Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Kapitel 4 – Teil 1

[Heute starte ich mit der schrittweisen Veröffentlichung des vierten Kapitels meines Romans „Aber ein Traum“, dem diesem Blog seinen Namen und sein Dasein verdankt. Die Kapitel 0, 1 und 2 gibt es als Download, die Hälfte des 3. Kapitels habe ich im letzten Jahr gebloggt. Wie damals gilt: Für Hinweise auf Fehler (auch kleinere) bin ich wirklich dankbar.]

VIER

Jonas trat aus Binderseils Residenz. In der Nacht hatte es geregnet, doch inzwischen spannte sich erneut ein geradezu schmerzhaft blauer Himmel wie ein straffgezogenes Leintuch über der Stadt. Der Asphalt glänzte noch dunkel. An den wenigen Stellen, an denen ihn bereits die noch niedrig stehende Sonne erreichte, dampfte er. Es wartete ein weiterer warmer Sommertag, ein Urlaubstag. Jonas wollte nicht über das Gehörte und Erlebte nachdenken. Was er jetzt brauchte, war ein starker Kaffee. Obwohl er müde und erschöpft war, wollte er auf keinen Fall schlafen, bevor er sich nicht bei einem Arzt Mittel besorgt hatte, die für Traumlosigkeit sorgten. Das hätte er gleich tun sollen. Es war ein Fehler gewesen, den Phantasten Binderseil aufzusuchen, der ihn mit seiner unglaublichen Geschichte so erschreckt hatte, dass er sich jetzt an der frischen Luft des jungen Morgens nur wundern konnte, wie er auf sie hatte hereinfallen können. Und was die Fotografie anging, die ihm Binderseil als angeblichen Beweis gezeigt hatte: Da konnte er ja immer noch seinen Vater in einem von dessen ansprechbaren Momenten fragen, wie sie entstanden war.

Anderswelt, so ein Blödsinn! Er träumte schlecht, das war alles. Hier konnte ihm kein Schamane, sondern nur ein Psychiater helfen. Oder eine Frau.

‚Frauen denken anders‘, stellte er für sich fest, ‚Sie bleiben auch dann noch auf dem Teppich, wenn wir Männer schon längst abgehoben sind. Sieht man ja auch bei Binderseils Freundin, dieser Edaine. Er stilisiert sie zu einer Tolkien’schen Elbin hoch und sie kümmert sich um den Abwasch. Wie hat das Kathi einmal formuliert: Du willst den Roman schreiben, der die Welt bedeutet? Jetzt? Was ist mit dem Müll, du großer Dichter, und was essen wir heute Abend?

Jonas lachte in der Erinnerung vor sich hin. Auch nachdem er sich von Katharina getrennt hatte und er mit einem Mal vor dem Problem stand, was er mit seiner Zeit anfangen sollte: Der Roman wurde nicht fertig. Er ruhte unbearbeitet seit Jahren auf der Festplatte seines Computers und diente ab und an als Steinbruch für Reden-Entwürfe. War er ehrlich zu sich, musste er zugeben, dieser Roman würde nie fertig werden, auch in hundert Jahren nicht; auch wenn er wie Linus einen endlosen Nachmittag geschenkt bekam. Kathi hatte das alles lange vor ihm gewusst.

Jonas sah abgelenkt auf seine Armbanduhr. Er hatte es plötzlich eilig. Wenn er pünktlich um zehn Uhr im St. Bernhard sein wollte, musste er sich sputen. Es war das Altersheim, in dem sein Vater Georg Habakuk seit einigen Jahren wohnte. Nicht, dass es seinen alten Herren gestört hatte, wenn ihn Jonas etwas früher oder später abgeholt hätte – oder auch überhaupt nicht – denn der Alte hatte längst jede Form von Zeitgefühl verloren. Nein, es war Jonas selbst, der aus der gleichen dubiosen Quelle seines Unterbewusstseins heraus immer pünktlich war, aus der es ihm unmöglich schien, bei Rot über die Ampel zu gehen oder zu viel Wechselgeld einfach zu behalten. Pünktlichkeit gehörte zu seiner Art von Rechtsempfinden. Es gab nur wenige Dinge, die er im Alltag schwerer tolerieren konnte, als das Zuspätkommen bei einer Verabredung. Als er am Mittag des Vortages sein Auto in einem Parkhaus nahe der Altstadt abgestellt hatte, hatte Jonas nicht damit gerechnet, dass er die ganze Nacht bei Binderseil verbringen würde. Deshalb hatte er kaum genug Geld dabei, seinen Wagen auszulösen. Nur gut, dass sein Badezeug und etwas Kleidung zum Wechseln vorbereitet im Kofferraum lagen. Deshalb musste er nicht erst nach Hause in den Vorort fahren, sondern konnte gleich zum Altersheim, wo ihn sein Vater auch schon mit einer gepackten Tasche im Foyer erwartete.

