Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Brautschau (XXXIV) – Prolog (I)

[Heute beginnt „Brautschau“ von vorn. Das heißt, ich blogge ab jetzt jeden Dienstag den Prolog zum Roman, den ich bisher weggelassen hatte, da er viele Jahre vor der Handlung um Hetha und Half spielt. Bevor ich allerdings mit den weiteren Kapiteln fortfahre, ist es doch sinnvoll, den Prolog und das Zwischenspiel nach Kapitel 6 zu veröffentlichen. Das ist übrigens eine Chance für Neu- oder Wiedereinsteiger, sich noch an diese Geschichte zu wagen, in die ich sehr viel Herzblut investiert habe. Die Kapitel 1-6 gibt es demnächst wie gewohnt als Ebook zum Download auf der Texteseite.]

Prolog
20 Jahre vorher

Der Tod holte auf.

Gegen Mittag verwandelte sich der eisige Regen übergangslos in ein dichtes Schneetreiben. Erbarmungslos trieb der Sturm nun dicke, feuchte Flocken fast waagerecht vor sich her. Er schleuderte sie mit aller Gewalt den drei Fliehenden entgegen. Sie konnten keine zehn Fuß weit sehen auf ihrer schmalen und rutschigen Felsenstufe mitten im Nichts der fast senkrecht aufragenden Nordflanke des menschenfeindlichen Berges Gynashort.

Es grenzte an ein Wunder, dass keiner von ihnen ausglitt und sie gemeinsam in die wolkenverhangene Tryas-Schlucht stürzten, von deren bodenlosem Abgrund sie oft nur eine Unachtsamkeit und ein Stolpern trennte.

Die schweigsame Sakket ging vorsichtig voran. Sie tastete sich mit der rechten Hand am glitschigen, nassen Felsen entlang, während sie die andere schützend vor ihr Gesicht hielt. Durch ein Seil mit ihr verbunden folgte drei Schritte dahinter Erson. Den Abschluss bildete der verwundete Idris Henk Baldaar. Ihn hatte noch im Verbotenen Tal ein auf gut Glück abgeschossener Pfeil eines ihrer hartnäckigen Verfolger knapp unter dem rechten Schulterblatt getroffen. Erson hatte den Schaft zwar sofort direkt oberhalb der Wunde abgebrochen und sie notdürftig verbunden, aber es war nicht die Zeit geblieben, die mit Widerhaken versetzte Pfeilspitze mit dem Messer herauszuschneiden. Er hatte auch nicht die chirurgischen Kenntnisse, solch eine Operation sauber durchzuführen. Deshalb drang die Pfeilspitze mit jeder Bewegung tiefer in Idris Fleisch und dieser gutmütige Bär von einem Mann litt gewaltige Schmerzen. Er trug sie wortlos und mit stoischer Miene.

Allerdings wurde Idris Schritt mit jeder Stunde unsicherer. Seine Begleiter und er tasteten sich deshalb immer langsamer auf der manchmal nur einen Fuß schmalen, zudem bröckligen Felsenstufe zwischen Himmel und Hölle weiter, von der die Gejagten hofften, dass sie ein Weg hinauf aufs Gipfelplateau und nicht nur eine weitere Sackgasse war. Sie kamen langsamer voran, als ihnen lieb war. Schließlich konnte jederzeit wieder einer ihrer Verfolger in ihrem Rücken auftauchen; einer der blutrünstigen Barbaren des Nordens, die sich selbst so trefflich Tudasgarda, der „Tod aus dem Himmel“, nannten. Weil das Freundestrio sich heimlich in die Tabuzone ihres heiligen Berges Gynashort gewagt hatte und sie dabei von einem Späher ertappt worden waren, jagte sie ein Trupp der besten Männer der Tudasgarda, die sich selbst Kling’Arta, also „Himmelskrieger“ nannten, bereits seit drei Tagen erbarmungslos durch die Wälder und über die Felsen. Und sie kamen immer näher! Manchmal meinte Erson, er könne bereits ihren keuchenden Atem in seinem Nacken spüren und er drehte immer häufiger seinen Kopf nach hinten, versuchte, mit seinen Blicken den dichten Nebel zu durchdringen, der sich nur wenige Schritte hinter ihm und Idris wieder wie ein grauer Vorhang über den Weg schob. Der Ausblick nach vorn war derselbe: Die Flüchtigen war gefangen in einer Welt aus waberndem Dampf und feuchtem Schneetreiben, aus der ihnen in jedem Moment der Tod entgegentreten konnte. So viele Arten zu sterben gab es auf dem Gynashort und nur eine, am Leben zu bleiben.

Es war nicht das erste Mal, dass der verlockende Bericht von Henne, dem Biberjäger, über die unvorstellbaren Schätze in der im Inneren jenes mächtigen Berges verborgenen alten Stadt des Máeriqas Sakket, Erson und Idris dazu verleitet hatten, sich heimlich und vorsichtig dem himmelhohen Massiv inmitten des unwegsamen Rauen Gebirges zu nähern und sich in die verbotenen Jagdgebiete der Tudasgarda zu schleichen, die ihr Land rund um den Gynashort eifersüchtig bewachten. Nie war es ihnen jedoch gelungen, einen Aufstieg auf den Gipfel zu finden. Wieder und wieder hatten sie unverrichteter Dinge und mit leeren Beuteln in ihre von Kanälen gemusterte Heimatstadt Garda heimkehren und sich dem Spott ihrer im warmen Nest der Lahmen Curie zurückgebliebenen Kumpane stellen müssen.

