Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Freitagsaufreger (XVI) – Das Lied des Weckers Teil 1

1. Morgengrauen

Einmal in jeder Alltagswoche zwingt mich mein Brotberuf, morgens vor 06:00 Uhr aufzustehen.

„Was?“ wird nun vielleicht einer der beiden Fans des weltberühmten Autors und Kolumnisten Nikolaus X. Klammer überrascht ausrufen:

„Mein Lieblingsschriftsteller kann von seiner Literatur nicht leben? Das hätte ich nie gedacht. Wie krank ist denn diese Welt?!“

Ja, mein lieber Freund, ich gestehe es dir im Vertrauen, sozusagen von Angesicht zu Angesicht, denn sehr viele lesen diesen Blog ja nicht: So ist das. Von der Feder zu leben ist so ertragreich wie der Versuch, einen Ochsen zu melken. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Der Versuch, vom Schreiben zu leben, ist zwar nicht die schnellste Art zu verhungern, aber es ist doch noch immer die zuverlässigste. Zudem gehen die meisten Verleger und Publizisten (und Internetaktivisten) davon aus, dass der Autor überhaupt aus reinem Idealismus und Menschenfreundlichkeit schreibt und froh und dankbar sein sollte, wenn er seine Werke und schlauen Gedanken ohne freche Honorarforderungen herschenken darf.

„Was?“ werden alle anderen ausrufen, die von meinem frühen Aufstehen an jedem Mittwoch lesen:

„Die überempfindliche Heulsuse Klammer jammert mir wegen seines traurigen Loses die Ohren voll, weil er tatsächlich einmal in der Woche vor 06:00 Uhr aufstehen muss? Das hätte ich nie von ihm gedacht! Da lese ich nicht mehr weiter, da muss ich mich nur aufregen.“

Halt, sage ich, ihr habt ja recht! Eigentlich kann ich froh sein, dass mich in meinem Brotberuf überhaupt jemand dafür bezahlt, dass ich herumstehe und klug daher rede; da werde ich mein müdes Haupt auch einmal vom warmen Kissen erheben können, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Ja, ihr habt recht, all ihr Frühdienstler und Nachtwächter, ihr braven Bauern, Arbeiter und Angestelle, Beamte und Köche, die ihr von der Woche Last jeden Freitag wohlverdiente (und kostenfreie) Entspannung beim Freitagsaufreger sucht. Ihr alle, die ihr jeden Tag und oft auch wochenends klaglos vor den Hühnern aufsteht, um im Schweiße eures Angesichts euren kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen, habt meinen Respekt. Ich klage aufs Neue auf hohem Niveau; das kann ich wirklich gut. Selbstmitleid ist meine ehrlichste Regung, das sollte inzwischen bekannt sein.

Aber ich bin eben auch Künstler und mir ist es einfach nicht in die Wiege gelegt, in die Gene geschrieben oder durch die Erziehung geprägt worden, morgens vor der Frühmesse wach zu sein. Die Stunde des Dichters ist der späte Abend, es ist die Nacht. Sie allein hat Erbarmen mit ihm, hüllt ihn ein in einen wärmenden Mantel der Ruhe und der Besinnung. Daher richtet er auch seine Hymnen an den leuchtenden Sonnenuntergang, an die funkelnden Sterne am schwarzen Firmament, an die mürrischen Barkeeper hinter den Theken ihrer Lieblingskneipen, nicht an die stumpfe Morgendämmerung, nicht an die Regentropfen aus grauen Nebelwolken und die mürrischen Busfahrer hinter den Lenkrädern ihrer Linie.

Zählen wir doch einmal. Wie viele Maler malten denn die Morgensonne? Was zählt ein Claude Monet gegen tausend Abendstimmungen von Caspar David Friedrich? Wie viele Lyriker beschrieben rosa Wolkenfinger, die sich in den Morgenhimmel krallen? Und wie viele Lieder an die Nacht wurden dagegen gereimt? „Warte nur, balde ruhst du auch.“ Wie viele musikalische Morgenstimmungen gibt es? Ah, da meldet sich einer: „Der Zarathustra von Strauß und der Grieg’sche Peer Gynt“, höre ich. Toll, da hat einer aber nachgedacht.

Erstens: Diese zwei Beispiele stehen so einsam gegen all die Abendlieder, Serenaden und Nachtmusiken, dass sie wohl kaum ins Gewicht fallen und wahrscheinlich eh nur geträumte Phantasien der Komponisten sind, die sie spät am Abend zu Noten machten. Zweitens: Meine Argumentation ist so gut, dass ich sie mir von der Wahrheit nicht kaputt machen lasse.

Ich bin einfach nicht dafür geboren, vor 08:00 Uhr aufzustehen!

Ich möchte richtig verstanden werden; ich bin kein Oblomov, ich verschlafe nicht den ganzen Vormittag. Ich kann sogar hervorragend vor der verdienten Mittagsruhe arbeiten, aber nicht, wenn ich mich zu früh in den Tag kämpfen muss. Dann kann nicht denken, kaum zwei zusammenhängende Sätze formulieren, jemandem zuhören oder konzentriert arbeiten, gar mit Menschen reden. Gut, dass das bei meiner Arbeit niemand von mir verlangt. Mittwoch herrscht Ausnahmezustand. Wenn ich mich nicht am Griff meiner Kaffeetasse festhalten kann, rutsche ich vom Stuhl. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, an diesem Tag nicht mehr zu bloggen.

Die Weltkultur und die Menschheit im Allgemeinen werden es wahrscheinlich überleben, wenn ich einmal in der Woche nicht blogge, nicht an meinem Roman schreibe und auch in der Arbeit nur Mist mache. Meine Sorge ist eine andere: Es ist das pünktliche Aufwachen. Ich bin im Besitz einer gut funktionierenden inneren Uhr, aber gerade in den frühen Morgenstunden versagt sie. Die wunderbare Frau Klammerle, die als pflichteifrige Krankenschwester jeden Tag zu den unmöglichsten Zeiten aufstehen muss, mal vor 05:00 Uhr zum Frühdienst, am nächsten Tag zum Spätdienst, dann zum Zwischendienst und anschließend mal wieder vergnügt ein paar Nächte arbeitet, bringt natürlich absolut kein Verständnis für mein oben geschildertes Problem auf. Es geht ihr auch schlimmer als mir: Obwohl sie noch nie zu spät zur Arbeit kam, ist sie anerkannte Weltmeisterin im Tiefschlafen und steht als solche auch im Guinnessbuch der Rekorde.

Wecker1

Daher brauchen wir beide dringend jeder einen eigenen Wecker auf dem Nachttisch mit privaten, täglich wechselnden Weckzeiten.

Und damit beginnt das eigentliche Ärgernis und zwar nicht nur Freitags oder Mittwochs, sondern jeden dummen Alltagsmorgen, den uns der Herr in seiner grenzenlosen Güte noch schenken will. Aber ich sehe schon, ich habe heute bereits zu viel geschrieben.

Deshalb mache ich besser nächste Woche mit der Geschichte vom großen Weckerkampf weiter.

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5 Gedanken zu „Der Freitagsaufreger (XVI) – Das Lied des Weckers Teil 1

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  4. Einen Gruß zurück. Sei mir herzlich willkommen auf meinen Seiten, Ralph.

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  5. Ein wunderbarer Text, chapeau! Ich erkenne mich doch in vielem wieder und grüße daher herzlich als Leidensgenosse.

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