Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Wochenlese 16. – 22. September 2013

„Wird man nach alledem sagen dürfen, die Lebensfähigkeit einer Kultur sei bestimmt durch die Zahl ihrer ‚aufbauenden‘ Elemente? Im Gegenteil. Die ganze Entwicklungsfähigkeit und fortschreitende Kraft, die ganze Gesundheit des Menschengeschlechts hängt ab von der Menge geistigen Dynamits, der ihm zur Verfügung steht.“
Egon Friedell

Es wartet heute ein bewegungsloser, amorpher Tag auf mich.

Ich frage mich: Wie soll ich diesen Sonntag verbringen, der gleich dem Bundestagswahlkampf erst in seinen späten Abendstunden interessant wird, wenn die Sonne untergeht und die ersten Hochrechnungen über die Bildschirme flimmern? Womit mich beschäftigen? Freilich, ich gehe wählen, aber erst spät nach einem Spaziergang durch diesen im Moment noch kühlen, aber wunderschönen Herbsttag. Ich werde das Wahllokal kurz bevor es schließt betreten, wenn sich die Helfer schon erschöpft in Sicherheit wiegen und mit meiner Stimme überhaupt nicht mehr rechnen. Und ich werde mir bei meiner Entscheidung (die ich längst getroffen habe) viel Zeit nehmen. Im Gegensatz zu dem mediokren, mediengeilen Philosöphchen Richard David Precht[1], dessen einzige geistige Leistung darin besteht, zu jedem gerade modischen Feuilletonthema etwas ausgesucht Dämliches oder Opportunes von sich zu geben, das trotzdem von allen gehört und diskutiert wird, bin ich durchaus der Auffassung, dass meine Stimme zählt. Wenn sie schon nicht den Wahlausgang beeinflusst, so doch mein persönliches Wohlbefinden. Das allein würde schon genügen, wenn ich nicht noch zusätzlich zutiefst davon überzeugt wäre, dass das Geschenk, wählen zu dürfen, gerade mir als Deutschem einer Verpflichtung ist, damit niemand mehr ein Schicksal erleiden muss wie der oben zitierte Egon Friedell.

Aber was mache ich jetzt am Vormittag, den ich möglichst leise verbringen sollte, da der arbeitende Teil der Familie aufgrund diverser Nachtwachen bis in den Nachmittag hinein schlafen will? Als da sind: Frau Klammerle, fleißige Kinderkrankenschwester auf der Frühgeburtenstation; Sohn Nr. 2, fleißiger Erzieher in einem Heim für Jugendliche und Katze Amy, fleißige Mäusejägerin in den Nachbargärten.

Nachdem ich meinen Sonntag wie jeden anderen, an dem ich über mich selbst bestimmen kann, begonnen habe, also ein Augsburger Frühstück genoss – Kaffee, Butterbrezel, Ei -, dazu im Internetradio einen Bluespodcast hörte und dabei mit fettigen Fingern durch die kostenlose Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegels[2] auf meinem E-Book-Reader wischte – was tun? Nach dem Putzen des Bildschirms sollte ich vielleicht am Roman arbeiten… Es gibt noch einiges aus meinem Notizbuch abzutippen. Die nächste Fortsetzung von „Brautschau“ ist auch noch nicht ganz fertig.[3] Oder mache ich mir eine Kanne Schwarzen Tee, lasse einen Pianisten im Hintergrund Debussy klimpern, spiele auf dem Nintendo Dr. Layton, löse ein Killersudoku oder lese vielleicht doch in einem Buch in meinem Dichtereck? Luxusproblemchen eines modernen, mit allen Medien ausgerüsteten Zeitgenossen. Ecce Poeta…

Eigentlich müsste mein Leser mich jetzt auf die Stirn klatschen hören: Die Wochenlese ist noch nicht gemacht! Da ich in diesen Wochen von der Arbeit ausgelastet bin, lese ich wenig. Ich bin mitten im „Prekären Wissen“ von Martin Mulsow, das ist ein durchaus interessantes, aber hochkomplexes und auch etwas abgehobenes Werk über die clandestine Ideengeschichte der Aufklärung, das nur häppchenweise mithilfe von Fremdwörterlexikon und diversen Nachschlagewerken geniessbar ist. Und abends zum Einschlafen lese ich ein noch wenig in einem endlosen Perry Rhodan-Roman. Ich gebe es zu, ohne allzu rot zu werden. Ob mich diese Lektüren wohl stilistisch oder inhaltlich beeinflussen?

