Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Fahrkarte – Schluss

Helmut steckte seinen Ehering erst an den Finger, nachdem die Bahnpolizei weg war.

„Mit Vierzehn ist er genötigt, eine Klasse zu wiederholen, was seiner Meinung von seiner Genialität kaum Abbruch und ihm nicht einmal sonderliches Unbehagen bereitet; im Gegenteil, unter den nun Jüngeren in seiner neuen Klasse strahlt sein Licht noch heller, hat seine Meinung und sein Auftreten endlich das Gewicht, das er sich wünscht. Doch leider kann er weder durch sein körperliches Erscheinungsbild, er neigt zur Fettleibigkeit, noch durch seine wegen der Behütung durch die Eltern mangelnder Lebenserfahrung glänzen. Da er jedoch nicht auf den Mund gefallen und mit einer überschäumenden Phantasie begabt ist, entschließt er sich, mehr aus sich zu machen und spinnt ein ungeheuerliches Netz aus Lügen und Angaben. Er lässt sich bewundern. Fast die gesamte Zeit, die ihm zur Verfügung steht, beschäftigt er sich damit, dieses Bild von sich auszumalen und sich in den Mittelpunkt einer interessanten Welt zu stellen, die er seinen Schulfreunden so glaubhaft wie ihm möglich verkauft. Dass dieses Gewirr von Halbwahrheiten und unverschämten Lügen nicht zerreißt, liegt in der Hauptsache an seinen Freunden, die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und auch nicht immer bei der Wahrheit bleiben.“

Die zwei Uniformierten waren skeptisch näher gekommen, um ihn zu überprüfen. Sie untersuchten seine Fahrkarte genau; dass er seinen Personalausweis nicht bei sich trage, nahmen sie achselzuckend hin. Dann ließen sie Helmut zurück, ihren begierig sein besudeltes Hosenbein beschnüffelnden Hund hinter sich her ziehend.

“Er hat ein Idealbild von sich entwickelt, mit dem er sich wie mit einem viel zu groß geratenen Anzug umgibt und das seine wahre, allzu kümmerliche Erscheinung verbergen soll. Dieses Ideal ist eine seltsame Mischung aus zwei sich eigentlich ausschließenden Gruppen von Vorbildern. Zum einen eifert er nämlich den Hauptfiguren der Romane, die er liest, nach, zum anderen bewundert er die Fernseh-, Kino- und vor allem Comic-Helden, die ihr Leben in bunten und außergewöhnlichen Abenteuern bestreiten, ohne dass sie auch nur von Ferne so etwas wie Selbstzweifel kennen. Aus diesen beiden Typen bastelt er sich sein persönliches Vorbild, eine Art von krankem, selbstzerstörerischem Held, eine Hemingwaygestalt für den Hausgebrauch. Das gefällt ihm.“

Helmut wunderte sich nicht über diese Kontrolle. Er hatte sein Gesicht vorhin auf der Bahnhofstoilette bewundert, das über der linken Wange in Farben leuchtete, die er noch nie gesehen hatte. Helmut konnte sich nicht erinnern, einen Schlag ins Gesicht erhalten zu haben, in die Nieren, ja, aber ins Gesicht? Vielleicht als er stürzte? Die Stelle schmerzte kaum, sie spannte nur ein wenig. Aber das Ganze sah schon schlimm aus eine dramatische wunde Ruth würde ein spitzer schrei mitleid vergeben vergessen und deshalb mein Ring.

“Also lebt er in einer Traumwelt: Er gibt sich, so weit ihm das möglich ist, den anderen gegenüber überlegen, gelassen, kühl. Er erlebt in seiner Phantasie jene haarsträubenden Abenteuer, die ihm das Alltagsleben verweigert. In abgeschwächter, etwas glaubhafterer Form bringt er diese Wunschbilder auch unter seine Freunde und genießt den Neid und die Bewunderung, die ihm entgegengebracht werden.“

Aber was ihn tatsächlich beunruhigte, war ein pochender Schmerz im Unterleib. Bei heftigen Bewegungen schnitt er ein wie ein Messer. Er keuchte setzte sich vorsichtig auf Leberriss gibt es so etwas? Oder liegt es weiß es nicht am Saufen?

