Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Minnedichtung – Ein Essay (II)

Gott ist die Welt

 Es ist bei Nichtfachleuten wenig bekannt, dass der Begriff Mittelalter keine Verlegenheitserfindung von modernen Mediävisten ist, sondern aus der Theologie des Hl. Augustinus (um 354 – 430) stammt, der den Schöpfungsbericht als eine Analogie für die Menschheitsgeschichte auslegte. (1) Die Werke von Augustinus, der am Ausgang der Antike lebte, waren für das MA die grundlegenden Staats-, Geschichts- und Gotteslehren; dieser afrikanische Bischof hat sozusagen die Theorie des MA’s geschrieben, spätere Denker wie der unter ihnen weit herausragende Thomas von Aquin (um 1225 – 1274), also ein Zeitgenosse der Minnedichter, beschäftigten sich in der Hauptsache mit der Kommentierung und Auslegung seiner Schriften. Deshalb ist es nicht zu vermeiden, Augustinus in diesem Kapitel etwas ausführlicher zu Wort kommen zu lassen.

Für Augustinus lebten die Menschen in einer Zwischenzeit, dem mittleren Zeitalter. Geschichte war ihm ein Altern der Welt zwischen der ersten und zweiten parousia, also dem ersten Auftreten Jesu und seiner erwarteten Wiederkunft, die das Ende aller Tage einläuten sollte. Die Zeit, die ihm übrigens einiges Kopfzerbrechen bereitete, (2) ist für ihn also von Anbeginn durch den Herrn terminiert: Es ist die Übergangsperiode der Bewährung auf der Erde, eine Zeit, in der jeder von Gott an seinen Platz gestellt dieses irdische Jammertal durchlaufen muss. Die Erde stellt dabei den weltlichen Teil des Gottesstaates dar, der aus einem Ort im Himmel (civitas Dei coelestis) und eben dem auf der Erde wandernden Gottesstaat (civitas Dei pereginans in terris) besteht. Der peregrinus ist laut römischem Recht ein ortsansässiger Fremder. Die Christen sind also, wo immer sie sich auf Erden aufhalten, nur Fremde. Ihr Ziel besteht darin, die nach dem Fall Luzifers und seiner Anhänger gelichteten Reihen des civitas Dei coelestis wieder aufzufüllen. Nicht alle Glieder des wandernden Gottesstaates – der Kirche – werden auch Mitglieder des himmlischen Staates sein; erst am Ende der Tage wird sichtbar werden, wer den ewigen Lohn verdient. Doch alle Christen möchten dazugehören; dieser Wille zur Zugehörigkeit macht Engel und Menschen bereits jetzt zu Mitgliedern eines Gottesstaates.

Minne2Neben den hier nicht weiter behandelbaren rechtsphilosophischen Konsequenzen dieses Gedankens auf das Verhältnis von geistlicher und weltlicher Macht wird eines deutlich: die Erde ist nicht mehr als ein Wartesaal und sie ist statisch: Das Wort Zeit wurde im MA nahezu ausschließlich in seiner Mehrzahlform verwandt, also nie als eine fortlaufende Reihe von Ereignissen verstanden. Eine Entwicklung im Sinne von Fortschritt ist auf der Erde nicht denkbar und für den Christen nicht von Interesse. Die Himmels- und Weltmaschine, die Gott konstruiert hat, kann durch nichts gestört werden – es gibt zwar Beschädigungen, teuflische Störungen, aber der Ablauf bleibt gleichmäßig. Mit welchem Recht sollte ein Mensch wagen, diese Schöpfung zu ändern, und sei es auch nur in der Ausdeutung? Wissenschaftliche Erkenntnis ist ein Widerspruch in sich selbst, da die Dinge, die Gott dem Menschen verborgen hat, ihn auch nichts angehen: Wissenschaft in heutigem Sinn ist teuflische Störung, Häresie. Deshalb kann es keinen Fortschritt über Aristoteles hinaus geben, der, soweit seine Schriften bekannt waren, für das MA den Gipfelpunkt menschlichen Erkenntnisvermögens darstellte. (3) Das Ende des MA läutet u. a. dann auch die Wiederentdeckung von Platon und Lukrez und die Kritik an Aristoteles durch die Humanisten ein.

Die Umwelt ist nur dazu da, dem Menschen Beschwernis aufzuerlegen. So etwas wie die gefühlvolle Betrachtung der Natur kann es nicht geben; sie wird ausschließlich von ihrem Nutzwert zum Überleben oder als Strafe Gottes betrachtet. Der Dichter Neidhard aus dem Reuethal (1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, ab 1215 in Bayern nachweisbar) hat z. B. in einem Gedicht über eine Italienreise fast überschwängliche Worte für die Fruchtbarkeit der für uns so langweiligen Po-Ebene, die Alpen, die er vorher überwinden musste, sind ihm gleichgültig, ein lästiges Hindernis. (4) Den Begriffen der Romantik würde er verständnislos gegenüberstehen. Erst Petrarca wird hundert Jahre später allein deshalb einen Berg besteigen, weil er die Aussicht genießen will. Vielleicht ist das der Tag, an dem die Neuzeit beginnt.

