Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 7

»Wie kommst du denn da drauf?«, fragte Martin auf die gleiche Weise zurück. Goschad nickte, hatte ihn nicht ganz verstanden; winkte aber auffordernd. Martin stellte sein geleertes Glas auf die Theke und folgte Besitzer des ICEHAUS in einen mit gemütlichen Clubsesseln und niedrigen Tischen ausgestatteten Nebenraum, der abgedunkelt war. Die Abdichtung dämpfte die Bässe zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch herab. In einer Ecke saßen ein paar Typen. Ein junges Pärchen war mit sich selbst beschäftigt. Goschad führte Martin an einen leeren Tisch, bestellte dabei bei einer Kellnerin zwei Bloody Mary, sein Lieblingsgetränk.

»Geht aufs Haus.« Er schien wirklich erfreut, Martin zu sehen. Anscheinend war ihm langweilig, solange seine Diskothek so früh am Abend noch von Teenagern belagert war.

»Wenn du um diese Zeit her kommst, dann hast du Ärger. Letztes Mal war es Liebeskummer, aber das ist mindestens schon ein halbes Jahr her. Also, was ist es diesmal? Brauchst du Geld? Würde mich nach unserer letzten Poker-Runde nicht wundern.«
Er gefiel sich in der Rolle des Beichtvaters. Liebermann konnte ihm natürlich nichts erzählen, dazu waren sie nun doch nicht so gut genug befreundet.

»Ich brauche kein Geld. Trotzdem danke«, sagte Martin und nippte vorsichtig an seinem Getränk. Das machte er nur aus Höflichkeit, denn er hasste Mixgetränke und welche mit Tomatensaft ganz besonders. »Liebeskummer trifft es schon eher. Ich bin froh, dich zu treffen. Schau. Du kennst dich aus. Ich brauche ein paar Informationen von dir.«

»Das ist mein Geschäft.« Goschad lehnte sich geschmeichelt zurück.

»Was weißt du von Heiner Haschek? Du weißt, wen ich meine?«, fragte Martin. Goschad hob eine Augenbraue.

»Ja, klar. Einer unserer Baulöwen. Ziemlich reich; er hat gut an an der Walter-Pleite verdient. Haschek hat ausgezeichnete Beziehungen zum Bürgermeister und zur Stadtratsfraktion der CSU. Selbst ist er aber parteilos, wenn ich mich nicht täusche …«

»Als ob da ein großer Unterschied wäre«, warf Martin ein.

»Haschek interessiert dich? Ist der nicht eine Nummer zu groß für dich? Was hast du denn mit dem Establishment zu schaffen?«

»Ich schlafe mit seiner Frau.«

Martin versuchte es mit der halben Wahrheit. Goschad verschluckte sich an seinem Getränk und lachte feucht, eine seiner unangenehmsten Eigenschaften. Sein Gegenüber wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

»Das ist ein Witz.«

»Nein, ist es nicht.«

»Na ja«, sagte Goschad misstrauisch und langsam, »dann gratuliere ich. Nutze die Quelle, die du da angezapft hast, bevor sie versiegt. Oder ist es dir etwa ernst?«

»Ach, was. Außerdem will ich ein paar vernünftige Informationen. Dass sie Geld haben, weiß ich selbst. Kein Blabla. Ich brauche was Besseres.«

»Willst du Haschek etwa erpressen?«

»Nein, ich will will nur sehen, wo ich stehe. Und ob ich mir Sorgen machen muss, wenn ich die Sache vertiefe. Ich will deswegen keine Schwierigkeiten bekommen.«

»Verstehe ich.« Er lachte erneut, schüttelte dann den Kopf.

»Ich will dir wirklich gerne helfen, aber ich weiß auch nicht viel. Das sind genauso wenig meine Kreise, wie sie deine sind. Wenn sie sich die Hände schmutzig machen, waschen sie sich anderswo die Hände. Die machen ihre Geschäfte untereinander, die hohen Herren. Das ist eine verschwiegene Gesellschaft. Für die bin ich nur ein primitiver Emporkömmling, eine Eintagsfliege. Aber eines wird dich interessieren … Allerdings, du weißt, nur ein Gerücht.«

»Das ist klar. Ich fasse es auch als ein solches auf.«

Goschad lächelte flüchtig, dann lehnte er sich vor.

»Es sieht so aus, als würde Haschek bald einige Schwierigkeiten bekommen …«

»Sonnenheim!«, entschlüpfte es Martin. An der Reaktion des Clubbesitzers bemerkte er, dass dies nicht die Schwierigkeiten waren, an die dieser dachte.

»Wie? Sonnenheim? Kennst du die vielleicht? Hat Haschek etwas mit denen zu tun? Das wäre ja …«

Martin bedauerte sofort seine Unvorsichtigkeit. Er hätte sich die Zunge abbeißen können. Verdammt noch mal, so etwas durfte ihm einfach nicht passieren! Selbstverständlich kannte Goschad die Makler. Diese kleinen Gauner waren schon eher seine Kreise. Am Liebsten hätte Martin ihn nach Peter Schmuck gefragt, aber war besser, wenn er das Thema ruhen ließ.

