Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Kapitel 4 – Teil 4

Mir war dieser Satz schon ein wenig anders formuliert in den „Fragmenten der Vorsokratiker“ von Diels und Kranz begegnet; wie es auf diesem Papyrus anschließend weiterging, war mir allerdings vollkommen neu. Es erschütterte mein Weltbild:

So ist das Wort des Redners wie ein Getreide, das der Sämann auf den Acker streut. Einiges fällt auf Stein, vieles auf die festgetretene Erde und nur wenige Samenkörner auf den fruchtbaren Boden.“

Wir haben in deiner Jugend oft Wanderungen in den Bergen unternommen, Jonas. Du kennst das Gefühl, wenn man auf schmalem Pfad und rutschigem Untergrund plötzlich glaubt, weder einen Schritt vorwärts noch einen rückwärts machen zu können, ohne abzustürzen. Man blockiert sich mental selbst und ist in dieser Situation vollkommen hilflos, wenn einen niemand bei der Hand nimmt und über diese Stelle führt. So ging es mir beim stillen Übersetzen der weiteren Textzeilen: Ich wusste exakt, was ich da für ein Werk vor mir hatte, aber mein Verstand weigerte sich, es zu glauben. Ein Nichtgeisteswissenschaftler mag das einfach mit einem Schulterzucken abtun, aber für mich war das der größte Moment in meinem Leben.

Da gab es keinen Zweifel. Ich war auf eine Abschrift der Téchnē des Sophisten Gorgias von Leontinoi gestoßen, den Platon in seinem bekannten Streitgespräch mit Sokrates als überhebliche Witzfigur aburteilte. Die Téchnē ist jedenfalls ein seit der Antike verschollenes Werk über die Redekunst, das Gorgias mit diesen einleitenden Worten begann.

Verstehst du die Bedeutung? Wenn schon die erste der hier gelagerten Schriftrollen, zudem eine von mir vollkommen zufällig ausgewählte, eines der großen verlorenen Bücher des klassischen Altertums barg, welche Dinge mochten dann in den anderen Amphoren auf eine Wiedergeburt warten? Selbst wenn in allen anderen Gefäßen nur Staub und Papierbrösel zu finden waren: Allein durch diese Entdeckung würde unser Bild von den Essenern von Qumran und damit auch von Jesus Christus revolutioniert werden. Konnte es bei dieser frappierenden Übereinstimmung mit dem Gleichnis von Sämann möglich sein, dass der Nazarener die Bücher des Gorgias gelesen und sie in seinen eigenen Predigten und Gleichnissen verwendet hatte? Mein Gott, man muss sich das mal vorstellen…“

Georg Habakuk seufzte und schwieg. Er starrte von seiner eigenen Erinnerung aufgewühlt aus der Scheibe der Beifahrertür, einen Punkt an einem nur ihm selbst sichtbaren Horizont fixierend. Sein Sohn, der sein Auto in der Zwischenzeit auf einem kleinen, leeren Rastplatz neben der Schnellstraße geparkt hatte, wartete geduldig. Er nahm an, dass sein Vater so vollkommen in seine Geschichte eingetaucht war, dass er nicht die schmuddeligen Abfalltonnen und das Toilettenhäuschen sah, sondern sich gerade in der Kaverne mit Günec und den wertvollen Papyrusrollen wähnte, den wertvollsten Fund seiner Karriere in Händen.

Jonas wollte ihn dabei nicht stören, hatte auch Angst, dass der alte Mann in seiner Verwirrung das Thema wechseln würde, wenn er ihn jetzt ansprach und eine Fortsetzung forderte. Jonas selbst konnte die Begeisterung seines Vaters, die diesen im Moment überwältigte und der Worte beraubte, kaum nachvollziehen. Was bedeuteten ihm auch die Schriften eines Sophisten, der vor zweieinhalbtausend Jahren gelebt hatte? Gorgias? War es so wichtig, ob ein Evangelist bei ihm abgeschrieben hatte? Viel interessanter war doch die Frage, was das alles mit ihm selbst und mit dem Geheimnis seiner Geburt zu tun hatte. Er hoffte, Georg Habakuk würde sich endlich fangen und auf die Dinge zu sprechen kommen, die wirklich wichtig waren. Warum hatte ihm nur Binderseil nicht mehr erzählt! Er schien doch die ganze Geschichte zu kennen. Bei seinem Vater war es reine Glückssache, ob er seine Erzählung zuende brachte oder sie einfach vergaß.

Endlich befreite sich der alte Mann aus seiner Starre, rutschte sein Blick hinunter auf seine leeren Hände, die er überrascht musterte. Dann fuhr er endlich in seiner Erzählung fort.

„Egal. Es ist alles verloren gegangen und schon so lange her. Vielleicht war es ja nur ein Traum. Weißt du Jonas, manchmal erwache ich in der Nacht und diese Erinnerung an Qumran, die Höhle, die Pergamente und all das, was danach noch geschah, fühlt sich falsch an, wie das Zerrbild, das ein schlechter Schlaf geboren hat. Wenn du nicht wärst und Günec nicht alles bestätigt hätte, hätte ich das Ganze längst abgetan und dem Albtraum einer Nacht zugerechnet.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich im Dunkel der Amphorenhöhle stand, mit dem zitternden Licht meiner Stirnlampe grell den Papyrus in meiner Hand ausleuchtete und fieberhaft übersetzte, was  Georgias in der Einleitung zu seinem Handbuch der Rhetorik geschrieben hatte. Irgendwann lenkte mich ein Stöhnen von Günec ab, der starke Schmerzen in seinem verletzten Bein hatte. Ich schämte mich für meine Gedankenlosigkeit und Selbstsüchtigkeit und widerstand der Versuchung, die nächste Amphore zu öffnen. Ich schob die wertvolle Schriftrolle zurück in ihr Tongefäß, das sie über Jahrtausende vor Hitze, Dreck und Zerfall bewahrt hatte, legte es behutsam auf die Erde vor der antiken Bibliothek und holte endlich den Rucksack, in dem die Erste-Hilfe-Ausrüstung verstaut war.

