Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Wochenlese 16.12. – 22.12.13

Während der Sonntage vor Weihnachten habe ich meine Wochenlesen der besinnlichen Jahreszeit angemessen etwas umgestaltet und stelle der Literaturempfehlung immer eine kleine Geschichte voran. Heute gibt es einen Auszug aus dem ersten Kapitel meines „Balzac-Romans“. Übrigens ist dies heute der 200. Artikel, den ich auf diesem Blog poste.

balzac

Familienbande

Vergleicht man das Leben dieser Generation, der es vergönnt ist, die Mitte unseres Jahrhunderts zu erleben, jene fünf Dekaden, die an historischen Ereignissen und bedeutenden Menschen reicher sind als das christliche Jahrtausend vor ihnen, mit den Vitae unserer Eltern und Großeltern, so kann man leicht dem Eindruck verfallen, daß die Geschichte, ja, selbst die Zeit, immer geschwinder eilen. Sie ist durchaus vergleichbar einer Spule mit Garn, deren Drehung sich beschleunigt, je mehr vom Faden abgespult wird. Ohne diesen Vergleich zu sehr zu bemühen, kann der Gedanke Furcht um die nicht mehr allzu ferne Zukunft erwecken, in der der letzte Rest Garn von der Spule gelaufen ist. Am Rande bemerkt, wird auch von dem künstlerischen Genius gefordert, sich der Akzeleration der Zeit anzupassen und die Werke seiner Imagination immer schneller vor das Publikum zu tragen. Wen nimmt es da Wunder, daß die Sonne der Kultur um so eiliger sinkt, je mehr sie sich dem Horizonte nähert!

Einst währten die Konstitutionen von Staaten Jahrhunderte, heute zählen wir ihr Dasein in Jahrzehnten, bald vielleicht in Monaten oder Wochen. Doch nicht nur das Schicksal der Staaten ist jener magischen Beschleunigung unterworfen, sondern auch das tägliche Leben eines jeden. Durch die zunehmende Mechanisierung der Arbeit ist nicht nur ein neuer Stand, das Industrieproletariat, entstanden, sondern auch eine erschreckende Schnellebigkeit der Moden und des Konsums.

Und so ist auch das Leben des Einzelnen reicher geworden an Ereignissen, unsere Tage gleichen einem bewegten Strudel, der uns mit sich reißt. Niemand kann mehr guten Gewissens behaupten, daß er Herr und Schmied seines Geschickes ist, selbst das Genie wird mit dem mächtigen Strom Leiber davongetrieben, der alle gleich macht und uns früh in unsere Gräber schwemmt. Nur ganz selten gewährt man uns einen Augenblick der erschöpften Ruhe, holt unser Leben gleichsam Atem. Dann hebt sich unser Blick über das Alltägliche hinaus und schaudernd sehen wir die Fesseln, die uns an unsere Mitmenschen binden – jene kaukasischen Ketten, die die Schicksale auf das Merkwürdigste miteinander verweben. So wird die beliebige Geschichte eines Einzelnen, willkürlich herausgerissen aus der Masse und an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt, zum Paradigma für die Zeitläufe unseres irrsinnskranken Jahrhunderts.

Nun will ich dich bei der Hand nehmen, mein Leser, der du bis jetzt geduldig meinen Worten gefolgt bist, auch wenn sie deiner Lebenserfahrung vielleicht widersprochen oder gar deinen Unwillen erregt haben. Ich will dich hinaus auf die Straßen von Paris führen, es gibt keine Stadt des Erdkreises, die wie diese geeignet ist, meine Thesen zu untermauern. Die eine Hälfte der Gesellschaft verbringt ihr Leben damit, die andere Hälfte zu beobachten.

Wandern wir darum gemeinsam den Boulevard des Italiens an der Oper vorbei und wenden uns nach rechts in die Rue de Richelieu, die uns zu den Tuilerien leiten wird und sehen wir den Vorüberkommenden in die Augen, suchen wir uns gemeinsam einen aus der Masse der vierzehnhunderttausend Individuen heraus, die die Straßen dieser Stadt mit ihren Schicksalen bevölkern. Ich werde dir von ihm erzählen, eine Geschichte, die zugleich die Geschichte aller ist.

