Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 6

Zur Salzsäule erstarrt kokettierte Liebermann für eine ganze Weile mit dem Erbrechen, denn das war seine erste Leiche. Obwohl er als begeisterter Fan von amerikanischen Krimiserien wie CSI und Criminal Minds recht abgestumpft war, war es in Wirklichkeit doch ganz anders, wenn man über eine Bluttat stolperte. Das Blut, die entsetzliche Wunde und vor allem dieser Geruch … Das alles hatte eine Wirkung, auf die ihn keine Fernsehkrimi der Welt hatte vorbereiten können. Der Anblick war ein Faustschlag in den Magen. Liebermann schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung. Wünschte sich an einen anderen Ort. Er zog die Luft tief durch den Mund in die Lungen und atmete bewusst langsam durch die Nase aus. Sein Puls raste; er spürte ihn an einer Ader an der Schläfe pochen. Sein Mantra funktionierte. Langsam beruhigte er sich. Aber als er die Augen wieder öffnete, stand er noch immer mit den Schuhen im Blut.

Er leuchtete dem Ermordeten ins Gesicht. Er kannte ihn nicht, aber das hatte er auch nicht anders erwartet. Der Mann mochte kaum älter als Liebermann gewesen sein. Er trug einen eleganten, grauglänzenden Anzug. Das noch im Tod schmerzverzerrte Gesicht war mager und hohlwangig. Sehr bleich, wenn man von den Blutspritzern absah, die wie Sommersprossen wirkten. Sie passten gut zum schütteren, roten Haar. Die blicklosen Augen des Toten waren noch immer in grenzenlosem Erstaunen aufgerissen. Sein Tod musste sehr plötzlich und überraschend über ihn gekommen sein und ihm keine Chance zur Abwehr gegeben haben. Jetzt war wirklich der Zeitpunkt, abzuhauen. Zumal Liebermann ja damit rechnen musste, dass der Mörder noch in der Nähe war. Aber auch diesen Moment versäumte er. Er wollte wissen, wer da zu seinen Füßen lag. Mit Widerwillen beugte er sich deshalb herab und durchsuchte kurzentschlossen die Leiche. Liebermann spürte, wie sehr seine Finger zitterten, als sie in die Taschen des Anzugs fuhren. Der Tote hatte außer einer Kreditkarte und Autoschlüsseln nichts bei sich. Laut Aufdruck auf der Karte hieß er Peter Schmuck, eine Adresse stand nicht da, nur die vielstellige Codenummer. War er einer der Sonnenheimmakler? Das schien ihm wahrscheinlich zu sein. Abgelenkt schob er die Schlüssel zurück und die Karte in seine eigene Hosentasche.

Liebermann richtete sich auf und sah gedankenverloren auf seine Füße. Er trat einen Schritt zur Seite und streifte vorsichtig die besudelten Schuhe ab. Ihm war klar, dass er sie entsorgen musste. Aufmerksam leuchtete er sich ab, entdeckte aber außer an seinen Handschuhen und seinen Socken keine weiteren Blutspuren an seiner Kleidung. Er zog auch die Strümpfe und die Handschuhe aus und steckte sie vorsichtig in die Schuhe. Er würde jetzt sehr vorsichtig sein müssen und durfte auf keinen Fall irgendwo seinen Finger- oder einen Fußabdruck hinterlassen. Er leuchtete in dem Büro herum. Was er suchte, war eine Plastiktüte oder eine Tasche, in der er seine verräterischen Kleidungsstücke verstauen konnte und sie mit sich nehmen konnte. Dabei fiel der Lampenkegel auf eine kleine Handfeuerwaffe, die halb unter dem Schreibtisch lag. Er widerstand der Versuchung, sie an sich zu nehmen. Aber neben der Pistole stand ein Abfalleimer, in dem ein Plastiksack mit geschredderten Papierschnipseln lag. Liebermann legte seine Taschenlampe auf den Tisch. Er fischte den Sack heraus und öffnete ihn, leerte seinen Inhalt in den Papierkorb. Dann verstaute er seine Schuhe in dem Sack, verknotete ihn, stopfte ihn in die weite Bauchtasche seiner schwarzen Fleece-Jacke.

Dabei warf er einen letzten Blick auf die Leiche, deren eingefallenes Gesicht nun einen vorwurfsvollen, strengen Ausdruck bekommen hatte. Liebermann schüttelte den Kopf. Wie war er nur in solch einen Schlamassel geraten? Sein legendäres Pech hatte ihm mal wider einen Streich gespielt. Oder hatte ihn jemand reingelegt? Haschek vielleicht? Sollte er noch nach den Grundrissplänen des Architekten suchen? Liebermann entschied sich dagegen, denn die Wahrscheinlichkeit, dabei irgendwelche Spuren in dem Büro zu hinterlassen, die auf ihn deuteten, war viel zu groß. Am Wichtigsten war es jetzt, so schnell wie möglich zu verschwinden. Er nahm die Lampe wieder in die Hand und beleuchtete den Boden, suchte nach Stellen, auf denen keine Blutspritzer den Teppich besudelten.

