Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Freitagsaufreger (I): „Da bin ich ganz bei Ihnen…“ (Rewind)

Heute gönne ich mir (und meinem Leser) einen kleinen Rückblick auf meinen allerersten Freitagsaufreger, eine kurze, zugegebenermaßen sanfte Kritik an der Politikersprache. Damals, am verregneten 17. Mai des letzten Jahres, hatte ich noch nicht geplant, mich Woche für Woche freitags ‚aufzuregen‘. Aber mein Alltag wollte es anders: Inzwischen habe ich mich schon über dreißigmal ereifert.  Um auch hier einmal meinen Lieblings-Goethe zu zitieren: „So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja zu sein, wie jene, die wir stolz und kühn verachten konnten.“

Die Motivation für den Erstling war simpel: Ich hatte am Vorabend einen Polittalk gesehen und war gefühlte einhundertmal über den Satz: „Da bin ich ganz bei Ihnen!“ gestolpert, den Politiker und Prominente jeder Couleur immer dann einstreuen, wenn sie besonders volksnah jemandes Meinung für ihre sinistren Zwecke vereinnahmen wollen.

Mit diesem ersten Aufreger sind ein paar Erkenntnisse verbunden: Es ist mir nicht gegeben, politische Satire zu schreiben. Das können andere viel, viel besser als ich. Auch hier macht die Übung den Meister. Der Aufreger unten mag zwar rührend, aber vergeblich um Originalität bemüht sein, aber er ist unscharf und holprig formuliert. Bei einem Leser mehr als ein gutmütiges Schulterzucken zu erwarten, wäre Hybris.

Außerdem fehlt ein Foto. Im Internet sollte jeder Text von einer Illustration begleitet sein, wenn er Aufmerksamkeit erregen will. Was auf dem Foto zu sehen ist, muss nicht im Zusammenhang mit dem Inhalt stehen; ein Foto von einem Säugling oder meiner Katze reicht vollkommen aus, ganze Webseiten leben davon. Immerhin ist der Aufreger unten ganz kurz. Das kann ich nicht von jedem meiner Blogartikel sagen, denn ich leide häufig unter Sprach-Diarrhoe und schaffe es selten, unter 800 Wörtern zum Punkt zu gelangen.

 Trotzdem begann mit dem ersten Freitagsaufreger etwas und er ist bei Kollegen, Freunden und meiner Familie die beliebteste Kolumne. Inzwischen sind die Texte ja zu einer ganz netten Sammlung angewachsen und ich plane, sie überarbeitet als ein kleines E-Book zusammenzustellen und meinen ‚Followern‘ zu meinem einjährigen Blogjubiläum zu schenken.

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 Da bin ich ganz bei Ihnen…“

Wer hat eigentlich als erster diese blödsinnige und vollkommen sinnfreie Formulierung aufgebracht, die sich gerade unter Politikern wie eine Seuche verbreitet hat? Bei den Liberalen hat jene unterirdische Formulierung inzwischen epidemische Züge angenommen, aber auch die Damen und Herren der anderen Parteien sind eifrig dabei, sich anzustecken.

Dieser „Un-Satz“ kann erst ein paar Jahre alt sein, aber er ist wie eine Zecke. Inzwischen findet keine Talkshow und keine Podiumsdiskussion mehr statt, in der nicht mindestens fünfmal dieser Satz auftaucht.

Der Thesaurus bietet so viele Möglichkeiten: „Ich stimme Ihnen zu.“ – „Ich teile Ihre Meinung.“ – „Ich verstehe Sie.“ – „Wir sind uns einig.“

Aber: „Da bin ich bei Ihnen…“ und das auch noch ‚ganz‘? Soll das jung, dynamisch, cool sein? Es ist gleichzeitig arrogant und hochnäsig, dabei schleimig anbiedernd. Die tatsächliche Bedeutung ist deutlich mitzuhören, obwohl das anscheinend kein Politiker wahrhaben will: „Ich stimme dir mal besser zu und halte mit dir symbolisch Händchen, dann beruhigst du dich und findest mich nett. Aber eigentlich ist mir vollkommen egal, was du sagst.“

Wenn ich so angesprochen werde, fühle ich mich so unwohl, als ob ich mit einem Fremden konfrontiert bin, der in meinen privaten Raum eindringt und zu nah an mich herantritt. Ich will nicht, dass jemand außer meiner Familie und meinen besten Freunden mir so nah kommt – ich bin ja selbst nur ganz selten bei mir.

Meist bin ich außer mir. Vor allem, wenn ich diesen Satz höre.

 

amy4

Wie gesagt – das Foto hat nichts mit dem Text zu tun – aber ist sie nicht süß?

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