Wie denkst du über diesen buckligen Arbeiter, mein Leser? Er geht die Straße eilend und gebeugt; die Fron in der Kattunfabrik hat ihn vor der Zeit gebrochen. Er hat schwere Sorgen, denn von seinem kargen Handlohn kann er seine vielköpfige Familie nicht nähren. Oder interessiert dich eher diese schöne Dame, die starr geradeaus sehend in ihrer Kutsche sitzt und nicht der Blicke und Grußworte achtet, die ihr von den Boulevards zugerufen werden. Es ist Madame de A., eine respektable, verheiratete Frau. Sie befindet sich auf dem Weg zu ihrem Geliebten, der ihren Mann ruinieren wird. Und hier, dieser feine, ältere Herr, der sich angeregt mit einem jüngeren unterhält; beide sind sie Advokaten, sie bereden den Bankrott des Barons B. Der hohlwangige Mann, der an ihnen vorübergeht, ist auf dem Weg zum Pfandleiher, um seinen Rock zu versetzen. Er ist ein erfolgversprechender Theaterautor, doch eine unglückliche Leidenschaft zu einer Tänzerin, die der Zeitvertreib des Bankiers C. ist, hat ihm das Mark aus den Knochen gesogen, er hat seit Tagen nichts gegessen und gerade seinen letzten Franc in der Spielbank verloren.

Aber ich sehe, mein Leser, daß dein Blick zuletzt jemanden gefunden hat, dessen Roman dein Interesse lohnen wird. Wir wollen ihm folgen und sehen, wohin er uns führt:

An einem schwülen Abend im Spätsommer des Jahres 1846 ging ein junger Mann von der Pont Neuf kommend durch die Straßen des rechts der Seine gelegenen, bürgerlichen Quartier d’Enfer im XII. Arrondissement. Obgleich er langsam und wie zögernd ging und nach dem Augenscheine ohne Ziel war, glich er doch in Art und Kleidung keineswegs den abendlichen Flaneuren, bei denen er so viel Aufsehen erregte, daß nicht wenige von ihnen einen Schritt hinter ihm verharrten und neugierig seinen Rücken musterten, nachdem er achtlos an ihnen vorübergegangen war. Die aufmerksamsten Blicke schenkten ihm dabei die Bürgersfrauen, die ihre heiratsfähigen Töchter spazieren führten, während ihre Männer neben ihnen, sich nachdenklich am Hinterkopf kratzend, nach einer Erinnerung sannen und die Töchter selbst, wie durch eine unziemliche Annäherung verwirrt, erröteten und ihre Blicke auf das Trottoir senkten. Der junge Mann zeigte sich von dem Aufsehen unbeeindruckt und schien auch nicht zu bemerken, wie er immer wieder aufdringlich geprüft wurde.

Diese Blicke hatten ihren Grund darin, daß er außerordentlich hübsch zu nennen war, ein glattes, ebenmäßiges Gesicht und eine hohe, feste Stirn besaß. Seine blassen, feinsinnigen Züge kontrastierten auf das Angenehmste mit seinem schwarzen, gelockten Haar, das die südländische, wahrscheinlich italienische Abstammung zumindest eines seiner Elternteile nicht verbergen konnte. Als Knabe hätte er sicherlich für Caravaggios Jüngling mit dem Früchtekorb Modell stehen können. Nur die etwas zu breiten Lippen und die scharfen Kanten der Nasenflügel, die er mit dem tatsächlichen Modell des genialischen Malers gemein hatte, störten den Eindruck eines zarten, vergeistigten Jünglings etwas und hätten einem Anhänger der Lehre Lavaters mitgeteilt, daß hinter diesem sanften Äußeren auch ein gerüttelt Maß Leidenschaftlichkeit und Energie zu finden waren. Man hätte ihn nach seinen Gesichtszügen und seiner edlen, geraden Körperhaltung leicht für einen der adligen, vom Glück besonnten Jünglinge des Faubourg Saint-Germain halten können, den der Zufall oder ein Liebesabenteuer in das bourgeoise Viertel d’Enfer führte, wenn nicht sein Anzug eine andere Geschichte erzählt hätte. Er war zwar ordentlich und sauber gebügelt, aber längst aus der Mode gekommen und nicht zum ersten Mal gewendet. Sah man näher hin, so konnte man die durch sorgsame Behandlung mit Wäschefarbe verborgene Abnutzung von Ellenbeugen und Knien erkennen, die auf eine Armut schließen ließ, die sich ihrer selbst schämte und uneingestanden bleiben wollte.

