Aber ein Traum …

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Der Freitagsaufreger (IV): Die Genderwissenschaften und die Rasenmäher

Die Genderwissenschaften und die Rasenmäher

Keine Angst, ich will nicht erneut den geplünderten Acker nach ein paar vergessenen, halbverfaulten Feldfrüchten durchgraben, aus dem Harald Martenstein mindestens einmal in der Woche die Kartoffeln für seine Kolumnen holt. Das heißt, eigentlich wollte ich es schon und mich über die Gleichmacherei durch den Gender-Nonsense und die sprachlichen Auswüchse der politcal correctness erregen – das wäre ein Thema für den Freitagsaufreger!
Nachdem ich mich mit Herrn Martensteins Artikel über die Genderwissenschaften aus der vorletzten ZEIT warmgelesen hatte, trat ich gestern abend mit diesem Ziel und mit Schreibblock und spitzem Stift bewaffnet hinaus auf meine Terrasse, um im Schatten meines Kirschbaumes ein paar natürlich exquisite Gedanken zum Thema festzuhalten, die ich dann in stupendem und humorvollem Stil auf diesem Blog „veröffentlichen“ wollte.

Doch dazu kam es nicht. Nach Wochen des Dauerregens warf endlich eine echte Sommersonne ihre warmen Strahlen in das mein gemütliches Gartenrechteck. Der Sohn der Familie, die rechts hinter der hohen Tujahecke wohnte, hatte endlich die Vergeblichkeit seines Tuns eingesehen und aufgehört, bei geöffnetem Fenster seiner neuen, nach einem Nebelhorn klingenden Klarinette „Etüden“ genannte Geräusche zu entlocken und nur das abgehobene Pfeifen der Schwalben klang noch sehnsuchtsvoll an mein Ohr. Ich entschied mich – von Natur eher kein Peripatetiker – für die Gartenliege als inspirierenden Ort, an dem ich die hoffentlich reichlich fließenden Gedanken zu Papier bringen wollte. Zufällig war die Katze unterwegs und hatte ihre Liege freigegeben – das musste ausgenutzt werden. Ich warf noch einen prüfenden Blick auf den Rasen. Seine Höhe war beachtlich, aber ich entschied, dass er noch ein wenig länger auf den modischen Kurzhaarschnitt warten konnte, zumal die Gänseblümchen zwischen den Grashalmen in voller Blüte standen.

Mein Nachbar dachte vollkommen anders: Kaum lag ich und griff Virginia Woolfes Frage auf, warum Shakespeares Schwester mit ihren nach Frühstücksaufstrichen klingenden Dramen „Hamlätta“ und „Nothella“ keinen Erfolg hatte, da ertönte das laute Knattern seines Elektrorasenmähers an meinem Ohr. An Inspiration und Konzentration war nicht mehr zu denken, ich legte daher mein Notizbuch weg und schloss die Augen, versuchte mich an das Brummen des Motors zu gewöhnen, was nicht einfach war, da er immer wieder aussetzte und von Neuem gestartet werden musste. Meine Gedanken vermischten sich und ich stellte mir die Frage, warum so viele Haushalts- und Gartengeräte einen männlichen Artikel haben. Das ist aber icht fair den Frauen gegenüber – zumindest die Küchenmaschinen sollten doch einen femininen Artikel erhalten! Das wär ein Zeichen von Emanzipation. Warum gibt es keine Herdin, keine Handrührstäbin oder eine Toastin? Darüber sollte ich mal schreiben – auch über die das Geräusch einer wütenden Hornisse erzeugende Rasentrimmerin, mit der mein Nachbar nun das Gras an den Kanten nachfeilte.

Die Rasenflächen in der Reihenhaussiedlung sind nicht groß, deshalb war dieser Nachbar schnell fertig. Aber er hatte den Startschuss gegeben. Der Mensch ist ein Herdentier: Der erste Mäher ist der Leitbulle und die andern trotten hinterher. Denn kaum war die erste Rasenmäherin verstummt, begann es beim Nachbarn auf der anderen Seite. Er nennt allerdings ein Benzingerät sein eigen, das erst nach vielen vergeblichen Versuchen in die Gänge kam: Starter umlegen, Kupplung fassen und mit Schwung am knarzenden Seilzug zerren, der Motor rattert kurz, heult auf, stirbt ab. Der Bowdenzug rasselt zurück in seine Aufwicklung. Nach etwa zwanzig Versuchen legte die Motorin dann überraschenderweise doch los, lautstark knatternd und feucht stotternd, von einer stinkenden Dieselwolke umgeben, die über meinen Garten zog und den Sommerabend eintrübte.

Meine Gedanken hinter den fest zugekiffenen Augen waren inzwischen wieder bei der Dichtung angelangt: Es kann doch nicht sein, dass die wichtigsten Werke der Weltliteratur von Männern geschrieben wurden und Männertitel haben. Da muss man etwas tun, wenn ja bereits alle Universitätslehrer „Professorin“ heißen und ich bei Facebook als „Freundin“ tituliert werde. Also, Frau Dostojewskaja schuf „Die Idiotin“, Hermine Melville – „Molly Dick“, Johanna von Goethe: „Die Fäustin“… Darüber sollte ich mal schreiben, wenn mich der apokalyptische Lärm um herum nicht daran hindern würde.

Das Allgemeine Deutsche Kleingartenrasenmähervereinsmitglied ist kein Teamplayer, er ist Solist aus Leidenschaft. Einer nach dem anderen aus meiner näheren und weiteren Nachbarschaft legte sich jetzt mächtig ins Zeug, startete mit seiner Rasenkürzung aber erst, wenn der andere fertig war. Man nahm Rücksicht aufeinander, denn jeder wollte seine zehn Minuten Exklusivität. Und so setzte sich das langsam immer leiser und ferner klingende Brummen fort und überzog den ersten schönen Abend seit Wochen mit einer Smogwolke aus Lärm und Abgasen. Der letzte Aufrechte konnte seinen Rasenschnitt erst beim Dunkelwerden mit einer Helmlampe auf dem Kopf beginnen. Das war die Zeit, in der ich aus unruhigen Träumen über die Frage, ob das Wort „Landsmännin“ politisch korrekt ist, erwachte und keinen faszinierenden Artikel über die Genderwissenschaft geschrieben hatte.

Da ging ich ins Haus und stellte ich meinen Wecker auf 06:00 Uhr. Denn morgen bin ich der, der als Erster mäht!

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4 Gedanken zu „Der Freitagsaufreger (IV): Die Genderwissenschaften und die Rasenmäher

  1. Pingback: Freitagsaufreger (36) – Grundsätzliches | Aber ein Traum...

  2. Pingback: Der Freitagsaufreger (VIII) – Sommer auf der Terrasse (Rewind) | Aber ein Traum...

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  4. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Es gibt ‚die Aufschnittmaschine‘, sehr weiblich. Obwohl: Auch ein Mann schneidet – zuweilen, also eher selten – gerne auf. Ergo der Aufschnittmaschiner, Aufschnittmaschinist?

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