Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Freitagsaufreger (XV) – Tübingen, mon amour

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.“
Friedrich Hölderlin, Lebenslauf

Ach, Tübingen!

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Die Universitätsstadt am Neckar, wenn schon nicht kultureller, so doch geografischer Mittelpunkt Baden-Württembergs, ist mit ihrem mittelalterlichen, gut erhaltenen Ortskern, dem Hölderlin-Turm, dem Schloss und der Stiftskirche, von sanften grünen Hügeln und Weinbergen umgeben, einfach schön. Dennoch ist sie mir im Moment ein Albtraum.

Und das kam so:

Vor 13 Jahren war ich mit meiner Familie zum ersten und bislang einzigen Mal in Tübingen. Wir befanden uns auf der Heimreise von einem Ausflug zum Europapark in Rust (Was tut man nicht alles, um seine Söhne, die damals sieben und zehn waren, glücklich zu machen!). Die A81 war mal wieder ab Herrenberg hoffnungslos von Mercedesfahrern verstopft, daher fuhren wir gemütlich über die Schwäbische Alp zurück. Da wir noch viel wenig Zeit hatten, es ein warmer, strahlender Frühsommertag war und wir Tübingen noch nicht kannten, parkten wir kurzentschlossen im Weichbild der Uni und lief in die Innenstadt. Der Ort gefiel uns allen ausnehmend gut: Da gab es kleine Läden mit Mode und sinnfreier Deko-Ware für Frau Klammer, gut sortiere Buchhandlungen und ein Antiquariat, in dem ich heute noch wühlen würde, wenn mich nicht der Rest der Familie mit Gewalt herausgezerrt hätte. Ein italienisches Eiscafé lockte, Straßenmusiker und gut gelaunte Studenten in Rudeln lagerten auf den Plätzen vor den Fachwerkhäusern und Weinlokalen, Boote ruderten auf dem Neckar und überall gab es Kunst und Kultur zu entdecken. Wir schlenderten mit unserem Eis durch die Altstadt und ich erzählte vom irren Hölderlin in seinem Turm.

Als wir weiterfuhren, stellte Sohn Nr. 1 plötzlich apodiktisch von der Rückbank aus fest: „Wenn ich groß bin, werde ich in Tübingen studieren.“

Von dieser unumstößlichen Meinung, mehr Prophezeiung als Wunsch, war er nie mehr abzubringen. Sie wurde sein Leitstern in der Schule. Meine Frau und ich hatten da so unsere Zweifel, schließlich ging er noch in die 4. Klasse; seine mit Vorurteilen beladenen Lehrerinnen („Wissen Sie, ich kann mit Jungs nichts anfangen.“) hielten ihn für ‚retardiert‘ und ‚doof‘, ‚man könne froh sein, ‚wenn er den Hauptschulabschluss schaffe‘.*

Aber Sohn Nr. 1 hatte sich entschieden. Und in der Tat wurde seine ‚Dummheit‘ bald als ADS der stillen Variante diagnostiziert. Nach einer zeitlich eng begrenzten Ritalingabe und einer langwierigen Ergotherapie verließ er die Hauptschule, wechselte aufs Gymnasium, das er geradlinig durchlief. Er machte vor 3 Jahren das Abitur und sah sich anschließend nach einem Studienplatz im Fach „Biologie“ um. Das musste schnell gehen, denn eigentlich hatte er sich auf ein Jahr Zivildienst eingestellt, das im bekannlich der Herr von Guttenberg ersparte.

Selbstverständlich bewarb er sich sofort in Tübingen. Dort setzte man ihn erst einmal auf die Warteliste. Die Eberhard-Karls-Universität hätte ihn zwar noch genommen, aber da sie spät dran war – und die besorgten Eltern drängelten – immatrikulierte sich Sohn Nr. 1 in Freiburg. Diese Universitätsstadt an der Dreisam, wenn schon nicht geographischer, so doch ein kultureller Mittelpunkt Baden-Württembergs, mit ihrem mittelalterlichen, im Krieg zerstörten, aber perfekt wiederaufgebauten Ortskern, den Bächle, dem Schlossberg und dem Münster, von sanften grünen Hügeln und Weinbergen umgeben, ist schön. Dennoch war sie mir erst einmal ein Albtraum.

Von meinem Heimatort betrachtet ist Freiburg schwierig zu erreichen. Eine Wohnung oder ein Zimmer in einer WG musste gefunden werden, ein Umzug organisiert, ein Haushalt eingerichtet und tausend andere Dinge erledigt werden. Frau Klammerle und ich verbrachten im September jedes Wochenende im Breisgau. Alles wurde gut, eine Ein-Zimmer-Wohnung recht schnell gefunden und der angehende Herr Studiosus zog bei uns aus, nahm sein Studium an der Albert-Ludwigs-Universität auf, das er mit seinem Bachelor in diesem Sommer abschloss.

Es wird niemanden außer seinen Eltern verwundern: Für den weiteren Studiengang bewarb er sich in Tübingen. Dort setzte man ihn erst einmal auf die Warteliste. Frustriert lieh sich der frischgebackene Biologe  Geld von uns und reiste in einen ausgedehnten Urlaub nach Chile, wo er im Moment irgendwo in der Atacamawüste campiert und erst Mitte Oktober zurückkehrt. Sein Plan war, danach in Freiburg weiterzumachen. Inzwischen hatte jedoch die Eberhard-Karls-Universität ein Einsehen und ein Briefchen flatterte in unser Haus: Sohn Nr. 1 kann in diesem Wintersemester seinen Masterstudiengang in Mikrobiologie in Tübingen beginnen…

tübingen

Hurra!

Wer muss also alles organisieren und den Briefverkehr mit der Uni erledigen? Wer verbringt daher jedes Wochenende im Breisgau, darf die alte Wohnung kündigen, ausräumen und renovieren, Behördengänge machen? Wer sucht verzweifelt und bislang vergebens eine Wohnung oder ein Zimmer oder überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit in Tübingen und Umgebung? Wer wird sich in die Eröffnungsvorlesungen setzen und mitstenografieren, weil Sohn Nr. 1 noch in Feuerland weilt? Wer schläft nachts schon schlecht?

Ach ja. Tübingen! Ein großer Traum geht in Erfüllung – vielleicht…

Deshalb mein AUFRUF!

In Tübingen gibt es zwar eine herausragende „Excellenz“-Universität, aber keine Studentenwohnungen! Die Wohnheime, die WG-Zimmer, die Jugendherberge, die Pensionen, die Campingplätze, die Pappkartons unter den Brücken – alle sind überfüllt und belegt. Es gibt keine Wohnungen auf dem Immobilienmarkt, nichts zur Untermiete. Auch aus den umliegenden Ortschaften erhalten wir nur Absagen, wenn sich überhaupt mal jemand die Mühe macht, uns zu antworten.

SchlafWenn also ein Leser helfen kann, oder jemanden kennt, der helfen kann, oder jemanden kennt, der jemanden kennt oder… ach, egal. Bitte! Seit seiner Kindheit träumt mein Sohn von seinem Studium in Tübingen und jetzt, wo dieser Traum in greifbarer Nähe ist, fehlt ihm nur noch ein Ort, an dem er sein müdes Haupt zur Nachtruhe betten kann…

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* Das wäre mal ein Thema für einen eigenen Freitagsaufreger. Mir platzt heute noch der Kragen, wenn ich an diese „Pädagoginnen“ denke!

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