Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Freitagsaufreger (V): Meine Fehler

Blind für meine Fehler

 Mit der unausweichlichen Regelmäßigkeit des weihnachtlichen Tauwetters stellt sich bei mir nach all der üppigen Feiertagsvöllerei spätestens am Nachmittag von Stephani der dringende Wunsch und feste Entschluss ein, nie mehr in meinem Leben etwas zu essen. Ich beginne dann, meine Spirituosenvorräte nach den übers Jahr verschmähten Kräuterlikören zu durchforsten, die ganz hinten im Schrank verstauben. Leider hält diese Spontan-Magersucht nur bis zum Abend, an dem ich alle Jahre wieder einen Vernichtungsfeldzug gegen die übrig gebliebenen Plätzchen (auf schwäbisch „Loibla“ genannt), Schokokugeln, Marzipankartoffeln und Lebkuchen führe, was mir – ich will es weder beschönigen noch näher ausführen – das eine oder andere Problem mit der Verdauung und jedesmal eine mehr als unruhige Nacht beschert. Obwohl mir das vorher bewusst ist, tappe ich immer wieder in die Falle und leide bis Silvester wie ein Hund. Da bin ich dann wieder so weit hergestellt, dass ich das fette Käsefondue überlebe.

Wenn wir schon beim Essen sind: Ich weiß, dass Spinat heiß ist. Das Wasser in ihm speichert die Kochhitze und wenn das Gemüse auch noch gemeinsam mit Schafkäse in einem Filoteig im Ofen briet (Spanakopita, wir Gräkophilen nennen es auch gerne σπανακόπιτα), ist es noch heißer. Wie gesagt, mir ist diese Tatsache bekannt, da habe ich im Physikunterricht mal aufgepasst. Trotzdem verbrenne ich mir dabei grundsätzlich den Mund und immer frage ich mich, wie mir das erneut passieren konnte. Nebenbei: So heiß zu essen, wie es gekocht wurde, ist zwar äußerst schmerzhaft, hat aber den Vorteil, dass der dazu genossene Retsina plötzlich nicht mehr nach Harz schmeckt und auch schlechter Ouzo eine milde Note bekommt.

Aber ich denke, die Richtung wird deutlich. Ich lerne nicht aus meinen Fehlern. Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon vergeblich an meinem E-Mail-Konto anzumelden suchte, weil ich mich bei dem Passwort verschrieben hatte. Eigentlich passiert das jeden Tag mehrmals und häufig gelingt es mir erst auf den dritten oder vierten Versuch, mein Postfach mit der richtigen Buchstabenkombination zu öffnen. (Sie ist übrigens so einfach, dass sich ein IT-Sicherheitsfachmann die Haare raufen würde.) Das kostet mich schätzungsweise täglich 30 Sekunden, in denen ich mich vergeblich abmühe. Da ich das E-Mail-Konto seit etwa fünfzehn Jahren nutze, habe ich wegen meiner Vertipper bereits zwei ganze Tage (ca. 47,3 Stunden) meines Lebens nur damit verschwendet, mich beim Anmelden zu vertippen. Ich möchte diese Zeit dermaleinst auf meinen Aufenthalt im Fegefeuer angerechnet bekommen. (Wenn ich die Zeit dazu rechne, die ich dämlich damit verbracht habe, dem Ladebalken eines Programmes zuzusehen, wie er langsam von links nach rechts wandert, um dann eisern bei 97 % zu verharren, kriege ich wahrscheinlich noch etwas raus – aber das ist ein Thema für einen anderen Aufreger.)

Ähnlich geht es mir natürlich, wenn ich mich an diesem blöden Blog anmelden will, aber auch mit dem Handy und der EC-Karte, die deswegen beide schon gesperrt wurden. Ich bin nicht so dement, dass ich die Zeichen vergessen würde – ich vertippe mich nur hartnäckig, immer und immer wieder.

Damit sind wir beim Kern des Problems:

Es ist vollkommene Blindheit für meine Fehler, die mich zwingt, sie immer wieder von Neuem zu begehen. Jedes Weihnachten aufs Neue überfresse ich mich, verbrenne ich mir den Mund, verknöpfe ich mich am Hemd und versuche, beim Supermarkt im Ausgang reinzugehen. Der Beispiele sind Legion.

Schauen wir uns doch diesen Text an: Beim Abtippen habe ich sicherlich 20 Tipp- und auch ein paar Rechtschreibfehler übersehen, überflüssige Wörter und Wortwiederholungen ignoriert und sie trotz eingeschalteter Autokorrektur des Schreibprogramms stehen lassen. Ich bin selbstverständlich vollkommen überzeugt, diesmal einen perfekten Text getippt zu haben. Also landet er dann im Blog. Den ersten Fehler entdecke ich direkt nach der Publizierung und ich muss den Artikel wieder und wieder überarbeiten, manche Artikel schon zwanzigmal. Aber dann haben schon alle Interessierten den Text gelesen und sich über meine Rechtschreibschwächen lustig gemacht. (Ergänzung zwei Tage später: Eben habe ich in die E-Book-Fassung des zweiten Kapitels meines Romans „Aber ein Traum“ reingelesen und sofort 5 Fehler entdeckt!)

Es heißt, wenn man sich in einer Sache auskennt, mache man nicht weniger Fehler, sondern andere. Bei mir kommen zu den alten noch die neuen hinzu; die Fehlermenge insgesamt steigt. Die Fehler der anderen hingegen, die finde ich sofort. Ich habe noch nie einen Text oder ein Buch gelesen, in dem ich keine Syntax- oder Semantikaussetzer fand – sie springen mir förmlich ins Gesicht und verderben mir manchmal sogar die Lektüre. Meine eigenen, die verbergen sich mir jedoch vollkommen und wie Sisyphos schleppe ich sie jeden Tag den Berg empor, um sie am Abend wieder vor meiner Hütte zu finden. (Für das Wort „Sisyphos“ habe ich gerade drei Anläufe gebraucht, bis ich es richtig hatte. Ich habe es auch bei der Wiederholung nicht fehlerfrei geschrieben.)

fehler

Ach ja, ich habe mir gestern schon wieder an der Bohrmaschine die Hand aufgerissen, weil ich in einen Alustreifen ein Loch bohren wollte…

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Ein Gedanke zu „Der Freitagsaufreger (V): Meine Fehler

  1. lunaewunia sagte am :

    Na danke, dass du mich hierher geleitet hast^^
    Mir bringt es doch ein wenig Erleichterung, dass ich nicht die Einzige bin, die sich so gerne und intensiv verschreibt. Mein Freund, der regelmäßig Korrektur lesen muss, würde mich wohl auch noch in 20 Jahren nicht „Schriftstellerin“, sondern „Verschreiberin“ nennen… Autor mit Rechtschreibschwäche, geht das klar? 😉
    Liebe Grüße^^

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