Der Eine Gott und das Ziel, einst in den himmlischen Teil des Gottesstaates einzuziehen, sind also die Fluchtpunkte im Unendlichen, auf die das ganze MA zentriert ist. (5) Auch die Kunst, die ja immer eine Funktion ihrer Zeit ist, ist von dieser Weltsicht dominiert. Ein hoher Prozentsatz der Kunst und damit der Literatur (manche Forscher sprechen von annähernd 90 %) hat rein geistlichen Inhalt und er ist allein auf das von Walther von der Vogelweide in der Einleitung angesprochene Problem ausgerichtet, wie man leben solle, um das ewige Leben im Angesichte Gottes zu erringen. Ein beispielhafter anonymer mystischer Text aus dem 13. Jahrhundert rät deshalb zur Weltflucht:

Werde wie ein Kind,
werde taub, werde blind!
Dein Selbst und dein Ich
müssen zum Nichts werden.
Jage alles Sein weit von dir.
Laß die Erde, laß die Zeiten,
mach dir kein Bild von ihnen.

 Gehe den schmalen Steig,
geh ihn ohne Weg.
Dann gelingt es dir,
die Leere aufzuspüren.
Dann, meine Seele,
gehst du in Gott ein.
Dann sinkt dein ganzes Sein
in Gottes Nichts,
versinkt in seiner grundlosen Flut.

Dabei kann je nach Parteizugehörigkeit des Autors zwar durchaus Kritik an Papst oder Kaiser laut werden, die beiden Vertreter der geistlichen und der weltlichen Macht lagen ich bekanntlich fast das ganze MA in den Haaren, wer vom jeweils anderen seine Legitimation bekäme. Die göttliche Ordnung allerdings wurde nie in Frage gestellt, konnte auch nicht in Frage gestellt werden. Als Beispiel möge hier ein Ausschnitt aus der Bescheidenheit von Freidank (gest. 1233 in der Abtei Kaisheim/Donauwörth) dienen, der, von einem Kreuzzug desillusioniert, eine harsche Attacke gegen die weltliche und die geistliche Macht ritt, aber zuletzt seine Zuflucht doch wieder in Gott fand:

Kein Kirchenbann reicht vor Gott
weiter als die Schuld eines Menschen.
 Gehorsam ist nur so lange gut,
als der Papst richtig handelt.
Wenn er jemanden zu gottlosem Handeln zwingen will,
dann soll man ihm nicht folgen.

So viel zur Unfehlbarkeit des Papstes. Doch auch die weltliche Macht kriegt ihr Fett ab:

Superschlau und Genausoschlau
sollten sich drei Mark teilen.
Superschlau wollte den größten Anteil.
Genausoschlau ließ es nicht zu.
Ihr Streit ist noch nicht entschieden.

So streiten Kaiser und Sultan.

[…]

So helfe uns Gott!
Papst und Kaiser sind irre geworden!

Auch die Minnedichtung, zumal die der hohen Minne, kann nur aus diesem Ansatz betrachtet werden. Sie ist weit weniger weltlich, als sie sich bei einer flüchtigen Betrachtung darstellt.

[ZUM DRITTEN TEIL]

Fußnoten

(1) z. B.: Augustinus, De Genesis contra Manichaeus oder De diversis quaestionibus, Augustini opera, Wien 1887ff. Im folgenden wird in diesem Kapitel aus dem 11. Buch der Confessiones und aus De Civitate Dei zitiert.

(2) Meine Seele brennt vor Verlangen, diesen so überaus verwickelten Knoten zu lösen. Verschließe doch, Herr, mein Gott, du gütiger Vater, ich bitte dich um Christi willen, verschließe doch diese so alltäglichen und doch so geheimnisvollen Dinge nicht vor meinem Verlangen; lass meinen Geist darin eindringen, auf dass sie mir im Lichte deiner Barmherzigkeit, o Herr, klar werden. […] Was ist die Zeit?
Ich glaube nicht, dass vor Goethes Faust die Leiden eines wissenschaftlichen Geistes, der mit der Erkenntnis ringt, noch einmal so eindringlich formuliert worden sind.

(3) Auch hier ist die Ausnahme die Bestätigung der Regel. Interessant in unserem Zeitzusammenhang ist die Lehre des später mit einem Bann belegten und als Häretiker verfolgten Amalrich von Bena, der an der Pariser Universität zu Beginn des 13. Jahrhunderts lehrte, allein das philosophische Wissen sei heilsbringend: in dem Maße, in dem wir wissend seien, sei Gott in uns, ungeachtet jedes religiösen Bekenntnisses, denn Gott sei die forma mundi. Das ist Aufklärung in ihrem besten Sinne.
Bemerkenswert scheint mir, dass im Umfeld dieser Pariser Universität, in der solche Gedanken möglich wurden, in signifikanter zeitlicher Übereinstimmung auch die polyphone Musik entwickelt wurde. Ganz so, als käme das eine ohne das andere nicht aus, setzte die Polyphonie zu ihrem Siegeszug erst an, als sich in der Renaissance der wissenschaftliche Aufklärungsgedanke allgemein verbreitete.

(4) In seltsamer Übereinstimmung ließ noch Johann Joachim Winckelmann die Vorhänge an seiner Kutsche schließen, wenn er die Alpen überquerte, weil das „scheußliche Durcheinander“ der Berggipfel seinen ästhethischen Sinne verwirrte.

(5) Dass das MA keine Räumlichkeit in ihren Bildwerken entwickelte, liegt m. E. an eben dieser Tatsache, dass die Menschen ihren Blick nur hinauf zu Gott wendeten und mit ihren emporstrebenden gotischen Kirchen wie mit Fingern auf ihn und in die Unendlichkeit deuteten, ihre Augen jedoch nur selten auf der Erde schweifen ließen, einer Erde, deren Erscheinungen sie kaum Interesse entgegenbrachten.

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