Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Freitagsaufreger (XI) – Vegetarier und andere Bevormundungen

„Vorsicht. Das Lesen dieses Artikels könnte ihrer geistigen Gesundheit schaden.“

 Auf der Banderole des Glases mit eingelegten Peperoni, das ich eben erwarb, steht: „Vorsicht! Produkt könnte aus naturgegebenen Gründen scharf sein!“, auf der Tiefkühlpizza: Plastikfolie vor dem Backen entfernen“, auf dem Joghurt lese ich: „Könnte Spuren von Nüssen und Getreide enthalten“, auf der Limoflasche: „Vor dem Öffnen nicht schütteln“, auf Balkonblumen: „Nicht essbar“. Man teilt mir mit, dass der Konsum von 2 Kilo Pfefferminzbonbons abführend wirken kann und der Genuss von heißem Kaffee nicht gerade schlaffördernd ist und zu Verbennungen führen kann. Herrschaft, für wie dämlich halten mich eigentlich die Lebensmittelhersteller oder die Politiker, die diese zwingen, solche Warnhinweise zu drucken? Nicht, dass ich dem Sozialdarwinismus zuneige: Aber ich finde, wer seine aufgewärmte Pizza mit Folie zu sich nimmt, seine Geranien als Salat anmacht und Tee nicht bei 100°C sondern mit kaltem Wasser aufbrüht, ist selbst schuld.

Aber ich wollte etwas anderes erzählen: Im heißen Sommer des Jahres 1983 – auch dieser war übrigens ein „Jahrhundertsommer“ – entschied sich Herr Klammerle aus Gewissensgründen, nicht nur den Wehrdienst zu verweigern, was am Ende dahin führte, dass er den deutschen Staat verklagte, sondern auch, auf den Konsum von Fleisch zu verzichten und sich von nun an von Pizza Margarita (ohne Folie), schnöden Käsebroten und Haferflocken mit Milch zu ernähren. Zusätzlich ließ er sich einen Ohrring stechen und war anschließend der Meinung, er habe sich jetzt genug von der Elterngeneration abgehoben, dabei speziell den Vater herausgefordert, der sich auch als strammer Weltkriegsteilnehmer und Schweinsbratenliebhaber postwendend von seinem Sohn lossagte, von dem er mutmaßte, er wäre jetzt schwul geworden und würde als nächstes ins Kloster gehen. Wie einfach war es damals noch, seinen alten Herrn zu schockieren, es genügte bereits eine zerrissene Jeans oder ein Loch im Ohr. Da müssen sich meine Söhne heute schon mehr anstrengen. Es gelingt eher mir, sie vor den Kopf zu stoßen, als umgekehrt.

Ich schweife mal wieder ab.

Ich bin also Vegetarier und vor dreißig Jahren war das noch etwas provozierend Außergewöhnliches, Sektiererhaftes, vor allem in bayerischer Provinz: In den gutbürgerlichen Gaststätten gab es nur ein Gericht ohne Fleisch – Kässpätzle – und manchmal schüttete man mir dort aus Mitleid fette Fleischsauce über die Nudeln oder servierte mir einen Krautsalat dazu, in dem nur ganz wenig Speck war; Tofu und Ähnliches konnte man nur im Reformhaus oder beim einzigen Biohändler der Stadt erwerben und sie hatten für einen armen Studenten unerschwingliche Preise. Da hat sich in der Zwischenzeit doch einiges getan. Heute ist jeder ObatzdaVegetarier oder findet es doch irgendwie toll, Brokkoli und Dinkelburger zu essen. Die Speisekarten sind vielfältiger geworden – nun ja, nicht im Allgäu, dort gibt es weiterhin nur Kässpatzen. Biosupermärkte eröffnen in jedem Gewerbegebiet und auch die anderen Lebensmittelhändler haben eine gewisse Auswahl an Fleischlosem. In den meisten Kantinen findet sich zumindest am Freitag ein Gericht für den Gemüsefreund. Wer sich heute absetzen will, der sollte sich schon laktosefrei, vegan oder mit Rohkost ernähren, der Durchschnitts-„Lakto-Vegetabile“, der wie ich Eier, Milch, Käse oder gar mal eine Meeresfrucht genießt, wird abschätzig als angepasstes Weichei eingestuft – so wie übrigens von meinen selbstredend streng vegetarischen Söhnen mein Ohrring, der gegen ihre Tattoos, Nasen-, Augenbrauen- und Intimpiercings, Snakebites und „Fleshtunnels“ genannten Ohrläppchenschläuche, in denen ein Dreijähriger schaukeln könnte, nicht mehr anstinken kann. Kann es sein, dass es die Gelassenheit der Elterngeneration ist, die die Jugend zu immer größerem Blödsinn verleitet?

Ich schweife wieder ab.

