigentlich jemand? Gefällt er oder ist er Käse? Ein Kommentar wäre mal schön, denn ich zweifle ernsthaft, ob die ganze Arbeit hier noch Sinn macht …]

Er hätte sich nur zu gerne scheiden lassen und eine gefügigere Frau geheiratet, denn in seiner Stellung brauchte er eine. Aber er benötigte den Einfluss ihres Vaters. Den hätte er vielleicht sogar noch verschmerzen können, unter Umständen; den Skandal jedoch konnte er sich nicht leisten. Schließlich war das ja eine katholische Heirat gewesen. Der Bischof Stimpfle selbst, der die Gläubigen schon zu seinen Lebzeiten mit vorgehaltener Hand „St. Impfle“ genannt hatten, jener legendäre Vorgänger des unglückseligen Bischofs Mixa, hatte damals die Trauung vollzogen. Nein. An eine Scheidung war nicht zu denken. In diesem Augenblick fühlte er sich wie eine der Marionetten der Augsburger Puppenkiste.

Haschek musste lachen, weil ihm einfiel, wie sehr ihn Liebermann beneidete, ihn, den armen, reichen Mann, dessen Fäden ein ihm unbekannter Puppenspieler führte. Wieder versuchte der Architekt, Liebermann zu erreichen, wieder ließ er es zehnmal klingeln, bis er es aufgab. Sei Zorn auf Liebermann wuchs. Den vierten Schnaps trank er dann doch noch, allerdings mit dem festen Vorsatz, dass es der letzte sein sollte. Bis zum Abend musste Haschek unbedingt wieder nüchtern sein, bei Dr. Weiland konnte er nicht angetrunken erscheinen. Vor zwei Wochen war ihm erst so etwas Ähnliches passiert. Er hatte deshalb einen Auftrag für eine Siedlung draußen im Univiertel nicht bekommen. Das fehlte ihm noch, dass der Alkohol zu seinem neusten Problem wurde. Während er das dachte, zeigte der Cognac verstärkt seine Wirkung. Haschek erhob sich schwerfällig aus dem Sofa und ging hinaus auf die Gartenterrasse, damit sein Kopf wieder etwas klarer wurde. Der Regulator zeigte wenige Minuten vor elf Uhr an. Noch eine Stunde, dann wusste er, ob ihm eine Schwierigkeit weniger auf den Magen drückte. Caligula bemerkte, wie er den feuchten Rasen querte und gesellte sich zu ihm. Haschek pflückte ein paar saure, kleine Himbeeren vom Strauch am Zaun, wartete auf das Verstreichen der Zeit.

Judith beobachtete ihren Mann aufmerksam vom Fenster ihres Schlafzimmers aus. Sie stand halb hinter dem Vorhang, damit er sie durch ein zufälliges Aufsehen nicht bemerken konnte. Sie trug jetzt nur noch ihre Unterwäsche. Das Kleid. das sie für den Nachmittag vorbereitet hatte, lag auf dem Bett. Sie dachte unschlüssig über ihren Mann nach. Die Auseinandersetzung gerade eben hatte sie nicht wirklich getroffen, sondern nur etwas ärgerlich gemacht. Diese Streitigkeiten mit ihrem Mann störten sie nicht weiter, solche Ermahnungen hatte er in schöner Regelmäßigkeit fast jeden Monat für sie bereit. Beide wussten, diese Gardinenpredigten hatten kaum Sinn. Sie riss sich danach höchstens für ein paar Tage zusammen. Judith nahm an, dass es Heiner nur darum ging, ihr seine Meinung zu sagen, sie zu ärgern. Und genau das hatte er geschafft: Es machte sie ärgerlich, wie er mit ihr umsprang, es erregte ihren Trotz. Sie hasste ihn nicht, auch in den Augenblicken nicht, in denen er sie beleidigte oder bedrohte. Um ihn zu hassen, hätte sie ihm noch ein anderes Gefühl außer ihrer Gleichgültigkeit entgegen bringen müssen. Das war nicht der Fall. Sie war so wütend auf den dicken Mann. der unter ihr an irgendwelchen Beeren naschte, wie sie wütend auf die Reinigung war, wenn ein Kleid von ihr noch einen Fleck hatte. Das war genau die gleiche Art von Zorn in ihr.

Doch sie spürte auch, dass diesmal etwas anders gewesen war. Heiner hatte seine Vorwürfe eine Spur ernster als sonst gemeint. Und wie er sie am Arm gepackt hatte! Sie würde bestimmt einen blauen Fleck bekommen. Anscheinend war es ihm diesmal wirklich wichtig gewesen. Er schien Probleme zu haben, die ihm über den Kopf wuchsen. Also musste Judith vorsichtiger sein, zumindest so lange, bis sie ihren Plan in die Wirklichkeit umsetzen konnte. Vielleicht hatte sie in ihrer Begeisterung etwas übertrieben.