Nachdem ich mit ihrer Hilfe meinen Freund verarztet hatte, teilte ich unsere spärlichen Wasservorräte auf zwei Feldflaschen auf und packte meinen eigenen Rucksack mit dem allernötigsten. Günec, bei dem die Schmerzmittel langsam wirkten, beobachtete mich nachdenklich bei meinen Vorbereitungen:

„Was willst du unternehmen?“ fragte er. Ich konnte seiner Stimme anhören, dass er langsam in seinen typisch muslimischen Fatalismus steuerte. Ich glaubte jedoch nicht an „Kismet“ und war entschlossen, mich nicht einem Schicksal zu beugen, das uns in diese gefährliche Situation geführt hatte. Ich deutete auf die senkrechte Felsspalte im hinteren Bereich der Höhle, von der mit Wüstensand vermischt ein wenig Frischluft zu uns hereinwehte und durch die auch ein wenig Dämmerlicht in das Dunkel fiel. Wenn mir meine Augen keinen Streich spielten, vor denen noch immer die griechischen Buchstaben meiner Lektüre tanzten.

„Ich werde uns Hilfe holen, was sonst? Ich denke, dort hinten ist ein Ausgang. Wenn ich mal raus aus den Höhlen bin, werde ich schnell zurück ins Lager finden. Das wird nicht lange dauern. Und beim Abendessen können wir dann allen von unserer unglaublichen Entdeckung erzählen. Sie werden diese Kaverne nach uns benennen: Die Nasawi-Habakuk-Höhle!“ Günec lachte bei dem Gedanken, aber ich merkte ihm an, dass ich ihn nicht ganz überzeugt hatte. Er hatte Angst.

„Beeile dich bitte. Es ist nicht gerade meine Vorstellung von einem gelungenen Nachmittag, hier im Dunkel der Habakuk-Nasawi-Höhle zu hocken, mein Freund“, erwiderte er und versuchte trotz seiner Verzweiflung auf meinen leichten Ton einzugehen.

„Zumindest geht dir nicht der Lesestoff aus“, sagte ich und näherte mich der schmalen Felsspalte. Ich hörte Günecs Gelächter noch lange als Echo in meinem Rücken.

Ich hatte richtig vermutet: Durch den Spalt drangen ein wenig Licht und wüstenheiße, aber frische Luft in meine Höhle; der Durchgang war jedoch so schmal, dass ich mich nur gewalttätig durchzwängen konnte. Ich quetschte zuerst den Rucksack, die Stirnlampe und meine Jacke durch die Öffnung, die in ihrer Tiefe vielleicht einen halben Meter ausmachte. Obwohl ich damals ziemlich hager war, blieb ich trotzdem auf halbem Weg zwischen den zwei Höhlen stecken. Panisch ruderte ich mit den Armen und Beinen und suchte suchte einen Punkt, an dem ich mich abstützen und weiterstemmen konnte. Der Fels drückte auf meine Lungen und fast wäre ich erstickt.

Mit meinen letzten Reserven gelang es mir aber, mich langsam zentimeterweise durch die Engstelle zu schieben. Wenn ich später mit den Helfern wieder auf diesem Weg zurückkäme, würden wir schweres Werkzeug brauchen, um die Öffnung zu vergrößern, damit eine Bahre hindurchpasste.

Ich riss mir bei meiner Anstrengung die Kleidung auf und die Haut blutig, aber endlich gelang es mir, auf die andere Seite zu kommen. Ich war vom Schweiß vollkommen durchnässt, was mir sicher dabei geholfen hatte, den engen Spalt zu überwinden und brauchte eine Weile gegen eine Kante gelehnt, bis ich wieder zu Atem kam und Günec ein letztes Mal Mut zurufen konnte. Was ich ihm verschwieg: Diese neue Kaverne war eine Enttäuschung. Sie war vollkommen leer und barg keine weiteren Fundstücke.  Sie hatte zwar einen Ausgang zur Oberfläche, aber dieser war eine fast kreisrunde Öffnung in der Decke der Höhle. Durch sie fiel schräg das Abendlicht zu mir hinab, jedoch war sie für mich unerreichbar. Die Wände waren viel zu bröcklig, als dass ich an ihnen hätte emporsteigen können. Ich musste mir einen anderen Weg suchen. auf keinen Fall wollte ich mich wieder zurück zu Günec quetschen. Ich sah mich aufmerksam um und entdeckte tatsächlich einen Gang, der vielversprechend war und leicht nach oben führte. Er war zwar recht breit, aber nur etwa hüfthoch und zwang mich, ihm auf allen Vieren zu folgen, den Rucksack vor mir herschiebend. Nach etwa zehn Metern verzweigte er sich. Ich wählte die linke Seite, die mir leichter begehbar schien. Bald endete dieser Weg vor einer massiven Felswand. Ich kehrte um, wählte die andere Gasse. Bald kam ich an die nächste Kreuzung und dann an noch eine. Ich war in einem Labyrinth aus Gängen gefangen.

Meine Odyssee im Bauch des Berges begann.

 

 

 

Einzelbeitrag-Navigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: