Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Fahrkarte – Zwei

bevor meine verwirrung den text beherrscht und der text nur ein palimpsest über meinen ideen ist schweige ich, ruhe ich, suche ich worte.

Helmut setzte sich an einen leeren Ecktisch. Er wollte allein sein, aber gut beobachten. Er musste sich mit einem teuren, viel zu kleinen Pils begnügen, um den schlechten Geschmack loszuwerden. Die Bilder, die im Rund an der Wand hingen, verstand er nicht. Daher nahm er an, dass sie Kunst waren.

Ruth, die – das gab er gerne zu – mehr als er mit moderner Malerei anzufangen wusste, kaufte sich sogar ab und an ein ART. Sie betrachtete aufmerksam die Bilder und wenn Besuch kam, ließ sie das Heft möglichst dekorativ auf dem Tisch liegen. Sie machte sich oft über seine Unfähigkeit lustig, Kunst von Kitsch zu unterscheiden. Ruth kostete es vor ihren Bekannten genussvoll aus, ihn mit einer Meinung über ein Buch in Verlegenheit zu bringen. Obwohl sie weit weniger las als Helmut, wusste sie doch immer wesentlich klüger über Literatur zu reden. Sie warf ihrem Mann oft vor, er sei ein Vampir. Er sauge wahllos jedes Buch aus, ohne sich weiter mit ihm auseinanderzusetzen oder ein wenig mehr zu verstehen als die pure Handlung. Aber bei Bildern hatte sie recht, er verstand wirklich nichts von ihnen.

Helmuts Blick glitt erneut über die gerahmten Farbflecken an der Wand des Lokals. Nein, davon wollte er auch nichts verstehen.

Aber es gab hier einige interessante Menschen, die er beobachten konnte. Da lohnte es sich, dass das Bier so teuer war. Der bemerkenswerteste saß an der Bar: Der Mantel, den der junge Mann trotz der Wärme in dem Raum angelassen hatte, fiel Helmut als erstes ins Auge. Es war einer dieser langen Cowboy-Staubmäntel, er hatte ihn allerdings mit verschiedenen Lackfarben besprüht. In Holz gefasst hätte man den Mantel gut zu den Bildern hängen können. Vielleicht war er der Maler.

Auf den zweiten Blick fiel Helmut auf, wie schön der junge Mann war. Er fragte sich, wie ein einzelner Mensch nur so schön sein konnte und dabei in dieser Stadt überlebte. Hätte Helmut so ausgesehen, hätte er sich vor einen Spiegel gesetzt und wäre verhungert: blond, helle grüne Augen, schmalwangig und dabei stolzer Besitzer eines weiblich vollen Mundes. Der Schöne hatte sich auf seinem Barhocker zurecht gerückt, trug sein Kinn arrogant in die Höhe gestreckt und überblickte kalt und mit leerem Blick das Lokal. Er opferte niemandem mehr als einen kurzen Augenaufschlag. Er schien Problemen nachzusinnen, die weit über denen normaler Menschen angesiedelt waren. In einem Land, in dem bereits die Maserung des Holzes geheime Botschaften trägt, die zwar nicht zu entziffern, wohl aber zu spüren sind, wenn man sanft mit der Hand über die glatte Fläche des Tresens streicht.

Helmut schüttelte betroffen den Kopf. Wie war der Gedanke in ihm entstanden? Solch eine Idee passte nicht zu ihm. Konnte sie allein durch das Beobachten entstehen? Oder war er ein Verdauungsprodukt seiner Lektüren? Verwundert griff er zu seinem Glas und schluckte gierig den Rest des eben Gedachten. Danach lief seine Welt wieder geradeaus, der bittere Geschmack des Getränks hatte geholfen.

Jetzt – ganz unerwartet – da Helmut bereits mit dieser Begegnung abgeschlossen hatte, traf ihn der Blick des Schönen. Er verharrte erstaunlich lange.

‚Schwul’, dachte Helmut. Da er die Faszination überwunden hatte, konnte er lächeln. Etwas fiel wie Tünche aus dem Gesicht des jungen Mannes. Er führte seine Hand zur Stirn, strich ein paar Haare zur Seite, zerschnitt dabei den Augenkontakt mit dem Oberarm. Er wand sich zum Zahlen an die Bedienung, die in seiner Nähe einen Kaffeeautomaten reinigte.

Helmut fühlte sich als Gewinner. Er legte eilig das Geld für sein Pils auf den Tisch und ging gelassen zum Ausgang, um dem Schönen einen Vorsprung zu lassen. An der Eingangstür hing ein Plakat, das Helmut erst jetzt auffiel. Es machte auf ein Theaterstück aufmerksam, das im Bürgerhaus um acht Uhr aufgeführt wurde. Das nüchterne Plakat sprach Helmut an.

