Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Nomen est Gantenbein

»Dabei fällt mir ein: Ihr Name, mein lieber Sapher, mein lieber Benjamin Sapher, das wollte ich Sie schon immer fragen, welcher willkürlichen Gottheit verdanken Sie Ihn? Er ist herrlich, ein Füllhorn des Wohlklangs, wie eine Sonatine von Ravel. Entschuldigen Sie bitte die schlechte Alliteration, Herr Sapher, aber eine Metapher der Sappho kann nicht besser klingen: …geschüttelt hat Eros mich wie der Sturm, der vom Berge her wild sich auf Eichen stürzt. Wissen Sie übrigens, daß es nur ganz wenige Poeten gibt, deren Name bereits ein wohlklingendes Gedicht ist? Ernst Jandl, Detlev von Liliencron, schrecklich nicht wahr? Man will kein Gedicht von Menschen lesen, die so heißen. Aber hören Sie dagegen: Hölderlin, Novalis, Walt Whitman, Sappho, Ovid und Erich Fried. Genießen Sie die Euphonie, das Versmaß, den Distichon. Benjamin Sapher, man muß Ihren Namen französisch sprechen, um ihn völlig genießen zu können.« begeisterte sich der Doktor.

»Meine Familie kommt von Großvaters Seite aus dem Elsaß.« sagte Sapher geschmeichelt.

»Sehen Sie! Ihr Name ist strahlende Poesie, aber für ein bürgerliches Trauerspiel wie das unsere ist er denkbar ungeeignet. Bei Schiller würden Sie eher von Kalb oder Wurm heißen; oder wie wäre es mit Schwerdgeburth, ein beredter, wunderbarer Name, nicht wahr; so hieß, wenn ich mich recht entsinne, im vorigen Jahrhundert ein Freund von Johann Gottfried Seume, ein Maler… Haben Sie den Spaziergang nach Syracus gelesen?«

»Wie würde denn Klammer klingen?« warf Sapher leichthin ein und lächelte selbstsicher. In diesem Augenblick glaubte er, er könne seinem Vorgesetzten zum ersten Mal in diesem Gespräch Parole bieten. Dessen Stimme wurde einen Hauch schärfer und kälter, als er fortfuhr, nur einen ephemeren Strich auf der Maßeinheit seiner Modulationsmöglichkeiten, doch es genügte, Saphers Selbstzufriedenheit über seine Schlagfertigkeit hinwegzuwischen.

»Sieh an, Sie zeigen Witz! Ihr Umgang mit mir erbringt erste Früchte, also erscheint er nicht umsonst. Nun ja, vielleicht Klammer, warum nicht; aber es läßt sich viel dagegen sagen. Der Name ist zu bedeutungsschwanger, mit Inhalt überfrachtet. Nikolaus Klammer, das klingt wie Willi Loman, Wilhelm Meister, Peter Kien, Stiller, Herr Keuner oder Darth Vader; da ist viel zu viel Symbol. Man darf einen Leser niemals für dumm halten, ihn nie unterschätzen. Deuten Sie nur an, wenn überhaupt; oder, noch besser, Sie schlagen ein Telefonbuch auf, dort finden Sie viele Namen und Geschichten…«

Auszug aus meinem Roman „Nutzlose Menschen“

Hier lässt sich mein in einigen meiner Geschichten auftauchendes alter ego Nikolaus Klammer begeistert über das Erfinden von Namen aus. Es ist mir immer wieder ein Vergnügen, eine Welt zu erschaffen und in ihr Menschen zu benennen – das gibt mir Macht über sie, determiert sie bereits in einer gewissen Weise. Klammer taucht in Aber ein Traum nicht auf, allerdings heißt eine der Figuren Linus Binderseil und ist damit eine Art Geistesverwandter von Klammer.

Jonas suchte vergeblich nach einer Klingel und klopfte nach kurzer Entschlusslosigkeit gegen die Milchglasscheibe der Tür. Er musste sein Pochen einige Male wiederholen und wollte schon aufgeben, als die Tür, soweit es eine Kette zuließ, einen Spalt breit geöffnet wurde.