Er sah der Bahnpolizei hinterher, setzte sich vorsichtig gerade und schraubte seinen Ehering über den Knöchel des Ringfingers. Es fiel ihm schwer. Die Hand war geschwollen. Als es ihm endlich gelungen war und er erleichtert und stolz die Hand von sich streckte, wünschte er sich, Ruth könnte ihn so sehen. Er hatte es zum ersten Mal geschafft. Mit dieser kleinen, aufwärtsstrebenden Handbewegung hatte er es geschafft. Ihre Theatralik war übertroffen, ja, in den Schatten gestellt.

Dann tat ihm seine Leber wieder weh, zumindest bildete er es sich ein. Es konnte auch eine Niere sein. Aber zur Leber hatte er ein innigeres Verhältnis. Bei ihr konnte er sich eher vorstellen, dass sie verletzt war. So seltsam das auch klingen mochte. Deshalb musste es die Leber sein. War die überhaupt auf der rechten Seite?

„Freilich kommen sie ihm auf die Schliche. Viel zu komplex ist das Lügengebäude, das er errichtet hat. Viel zu wacklig das Fundament. Es stürzt ein. Er bleibt allein zurück. Allein mit seinen Heldenträumen und Fantasien, die er nur noch sich selbst erzählt. Er lernt seine spätere Frau kennen. Sie sieht jemand anderen in ihm; jemanden, den er selbst nicht in sich kannte. Und jemanden, der er nicht sein kann. Dennoch lebt er für eine Weile diese Lüge. Denn für dieses Leben ist er nicht gemacht. Er ist einer der Verlierer unserer Gesellschaft. Sie zerbricht ihn. Er kann nur fassungslos zusehen, was sie ihm antut.“

Er schloss die Augen, um sich einen aufgeschlitzten Körper aus einem Lexikon vorzustellen da glaubte er die Leber links also in der rechten Körperhälfte aber ein Hauch Zweifel blieb. Er stand auf, schlenderte den Bahnsteig hinunter und wieder zurück langweilte nach dem zug starren das rennen und koffertragen das winken und müde alles gleich auf bahnhöfen das bahnhofsgefühl

es lässt mich im stich

Er fand die Bahnhofsgaststätte. Er redete sich ein er wolle nur auf’s Klo das war eine schamlose Lüge die Wahrheit war er brauchte einen Schnaps. Er bezahlte mit Kleingeld, das er in der Brusttasche seines Hemdes fand und das die Schläger übersehen hatten. Helmut kippte den Klaren. Er brauchte ihn wirklich. Es erschreckte ihn nicht einmal. Es macht ihm nur deutlich, wo er stand. Helmut sah auf eine Uhr. In zwanzig Minuten käme sein Zug. Er besaß die Rückfahrkarte.

noch die chance will ich ihm geben eine rückkehr ist möglich nutze mache ändere dich

Er wird bestimmt heimfahren. Oder?

sie stehen fifty-fifty unentschieden chancen gebe ich ihm gedanken gelegenheiten nutze den tag

Und wer ist nun ein blöder Hund?

ich bin es selbst irgendwie

Ich ziehe den Ring wieder vom Finger. Es fällt mir schwerer, als ihn aufzustecken. Es tut höllisch weh. Ob ich den Ring wohl gegen ein paar Schnäpse eintauschen kann? Der Wirt wirkt nicht solide, vielleicht macht er solche krummen Sachen.

krumm die wirklichkeit ist ein krummes holz ist eine transsubstination der idee wein und brot blut und fleisch nicht echt egal

Billiger werde ich das glitzernde Ding nicht los. Ich werfe ihn vor mich auf den Tisch. Ich will nicht mit ihm spielen. Ich winke nach dem Wirt und sehe wieder auf die Uhr.

Das weiß ich noch genau.

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