Sogar die hohe Politik hat im heißen Sommer des Jahres 2013 die Zeichen der Zeit erkannt und es wurde von den Grünen der „Veggie-Day“* gefordert, also ein Tag in der Woche, an dem es in den Kantinen Fleischloses gibt. Ob die Forderung Sinn macht – schließlich gibt es das bereits in den meisten Kantinen dieses Landes – sei einmal dahin gestellt; der politische Gegner jedoch war froh, dass der im Sommerloch verschollene und von der Kanzlerin vollkommen ignorierte und daher auch lahmste Wahlkampf aller Zeiten nun noch ein Thema bekam, bei dem jeder auch ohne Fachwissen mitreden und über das man sich herrlich aufregen kann. Dies sei eine Bevormundung des mündigen Bürgers, war natürlich sogleich vom bayerischen Ministerpräsidenten zu hören. Und die Liberalen teilten mit, es widerspräche ihren Prinzipien, jemandem etwas zu verbieten. Der Staat dürfe in die persönlichen Entscheidungen der Leute nicht eingreifen. Geht es noch verlogener und heuchlerischer?**

Und da schließt sich der Kreis. Genau das macht Politik. Jeden Tag, immer: Sie bevormundet mich.

Ich warte auf den Tag, an dem ich lese:

Vorsicht. Diese Schokolade ist aus naturgegebenen Gründen süß. Sie könnte Spuren von Nüssen, Meeresfrüchten und Sellerie enthalten. In erwärmtem Zustand kann sie ihre Finger verschmutzen und Flecken auf dem Sofa hinterlassen. Übermäßiger Genuss könnte Sie dick und krank machen, Pickel und Mitesser verursachen, einsam und abhängig machen und zu Verstopfung führen. Vor dem Essen ist die Verpackung an den Laschen zu öffnen und die Alufolie zu entfernen (siehe Anleitung. Abb. A und B). Brechen Sie die Schokolade nur an den vorgesehenen Vertiefungen zwischen den Riegeln auseinander (siehe Anleitung. Abb. C) und führen Sie sie vorsichtig zum Mund. Vermeiden Sie eine gleichzeitige Aufnahme von Flüssigkeiten und denken sie nach dem verantwortungsvollen Genuss (siehe Dosierungsanleitung) an die anschließende gründliche Zahnreinigung, auch der Zahnzwischenräume. Führen sie die Reste nach Material getrennt dem entsprechend gekennzeichneten Müllbehälter zu. Bewahren Sie Schokoladereste an einem dunklen und kindersicheren Ort auf und wenden Sie sich bei Fragen an ihren Arzt oder Apotheker.“

Das ist der Tag, an dem ich wieder Fleisch essen und mit dem Rauchen beginnen werde – aus Prinzip.

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* Nein, ich rege mich jetzt nicht über das grunddämliche Wort „Veggie“, Wädschie ausgesprochen, auf. Obwohl…

** Vielleicht so: „Es gibt keinen Beleg für eine flächendeckende Ausspähung deutscher Staatsangehöriger in Deutschland…“, aber das ist jetzt wirklich ein ganz anderes Thema…

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4 Gedanken zu „Der Freitagsaufreger (XI) – Vegetarier und andere Bevormundungen

  1. Das nenne ich mit Kanonen auf Spatzen schießen.
    Dem „Sehenden“ ist der „Einäugige“ nicht König, sondern ein Ärgernis…

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  2. vegan: der protest einer minderheit:
    veganer sind keine normalverblödeten untertanen. veganes konsumverhalten ist ein protest gegen unser ungerechtes und menschenverachtendes system. es ist eine möglichkeit auf unsere kranke gesellschaft aufmerksam zu machen und die empörung und der protest einer minderheit. die veganer (ca. 2 % unserer gesellschaft) wollen die bedenkenlose zerstörung unseres planeten nicht länger hinnehmen.
    http://campogeno.wordpress.com/2013/08/05/vegan-der-protest-einer-minderheit/

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  3. Es ist wahr: Bei Naturvölkern oder in exotischen Ländern, in denen ich mich schlecht oder überhaupt nicht verständigen kann und es ausschließlich eine fette Fleischküche gibt, gebietet es mir die Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber, ein klein wenig Fleisch auf den Teller zu nehmen, um es in einem unbeobachteten Moment dem Haushund zu überlassen. Das ist in Ost-Anatolien, auf Feuerland und eben im fernen Niederbayern so.

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  4. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Fleisch ist ein Stück Lebenskraft, selbstverständlich natürlich! Ein Korn ist ein Korn, ist ein Korn, ist ein Korn … mehr nicht, nur als Doppelkorn zu Fleisch gleichfalls natürlich. Klammerheimlich sei hier verraten: Bei mir, hier an den Fleischtöpfen Niederbayerns, fühlt sich der Verfasser manchmal schon einenzu einem Lämmelein oder einer jungen Ziege hingezogen.
    Selbst, wo sich in seinem Ohr nun ein Loch befindet, war einst ein Stück gutes Fleisch. Wohin nur ist es entschwunden? Das Gute in ihm? Vertilgt zu Spätzle?

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