Linus?“ fragte er, „ ich bin’s – Jonas.“ Keine Antwort, aber der Türspalt wurde ein kleinwenig breiter. Jonas konnte nun das halbe Antlitz einer hübschen dunkelhaarigen Frau erkennen, die etwas jünger als er sein mochte und ihn stumm und abschätzend mit einem großen Auge musterte. Sie sah irgendwie südländisch aus, vielleicht verstand sie kein Deutsch. „Ist Linus da? Ich bin Jonas – Jonas Habakuk, ein alter Freund.“ Sofort hellte sich die Miene der Frau auf und sie fummelte an dem Türschloss.

Habakuk“, sagte sie und ihre Stimme klang erfreut: „Abakoum. Ich habe dich nicht gleich erkannt. Linus hat gesagt, dass du heute wiederkommst. Er erwartet dich.“ Sie öffnete und trat zur Seite, um Jonas in den Raum zu lassen.

Er wunderte sich kurz über ihre Worte und trat an ihr vorbei direkt ins Wohnzimmer. Binderseils kleine Wohnung besaß keinen Hausflur. Es hatte sich einiges geändert, seit er zuletzt hier gewesen war. In dem Zimmer war penibel aufgeräumt, nur wenige Möbel standen darin. Es gab kein Matratzenlager mehr, stattdessen stand ein Fernseher neben dem Bücherregal, wo, er konnte sich erinnern, bei seinem letzten Besuch ein Klavier gestanden hatte.

Jonas wand sich zu der Frau, die abwartend neben ihm stand, die Hände am Rücken verschränkt. Obwohl sie an ihren nackten Füßen Holzpantoffeln mit hohen Keilabsätzen trug, reichte ihm die kleine, zierliche Frau kaum an die Schulter. Sie war mit einem halblangen Strickrock und einer eng geschnittenen, schreiend bunten Bluse gekleidet. Die dunkelbraunen, fast ins Violette irisierenden Augen waren fast zu groß für das zwar scharfgeschnittene, aber sonst fein proportionierte Gesicht, gegen dessen Marmorblässe der Mund wie eine reife, feuchte Frucht abstach. Jonas konnte diesen halb forschenden, halb fragenden Augen, die ein ihm unbekanntes Wort oder eine erlösende Tat zu fordern schienen, nicht standhalten und senkte, von einer Scham, die ihm nicht begreiflich war, den Blick. Ihm fiel auf, dass die Frau nur auf einem Bein stand, den Fuß des anderen hatte sie von dem Pantoffel befreit und hinter die Wade des Standbeins gelegt.

Es erstaunte ihn, wie sie in dieser Haltung überhaupt stehen konnte und dann auch noch so ruhig. Einzig die rot lackierten Zehen des Fußes, auf dem sie ruhte, bewegten sich, als würden sie im Sand eine Kuhle graben. Unglaublich: Dies war eine Frau, in die sich Jonas sofort hätte verlieben können. Seine Brust war eng und er sehnte sich danach, sie in den Arm zu nehmen und sie vor dieser rauen Welt zu schützen. Die Pause dehnte sich, wurde immer peinlicher. Schließlich räusperte sich Jonas, sich vom Anblick der in der Sohle des Schuhs wühlenden Zehen lösend und sich erneut ihrem Blick aussetzend.

Und du bist…“ fragte er. Die Frau lachte fröhlich.

Edaine“, erwiderte sie. Sie flüsterte die zwei Silben, als würde sie ihm ein Geheimnis verraten. ‚Was für ein ungewöhnlicher, seltener Name’, dachte Jonas, ‚ist das irisch?’ Aber er war ja selbst mit einem seltsamen Namen belastet und wollte nicht weiter fragen.

Auszug aus dem 2. Kapitel „Aber ein Traum“

Und wer jetzt die Muße findet und nachschlägt, woher der Name Edaine (Étaín) stammt, kann – wenn er will – ein wenig hinter die Fassade des Romans sehen.

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2 Gedanken zu „Nomen est Gantenbein

  1. Pingback: Theoretisches (I) | Aber ein Traum...

  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Wenn ich mich für einen Namen entscheiden dürfte, würde ich für Schwerdgeburth stimmen. Ja, Schwerdgeburth hat etwas Besonderes … gerade bei einem Autor.

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