Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Wochenlese 18.11. – 24.11.13

Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis zu diesem Augenblick stummes Ringen unterbrach. Ich nutzte meine Chance, setzte ich mich auf ihn und rang seinen Oberkörper endgültig nieder, meine Finger umklammerten seine Handgelenke und ich brachte meinen Mund ganz nah an sein Ohr.
Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war: Ich rang nicht mehr mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht. Ich konnte die vor Wut verzerrte Fratze meines Feindes im Schlaglicht eines verirrten Mondstrahls sehen. Ich kämpfte mit mir selbst. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel 1

Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi… hi… hi… Brü­der­lein… Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir… lasse dich nicht… lasse… dich nicht… «

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum Zugriff haben. Es ist eine beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht und mich wie eine Marionette fühlen lässt, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppelgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem wie eine Erlösung empfunden Kater Murr (2) gelesen; das vor düsterer Romantik triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, einen Doppelgänger meines Textes.

Ich wusste zwar, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans gestellt hatte. Ich glaubte aber, ichhätte E. A. Poes Varianten des Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF-Autoren (Androiden) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, einer digitalisierten, ‚entfremdeten‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht wird, ist das Bild des Doppelgängers, der uns unsere nur eingebildete Einzigartigkeit brutal raubt, modern und zeitgemäß.

ElixiereErnst Theodor Amadeus Hoffmann
Die Elixiere des Teufels

Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”

aus: E.A. Poe, William Wilson

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Esembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie als mp3-download bei amazon), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors. Es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat…

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil der Masse, der sie nicht entkommen können.

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