Das ist das Stichwort: Der Autor, der mich am nachhaltigsten bei meinen Essays, Glossen und überhaupt in meiner Art, mich literarisch zu formulieren, beeinflusste, war mit Sicherheit Egon Friedell (1878 – 1938), den ich überhaupt nicht genug loben kann. Der österreichische Autor, der sich einer Gefangennahme durch die SA durch einen Sprung aus dem Fenster entzog, ist auch fünfundsiebzig Jahre nach seinem Freitod noch immer ein äußerst interessanter Schriftsteller und Feuilletonist, dessen Werk z. B. bei Diogenes verlegt ist. Da Friedell, dem die Kritik gerne ‚genialen Dilettantissmus‘ unterstellt, inzwischen urheberrechtsfrei erhältlich ist, gibt es auch einiges von ihm kostenlos im Internet; so seine skurrile pessimistische Fortsetzung der H.-G.-Wells’schen ZeitmaschineDie Rückkehr der Zeitmaschine oder seine essayistisches Geschichtswerk „Kulturgeschichte der Neuzeit“, das zwar in vielerlei Hinsicht überholt ist und auch häufig irrt, dennoch  mit seinem Gegenstück, der wunderbaren, aber leider nie vollendeten „Kulturgeschichte des Altertums“ eine überaus süffig lesbare und auch extrem lesenswerte Einstiegsdroge für interessierte Laien in Ideengeschichte und Historie darstellt. Unbedingt Lesen!!![4]

FriedellBesonders hervorheben will ich sein tiefsinniges Buch „Ecce Poeta“ von 1912, ursprünglich als Anekdotensammlung über Peter Altenberg gedacht, dann zu einem Grundlagenwerk über die gesellschaftliche Bedeutung und den Auftrag der sozialen Gestalt des Dichters ausgearbeitet, aus dem das Anfangszitat stammt. Diese „Kulturgeschichte des Dichters“ habe ich zum ersten Mal vor etwa fünfundzwanzig Jahren gelesen und gerade beim Wiederlesen ziemlich fassungslos festgestellt, wie sehr mich Friedell unterbewusst beeinflusste. Ich denke, er hätte Spaß an dieser psychologischen Abhängigkeit gehabt. Sein Text war mir wie eine Brücke aus Gedanken, über die in diesem Vierteljahrhundert schritt. Seine in einer unnachahmlichen sprachlichen Eleganz formulierten assoziativen Gedanken haben mich erneut gefangen und begeistert, sie sprechen mich heute noch so an wie damals, als ich meine ersten unsicheren Schritte auf dem rutschigen Parkett der Literatur unternahm.

So rettet mir Herr Friedell auch diesen Sonntag. Bitte nicht stören! Ich werde ihn lesend verbringen.
Und das Wählen nicht vergessen!

––

[1] Warum hat diese soziale Gruppe eigentlich immer zwei, drei Vornamen oder zumindest ein Mittelinitial? Wenn das dazu dient, diese Geistesriesen von uns Dummen zu unterscheiden, dann werde ich mich ab jetzt aus Prinzip „Nikolaus Maria S. Klammer“ nennen.

[2] Mit Hilfe des E-Book-Verwaltungsprogramms calibre. Ich gehe ein anderes Mal darauf ein. Heute ist im Online-Tagesspiegel ein interessanter Artikel über den mysteriösen Tod von Rudolf Diesel vor 100 Jahren zu finden.

[3] Keine Sorge, am Dienstag gibt es pünktlich den nächsten Teil. Er beendet das 2. Kapitel.

[4] Das Meiste gibt es bei gutenberg.spiegel.de, leider jedoch noch nicht Ecce poeta.

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