‚Ja, es tut sich etwas‘, dachte sie, ‚gut möglich, dass es jetzt so weit ist.‘

Plötzlich spürte sie die Erregung. Ja, sie konnte Heiner noch diesen letzten Gefallen tun und einen ihrer beiden Liebhaber loswerden, Martin, den, von dem er wusste. Sie lächelte bei dem Gedanken. Martin nutzte sie ja doch nur aus und liebte ihr Geld mehr als ihren Körper. Jetzt brauchte sie ihn auch nicht mehr für ihren Plan. Sie würde ihm nächsten Mittwoch einfach einen Korb geben. Albert würde schon dafür sorgen, dass Heiner erfuhr, dass es aus war. So einfach war das. Sie lachte. Der Gedanke amüsierte sie noch immer:

Wenn Heiner wüsste, dass ihr zweiter Liebhaber der Detektiv war, den er beauftragt hatte, hinter ihr her zu schnüffeln! Wahrscheinlich wäre er dann so erschüttert, dass er sich vom Hotelturm stürzte. Aber Judith wollte mehr. Sie wollte nicht nur frei sein von den Fesseln dieses Mannes, der sie mit seinem Geld gefangen hatte. Diesem langweiligen und aufgeblasenen Mann, für den sie nur ein gutbezahltes Ausstellungsstück war. Sie wollte ihn demütigen und hatte sich dafür einen perfiden Plan ausgedacht. Da unten stand er, spielte jetzt mit dem Hund, den sie nur angeschafft hatte, um ihn zu ärgern. Judith verachtete ihn.

Sie zog ihr Kleid über und wählte die Nummer von Blücher, ließ es zweimal klingen, bevor sie wieder auflegte. Dann rief sie ihn von neuem an. Das war ein verabredetes Zeichen zwischen den beiden. Es hatte eigentlich keine Bedeutung. Aber sie hatte den Code eingeführt, weil es verschwörerisch war und ihr so gefiel. Blücher war sofort am Telephon. Seine Stimme klang gepresst.

»Judith. Ich bin froh, dass du anrufst. Pass auf.«

»Ich liebe dich«, sagte sie und war sich der Lüge kaum bewusst.

»Ja, ja, klar. Ich liebe dich auch. Hör zu, es gibt Schwierigkeiten. Dein Freund Martin ist der Grund. Es kann sein, dass er mich erkannt hat. Mir müssen sofort mit unserem Plan beginnen.«

»Was ist mit ihm? Hast du …«

»Nein, nein, keine Sorge, dem geht’s gut. Aber ich musste ihn mir schnappen. Du hattest recht, er hat sich natürlich am Donnerstag mit deinem Mann getroffen. Unglaublich, was die beiden vorhaben. Das ist jetzt zu lang, um das am Telefon zu erklären. Auf jeden Fall ist gerade eine ganze Menge in Bewegung.«

»Aber, Albert, du wirst Martin doch nichts tun?«

»Ach. Aber was, ich habe es doch gerade gesagt. Ich habe ihn mir nur geschnappt, bevor er sich mit Haschek treffen kann. In zwei, drei Tagen, wenn wir das alles hinter uns haben, ist er wieder frei. Ja?« Judith schwieg. Es war soweit. Jetzt war es endlich soweit.

»Judith, hörst du?«

»Ja. Hast du den Brief schon vorbereitet?«, fragte sie. Sie nahm das Telephon und ging wieder zum Fenster. Ihr Mann warf einen Ast, dem Caligula hechelnd hinterher sprang.

»Nein, ich dachte, das machen wir zusammen. Vielleicht sollten wir ihn auch anrufen. Das ginge schneller. Am besten, wir treffen uns heute Nachmittag. Geht das?«

»Ja. Allerdings nicht zu lange. Ich muss mit Heiner heute Abend zu einer Party.«

»Ist das denn nötig?«

»Sicher. Er hat mir gerade eine Predigt gehalten. Wenn ich nicht mit ihm mitgehe, wird er vielleicht misstrauisch.«
»Klar,hast recht. Also sagen wir um zwei bei mir, ja?«

Judith überlegte.

»Halb drei.«

»Gut. Und wir schaffen das. Mach dir wegen Liebermann keine Sorgen, der ist kein Problem. Bis später, Judith«, sagte Blücher ruhig und zärtlich.

»Ich liebe dich.« Judith legte auf. Dann lachte sie wieder. Ihre Tage mit Haschek waren endlich gezählt. Jetzt musste nur noch alles reibungslos über die Bühne gehen.