Barfuß schlich er aufmerksam an der Leiche vorbei und stand im Türrahmen zum Vorzimmer, dessen verwaschene Dunkelheit das Licht aus seiner Lampe kaum ausleuchtete. Da erreichte wieder ein Geräusch seine Ohren. Es war das leise Klappen einer Tür. Liebermann schreckte zusammen. Das kam von draußen, von außerhalb des Büroappartements. Das musste die Toilettentür im Gang sein, die eben ins Schloss fiel! Er wusste genau, wer dieses Geräusch verursacht hatte. Die Haare an seinem Nacken spreizten sich in die Höhe. Der Täter war noch hier, hatte sich vor ihm auf der Toilette versteckt und suchte nun das Weite. Und er wäre vorhin fast auf dieses Klo gegangen und dem Mörder in die Arme gelaufen! Jetzt waren eilige Schritte auf der Treppe zu hören. Liebermann holte wieder seine Brechstange hervor und sprang nach vorne. Er rannte los, ohne darauf zu achten, ob er mit seinen nackten Füßen Spuren auf dem Boden hinterließ. Er musste den Mann einholen. Oder war der Mörder etwa eine Frau?

Der Fahrstuhl war bereits in Bewegung, als Liebermann bei der Aufzugtür angelangte. Ein paar Augenblicke war er entschlusslos. Dann hetzte er weiter die Treppe hinunter. Vielleicht konnte er den Fahrstuhl überholen, wenn er sich beeilte. Was er dann allerdings mit dem Täter machte, wenn er ihn eingeholt und ihm seinen Kuhfuß über den Kopf gezogen hatte: Keine Ahnung. Trotzdem sprang er ganze Absätze auf einmal nehmend, die dunkle Treppe hinunter. Er hätte es wahrscheinlich sogar geschafft und wäre vor dem Aufzug im Erdgeschoss angekommen, wenn er nicht im zweiten Stock mit seinen nackten Füße auf dem glatt polierten Steinboden ausgerutscht und unsanft zu Boden gegangen wäre. Nachdem er sich unter Schmerzen aufgerappelt und flüchtig kontrolliert hatte, ob noch alles ganz war, rannte er mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Aber er kam zu spät. Der Aufzug stand bereits unten und war leer. Liebermann hetzte ins Freie, sah sich um. Auf der Straße und dem Bürgersteig war nichts Verdächtiges zu sehen. Nur wenige Leute waren im starken Regen unterwegs. Einzig eine ältere Dame musterte ihn erstaunt und misstrauisch von Kopf bis Fuß, bevor sie eilig und kopfschüttelnd weiterging. Der Mörder war Liebermann jedenfalls entkommen.

Er trat eilig in den Schatten der nächsten Häusernische. Er wollte nicht noch mehr Zeugen, die ihn dabei beobachteten, wie er in dieser Aufmachung den Tatort verließ. Er lehnte sich keuchend gegen eine Wand und brauchte ein paar Minuten, bis er nicht mehr hustend um Atem ringen musste. Als ihm wieder besser ging, machte ich sich auf den Heimweg, barfuß durch den kalten Regen. Er wählte trotz seiner nackten Füße, die sich langsam in schwere Eisklötze verwandelten einen einsamen Umweg. Er führte ihn am Eisstadion vorbei durch Parkanlagen, enge Altstadtgassen, dann über den Fronhof und die Schwedenstiege an der Kahnfahrt vorbei nach Hause. Er drückte sich dabei immer eng an die Hauswände und tauchte in die Schatten der Bäume, mied das Licht der Straßenlaternen. Aber er hatte nicht den Eindruck, dass in der Dunkelheit und dem Regen einer der wenigen Passanten weiter auf ihn achtete. In der Paracelsusstraße steckte er den Plastikbeutel mit seinen blutbesudelten Sachen in eine große Abfalltonne, vergrub sie tief unter den anderen Müllsäcken. Auch seine Taschenlampe und den Kuhfuß entsorgte er ein paar Häuser weiter auf gleiche Weise. Er trat diesmal ohne Vorsichtsmaßnahme zur Vordertür in sein Wohnhaus. Sollte ihn doch sein Schatten dabei beobachten. Das war ihm jetzt ganz egal. Er hatte andere Sorgen.