Diese ständigen Grenzverletzungen hatten auf die Dauer nicht gutgehen können und dieses Mal waren die drei Schatzjäger von einer Gruppe Himmelskrieger ertappt worden; gerade als die Gefährten endlich von weitem einen vielversprechenden Pfad den Nordhang hinauf entdeckt hatten – ganz wie es ihnen vom alten Henne versprochen worden war. Seit Tagen hetzten sie nun schon auf der Flucht diesen Pfad empor und hatten längst das Ende ihrer Kräfte erreicht. Wenn sie nicht bald den Gipfel des Gynashort und damit einen Ort betraten, den die Tudasgarda nach den Worten des Jägers angeblich nicht zu betreten wagten, da sich dort der von ihren Daimona bewachte Eingang zu der sagenhaften Stadt befand, dann würden über kurz ihre abgeschnittenen Köpfe auf Pfähle gespießt den Tabor der Barbaren zieren und ihre Herzen bei einem ihrer grausigen Festmahle als Speise für die tapfersten der Krieger dienen.

„Halt!“ rief Erson und stemmte sich gegen den Fels. Er griff das Seil fester, das an seinem Gürtel befestigt war und ihn plötzlich nach hinten zog. Der verwundete Idris an einer etwas breiteren Stelle erneut ins Stolpern geraten und nur seine Verbindung mit den anderen hatte verhindert, dass er in die Schlucht stürzte. So kippte er von Ersons Kraftakt gezwungen auf die andere Seite gegen einen großen Felsblock, rutschte langsam an ihm zu Boden und rang dort pfeifend um Atem. Er stand als eine dichte Wolke über seiner vermummten, in sich zusammengekauerten Gestalt. Sakket kam besorgt zurück, wollte sich an Erson vorbei quetschen. Er versperrte ihr den Weg.

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„Wir müssen weiter! Wir können nicht schon wieder pausieren“, drängte die gertenschlanke Frau. Erson sah sie mit einer seltsamen Miene an und schüttelte den Kopf. Auch wenn er es noch nicht wahrhaben wollte: Die Flucht war vorbei, hier und jetzt. Idris würde keine fünfzig Fuß mehr weiter gehen können, wenn er sich überhaupt noch einmal erhob. Sakket erwiderte den Blick ihres Freundes, der ihr wie ein Bruder war und den sie schon seit den Tagen ihrer gemeinsamen Kindheit im düsteren Waisenhaus der Gemeinschaft der Leidenden Gene in Garda kannte und den sie auch ohne Worte verstand. Die Zeit für eine verzweifelte Entscheidung war gekommen und nur Sakket hatte von den Gefährten die Kraft, sich ihr zu stellen. Sie war eine geborene Anführerin und die treibende Kraft der kleinen Gruppe. Sie drückte sich an Erson vorbei und beugte sich zu Idris hinab, sprach aufmunternd auf ihn ein.

Aber er reagierte nicht. Erst als Sakket einen Handschuh abstreifte und mit ihrer bloßen Hand die Wange des Verletzten berührte, bewegte er sich, hustete. Dann schien er sich zu fangen. Trotzig schob er seine Kapuze vom kahlen Schädel und sah auf. Seine großen braunen Augen, die Sakket immer an die eines treuen Hundes erinnerten, so überrascht und sanftmütig blickte ihr großer Freund in die Welt, ruhten sanft und fast mitleidig auf dem Mädchen, das er wie Erson heimlich liebte. Er hatte nie viel von diesen Schatzsuchen gehalten und nur ihr zuliebe an ihnen teilgenommen, weil er Sakket beschützen und in ihrer Nähe sein wollte.

„Es geht nicht mehr“, stellte Idris nüchtern fest. „Hier ist mein Weg zuende.“ Seine Stimme klang entschlossen. Auch Erson trat nun heran, schob einen Arm hinter Idris Schulter und richtete ihn ein wenig auf, damit er leichter atmen konnte. Dabei hob er leicht den Mantel des Verwundeten und spähte nach dem Verband. Er klebte vollgesogen von feuchtem, frischem Blut, das das starke Herz seines Freundes großzügig aus der Wunde am Rücken pumpte. Es war ein Wunder, dass Idris es überhaupt bis hierher geschafft hatte. Mit dieser Verletzung und dem Blutverlust hätte er eigentlich schon tot sein müssen.

„Komm“, sprach Erson wieder besseren Wissens ihm und auch sich selbst Mut zu, „es ist nicht mehr weit, denke ich, vielleicht noch einen Farlong. Ich werde dich tragen.“ Idris musterte überrascht den kleinen, untersetzten Mann, mit dem er so viele Abenteuer erlebt hatte. Dann lachte er schallend.