Einem aufmerksameren Beobachter als es die Bürger von Enfer waren, wären die von schweren Gedanken niedergedrückten Augenbrauen und die blicklosen, kohlschwarzen Augen, deren Feuer im Moment nur zu erahnen war, aufgefallen und er hätte erkannt, daß den jungen Mann gramvolle Sorgen preßten. Auch sein scheinbar so zielloser Schritt hätte einem solchen Menschenkenner nicht verborgen, daß der Jüngling seine Umgebung nur zu gut kannte, sie aber lange nicht mehr gesehen hatte und es nun ein schmerzvolles Wiedersehen, ein Golgathagang für ihn war, an dessen Ende ein Mensch oder ein Ereignis auf ihn warteten, deren er sich fürchtete. Wäre einer der Spaziergänger durch den Weg des jungen Mannes so neugierig geworden wie der amerikanische Dichter Poe auf den Massenmenschen und wäre ihm gleich jenem unauffällig gefolgt, hätte er festgestellt, daß der Jüngling um einen nur ihm bekannten Ort im Viertel weite, aber langsam enger werdende Radien zog, gleich einer Motte, die sich von dem Licht einer Kerze angezogen fühlt, das sie zugleich durch ihre Hitze abschreckt.

Als spät die Dämmerung hereinbrach, die wenigen Straßenlaternen entzündet und die Spaziergänger und die Einspänner seltener wurden, blieb der Jüngling schließlich unsicher gegenüber eines breiten Hauses stehen, das eine Ecke der Kreuzung der Rue d’Enfer mit der schmalen Rue Mesonge bildete. Als er mit einem schnellen Blick die im Eingang dösende Concierge entdeckte, trat er eilig zurück in das Dunkel des weit in die Straße reichenden Erkers des Hauses in seinem Rücken, zog den Hut in die Stirn und sah angestrengt hinüber zu dem Gebäude, hinter dessen Fenstern im Moment nur wenige Lichter brannten. Er versuchte dort vielleicht die Bewegung einer ihm bekannten Person zu erhaschen, seine Hand hob sich und er wischte eilig eine Träne aus einem Augenwinkel.

Welches Geheimnis barg dieses Gebäude, daß der junge Mann nun trotz der Hitze der Sommernacht, die sich in den Gassen staubig gestaut hatte, wie in einem kalten Fieber erzitterte und er fast unhörbar ein kurzes Stoßgebet flüsterte?

[…]

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Nachdem Honoré Balzac im August 1850 von seiner strapaziösen Hochzeitsreise zurückgekehrt war, erkrankte er und verstarb überraschend. Er hinterließ seiner Frau, der Gräfin Ewelina Hańska, die vor der Hochzeit über Jahre hinweg einen anonymen Briefwechsel mit ihm geführt hatte, ein unüberschaubares, monumentales Werk aus etwa 40 Romanen, längeren Erzählungen und Kurzgeschichten, von denen die meisten zu seinem gewaltigen Zyklus „Die menschliche Komödie“ gehören. Nur 91 der geplanten 137 Werke wurden fertiggestellt.  Vieles war unvollendet geblieben, von manchen Geschichten gab es nur die Titel. Seine geschäftstüchtige und ihm ebenbürtig verschwendungssüchtige Nachlassverwalterin ließ einige der begonnenen Texte von jungen „Ghostwritern“ beenden, die gelungenste und stimmigste Fortsetzung – den zweiten Teil der „Kleinbürger“ – schrieb sie übrigens selbst.

Das Welttheater der „Comédie humaine“ hat ein festes Figurenpersonal (insgesamt sind es etwa 2500 Gestalten, die Balzac zum Leben erweckte). Sie tauchen immer wieder in den Erzählungen auf, mal als Hauptfigur, mal in einer Nebenrolle. Das Genie Balzac unternimmt in seinem Zyklus nichts weniger als den Versuch, ein paradigmatisches Panorama des gesellschaftlichen Lebens der Franzosen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auszubreiten, eine „Naturgeschichte der menschlichen Gesellschaft“ zu schreiben. Er spannt sein Netz von den Ärmsten zu den Reichsten, von den Opfern zu den Verbrechern, von den Mächtigen zu den Verlorenen. Den monokausalen Antrieb für die Gesellschaft, die er so erbarmungslos und explizit abbildet, sieht er übrigens im Tanz um das goldene Kalb „Geld“.

Vielleicht hat es der eine oder andere Leser meines Blogs schon bemerkt: Balzac ist mein persönlicher Gott im Dichterhimmel und ich bewundere ihn wie keinen zweiten. „Familienbande“ ist der Versuch, eine seiner Geschichten, von der uns leider nur der Arbeitstitel überliefert ist, in seinem Stil und seinen sprachlichen Mitteln zu erzählen.

Wer jetzt Lust bekommen hat, endlich einmal Balzac zu lesen, dem seien als Einstieg in seine Welt die „Szenen aus dem Landleben“ empfohlen, vier große Romane, die es auf mobileread als Paket zum downloaden gibt.

Menschl

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