Wie immer hatte sich Georg Habakuk nicht selbst vorbereitet; der Rentner war schon lange nicht mehr in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Dies hatte die hübsche Altenpflegerin für ihn getan, die ihn an jedem Dienstag für den Ausflug mit seinem Sohn anzog und seine Badetasche packte. Nun saß  sie neben ihm und sprach freundlich mit ihm, damit er nicht einfach aufstand und sich an seinen üblichen stundenlangen Marsch den Gang auf und ab machte. Sie sprach mit dem alten Mann wie mit einem Kind: Laut, obwohl er nicht schwerhörig war und mit übertriebener Launigkeit.

‚Nein’, dachte Jonas, ‚sie redet mit ihm nicht einmal wie mit einem Kleinkind, sondern wie mit einem Haustier, das nicht auf den Inhalt, sondern auf den Klang der Wörter reagiert.’ Nicht zum ersten Mal ging ihm dabei durch den Kopf, er selbst wolle lieber tot, als hilflos dieser Art von Freundlichkeit ausgesetzt sein. Seinem Vater schien es jedoch zu gefallen. Er lächelte entspannt, während er die Pflegerin  knapp unterhalb des kurzen Klinikrocks am Knie tätschelte. Ob er sich über die Worte freute oder über die günstige Gelegenheit, eine junge, attraktive Frau zu liebkosen, vermochte Jonas nicht zu entscheiden. Jedenfalls war sein Vater bester Laune und erkannte den Sohn sofort, was in der letzten Zeit nicht mehr selbstverständlich war. Manchmal hielt er ihn für einen Pfleger oder für seinen vor  Jahren verstorbenen Bruder.

Wie bei Demenzkranken üblich, war der Verfall schleichend gekommen und hatte sein Endstadium längst noch nicht erreicht: Obwohl Georg Habakuk immer noch relativ klare Momente hatte, lebte er inzwischen in einem Nebel, der ihm die nächste Umgebung verbarg. Er verhinderte einfachste Dinge wie die selbständige Körperpflege oder die Nahrungsaufnahme, erlaubte dem alten Mann jedoch einen klaren Ausblick auf die fernen Gebirgszüge seiner Vergangenheit, die wie unter Föneinfluss näher rückten. Er konnte sein, dass er fehlerlos lange Abschnitte aus den apokryphen Evangelien zitieren konnte, aber nicht mehr wusste, hinter welcher Tür sich die Toilette verbarg.

Vor drei Jahren hatte sich Jonas schließlich entschieden, für seinen Vater, der sein letzter lebender Verwandter war, das Betreuungsrecht zu übernehmen und den von einer reichen Rente Zehrenden zu überreden, freiwillig in ein Pflegeheim umzuziehen. Sein schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen. Zum einen war der Vater hier gut versorgt, zum anderen fiel ihm der Wechsel leicht, da er bald darauf nicht mehr von der Meinung abzubringen war, dass es sich bei seinem Alterswohnsitz um eine Kurklinik in den Bergen handelte, die er nach einem kurzen Erholungsaufenthalt wieder verlassen würde. Dazu trugen auch die regelmäßigen Besuche seines Sohnes bei, der ihn an jedem Dienstag mit dem Auto abholte und in ein Kurbad im Nachbarort fuhr, wo der alte Herr in warmem Wasser plantschen und seine geliebten Saunagänge machen konnte.

„Ach, Jonas, das ist nett von dir, dass du vorbeischaust. Aber es wäre nicht nötig gewesen, ich komme doch am Freitag wieder heim“, stellte der Alte daher auch fest, während er sich fast so leichtfüßig wie ein junger Mann aus dem tiefen Sessel erhob und seine Badetasche schulterte. Jonas hatte den Eindruck, je mehr sein Vater sich selbst verlor, um so gesünder wurde er wie zum Ausgleich dabei. Sein straffer Körper war zwar der eines Greises, aber er war kräftig und trainiert. Irgendwann, eher früher als später, würde der Geist seines Vaters völlig verfallen und er würde eine vor Gesundheit strotzende Hülle blicklos in einem Stuhl sitzend vorfinden. Jonas fürchtete sich vor diesem Tag.

„Ich bringe ihn dann gegen vier Uhr wieder zurück“, wand er sich an die Pflegerin.

„Wie immer, Herr Habakuk“, erwiderte sie und hatte den Kleinkindertonfall noch nicht ganz aus ihrer Stimme entfernt, legte nun aber noch etwas anderes, Verschwörerisches hinein. „Passen Sie gut auf ihn auf; er braucht Ruhe. Wir hatten heute eine schlimme Nacht, nicht wahr, Herr Habakuk?“ Jonas war verwirrt, weil er für einen Moment nicht wusste, ob sie Habakuk Junior oder Senior angesprochen hatte.