„Vergiss es. Du kannst doch nicht einmal einen vollen Bierkrug stemmen!“ Idris Lachen ging in ein gequältes Husten über. „Nein, hört: Ihr müsst mich zurücklassen. Vielleicht kann ich unsere Verfolger ein wenig aufhalten und euch ein wenig Zeit verschaffen. Dann hätte das alles einen Sinn.“ Er tastete nach seiner Pistole, die er in einer Tasche an seinem Gürtel trug. Die kleine, schmale Waffe verschwand fast in seiner an Maulwurfsklauen erinnernden Hand, die zudem seltsamerweise sechs Finger hatte. Er richtete sich unterstützt von seinen Gefährten weiter auf, lehnte nun halb gegen den Felsen. Er spuckte Blut aus.

„Idris Henk Baldaar!“ rief Sakket vorwurfsvoll den ganzen Namen ihres Freundes. So sprach sie ihn nur an, wenn sie wütend auf ihn war. „Das machen wir auf keinen Fall! Wir schaffen es alle gemeinsam!“

„Weißt du nicht mehr? Wir drei oder keiner“, unterstützte Erson sie. Idris schüttelte müde seine Glatze und deutete mit einem ironischen Blick zurück:

„Diese Entscheidung müssen wir nicht mehr treffen“, sagte er. Gleichzeitig war ein triumphierendes Heulen zu hören. Sakket und Erson zuckten zusammen und wirbelten herum. Durch ein mutwilliges Spiel des Sturms rissen für einen kurzen Moment die dicken Schneewolken auf, zerfaserten über dem schwindelerregenden Abgrund und tatsächlich verirrte sich ein verlorener Sonnenstrahl hinab auf das schmale Felsband. Die Sicht hinunter wurde plötzlich besser und man konnte ein langes Stück des Weges zurückblicken, den die drei geflohen waren. Erst jetzt bemerkten sie, wie hoch sie schon waren; ihr Pfad hatte sie schon viele Furlong über den Talgrund geführt. Und dort unten auf diesem Weg rannten ihnen auch weiterhin ihre Verfolger hinterher!

Nur wenige hundert Fuß hinter und zwei Serpentinen unter ihnen kamen fünf, nein, sechs Krieger der Tudasgarda eilig näher. Wie Schweißhunde hetzten sie den Pfad entlang, missachteten dabei die Gefahren des schmalen Felsenweges. Auch sie hatten ihre Jagdbeute entdeckt und es war ihr vielstimmiger Ruf, der zu den dreien herauf klang. Die Himmelskrieger beschleunigten noch ihr Tempo und kamen in halsbrecherischer schnell näher, gerieten dann jedoch an der Bergflanke aus dem Blickfeld der wie zu Eis erstarrt Gejagten, weil der Pfad einen Bogen um einen kleinen Tobel machte, den ein Wasserfall an dieser Stelle in den Fels gegraben hatte. Erson wusste noch, dass dort viel lockeres Geröll und Splitt über den Weg gerutscht war und die Stelle zusammen mit dem von oben herabstürzenden Wasser nur schwer begehbar machte; vor allem, wenn man wie die Tudasgarda kein festes Schuhwerk, sondern nur zusammengebundene Lederstreifen an den Füßen trug. Aber bald würden die furchterregenden Krieger wieder aus dem Einschnitt im Fels auftauchen und dann gerieten Sakket, Erson und Idris in Reichweite ihre todbringenden Pfeile und den Bolzen ihrer Armbrüste. Den Gefährten blieben nur noch wenige Augenblicke.

Idris fingerte an dem feuchten Knoten, mit dem das Sicherungsseil an seinem Gürtel befestigt war, das ihn mit den anderen verband. Seinen klammen Fingern gelang es nicht, ihn zu lösen.

„Bei Inets brennendem Schwanz! Vielleicht wollt ihr mir mal helfen?“ fluchte er. „Was wartet ihr noch? Ich bin der einzige, der eine Waffe besitzt, auch wenn sie nur ein Spielzeug ist. Verdammt!“ Erson wurde rot. Dass die drei ihre Jagdflinte verloren hatten, war seine Schuld gewesen. Er hatte ungeschickt nach ihr gegriffen. Dabei war sie ihm aus den ungeschickten Fingern geglitten und unwiederbringlich in eine tiefe Felsspalte gerutscht.

„Niemals“, antwortete er trotzig, aber da hatte Sakket schon kurzentschlossen ihr Messer gezogen und schnitt einfach das Führungsseil durch, an dem Idris verzweifelt zerrte.

„Was…?“ Ohne auf seinen Protest zu achten, packte sie Erson am Oberarm, zog ihn zurück, weg von seinem Freund. Ihr Griff war kraftvoll und zwingend. Sie nickte Idris aufmunternd zu, der sich nun hinter dem niedrigen Felsen eine Deckung suchte und mit seiner Pistole in die Nebelschwaden zielte, die sich wieder über den Weg gelegt hatten.

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2 Gedanken zu „Brautschau (XXXIV) – Prolog (I)

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