Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Dienstagsroman (I)

(Ab heute werde ich jeden Dienstag einen Abschnitt des Liebes-Grusel-Krimi-Heimat-Fantasy-Arzt-Romans veröffentlichen, den ich mit Hans-Dieter Heun gemeinsam schreibe. Der atemlos spannende Fortsetzungsroman hat noch keinen Titel.)

1. Zwei Frauen hielten sein Leben, die dritte wollte es vernichten

 Das Fieber machte seinen ersten Fehler. Es gönnte sich in seiner Überheblichkeit einen Waffenstillstand, zog sich zuversichtlich in eine Festung im krampfenden Unterleib seines Opfers zurück und sammelte dort geduldig weitere Erreger für den letzten, tödlichen Sturmlauf gegen das Leben von Martin Wolfenklau.

„Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen“, entgegneten die rissigen Lippen des Todkranken. Quälend langsam tauchte er aus den heißen Wellen seines Leidens, in denen er zu ertrinken drohte. Seine halb bewusstlos geflüsterten Worte waren aber der rettende Strick, an dem er sich zurück in die Welt ziehen konnte, die er schon halb verlassen hatte. Endlich öffneten sich eitrig verklebte Augen – es waren bodenlose, schwarzumrandete Höhlen in einem eingefallenen, grauen Gesicht – und Martins stumpfer Blick fiel auf unzählige, fette Fliegen, die voller Eifer auf einer grünlich schmierigen Hammelkeule krabbelten. Ungeschützt der Schwüle einer Nacht in Singapur ausgesetzt, hing das modernde Fleisch im Fensterkreuz über seinem Krankenlager. Eine überwältigende Melange aus Kalk und der Stinkfrucht „Durian“, Chili, Curry und anderen Gewürzen, für die Martin keine Namen hatte, kroch ätzend in seine Nase.

Der Kranke nahm die aufgeregt schwirrenden Schmeißfliegen kaum wahr, auch nicht, dass die schillernden Insekten nicht nur an der stinkenden Keule, sondern bereits an dem kalten Schweiß leckten, der seine nackte Brust bedeckte. Martin machte auch keine Bewegung, sich der Quälgeistern zu erwehren. Er konzentrierte sich auf den Gedanken, den er aus der langen Fiebernacht mitgebracht hatte, seinen Gedanken, der ihm die Klarheit und die Ruhe schenkte, die er brauchte, um seine Aufgabe zu vollenden.

„Das Trachten des Fleisches führt zum Tod“, antwortete er daher der Stimme, sammelte stur seine verbliebene Kraft, „das Trachten des Geistes aber führt zu Leben und Frieden.“

Martin wusste, ihm blieb nur noch wenig Zeit, bevor ihn der nächste Malariaanfall in das Land aus Feuer, Schmerz und Tod zurückzog, dem er gerade noch einmal entkommen war. Die Stimmen lockten, riefen ihn. Sich jetzt einfach zurücklehnen und aufgeben, sich verirren, verlieren: Wie schön, wie einfach wäre das.

Aber seine Aufgabe war zu wichtig, er musste erklären und sie warnen, sie, die Richtige, Einzige, die er doch sein Leben lang geliebt hatte, nur sie. Diese Liebe hatte er viel zu spät erkannt – und er hatte sie verraten…

„Römer, acht, elf“, dachte Martin und riß seine Augen weit auf. Die drei Wörter hallten in seinem Schädel wie die Melodie eines Liedes, das man nicht vergessen kann, „Römer, acht, elf.“

Durch die Fenstergaze konnte Martin hinter der Hammelkeule nur einen Katzensprung entfernt die beleuchtete Kuppel eines Hindutempels erkennen, sie ragte strahlend über die Dächer der Häuser der schmutzigen kleinen Parallelstraße der Belilios Road. Martin erkannte sofort, was er da sah und ihn fror trotz der schwülen Hitze: Es war der Sri Veerama Kaliamman Tempel, niemandem geringeren als der schwarzen Todesgöttin Kali geweiht. Kali, die Entsetzliche, die eine Halskette aus den Köpfen und einen Rock aus den abgeschlagenen Armen ihrer Opfer trägt; Kali, die schreckliche Gräfin, sie trinkt das Blut ihrer Opfer. Ihre drei Augen sehen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und es ist immer der Tod…

Nein, noch war Martin ihr nicht entkommen, die Flucht war noch nicht geglückt. Kalis Macht warf einen Lichtstrahl bis in das Dämmerdunkel dieses schäbigen Hotelzimmers! Ihre Stimme klang noch in seinem Ohr.

(…Fortsetzung folgt!)

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