Haschek wusste, dass ihn Judith von oben beobachtete. Er hatte die Bewegung an ihrem Fenster aus den Augenwinkeln festgestellt. Er versuchte, sich so unauffällig wie möglich zu benehmen und spielte mit dem dummen Hund. Er fragte sich, mit wem sie wohl von ihrem Zimmer aus telefonierte. Er rief den Hund an seine Seite und ging zurück ins Haus, holte die Hundeleine und band das Tier an ihr fest.

»Ich führe den Hund ein wenig Gassi«, rief er die Treppe hinauf, um Judith eine Erklärungfür sein Weggehen zu geben. Dann ging er noch in die Küche, um das gleiche der Hausangestellten zu verkünden, die sich bereits um das Mittagessen kümmerte. Da er noch bis zwölf Uhr Zeit hatte, drehte er eine kleine Runde. Mit jedem Schritt, der ihn der Sparkasse näher brachte, wurde er aufgeregter und er hätte jetzt gerne einen Schnaps getrunken. Dann stand er vor dem Gebäude und es war noch eine Viertelstunde. Dann war es zwölf, dann danach. Er versuchte wieder, mit seinem Handy Liebermann anzurufen. Aber er war nicht zu Hause. Also wartete er weiter. Er kam sich reichlich lächerlich mit seinem ungeduldigen Hund vor, der ihn weiter zerren wollte. Und er fühlte sich betrogen. Um dreiviertel eins ging er wieder heim, er musste sich zum Mittagessen sehen lassen.

Gegen zwei ging Judith aus dem Haus, zu einer Freundin, wie sie sagte. Haschek hatte auch nach dem Essen wieder versucht, Liebermann zu erreichen, aber der blieb verschwunden. Haschek hatte keine Ahnung, was passiert sein konnte. Selbst wenn Liebermann es sich noch anders überlegt hatte und nicht bei Sonnenheim eingestiegen war, warum meldete er sich dann nicht bei ihm? Hatte Liebermann Angst vor ihm? Haschek hätte ihm mehr Geld geboten und Liebermann wäre dann an diesem Abend eingebrochen, kein Problem. Oder Haschek hätte versucht, sich einen anderen für den Job zu besorgen. Aber dass Liebermann einfach verschwunden war, war seltsam. Auf jeden Fall musste sofort etwas geschehen. Montag früh, also schon übermorgen, würde die Polizei das Büro der beiden Sonnenheimmakler filzen und dann war alles zu spät. Dann war er dabei, hockte mittendrin in der Scheiße. Er sah die Schlagzeilen der Zeitungen schon vor sich, vor allem die der AZ, für die solche Dinge ein gefundenes Fressen waren.

Gegen halb drei läutete endlich das Telefon. Zuerst wollte Haschek aus Trotz nicht rangehen. Doch dann überlegte er es sich anders. Er rannte sogar, griff begierig nach dem Hörer. Die Nummer des Anrufers war auf dem Display unterdrückt.

»Heiner Haschek? Spreche ich imt Heiner Haschek? Sind Sie persönlich am Apparat?« Die Stimme klang etwas gedämpft, entfernt, wie durch ein vorgehaltenes Taschentuch gesprochen. Aber Haschek glaubte, sie zu erkennen.

»Martin, sind Sie das endlich? Ich habe nicht mehr … Haben Sie’s?«, fragte er aufgeregt.

»Nein, Ihr Mann war zu langsam. Haschek, jetzt haben wir Ihre Zeichnungen. Sie verhandeln jetzt mit uns. Wir sind Ihre neuen Geschäftspartner. Wenn Sie die Grundrisse wollen, können Sie sie kaufen. Aber sie sind teuer … umso teurer, da es sehr schwierig war, sie zu besorgen.«

»Martin, was soll das? Wollen Sie mich verarschen? Warum bringen Sie die Unterlagen nicht einfach zu mir? Wollen Sie mehr Geld?«, fragte Haschek erstaunt. Die Stimme schwieg einen Augenblick.

»Ich wiederhole: Sie sind im Irrtum. Ihr Freund … Martin hat nichts mehr mit dem Geschäft zu tun. Der war klug und hat sich aus der Sache verabschiedet. Hören Sie zu?« Haschek nickte unbewusst und setzte sich. Aber noch gab er nicht auf:

»Ach, Martin, war soll das? Wollen Sie mich jetzt erpressen? Das ist doch lächerlich. Haben Sie denn die Unterlagen überhaupt?“

»Ja, wir haben sie. Sie wissen wohl noch nicht, was passiert ist … anscheinend nicht. Sie sind doch sonst immer so gut informiert. Ihre Baupläne sind jetzt viel wert. Viel mehr wert als gestern noch. Sie zahlen uns zwei Millionen, dann gehören sie ihnen.“

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