Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Worte wie weiches Blei

Da saß ich also Ende Oktober in diesem Obervinschgauer „Erlebnis“-Hotel(1) im Speisesaal an meinem von der Servicekraft zugewiesenen Tisch und wartete auf die Überraschungen, die ein „Südtiroler Heimatabend“ so mit sich bringt. Wir hätten freilich anderswo essen gehen sollen, aber Frau Klammerle ist gebürtige Schwäbin und für sie gilt:

„Wir haben Dreiviertelpension, also wird im Hotel gegessen. Punkt. Schlimm genug, dass Kaffee und Kuchen für uns ausfallen müssen, weil wir Nachmittags noch auf irgendwelchen Berggipfeln herumsteigen.“

Also hatte ich mich mit meiner Angetrauten an den kleinen Zweiertisch gequetscht und sah diesem von volkstümlicher „Musik“ untermalten kulinarischen Höhepunkt meines spontanen Kurzurlaubs entgegen. Er bestand dann für die Karnivoren aus einer fettigen Grillplatte mit Sauerkraut und Semmelknödeln und für mich, den von allen anderen Tischen misstrauisch und feindselig beäugten Vegetarier, der mit seinen Sonderwünschen den ganzen Betrieb durcheinander brachte, aus einem fettigen angebrannten Käseomelett.

Ich sah mich um.

Verdammt! Das Hotel hat uns zu lauter alten Leuten gesetzt!

Links von mir saßen zwei leicht angegorene Schweizer Damen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum trotz aller Konservierungskunst überschritten war. Sie flirteten angestrengt und ausdauernd mit dem gelifteten Kellner, der sie erfreut und schmierig umgockelte. Rechts hatte eine alle übertönende Vierergruppe rüstiger Münchener Platz genommen; zwei befreundete Pärchen, die sich lautstark in ihrem Hochstadtbayerisch ausgerechnet über – oh Gott! – die Schule unterhielten und sichdabei gierig über öltriefende Bratwürste, Rippchen und speckige Kotelett-Scheiben hermachten. Schmatzend und an Knochen nach den letzten Fleischfasern saugend diskutierten sie über unfähige Schulleiter, renitente, debile Schüler und deren noch renitentere und noch debilere Eltern.

Lehrer! Ausgerechnet! Wenn ihn nicht der Papst abgeschafft hätte, würde ich sagen: Das ist der Limbus. Kann es noch schlimmeres geben, als bei brodelndem Sodbrennen einen Abend zwischen klimakterischen Hitzewallungen und hohlem, arrogantem Pädagogengeschwätz zu verbringen?

Es gibt immer eine Steigerung (siehe: hier). Denn mir wurde mit einem schmerzhaften Durchsacken im Unterleib bewusst, dass uns das Hotel absichtlich zwischen die älteren Semester gesetzt hatte:

Wir zählen ebenfalls zu ihnen. Unser Platz ist in der Vorhölle der über Fünfzigjährigen. Hier sitzen wir und langweilen uns, bis uns der Tod zum Tanz auffordert. Das Leben ist anderswo.

Kopflos

Dann fiel nebenan plötzlich der berüchtigte Satz:

„Glaubt mir. Darüber könnte ich ein Buch schreiben.“ Und ich schämte mich.

Nun ist dieser Satz an sich noch keine Katastrophe, denn die meisten belassen es bei der leeren Drohung. Interessant ist aber doch die Selbstüberhebung, die in ihm steckt. Niemand, dem eine Melodie durch den Kopf geistert, wird eine Sinfonie komponieren wollen, aber jeder, der in der Grundschule gegen seinen Willen alphabetisiert wurde, meint, einen Roman oder doch zumindest eine Erlebniserzählung verfassen zu können. Und leider gibt es immer noch genug Leute, die genau das versuchen. Auch das wäre noch nicht so schlimm, denn in aller Regel bleibt es bei einem Versuch. Einen Roman zu schreiben ist zum Glück ebenso schwierig wie das Komponieren eine Sinfonie. Es bleibt daher bei den Amateuren bei Bruchstücken. Oder der verhinderte Autor versucht sich an vermeintlich Leichterem; an Kurzgeschichten und an der bemitleidenswerten Lyrik, die wie keine andere literarische Gattung nach den Verdauungsprodukten der Hobbydichter stinkt. Alles kein Problem, wenn der Mist in den Schreibtischubladen und Festplatten begraben bleiben würde und nicht alle versuchen würden, ihre Um- und Nachwelt mit ihren Kopfgeburten zu beglücken und nach Veröffentlichung streben. Sie überschütten die Verlage mit einer Flut von nutzlosen Manuskripten, so dass die wenigen guten Sachen darin untergehen wie klare Trinkwassertropfen in einem Eimer Jauche. Oder sie biedern sich in Blogs und literarische Foren an, reimen „Herz“ auf „Schmerz“ und meinen, die Wiedergeburt von Rilke zu sein. Und sind beleidigt bis ausfallend, wenn jemand ihre herausragende Stellung in der Weltliteratur anzweifelt.

