Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Freitagsaufreger (XXXI) – Kandidaten

Ich, ich, ich! Wähle mich!

Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Überall auf den Bürgersteigen, Straßengräben, Feldrainen und an Zäunen und Hauswänden überwuchert ihr Geilwuchs wieder die normalen Bierwerbe- und Gartenausstellungsplakate und verschandelt mein ohnehin nicht gerade hübsches Dorf mit einer Portraitaustellung des Grauens: Großformatige Wahlplakate, die die lächelnden Gemeinde-, Stadt- und Landräte, sowie die Kreistagsabgeordneten in spe, vor allem aber die Bürgermeisterkandiaten en face oder in einem noch näher herangezoomten Ausschnitt zeigen, so scharf vergrößert teilweise, dass man die Poren und Unreinheiten ihrer Haut sehen kann; eine abschreckende Nähe, die mich teilweise bis in den Schlaf verfolgt.

Betrachtet man die nahezu unüberschaubare Menge an pittoresken (ha!) Menschen, die unbedingt Bürgermeister meines im Weichbild von Augsburg gelegenen Wohn- und Schlafdorfes(1) werden wollen, fragt man sich unwillkürlich, wer denn nicht in irgendein politisches Amt gewählt werden will.

Bei der letzten Wahl vor sechs Jahren war noch alles anders: Damals hatte Diedorf praktisch eine Einheitsliste, auf der nur der Name des verdienten parteilosen Bürgermeisters stand, der diesen Job schon seit 1990 zur Zufriedenheit der Diedorfer erledigte und inzwischen heiliggesprochen und sakrosankt war. Das brachte ihm Wählerprozente ein, für die sich asiatischen Diktatoren geschämt hätten. Doch aus gesundheitlichen Gründen stellt er sich in diesem Jahr nicht mehr zur Wahl. Diese Entscheidung hat so viele Kandiaten auf den Plan gerufen, die ihn beerben wollen, dass nun kaum mehr ein Quadratzentimeter des Ortes ohne die Last eines Wahlplakates auskommen muss. Jeden Tag vermüllt eine „Wahlinformation“ meinen Briefkasten, der Weg zum Bäcker oder zum Wertstoffhof (!) gerät zum Spießrutenlauf, weil eines der Plakatgesichter wie eine Katze auf eine Maus auflauert und einem unbedingt Gummibärchen oder einen Kugelschreiber schenken will.(2)

Es wollen gewählt werden:

– ein CSU-Kandiat, der öffentlich zugibt, dass er seine ausschließlich schwarzen Socken (warum wundert mich das nicht?) nach der Reihenfolge ihrer Frische aus dem Schrank nimmt und anzieht; seine Frau also nach dem Waschen die neuesten nach hinten räumen muss. Wehe wenn nicht!

– Der CSU’ler soll bei seiner Wahl zum obersten Listenkandidaten etwas nachgeholfen haben; deshalb gibt es eine Gruppe Abtrünniger um den bisherigen 2. Bügermeister, die in einem für Schwaben typischen Schisma ihre eigene Partei („Wir für Diedorf“) gegründet hat. Ihr Kandiat sieht auf den Plakaten aus, als hätte er drei Tage hintereinander in einem Stall geschlafen.

– apropos schlecht geschlafen: Bei den Grünen hat es auch ordentlich gekracht und ihr Kandiat wirkt so übernächtigt und erschöpft, dass er, sollte er gewählt werden, wohl erstmal ein paar Monate auf Kur gehen muss. Müder sieht eigentlich nur:

– die Dame von der SPD aus. Ich weiß nicht, ob es schon vorher Koalitionsverhandlungen mit obigen gab, aber ihr täte ein Erholungsurlaub ebenso gut. Aber es ist ja egal, wen die SPD aufstellt, die wählt hier eh niemand.

– dann gibt es noch die Kanditaten von den Freien Wählern und von der Bürgerunion. Der eine ist so alt wie der andere unsymphatisch. Manche Menschen lächeln nicht, sie fletschen ihre Zähne. Habe ich noch einen vergessen?

– Ach ja, die zweite Dame, parteilos: Sie ist Weltmeisterin im Kickboxen (das ist – zusammengefasst – ihr Programm) und hat die meiste Presseaufmerksamkeit.

Das Wahlprogramm der zukünftigen Bürgermeister ist identisch: Man will endlich die Umgehungsstraße(3), einen „definierteren“ Ortskern, eine bessere und schnellere Verkehrs- und Internetanbindung und fast jeder Kandidat wünscht sich ein Schuhgeschäft vor Ort. (Warum auch immer, mir persönlich wäre ein Billigbuchladen oder ein Elektronikgeschäft lieber…)

Es fehlt eigentlich nur noch das Augschburger Kaschperle und man würde sich wie bei einem Kabarettabend der Puppenkiste fühlen. Aber das will ja auch in die Rente gehen…

diedorf

Wen also werde ich am Sonntag in einer Woche wählen? Nun, es gibt noch die letzte Alternative, auf dem Wahlzettel einen eigenen Vorschlag zu vermerken. Ich dachte da an mich selbst. Nikolaus Klammer, Bürgermeister von Diedorf. Das macht sich doch gut auf der Visitenkarte. Ich verspreche das gleiche wie alle anderen und dazu noch Freibier und Kugelschreiber (Ich habe noch einige übrig). Glaubt mir, Diedorf und die Welt wären besser, wenn ich die politische Verantwortung hätte.

Vielleicht schaffe ich es ja bis in die Stichwahl…

____

(1) Weichbild. Ich liebe dieses Wort. Es ist ein Euphemismus für Speckgürtel. Diedorf liegt an der vielbefahrenen Bahnstrecke Augsburg – Ulm und ist ein geradezu archetypischer zersiedelter bayerischer Markt ohne eigentlichem Ortszentrum, der in der Hauptsache aus Eigenheimmonokulturen, einer großen Straße mit ordentlichem Durchgangsverkehr, Aldi, Lidl, Netto und ein wenig Einzelhandel besteht und von der schmalen Pfeilspitze der Herz-Mariä-Kirche überragt wird, einer ausnehmend hässlichen Architektensünde aus den späten 60ern. Erwähnenswert ist noch die Fa. Keimfarben, die am Ortseingang kaum übersehbar ihren Stammsitz hat und mit deren Farben z. B. das Weiße Haus in Washington D.C. gestrichen ist. Dazu kommen ein paar eingemeindete bäuerliche Gemeinden im näheren Umland. Weichbild eben…

(2) Nebenbei: Kann den Leuten mal jemand sagen, dass ich nicht noch mehr Kugelschreiber brauche; die „Bundestagswahlkugelschreiber“ aus dem Vorjahr reichen locker für die nächsten zehn Jahre. Filzstifte wären nicht schlecht. Oder Bleistifte, am Besten mit Radiergummi. Davon habe ich nie genug.

(3) Diese Forderung liegt dem Diedorfer in den Genen. Kürzlich hat man auf dem Gelände der alten Kirche eine Tuffsteingruft aus dem Frühmittelalter ausgegraben, wobei man auf einen römische Stele stieß, auf der zu lesen war, dass „die Umgehung nun aber wirklich bald kommen wird.“

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2 Gedanken zu „Der Freitagsaufreger (XXXI) – Kandidaten

  1. Pingback: Neues aus meinem Dorf (IV): Die Semmeln und mein Gewissen | Aber ein Traum...

  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Weichbild mit politischen Weicheiern

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