»Vergiss es«, versuchte Martin den Schaden zu begrenzen, »Hascheks Frau hat die mal erwähnt. Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang.Ich habe keine Ahnung, wie ich da jetzt drauf komme.«

Er zwang sich, einen größeren Schluck von seinem Cocktail zu nehmen. Ein peinliche Pause entstand, in der ihn Goschad nachdenklich musterte. Seine Zunge beulte eine Wange aus. Hoffentlich vergaß der Clubbesitzer den Namen, bevor er ihn im Zusammenhang mit einem Mord in der Zeitung las.

»Was für Schwierigkeiten hat Haschek denn?«, fragte Martin endlich. Goschad nickte, schwieg weiterhin, musterte seinen Freund scharf.

»Er ist schwul, weißt du«, sagte er dann gedehnt. Martin atmete erleichtert auf. In diesem Moment kam ihm eine Idee. Ein Schalter in seinem Inneren wurde umgelegt. Er hätte bereits alles wissen können, wenn er nur ein wenig überlegt hätte. Aber er ging der falschen Spur auf den Leim. Dieses Gerücht, das er auch schon von Judith gehört hatte, war zwar durchaus interessant. Aber er war sich der Tragweite nicht ganz bewusst.

»Habe ich schon gehört. Na und? Schön für ihn. Was meinst du, warum seine Frau sich nach anderen Männern umsieht?«

»Stell dich nicht dumm. Überlege doch mal, in was für konservativen Kreisen er verkehrt. Er hat einen blutjungen Freund, den er aushält. Haschek lebt auf einem Vulkan. Du weißt doch, wer sein Schwiegervater ist. Wenn das öffentlich wird, ist er gesellschaftlich tot. Dann ist es auch mit seinen Aufträgen vorbei, dann kann er öffentliche Bedürfnisanstalten planen.« Goschad mochte solche dramatischen Sätze und er genoss es, sie auszusprechen. Martin hakte nach war noch nicht zufrieden.

»Und warum kocht das jetzt plötzlich hoch? Ich meine, Haschek spielte doch sicher auch schon vor zwanzig Jahren den Sugar-Daddy.«

»Das ist jetzt nur ein weiteres Gerücht. Aber es scheint, dass sich sich ein paar wichtige Leute über ihn geärgert haben in der letzten Zeit. Vielleicht ist er einfach bald fällig. Seine Nachfolger kratzen schon an den Türen und sägen an den Stuhlbeinen. Also gibt man einem von den unfähigen Zeitungsschmierern von der AZ oder einem Blogger wie Arno Löb einen Tipp, macht seinen Freund ein paar Jahre jünger, die Beziehung ein wenig schmutziger. Bringt Drogen ins Spiel, deutet eine Vergewaltigung an, in dieser Richtung. Selbst wenn nichts davon wahr ist, der Schmutz bleibt kleben. Und der Architekt ist am Ende. Seine Frau lässt sich scheiden und von den feinen Herrn Lokalpolitikern will ihn plötzlich niemand mehr kennen. Du kennst das ja. Das hat schon ein paar Mal geklappt.«

Konnte es sein, dass die Personen, die den Architekten ans Messer liefern wollten, nicht einmal vor einem Mord zurückschreckten? Und war Martin dann das nächste Opfer auf ihrer Liste?

»Weiß Haschek von dieser Intrige gegen ihn?«, fragte Martin. Die ganze Sache überforderte ihn immer mehr.

»Anzunehmen. Nein, sicher. Du wirst ihn noch nicht kennengelernt haben, aber er ist klug. Ich bin richtig gespannt, wie er sich aus der Affäre ziehen will. So, wie ich ihn einschätze, hat er noch ein Ass im Ärmel. Der gibt auf keinen Fall klein bei.« Martin stimmte zu.

»Vielleicht sollte ich mich dann besser von seiner Frau fernhalten.«

»Das ist sicher kein Fehler«, stimmte Goschad zu. »Aber jetzt erzähl doch mal: Wie ist sie denn so? Ich habe sie auf dem Presseball gesehen. So eine Frau hätte ich dir nicht zugetraut.«

Dankbar für den Themenwechsel erzählte Martin von Judith. Nebenzu rasten seine Gedanken. Aber es war ihm unmöglich, die losen Enden zusammen zu bringen. Allerdings rückte nun der Detektiv, dieser Blücher, wieder in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Dieser Mann musste mehr als nur Gerüchte wissen; der Aktenschrank in seinem Büro würde sehr aufschlussreiche Dinge bergen. Und auf einen Einbruch mehr oder weniger kam es mir an diesem Abend nicht mehr an.

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