Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Die Große Depression

[..] wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird lesen, wachen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Rainer Maria Rilke

„Oh, Jammer und Not. Oh, dräuend Ungemach.
Oh je, oh jemine, die Sorgen! Die Sorgen!

Donald Duck

Pünktlich wie die verheerenden Herbststürme an der amerikanischen Atlantikküste, die Lebkuchen und Nikoläuse in den Supermarktregalen, die Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maronenrezepte auf den Tageskarten und die künstliche Erregung, wer sich nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises findet, ist ab Mitte September – nachdem auch in Bayern endlich die Ferien enden und damit überall wieder der Alltag einkehrt – in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder meinen, es zu sein -, ein Phänomen zu beobachten, das etwa bis zum ersten Advent reicht: Man erinnert sich plötzlich wieder an den November mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen letzte bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchlerische Pseudotrauer, ich will sie mal Die Große Herbstdepression nennen. Sie wird im Advent von der Weihnachts-Weinerlichkeit und der Feiertagsbetroffenheit abgelöst.

Herbst

Es ist, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Sommer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betroffenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzufrüh von uns Gegangenen nachdrucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen großen Autoren, der mitten im Sommer starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.*

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Monaten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Abschied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depression, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namenloses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn seine Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furchtbar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jammern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen… Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät anfangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mitteilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören Meine zweihunderttausend Facebook-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfindet niemand so tief und ehrlich wie ich.

Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“ – vielleicht liest sogar der eine oder andere vorher meine Strophen. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht

Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.

Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

—-

* Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Internetgerücht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

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3 Gedanken zu „Die Große Depression

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  3. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Kimmt der Hirbst, stirbst.

    Der lyrisch Angehauchte vor allem sehr gerne immer wieder. Ist es das Reifen von Äpfeln und Birnen, ihr Fallen von Bäumen der Erkenntnis, geheimnisvoller Zusammenhang, der Poeten traurig zur Feder (respektive in die Tasten) greifen lässt, ihrer Sehnsucht nach der Endgültigkeit des Ablebens mit düsteren Worten Ausdruck zu geben?

    Seht, lest wie ich leide! Erlösung, ich bettel um sie!

    Wie aber gegen diese Woge des Todeswahnsinns angehen? Ein verdammt guter Schweinsbraten mit Semmelnknödeln und Krautsalat nebst etlichen Augustiner Edelstoff sowie drei Stamperl Bärwurz hinterher wäre gewisslich ein probates Mittel. Was jedoch, wenn der Poet nicht nur arm, traurig und halbtot, sondern noch dazu Vegetarier ist? Dann möchte allenfalls noch Teufel gegen Belzebub helfen, sprich jammervolle Lyrik mit rosa Prosa vertreiben. Klammers Blog mit der ‚Brautschau‘ wäre ein Vorschlag oder mein heiterer Familienroman ‚Die Läusekö …‘ Nein, heute keine Werbung für mein sinnlich übersprudelndes Buch. Erst morgen wieder, versprochen.

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