Und da er ja doch nichts weiter vorhatte, schlenderte er in Richtung Bürgerhaus, nachdem er sich noch im Lokal nach dem Weg erkundigt hatte.

gestern das gerade nicht oder alles ist gestern erklären was vorher war die namen sind genannt nun sollen sie auch leben

Der Mann mit dem Schnauzer versuchte aufdringlich zu lächeln. Dieser Bart war das hervorstechende und einzige Merkmal in dem leeren und flächigen Allerweltsgesicht. Helmut wusste nicht, warum der Schnauzer lächelte, wahrscheinlich wollte er die Situation entschärfen. Aber er erreichte nur das Gegenteil. War Helmut zuerst verschämt, unsicher gewesen, machte ihn dieses schiefe Lächeln nun wütend. Diese ganze Face war schon operettenhaft genug. Mangelnder Ernst der Akteure machte eine Groteske daraus. Gerade noch rechtzeitig wurde der Schnauzer wieder ernst.

„Aber kommen Sie doch herein“, sagte er. Helmut spürte, wie er auf ein ablehnendes, schroffes Wort hoffte. Deshalb nickte er nur kurz und drängte sich an dem Schnauzer vorbei in dessen Wohnung. Er schob sich so nah an Schnauzer vorbei, dass er dessen Akne sehen und sein süßliches Parfum riechen konnte.

Der Schnauzer geleitete ihn stumm ins Wohnzimmer. Es war selbstverständlich geschmackvoll eingerichtet und glich in seiner sauberen Aufgeräumtheit einem Musterzimmer in einem Möbelhaus.

‚Vielleicht hat er es genau so gekauft und nichts geändert’, ging Helmut durch den Kopf. Selbst die wenigen in der Schrankwand verstreuten Bücher machten auf ihn den Eindruck, als wären sie falsch, aus Karton gefaltet oder voller leerer Seiten.

Der Schnauzer wies ihn zur Couch:

„Setzen Sie sich doch, wollen Sie etwas trinken?“

Das Vorgeplänkel begann. Es war wie in einem mittelalterlichen Krieg: Man war höflich zueinander, bevor man sich die Köpfe einschlug.

„Danke, ich stehe lieber, Herr Wigand. Aber gegen ein Bier hätte ich nichts einzuwenden“, erwiderte Helmut.

Der Schnauzer verschwand kurz. Helmut schwankte in dem unbeobachteten Moment etwas. Er hielt sich an einer Stuhllehne fest. Er war übermüdet und hatte sich sehr viel Mut angetrunken. Aber er wollte sich um keinen Preis setzen. Er wäre sich entblößt und schwach vorgekommen, wie der Verlierer, der er ja auch war.

Helmut sah sich um, suchte etwas, das er wiedererkannte. Ein ART-Heft lag unauffällig auf dem Tisch, es war auf einer Bildseite geöffnet. Das Gemälde wirkte romantisch. Wie hieß doch der Maler? Ruth hatte es ihm erklärt, der weite Himmel, zwei Männer, den Mond betrachtend, ein Vorname…

Der Schnauzer brachte endlich eine geöffnete Flasche. Helmut griff dankbar nach dem Bier. Erst nahm er einen tiefen Schluck, der ihn erneut schwindlig machte, dann begann er das sinnloseste Gespräch, das er je geführt hatte.

„Wo ist sie?“

„Wer?“ fragte der Schnauzer mit dem unsinnigen Versuch, Zeit zu gewinnen.

„Ach, Sie wissen doch genau. Ich meine Ruth. Wo ist sie?“

Nicken, langsame Antwort, als würde der dicke Oberlippenbart die Worte bremsen.

„Das geht Sie nichts an.“

„So? Sie ist aber zufällig meine Frau und ich will sie heimholen.“

„Sie ist nicht da.“ Der Schnauzer zögerte, sah an Helmut vorbei in den Gang. Als dieser sich umwand, war er leer. „Selbst wenn sie da wäre, sie käme nicht mit Ihnen. Sie will es nicht mehr und ich würde es auch nicht wollen. Warum sind Sie gekommen?“

„Sie ist meine Frau, Wigand“, wiederholte Helmut, jetzt schon beharrender Jammer.

„Ihre Frau!“ Die Stimme des Schnauzers war für einen Augenblick höhnisch. „Nein… Gut, Ruth ist zwar noch mit Ihnen verheiratet, aber das auch nicht mehr lange. Und sie hatte doch wirklich allen Grund, Sie zu verlassen.“

Der Schnauzer packte Helmut an der Schulter.

„Hören Sie gut zu“, sagte er, „Ruth ist weg. Sie will nichts mehr mit Ihnen zu tun haben. Sie will Sie nicht einmal mehr sehen. Und jetzt gehen Sie. Andernfalls muss ich die Polizei…“

Helmut machte sich unwillig los. Dabei entglitt die Flasche seinem Griff. Sie fiel auf den teuren weißen Teppich und entleerte sich mit feuchten Schluckgeräuschen. Beide sahen hinab. Helmut spürte Schamröte im Gesicht. Der Schnauzer sagte nichts. Er hatte sich gut unter Kontrolle, aber der Blick, mit dem er aufsah, brannte ein Loch in Helmuts Schädel.