Ich presste die Hände auf die Ohren und starrte auf meinen Teller.

Es ist so viel hohles Geschwätz und Geschrei auf der Welt. Reicht es nicht, dass mir davon die Ohren klingen? Warum muss man das alles auch noch aufschreiben und über das Internet breittreten? Leider habe ich manchmal das Gefühl, dass ich auch nur ein Teil dieser überflüssigen Wortmaschine bin. Gut, dass mich eh kaum einer liest.

Erstaunlich, wie depressiv der Genuss eines halb rohen, halb angebrannten Omelettes an Allerheiligen in einem Hotel in Südtriol machen kann…  Ich schob die Reste des ungenießbaren Eier-Käse-Breis zur Seite, bestellte mir in einem Anflug von Masochismus noch mehr Wein und überlegte, was mir die Küche des ****Hotels gereicht hätte, wenn ich mich als Veganer ausgegeben hätte.

Beim Stichwort „Essen“ fiel mir wie immer Hans-Dieter Heun ein und ein Versprechen, das ich ihm gegeben, aber bislang noch nicht eingelöst hatte. Mein in der letzten Zeit auf diesem Blog verstimmt verstummter Freund und durchaus erfolgreicher Autor (3) hatte mich gebeten, ein paar Grußworte für seine literarische Gruppe „Arme Poeten“ zu schreiben, die er auf Facebook moderiert. Dort hatte er kürzlich Herbstputz betrieben und all die Möchtegern-Lyriker und Gelegenheits-Aphorismen-Schreiberlinge und Aus-Ihrem-überaus-spannenden-Alltags-Berichter, die Gefühlsüberschwangs-Bussibussi-Dichter, alle Schwätzer, Alles-Kommentierer und Schlichtweg-Irre verjagt, die die Gruppe wie einen zu warmen Hefeteig aufgebläht hatten, so dass die Rosinen kaum mehr zu finden waren vor lauter zähem, geschmacklosem Teig. Er wollte einen Neuanfang und dachte, ich könne ihm dabei mit ein paar mahnenden, freundschaftlichen Worten helfen.

Ich sah nach links und nach rechts. Mir wurde plötzlich klar, dass sich hier im Speisesaal ein repräsentativer Durchschnitt des Publikums saß, das sich in seiner Gruppe betätigte. Ältere, leicht ranzig gewordene Damen, die mit dem „Singenden Wirt“ flirten und Aperol-Spritz konsumieren und egozentrische, rechthaberische Lehrerpaare, die die Gründe für die Bildungsmisere überall, aber nicht bei sich selbst suchen. Ist es das, was uns das Internet gebracht hat, dass sich ausgerechnet diese Menschen – die schon im Alltag kaum erträglich sind – in jede Diskussion einmischen und in ihrer Arroganz glauben, ihre Meinung sei so interessant, dass sie darüber „Bücher schreiben könnten“?

Und was hat das alles mit mir zu tun? Mit der Tatsache, dass mir an jenem Abend der Inhalt meines Flachmanns (Waldhimbeergeist, sehr lecker) und ein genialer Roman über den selbstverliebten römischen Kaiser Heliogabal von dem niederländischen Autor Couperus den Urlaub rettete.

Und dass dies, lieber Leser, mein 399. Blogartikel war?

Ich versuche, morgen eine Antwort zu finden…

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(1) „Erlebnis“ ist ein neutraler Begriff. Es kann alles bedeuten. Auch unfreudlichen Service, mieses Essen, eine lachhaft kleine Wellness-Oase und eine bis in die geschmacklos eingerichteten, nicht ganz sauberen Zimmer hinauf dröhnende Keller-Bar, in der der oben erwähnte, gockelhafte und allglattgesichtige Kellner sich als „singender Wirt“ an einer Hammond-Orgel betätigt und Wiederbelebungsversuche am verwesenden, müffelnden Leichnam des deutschen Schlagers der 60er und 70er unternimmt.

(2) verursacht durch den viel zu eilig hinabgekippten Hauswein, einen durchsichtigen, dabei orangefarbenen Fusel, der sauer und billig war – allerdings nicht auf der Rechnung.

(3) kaufen, lesen, genießen: Sein letzter Roman Die Läusekönigin oder sein aktueller Bericht über seine Krankheit Krebs. Und trotzdem lacht der Darm.

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