„Ja. Er hatte heute Nacht schreckliche Angst. Er hat versucht, sich in seinem Zimmer zu verbarrikadieren“, erläuterte die Pflegerin mit nun ernstem Tonfall, als stünde Jonas’ Vater gar nicht aufbruchbereit neben ihr, „dazu hatte er sein Bett und seinen Nachttisch vor die Tür geschoben. Als seine Schreie den Nachtdienst alarmierten und sie in sein Zimmer kamen – die Tür geht ja nach außen auf – hat er sich unter den Vorhängen verkrochen und konnte sich lange nicht beruhigen. Er kam erst zur Ruhe, nachdem die Nachtschwester ihm ein leichtes Schlafmittel verabreichte.“ Jonas sah zu seinem Vater, der lächelnd neben der blonden Pflegerin stand. Er benahm sich, als würde Nebensächliches über einen völlig Fremden geredet.

„Ist das schon einmal passiert?“ fragte Jonas.

„Nein. Deshalb wäre es gut, wenn Sie nach vier Uhr noch mit unserer neuen Stationsärztin reden könnten. Frau Dr. Wächter ist dann in ihrem Konsultationszimmer. Wissen Sie, es kommt schon vor, dass unsere Insassen Dinge und Menschen sehen, die nicht da sind und sich dann auch manchmal fürchten. Sie wachen in der Nacht auf und können ihren Traum nicht von der Wirklichkeit unterscheiden. Erst in der vorigen Woche habe ich mit Frau Paulsen und ihren zwei Schwägerinnen Kaffee getrunken und wir vier haben uns gut unterhalten.“ Sie machte eine Pause und zwinkerte Jonas zu. „Die Schwägerinnen von Frau Paulsen sind seit zwanzig Jahren tot.“ Die Altenpflegerin lachte und wirkte dabei so sympathisch, dass Jonas nahe daran war, sie zu fragen, ob sie nicht einmal mit ihm Kaffee trinken wollte. Aber sie wand sich wieder zu seinem Vater, rutschte zurück in die Rolle der professionellen Kindergartentante, die Jonas so hasste. „Aber das ist nicht so schlimm und heute morgen geht es uns ja wieder gut. Nicht wahr, Herr Habakuk?“ Die Frage schrie sie fast, obwohl der alte Herr nicht schwerhörig war. Sie legte dabei vertraulich eine Hand auf seine Schulter. Der Demenzkranke musterte sie überrascht und versuchte offensichtlich vergeblich, sich an sie zu erinnern. Jonas nahm seinem Vater die Tasche ab.

„Also, um vier Uhr. Ich bin pünktlich. Kommst du?“ wand er sich an seinen alten Herrn.

„Herr Habakuk, eine Frage noch: Ihre Mutter, die hieß doch Hilde mit Vornamen?“ Jonas nickte. Worauf wollte die Pflegerin hinaus?

„Hildegard Habakuk, geborene Ammer. Warum fragen Sie?“

„Als Ihr Vater heute Nacht um Hilfe rief, hat man mir erzählt,  da hat er immer wieder Ihren Namen genannt und dann nach einer Frau gerufen, die er ‚Edaine’ nannte. Er erwähnte auch irgendwelche Zwillinge. Wissen Sie, wer das ist?“

Später im Auto, als Georg Habakuk auf dem Beifahrersitz fröhlich plappernd zum tausendsten Mal eine launige Geschichte aus seiner Jugend zum Besten gab, als sei sie ihm erst gestern passiert, musterte Jonas seinen Vater immer wieder aufmerksam von der Seite. Wie hatte der alte Mann, der langsam seinen Verstand verlor, hilferingend den ungewöhnlichen Namen einer Frau rufen können, die Jonas selbst erst in jener Nacht zum erstenmal getroffen hatte? War das noch durch einen Zufall erklärbar?

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4 Gedanken zu „Kapitel 4 – Teil 1

  1. Pingback: Ein kleiner Werkstattbericht (2) | Aber ein Traum...

  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Ich danke meinerseits fürs Tierchen, ein wirklich nettes Plaisirchen

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  3. Da ich bei meinen eigenen Flüchtigkeitsfehlern blind bin – auch wenn ich einen Text zigmal überlese – bin ich wirklich dankbar, falls ein Leser einen entdeckt. Ebenso freue ich mich über inhaltliche Äußerungen. Kritik ist ein seltenes scheues Tierchen; nur ganz selten gelingt es mir, eines einzufangen.

    Ich danke dir für’s Lesen, HD. Bis bald…

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  4. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Kein Fehler entdeckt … wenn Dir das hilft.

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