Durch diese Bierlache war das Gespräch frühzeitig beendet. Jetzt konnte Helmut nicht mehr weiter machen. Jedes Wort wäre eines zuviel gewesen. Helmut nickte wieder, resigniert.

Dann drehte er sich langsam um. Wenigstens einen wirkungsvollen Abgang wollte er sich noch verschaffen. Aber der Schnauzer trat hinter ihn, packte ihn erneut an den Schultern und schob den Widerstrebenden einfach zur Tür hinaus. Sie fiel geräuschvoll ins Schloss.

Einen Augenblick lang suchte Helmut nach Tränen. Er fand keine. Deshalb begann er zu schreien. Er schlug sich dabei am Rauputz des Hausgangs die Hände wund. Schließlich trat ein Nachbar vor seine Tür und drohte mit der Polizei, wenn nicht augenblicklich Ruhe wäre. Helmut schlich sich eingeschüchtert davon.

schlapper kerl versager säufer niete impotente pflaume aber seien wir ehrlich seien wir einmal bewusst: die anderen die mutigen die gibt es doch nur in unserer fantasie

Das Zelt vor dem Bürgerhaus füllte fast den ganzen Platz. Leute standen an. Helmut gesellte sich, die Hände in den Hosentaschen, zu ihnen. Links und rechts wurde geschoben. Er wurde dabei von hinten gegen eine junge Frau gedrückt. Ihr aufdringlicher Körpergeruch gefiel ihm. Nach einer Weile angenehmer Enge stand er dann vor der Kasse, an der ein geschminkter Mann saß. Ganz offensichtlich gehörte er zu den Schauspielern.

‚Eine bunte Welt’, dachte Helmut. Und er dachte an seinen grauen Anzug. Oder war er braun? Er sah nach, er war grau. Der Mann an der Kasse hielt ihm erwartungsvoll eine Karte entgegen. Erst wollte Helmut den Kopf schütteln, dann fragte er neugierig:

„Was wird denn gespielt?“

Sein Gegenüber lächelte, deutete auf das Plakat in seinem Rücken.

Erkenntnis.“

„Und von wem ist das Stück?“

„Oh, das ist von einem relativ unbekannten Schriftsteller…“

„Vielleicht kenne ich ihn ja doch.“

„Das glaube ich nicht. ‚Erkenntnis’ ist von Herbert Sahne.“ Ein paar der Umstehenden kicherten, es wurde getuschelt. Helmut nickte, er hatte den Witz verstanden.

„Und das sind Sie, ja? Das Stück ist von Ihnen? Sie sind Sahne?“ Jetzt lachten alle.

„Ja, das bin ich. Wollen Sie das Stück trotzdem sehen? Es ist… sehr gut.“ Die Heiterkeit um Helmut nahm zu. Er wollte kein Spielverderber sein.

„Ist denn geheizt?“ fragte er und fühlte sich eins mit der Menge. Das war ein angenehmes Gefühl. Der Mann an der Kasse nickte. Also kaufte Helmut eine Karte.

Das Zelt war zwar schon gefüllt, trotzdem waren die Bierbänke in der ersten Reihe kaum besetzt. Obwohl in Helmut der Verdacht keimte, die sei ein ‚Mitmachstück’, setzte er sich ganz nach vorne. Er wartete geduldig, suchte die Stelle, an der der dunkle Vorhang geteilt war.

Neben ihn setzten sich Leute, doch sie rückten von ihm ab, er hatte eine Aura um sich, die Platz schaffte. Helmut sah sich um und bemerkte, dass er in Alter und Kleidung ein Fremdkörper war. Zudem schienen sich die meisten zu kennen. Helmut sah sich vergeblich nach einem Stand um, an dem man Bier verkaufte.

Als das Stück begann, war er überrascht, an welcher Stelle sich der Vorhang teilte.

[Ich stelle gerade für mich fest: Das ist einer der besten Texte, die ich je geschrieben habe. In der nächsten Woche folgt das Theaterstück.]

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4 Gedanken zu „Fahrkarte – Zwei

  1. Was auch immer. Du hast recht.

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  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Auf Wonne reimt sich Tonne. Womit ich keineswegs schreiben möchte: Dich Wonneproppen in die Tonne kloppen … Ha, nun ist mir weihnachtlich wohler

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  3. Schön, mal wieder von dir zu hören.

    Du sollst recht haben: Ich schreibe nur beste Stücke. Ich bin die Wonne der Welt, die den anderen ihre Freude vergällt.

    „Fahrkarte“ ist übrigens eine Art Weihnachtsgeschichte.

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  4. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Ich stelle fest: Du schreibst nur beste Stücke, mein Klammer … Oder ist es einzig und allein stets das eine beste Stück?

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