Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Wochenlese 21. Juli – 27. Juli 2014

Es wird andere Tage geben,
andere Stimmen werden sein.
Ganz alleine wirst du lächeln.
Cesare Pavese, The cats will know

Manchmal brauche ich eben ein wenig Halt in diesem leeren Kosmos, dieser gleichgültigen, im wörtlichen Sinn Gott-losen Welt, in der mich die Dinge nicht beobachten, mich nicht beachten, ja, nicht einmal ignorieren. Gut und Böse, Trauer, Freude, Liebe, Wut, gar eine Moral: Sie werde ich unter ihnen vergeblich suchen. Wenn ich einmal ermüdet sterbe, werde ich mich wandeln; endlich ebenfalls in ein leeres, gleichgültiges Ding.

Wenn mich die nüchterne Interesselosigkeit der Welt niederdrückt und die abweisende Kälte der am Nachthimmel funkelnden Sterne deprimiert, wird mir mal wieder deutlich, wie einsam ich in diesem Universum bin. Dann erwachen Selbstmitleid und der Künstler in mir, denn die andere Konsequenz erschreckt mich. Ich beginne ungeschickt, meine Fingerabrücke auf den Oberflächen der Dinge zu hinterlassen. Auch wenn sie nur ein schnell vergehender Fettglanz sind, ich habe sie doch berührt. Ich schaffe mir wie ein Naturmensch Totems und Idole, personifiziere Gegenstände und Ideen. Ein Nagel ist ein Nagel, aber vier Nägel ergeben ein Kreuz.

Wenn ich die Jahreszeiten personifiziere, um sie persönlich ansprechen oder beschimpfen zu können, denke ich mir den Sommer immer als eine Frau. Der Sommer des Jahres 2014 ist eine strenge Herrscherin, zumindest hier unten im seenreichen südlichen Deutschland zwischen der hier noch jungen und rassigen Frau Donau und den stolzen, arroganten Alpengipfeln, nahe jener pfahlbürgerlichen Renaissancestadt, deren Bewohner von ihr behaupten, sie wäre die nördlichste Italiens. Frau Sommer ist in diesem Jahr eine Domina, die ein SM-Spielchen mit Zuckerbrot und Peitsche aufführt, wobei sie lieber die Peitsche schwingt und – um es mit einer der drolligen Formulierungen des Wetterberichts auszudrücken – „markantes“ Wetter mit sich bringt. Die ein, zwei Sonnentage zwischen den Gewittern, die die Luft sofort mit schwüler, klebriger Hitze schwängern,  fallen dabei kaum ins Gewicht.

Habe ich dich nun in die richtige Stimmung gebracht, lieber von mir imaginierter Leser, der für mich nur als seltener Pixelstrich auf dem glatten, spiegelnden Bildschirm meines Netbooks erscheint? Dann folgt jetzt eine

I. Weitere Sommerlektüre-Empfehlung

Habe ich eigentlich schon einmal Cesare Pavese (1908 – 1950) gelobt, aus dessen letzten Gedicht vor seiner Selbsttötung an einem weiteren schwülen Sommertag die oben zitierten, mich immer wieder auf’s Neue erschütternden Zeilen stammen?

Seltsam, obwohl der große italienische Dichter einer der prägenden Autoren für mich ist, habe ich ihn bislang wirklich in meinem Blog vernachlässigt. Das ist eine geradezu sträfliche Unterlassung. Ich kenne eigentlich keinen weitereren Schriftsteller, der seine Prosa und seine Gedichte so konsequent und konzentriert geschrieben hat und dem es so eindringlich gelingt, komplette Geschichten alleine zwischen den Zeilen zu erzählen.

Das wird vor allem bei seinen Kurzgeschichten deutlich, die als zweibändige Taschenbuchausgabe bei Claasen und in drei Bänden antiquarisch z. B. von Fischer erhältlich sind. Meist spielen sie in endlosen, bewegungslosen Sommertagen in den Hügeln des Monferrato, einem bäuerlichen, patriachischen Regeln unterworfenden Land, das sich sanft hinter der zu Paveses Lebzeiten noch grauen Arbeiterstadt Turin über der Po-Ebene erhebt, wo „bitterer Reis“ und Mückenschwärme gezüchtet werden, die wie schwelende Gewitterwolken über die Dörfer herfallen. Hier oben ist die Welt noch eine archaische voll von Geiseln, Idolen und Totems, überall sind Tabus und halbvergessene Mythen. Es ist eine Welt, in der Individuen gebrochen werden wie das vertrocknende Getreide auf den von einer unbarmherzigen Sonne beschienenen Feldern; auf der das Blut so dunkel und schwer fließt wie der Wein, der hier gekeltert wird.

Monferatto

Davon zu erzählen, gelingt Pavese in unnachahmlicher Weise [1] auf manchmal nur zwei, drei Seiten Text. Wer Blut geleckt hat und mehr will, sollte sich an seine kurzen, aber konzentrierten Romane halten, deren poetische Titel schon Bände sprechen und zusammenfassen, was ich eben wortreich ausführte: „Der junge Mond“, „Der Teufel auf den Hügeln“, „Die einsamen Frauen“, „Der schöne Sommer“, „Unter Bauern“.

In seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ist Pavese allerdings auf dem absoluten Höhepunkt seines Schaffens. Wer also nicht die Aufmerksamkeitsspanne besitzt, einem längeren Erzählfaden zu folgen, aber zwischen Sonnenliege, Eincremen und Baden im Meer nicht den üblichen Liebes-Vampir-SM-Thriller, sondern Literatur von Weltrang lesen möchte, ist bei Paveses kurzen Texten gut aufgehoben.

Soviel für heute zu den Lektüre-Empfehlungen. Das Folgende ist nur eine private Notiz; wer sie nicht liest, versäumt nichts.

II. Die Zukunft des Blogs

Wenn ich schon beim Jammern über die Kälte der Welt bin: Wenn ich von Herrn Heun – der mich in einer privaten Nachricht mal wieder als Mimöschen katalogisierte – absehe, hatte ich in der letzten Monaten kaum mehr Zugriffe auf diesen Blog, an vielen Tagen verirrte sich niemand auf meine Seiten. Entweder sind alle meine Leser im wohlverdienten Sommerurlaub oder meine Texte locken keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Wahrscheinlicher ist leider die zweite Möglichkeit, die mir eine ungeschminkte Wahrheit vor Augen hält: Wahrscheinlich bin ich als Autor gescheitert; vielleicht auch als Mensch.

Noch will ich mich den Konsequenzen nicht stellen und schreibe hier weiter, aber Sinn hat die viele Arbeit, die ich mir mit diesem Blog mache, ganz offensichtlich nicht. Das wird mir Woche für Woche deutlicher. Für mich hatte der Blog den Erfolg, dass ich nach einer längeren Schreibblockade wieder zur Literatur gefunden habe. Die andere Hoffnung, als krankhaft schüchterne Person Leser oder gar Freunde zu finden, mich mit Menschen austauschen zu können, die wie ich in und mit der Literatur leben, hat sich zerschlagen. Inzwischen nimmt mir der Blog, mein fettiger Fingerabdruck auf der Oberfläche der Dinge, viel zu viel Zeit, die ich besser für das Schreiben meiner Bücher verwenden sollte.

Um diesen heftigen Flirt mit dem Selbstmitleid mit Paveses letztem Tagebucheintrag vom Tag seines Todes zu enden:

All das ist ekelhaft.
Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.

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[1] Freilich habe ich es dennoch versucht. Das Ergebnis kann hier gelesen werden: Kleine Veränderungen.

 

 

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