Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Wochenlese 25.11. – 01.12.13

Während der Sonntage vor Weihnachten werde ich meine Wochenlesen der besinnlichen Jahreszeit angemessen etwas umgestalten und der Literaturempfehlung immer eine kleine adventliche Geschichte zum Vorlesen voranstellen. Heute beginne ich mit einer alten isländischen Sage, die mir gerade eingefallen ist*:

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Die Geschichte von Hanne Mannsohns Schuld

Auszug aus der altisländisch geschriebenen „Chroniken der Helden“ von Schnurri Niklausson (963 n. Chr):

Als nun Hanne Mannssohn herangewachsen war, war er nicht hochgewachsen, nur von Mittelgröße, doch von stämmigem Aussehen und voll Leibeskraft, besonders um die Körpermitte. Frühzeitig war er in allem gereift, an Kraft wie an Weisheit. Er hatte lichtes, aber nächtliches Haar und ein breites offenes Gesicht; sein Antlitz war frisch und von gesunder Farbe. Er hatte recht wundersame Augen, glänzend und durchdringend, so dass es ein Schrecken war, ihm ins Gesicht zu schauen, wenn er in Wut geriet.

Hanne war ein Wehrhafter, ein Mann, der sich auf viele Fertigkeiten verstand und den die Weiber verehrten und untereinander flüsternd „Thorshammer“ nannten. Er wusste wohl geschickt wie kaum ein zweiter Held auch mit dem Schwerte seines Leibes umzugehen und war ein gewaltiger, ein voluminöser Liebhaber, ein Wolf, ein Auerochs, ein Stier!

Dabei übte er sich in vielen Dingen: Es gab keinen besseren Koch als ihn, sein Ruf hallte wieder über den vereisten Fjorden des Nordens bis hinunter zu den saftigen Weidenhügeln der Schonen. Für die fetten Gaumenfreuden, die er mit leichter Hand in seinen Sudküchen schuf, sangen ihm ganz Eisland, Weinland und Grünland Lobeslieder; dazu war er in vielen Künsten geschickt und umsichtig in jedem Handwerk, ob er es selbst ausübte oder über andere bestimmte. Man nannte ihn nicht umsonst ‚Hanne, der Mann‘ und ungezählte Barden erzählten an den Höfen Europas von den Heldentaten und Küchenwundern des herrlichen Mannes.

Er war die singende Axt im Wald, das heizende oleum petrae im Keller, der speckige Glanz auf den Lippen der Gesättigten. Er wusste klug und klar zu reden, seine Schriften über die Königreiche der Läuse und die Erregung der Farben studierten die Weisen und die Druiden. Die Zauberkundigen fragten ihn um Rat, wenn sie wissen wollten, wie viele gebratene Knoblauchknollen in ihre Liebestränke gehörten und welche Macht der Wurzel des Bären innewohnte. Alle seine Verwandten und Bekannten liebten ihn, niemand sprach über ihn ein böses Wort, keiner neidete ihm das wundervolle Weib, mit dem er sich vermählt hattee und das ihm zugetan umsichtig und züchtig seineLanghäuser und Ställe hütete. Er war Meister in jedem Spiel und wollte stets der erste sein, wie ihm das auch zukam bei seinem Rang und seiner Abstammung.

Doch nun ist zu erzählen, wie Hanne Manssohn seine Schuld warb.

Es begab sich, dass Hanne ‚der Mannssohn‘ zum Jul-Feste Gast sein sollte bei König Niklos in Hðiðorþfdar. Als er kam, wurde er wohl aufgenommen, denn er ließ sich von des Königs liebreizender hochblonder Frau überreden, in Met gesottene Zicklein zu bereiten, ein Wunderessen, welches die Sinne beflügelt, aber nur er in dieser Güte schaffen konnte. Der König Niklos aber hatte ein Gelübde abgelegt und bei dem Gott, der ihn geschaffen, geschworen, dass er kein Fleisch essen werde und sein Haar nicht scheren noch kämmen wolle, ehe er sich ganz Eislands Abgaben und Einkünfte und auch die Herrschaft darüber zu eigen gemacht habe, andernfalls wolle er sterben. So war sein Haar schon seit zehn Jahren ungekämmt und ungeschoren geblieben und kein Fleischsaft war aus seinen Mundwinkeln getropft. Man nannte den König daher Niklos ‚Sincarne‘ Strubbelkopf.


Da nun der König s
ich beim Gastmahle über die – gut eingeschenkten – Maßen mit den seltenen und schweren Weinen des Südens bezecht, deren Rot wie das Nordlicht über dem Eismeer brennt, und von daher in einen lautschnarchenden Schlummer fiel, juckte Hanne der Schalk und er griff ein Bratenmesser. Zuerst nahm er den einen Bissen vom Bäcklein des Zickleins und legte ihn dem König in seinen weitgeöffneten Schlund, der sofort selbstvergessen darauf zu kauen begann. Seine Gesichtszüge verklärten sich und der König seufzte vor Fleicheslust im Schlafe. Dann schor Hanne lachend das nissene Haupt des Königs, klammerte die Haare mit einer Fibel von seinem Mantel in passende Form und füllte sich mit dem Abgeschnittenen ein Kissen.

Bald erwachte der König, bemerkte, was geschehen und ergrimmte sich über alle Maßen. Da dichtete eilig Elsa, die züchtige Bardin aus dem fernen Noricum, sich von der Tafel erhebend:

Strafet, König, nicht diesen Mann,
Nun bannt Hanne nicht vom Lande,
Des Bauers klugen Bruder,
Bitte, König, was rast Ihr?

Zu dem Wolf tut wölfisch,
Dem Zicklein tut Ehr!
Nie wird der Herd des Herrschers hold,
Wenn er sprach eine schwere Acht.

Schau, König des glänzenden Worts,
Dein Name war Sincarne Strubbelkopf,
Nun sollt heißen Klammerimhaar ihr,
Niklos Klammerhaar, mein Herr.

Und König Niklos ließ sich bringen einen Spiegel und sah, diesen Beinamen trug er mit vollem Recht: Denn er hatte nun schönes Haar, von einer goldenen Klammer gebunden. Da leckte er sich die fettigen Lippen, umarmte den Hanne und sprach:

Das war Hanne des Mannes Schuld. Hast geschnitten mein Haar gleich Heu. Du sollst daher von nun an Hanne der Heun heißen!“

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Auch wenn sich der stramm rechtskonservative Felix Dahn („Ein Kampf um Rom“) häufig irrt und sich einige dichterische Freiheit herausnimmt, ist diese leicht angestaubte Einführung in die Götter- und Heldenwelt der Germanen, die er zusammen mit seiner Frau schrieb,  durchaus lesenswert:

Dahn

Felix und Therese Dahn
Walhall

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* Ähnlichkeiten mit lebenden, bereits verstorbenen oder erfunden Figuren sind natürlich beabsichtigt und alles andere als zufällig.

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2 Gedanken zu „Wochenlese 25.11. – 01.12.13

  1. Dabei war es doch ein großer Lobgesang! Ach! Was wird der einsame Barde missverstanden in den Hallen der Mächtigen…

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  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Hab Dich schon verstanden, Du Klammeramhohlenzahn! Nimmer mehr wird Dir ein Zicklein geboten, darben sollst Du mit stechenden Hafer bis zum Tage des jüngsten Gerüchts, an dem alles Fleischliche wieder lebendig, alles Fleischlose jedoch die Öfen der siebenten Hölle heizen wird.

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