Zuerst schenkte sich Liebermann ein großes Zahnputzglas randvoll mit Brandy. Dann sank er erschöpft sank in den Wohnzimmersessel, den er so nahe an den Heizkörper geschoben hatte, dass er seine Füße auf ihm ablegen konnte. Er versuchte seine wirren Gedanken zu sortieren. Einer geriet dabei immer mehr in den Mittelpunkt, ihn umkreisten die anderen wie Planeten ihren Fixstern: Haschek hatte ihn in eine Falle gelockt. Das war seine Rache am Liebhaber seiner Frau. Aber war der Architekt auch der Mörder? Ein kaltblütiger Mord, nur um ihm eins auszuwischen? Das klang nicht logisch. Liebermann war sich durchaus im Klaren, dass sein ganzer Verdacht irrational war, aber sein Verstand kam gegen seine Wut nicht an. Er verachtete und hasste Haschek für das, was er ihm angetan hatte. Da konnte ihn kein noch so überzeugendes Argument davon abbringen. Und auf eine bestimmte Weise machte das alles doch auch Sinn: Der Architekt schien Liebermann zwar mit ziemlicher Sicherheit nicht für den Mord verantwortlich. Aber er war schuld, dass er mitten in diese Affäre geraten war, hatte ihn direkt hineingeschickt. Auf jeden Fall brauchte Liebermann mehr Informationen und ein Alibi. Wenn auch ein nachträgliches und schlechtes, das einer ernsthaften Überprüfung nicht standhalten konnte – es war immer noch besser als nichts. Er sah zur Uhr, es war noch nicht einmal zehn Uhr Abends.

Eilig zog Liebermann sich um, und verließ erneut seine Wohnung. Er ging hinauf in die Maximilianstraße. Ins um diese Nachtzeit noch recht leere ICEHAUS, eine Diskothek und Nachtbar, die einem der Männer gehörte, mit denen er pokerte. Das war ganz und gar nicht seine Welt hier und eigentlich hätte er sich lieber in seinem Bett vergraben. Er fühlte sich nicht gesund und jedesmal, wenn er die Augen schloss, sah er die grausam verstümmelte Leiche von Peter Schmuck vor sich. Aber Liebermann hoffte, dass er von einem Bekannten gesehen wurde, der ihm dadurch ein Alibi für die Nacht verschaffte. Er lehnte sich gegen die Bar, trank ein Bier und sah durch einen großen Spiegel an der Wand dem noch nicht volljährigen Publikum beim Tanzen zu. Erst gegen Mitternacht würden sie vom älteren Publikum vertrieben werden.

Obwohl Liebermann nach einem bekannten Gesicht Ausschau hielt, war er trotzdem überrascht, als ihm jemand fest auf die Schulter klopfte. Er wand mich halb herum, nickte zufrieden. Sein Plan hatte funktioniert. Hinter ihm stand Siegfried „Siggi“ Goschad, der Besitzer des Lokals und begrüßte ihn mit einer flüchtigen Umarmung. Mit einem freundlichen, aber scharfen Lächeln verjagte er dann das Mädchen, das neben Liebermann den Barhocker besetzt hielt. Goschad war ein breiter, kleiner Mann, der seit geraumer Zeit vergeblich versuchte, sich einen gepflegten langen Bart wachsen zu lassen und eher nach Waldschrat als nach Hipster aussah. Trotzdem kam er problemlos in jeden Augsburger Club und wurde mit Respekt und Vorsicht behandelt. Es gab das hartnäckige Gerücht, dass er früher, als dieses Geschäft noch lukrativ und nicht in den Händen der Russenmafia war, in der Hasengasse als Zuhälter und Rausschmeißer seinen Lebensunterhalt „verdiente“. Inzwischen hatte er das längst nicht mehr nötig. Er besaß eine Café-Kette, mehrere Clubs, das MANGO und das ICEHAUS, die beliebtesten Diskotheken in der Stadt. Seine hohen Einsätze beim Spiel waren ein beredtes Zeichen dafür, wie reich Goschad war. Goschad kam dem am Nächsten, was Liebermann als Freund bezeichnete. Er lieh ihm häufig Geld am Spieltisch, trieb es aber auch gnadenlos wieder ein, wenn Liebermann ausnahmsweise einmal gewann. Dabei schreckte er auch vor ein paar Ohrfeigen nicht zurück.

»Na, Martin, hast du Ärger?«, fragte Siggi in sein Ohr, nur auf diese Weise den stampfenden Lärm der Musik übertönend. Liebermann erschrak. Seit wann war sein Bekannter ein Hellseher?

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